laut.de-Kritik

Die Geburtsstunde eines großen Musikers.

Review von

Der künstlerische Selbstfindungsprozess, den Nick Cave & The Bad Seeds mit ihrem Debütalbum "From Her To Eternity" 1984 einleiteten, dauerte nicht besonders lang. Genau genommen sind es nur zwölf Monate, die zwischen dem gleichermaßen rauhen wie dilettantischen Erstling und seinem Nachfolger "The First Born Is Dead" liegen.

Hier präsentiert sich die Band im Einklang mit sich selbst. Das macht schon der Blick aufs Cover deutlich, das in seiner reduzierten Schwarz-Weiß-Ästhetik von der neu gefundenen Selbstsicherheit der Band kündet.

Die Inszenierung mit breiter Brust auf dem Cover ist glücklicherweise nicht bloße Fassade, sondern verweist deutlich auf den Inhalt des Albums. Sieben Songs, genau gleich viele wie auf "From Her To Eternity", wählte Sänger Nick Cave hierfür aus. Insgesamt atmen die Songs deutlich mehr stickige Bluesluft, als noch auf dem Vorgänger. Verknüpft mit dem New Wave-Zeitgeist Mitte der 80er Jahre ist damit jene besondere Mischung gefunden, die für Nick Cave während der kommenden zehn bis 15 Jahre zum Markenzeichen werden sollte.

Mit dabei auf "The First Born Is Dead" ist wiederum eine Coverversion. Auf "Wanted Man", ein Song aus der Feder von Bob Dylan und populär geworden durch die "San Quentin"-Platte von Johnny Cash, ist die Wahl gefallen. Eine gute Entscheidung, passt doch "Wanted Man" mit seiner Outlaw-Message zum düsteren Temperament des Australiers. Den Bad Seeds gelingt es außerdem, der Nummer fernab der übermächtigen Cash-Version neue Seiten abzuringen. Auf der Bonus-DVD findet man außerdem noch den selten gezeigten Videoclip zu "Wanted Man".

Den monumentalen Einstieg in "The First Born Is Dead" bildet allerdings "Tupelo". Ein Song, der noch heute regelmäßig in Caves Live-Repertoire zu finden ist und thematisch die Marschroute für die übrigen sechs Songs des Albums vorgibt. Künstlerische Reibungsfläche ist der Südstaaten-Blues.

Da aber keines der Bandmitglieder über einen Background im Blues verfügt, adaptieren die Bad Seeds das Genre für ihr Vorhaben. Die Strukturen werden vereinfacht, die Akkordfolgen reduziert, die Rhythmik entrümpelt. So kommt eine Klarheit und Prägnanz zum Vorschein, die "The First Born Is Dead" zu einem klassischen Nick Cave-Album macht, das zum Wiederentdecken einlädt.

Erstmals war hier auch Flood als Produzent mit im Team dabei. Wenig später avanciert er durch die Studioarbeiten für Depeche Mode zu einem der internationalen Top-Player. Im Hintergrund hat er nicht geringen Anteil daran, dass Nick Cave & The Bad Seeds bereits mit ihrem zweiten Album als eine Band auftreten, die genau weiß, wo sie steht, was sie kann und wo sie hin will. Mit diesem Anspruch markiert "The First Born Is Dead" die erste wichtige Albumveröffentlichung von Nick Cave.

Trackliste

CD

  1. 1. Tupelo
  2. 2. Say Goodbye To The Little Girl Tree
  3. 3. Train Long Suffering
  4. 4. Black Crow King
  5. 5. Knockin' On Joe
  6. 6. Wanted Man
  7. 7. Blind Lemon Jefferson

DVD + Audio 5.1

  1. 1. Tupelo
  2. 2. Say Goodbye To The Little Girl Tree
  3. 3. Train Long Suffering
  4. 4. Black Crow King
  5. 5. Knockin' On Joe
  6. 6. Wanted Man
  7. 7. Blind Lemon Jefferson
  8. 8. The Six Strings That Drew Blood
  9. 9. Tupelo
  10. 10. Say Goodbye To The Little Girl Tree
  11. 11. Train Long Suffering
  12. 12. Black Crow King
  13. 13. Knockin' On Joe
  14. 14. Wanted Man
  15. 15. Blind Lemon Jefferson
  16. 16. The Six Strings That Drew Blood
  17. 17. Do You Love Me Like I Love You /Part 2: The Firstb
  18. 18. Tupelo
  19. 19. Wanted Man
  20. 20. Do You Love Me Like I Love You /Part 2: The Firstb
  21. 21. Tupelo
  22. 22. Wanted Man

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33 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Hätte sogar 5 Sterne gegeben. An dem Werk stimmt einfach alles, das Western- und Bluesfeeling, die Intonation Cave´s und die einen immer weiter in die Atmosphäre aufsaugende Musik. Für mich auch der erste wahre Nick Cave- Meilenstein. "Tupelo" ist ein perfekter epischer Einstieg von verlassenen Wüsten und fremden Städten. "Black Crow King" als eine Art verlassener Ritt in der Wüste und das Eintreffen in der Stadt, wo der Feind auf ein erbittertes Duell lauert. "Knockin´ On Joe" ist wohl die perfekte musikalische Begleitung eines gesetzlosen Einzelgängers, geprägt von Rache, Tod und Trauer. In "Wanted Man" kracht der Saloon, aber gewaltig. Das sind alles Bilder, die mir durch das Hören dieses Meisterwerks durch den Kopf gehen. Gerade weil Cave nicht immer das typische Klischee eines Melancholikers oder Todessehnsüchtigen bedient hat, sondern musikalisch auch zu den urtiefsten Wurzeln und Ausdrucksmitteln zurück gegangen ist, halte ich ihm sehr zugute.

  • Vor 4 Jahren

    du nimmst mir die worte aus der tatatur. :)

    ich möchte aber noch unbedingt auf meinen alten kumpel "blind lemon jefferson" hinweisen. das geht immer so stiefkindlich unter dem teppich. ist aber ein wirklich ein mehr als lohnenswertes kleinod.

    das nichterfüllen des von dir erwähnten klischees hat damals leider auch nicht jeder verstanden; weder presse noch konsumenten.

    der dauernde versuch, Cave als totalen schmerzensmann und düsterbarden brandzumarken zieht sich ja wie ein roter faden durch seine laufbahn. das konnte schon auf den sack gehen.

    der cavetypische humor britischer prägung ist aber eine stets ebenso präsente eigenschaft gewesen. selbst so ein augenzwinkerndes "wanted man" wurde da noch gern zum biblisch apokalyptischen verkündungsopus hochgejazzt.

    an alle nachgeborenen:

    wer nur Nocturama oder Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus kennt und sich fragt, was die 80er generation am australier so extrem toll findet, der/die kommt an diesem werk nicht vorbei.

    ps: geiler text, daniel; chappeau :wein:

  • Vor 4 Jahren

    Zitat (« das nichterfüllen des von dir erwähnten klischees hat damals leider auch nicht jeder verstanden; weder presse noch konsumenten.

    der dauernde versuch, Cave als totalen schmerzensmann und düsterbarden brandzumarken zieht sich ja wie ein roter faden durch seine laufbahn. das konnte schon auf den sack gehen. »):

    Darum wird das Album im Gegensatz zu den eher Gothic- lastigen Sachen Cave´s leider sehr zerrissen. Von den Anfangswerken ist es aber sicherlich das interessanteste, homogenste, einfallsreichste, musikalischste und in sich geschlossenste Werk. Man muss sich aber mit der Cowboy- und Outlaw- Atmosphäre erstmal anfreunden und dass wird sicherlich der ausschlaggebene Punkt sein, weil man Cave lieber in einer bestimmten Schublade sieht und als das wahrnehmen will, was er gar nicht ist.