Sharon Jones, Charles Bradley und andere Größen des Soul haben Daptone bekannt gemacht. Labelchef Neal Sugarman blickt zurück.

Brooklyn (dhi) - Wenn Charles Bradley auf der Bühne steht, wird der Soul greifbar. Der US-Amerikaner tanzt mit großer Geste, badet im Scheinwerferlicht, schäkert mit den Ladys im Publikum. Und immer wieder treibt ihm der Applaus ein Lachen ins Gesicht. "I love you, too", schreit er dann ins Publikum und hüpft von einem Bein aufs andere. Man möchte ihn umarmen, ihn beglückwünschen, dass er auf die alten Tage endlich seinen Traum leben kann.

Geboren um zu singen

Charles Bradley ist geboren, um zu singen. Nur hat das mehr als sechs Jahrzehnte niemand erkannt. Statt auf den Bühnen dieser Welt zu stehen und seinen Zuhörern einzuheizen, kochte er sich durch Nordamerika. Die Furchen in seinem Gesicht erzählen viele Geschichten, reflektieren die unterschiedlichsten Erfahrungen – was Gold wert ist für einen Sänger, der vom Alltag erzählt. Erst ein paar weiße Jungs aus Brooklyn erkannten dieses Potenzial. 2011 brachte Daptone Bradleys Debüt "No Time For Dreaming" auf den Markt. Er ist zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt.

Die Geschichte des "Screaming Eagle of Soul" ist typisch für das Label von Gabriel Roth und Neal Sugarman, das in diesem Jahr sein zehntes Jubiläum feiert. Roth entdeckt Bradley zufällig bei einem der spärlichen Auftritte des Hobbymusikers. Er vermittelt ihn an Thomas Brenneck, früher Mitglied der Dap-Kings, heute der Mann hinter der Menahan Street Band.

Seither tourt Bradley um den Erdball, genießt seinen Traum. Es ist fast wie im Märchen, nur dass nicht das kleine Mädchen zur Prinzessin wird, sondern der alte Herr zum Soulstar.

Musik, die etwas bedeutet

"Wir veröffentlichen Musik, die uns etwas bedeutet", fasst Neal Sugarman im Gespräch mit laut.de zusammen. Während andere Labels mit verschiedenster digitaler Technik arbeiten, die Hörer mit Autotune abschrecken oder mit immer jüngeren Stars immer jüngeren Zielgruppen das Taschengeld aus der Tasche ziehen, scheint bei den New Yorkern die Zeit stehen geblieben zu sein.

In feinster Tradition lebt der Soul der goldenen Ära mitten in Brooklyn fort. "Daptone ist ein DIY-Independent Label im wahrsten Sinne", charakterisiert Sugarman nicht ohne Stolz. Tatsächlich haben er und seine Kollegen wesentlichen Anteil an der Wiederauferstehung des klassischen Souls, den die Musikwelt seit einigen Jahren erlebt.

Daptone setzt auf den archaischen, puristischen Sound der 1960er und 1970er Jahre, als Labels wie Motown und Stax die Popmusik breiter gesellschaftlicher Schichten bestimmten. Digitale Aufnahmetechniken sind der Truppe fremd, in ihrem Studio in Brooklyn stehen ausschließlich analoge Geräte, die immer von den gleichen Leuten bedient werden: "Wir lieben die Geschichte von Soul-Labels der 1960er. Die Idee hinter Daptone war ein Hausstudio mit Hausproduzenten und einer Hausband" – die Dap-Kings.

Die beste Band für Amy

Diese Hausband hebt 2006 eine stimmgewaltige, bis dato wenig bekannte Engländerin auf den Superstar-Thron. Amy Winehouse nimmt fünf Stücke ihres Hit-Albums "Back To Black" in den Daptone Studios auf, darunter ihren erfolgreichsten Titel "Rehab". "Amy Winehouse musste von einer der besten Bands unterstützt werden, die heute Musik spielt und das war ein riesiger Grund für ihren Erfolg, der sie zum Superstar machte", stellt Sugarman sein Licht nicht unter den Scheffel. Bis zu Winehouse' Tod am 23. Juli 2011 verkauft sich "Back To Black" weltweit mehr als zehn Millionen Mal.

Den Kontakt stellt Mark Ronson her. Der britische Produzent war mit seinem Latein schon am Ende, als er ein Cover der Dap-Kings von Stevie Wonders "Uptight (Everything's Alright)" hört. "Wir haben jeden Computertrick probiert, um den Sound alt klingen zu lassen", erinnert er sich später in der New York Times. Keiner kam dem Klang der Dap-Kings auch nur annähernd nahe. Logisch, meint Sugarman: "Mit der Technik der heutigen Zeit kannst du in deinem Schlafzimmer sitzen und einen Titel mitschneiden. Mit Spielen und wirklicher Aufnahme grooviger Musik hat das aber nichts zu tun."

Wie Ronson die Band letztlich überzeugte, mit Winehouse zu spielen, ist nicht ganz klar. Gabriel Roth behauptet, fast keinen Popsong zu mögen, der nach 1974 aufgenommen wurde. Und Neal Sugarman entgegnet auf die Frage, ob ihm "Frank", Winehouse jazzigeres Debüt aus dem Jahr 2004 gefallen habe, schmallippig: "Nein, nicht wirklich."

"Back To Black", ein Meilenstein?

Womöglich war es das Geld, womöglich die guten Beziehungen zu Ronson, vielleicht einfach die Lust am Spiel. Letztlich entstand ein Werk, das die Musikwelt nachhaltig prägte. "Back To Black" fraß sich durch Genregrenzen und erweckte den Soul weltweit wieder zum Leben – oder besser: päppelte ihn nach Jahren der Vergewaltigung wieder auf.

Genützt habe die Platte jedoch eher Amy Winehouse als seinem Label, meint Sugarman: "Wenn Daptone auch nur ein Prozent der Tantiemen bekommen hätte, würde ich vielleicht etwas anderes sagen." Ein Meilenstein in der Geschichte der Schmiede sei "Back To Black" trotz des durchschlagenden Erfolgs nicht gewesen: "Es stellte sich heraus, dass es eine großartige Möglichkeit für die Band war, von vielen Leuten gehört zu werden. Aber die Aufnahmen von 'I Learned The Hard Way', '100 Days, 100 Nights' und 'Naturally' mit Sharon Jones waren wirkliche Meilensteine des Labels."

Der weibliche James Brown

Sharon Jones ist so etwas wie Stimme und Gesicht der Plattenschmiede. Ihre Geschichte ähnelt der von Charles Bradley in frappierender Weise, nur dass sie einige Jahre früher stattfindet. Mitte der 1990er spaziert die New Yorkerin eher zufällig ins Studio. Daptone war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren, Roth betrieb mit einem Partner noch Desco. Erst als sich die Freunde wegen unüberbrückbarer Differenzen trennen, entsteht in Zusammenarbeit mit Sugarman Daptone.

Lee Fields stand gerade vor dem Mikrofon, um seine neue Platte aufzunehmen. Sein Debüt sowie unzählige Singles veröffentlichte er rund 20 Jahre zuvor, bevor er in Vergessenheit geriet. Zumindest beim größten Teil der Öffentlichkeit. "Wir waren riesige Fans von Titeln wie 'Funky Screw', 'The Bull Is Coming', 'She's A Love Maker'", erinnert sich Sugarman: "Wir erfuhren, dass er in New Jersey lebte. Nachdem wir das Telefonbuch durchkämmt hatten, fanden wir den Mann und holten ihn ins Studio. Er klang gut, wenn nicht sogar besser als jemals zuvor."

Und nebenbei war Fields indirekt für den ersten Kontakt mit Sharon Jones verantwortlich. Die Crew kam in Verlegenheit, weil nicht genügend Backgroundsängerinnen im Studio waren. "Der Saxophonist der Session sagte, seine Freundin könnte vorbeikommen und gute Arbeit leisten. Später am Abend kam Sharon und schlug ein wie eine Bombe. Nachdem sie die Parts für Lee eingesungen hatte, nahmen wir mit ihr ihre erste Single auf, 'Switchblade'."

Was wissen kleine weiße Jungs schon über Funk?

"Ganz zu Beginn war ich skeptisch", verriet Sharon einst dem TV-Sender MTV. "Ich dachte: Was wissen diese kleinen weißen Jungs schon über Funk? Bis ich sie zum ersten Mal spielen gehört habe. Damn." Mittlerweile sind aus der zufälligen Begegnung vier Langspieler entstanden, darunter "Dap Dippin' With Sharon Jones And The Dap-Kings", die erste Platte, die auf Daptone erschien. Seit Oktober steht mit "Soul Power" pünktlich zum Jubiläum eine Best Of in den Regalen.

"Sharon hat nicht nur alles, was eine große Musikerin braucht", sagt Sugarman über das Gesicht seines Labels, "eine fantastische Stimme und einen fantastischen Rhythmus, ein großartiges Ohr und einen tollen Geschmack dank ihrer Liebe zu Gospel, den sie noch immer in der Kirche singt. Sie hat auch die Energie und die Bühnenpräsenz, die nur wenige Leute haben."

Andere Labels erkannten dieses Talent nicht. Zu klein, zu fett, zu alt, zu hässlich, lauteten die Urteile der Labelbosse. Statt auf der Bühne zu stehen, musste sie sich mit verschiedenen Jobs und kleinen Auftritten auf Hochzeiten und ähnlichen Festivitäten verdingen.

In der Tat ähneln Sharon Jones-Konzerte eher Soul-Sessions als gängigen Live-Auftritten. Bei der rustikalen Powerfrau bleibt kein Auge trocken und kein Tanzbein still. Für viele gilt die Diva aus New York als eine Art James Brown, reinkarniert in einem weiblichen Körper. "Sie hat die Gabe, jeden der Zuhörer glauben zu machen, dass sie nur für ihn singt. In meinen Augen gibt es nur wenige Menschen, die das können. Das offensichtlichste Beispiel ist natürlich James Brown selbst. Daher kommen diese Vergleiche", erklärt Neal.

Alle wollen Daptone!

Mittlerweile arbeitet die halbe Musikwelt mit Daptone zusammen. Künstler wie Prince, Erykah Badu und Maceo Parker, Eric Clapton und Robbie Williams. Aloe Blacc nahm sein Hit-Album "Good Things" in Brooklyn mit Musikern der Dap-Kings und der Menahan Street Band auf. Newcomer wie Mayer Hawthorne hat Daptone vielleicht nicht unmittelbar beeinflusst, aber zumindest den Weg bereitet. Zuletzt setzten Boys II Men ihr Comeback gemeinsam mit Daptone auf, im Oktober veröffentlichten die New Yorker ein 13 Titel starkes Porträt der afrikanischen Soul-Legende El Rego.

Bei allem Erfolg und allen Lorbeeren bleibt Sugarman der Fan früherer Tage, wenn er sagt: "Das mit Abstand Größte war die Möglichkeit, auf Al Greens letzter Platte zu spielen. Das war großartig und er ist einer der Soulhelden, die wohl niemals getoppt werden." Dennoch arbeiten er und seine Kollegen weiter daran, einmal in einem Atemzug mit Legenden wie Green genannt zu werden.

"Wir haben noch viel mehr Musik in uns", schließt Sugarman: "Wir machen definitiv einfach weiter. Die Dinge fühlen sich sehr gut an. Letzten Monat haben wir gerade 30 neue Songs für Sharon Jones eingespielt, insofern ist da noch genügend kreativer Fluss." Zudem erscheint bald eine neue Platte von Sugarmans ganz eigenem Baby, den Sugarman 3: "Die erste seit zehn Jahren." Und hoffentlich nicht die Letzte.

Fotos

Amy Winehouse

Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas) Amy Winehouse,  | © laut.de (Fotograf: Alexander Cordas)

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7 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Daß das Studio die Winehouse nicht mochte, macht sie in meinen Augen wieder sympathischer. Bis auf "Back to Black", das eindeutig von modernen Pop-Chartstürmern konzipiert wurde, ist die Geschichte des Labels nämlich ziemlich lupenrein. Vergleicht man die Scheibe mit den anderen Werken, die in diesem Studio entstanden sind, fällt sie nämlich weit hinter Sharon Jones oder eben Bradley zurück. Hatte mich damals schon gewundert, warum Sugarman und Roth zwei Tommies hereingelassen haben, die offensichtlich nichts weiter wollten als mit Pseudo-Retro-Sound die kleinen Mädchen, ihre Eltern und Tanten zur Kasse zu bitten. Da ist es nur bezeichnend, daß sie vom unglaublichen Erfolg der Platte am Ende nichts hatten.

    Seis drum, für Sharon Jones, Bradley und die Budos Band kann man ihnen den Arsch küssen.

  • Vor 2 Jahren

    Budos Band, Charles Bradley, Menahan Street Band, Lee Fields und nicht zu veressen die Göttin Sharon Jones, Ja Daptone ist ein klasse Lable.

  • Vor 2 Jahren

    Hui, das wird ja immer lustiger. Pass besser auf! Auf einem so hohen Podest könnte der guten Amy nur schwindelig werden. Und da sie ohnehin meistens besoffen war... Du verstehst.

    Nun, "Rehab" und dieses dämliche Cover von "Valerie" liefen permanent auf den Tanzflächen. Ehrlich. Geh mal wieder tanzen von Zeit zu Zeit! Und... öhm... ist es nicht wesentlich bei Soul- oder jeder anderen Populärmusik, daß eine Stimme, Texte und Melodien dabei sind? Kanns mir jedenfalls schwerlich anders vorstellen.
    Der Markt, der für die Winehouse wichig war, der Popmarkt und die Elterngenerationen, war von Soul absolut unbesetzt zu dem Zeitpunkt.
    Auch interessant, daß sie sich nie verbogen haben soll. Sie hat sich immerhin in den Tod gesoffen. Was meinst Du, was für andere Substanzen und Pillen so manche Plastikpoptussis zu sich nehmen müssen, um mit ihrem belanglosen Hype fertig zu werden?
    Aber das scheint ja auch Dein bevorzugtes Mittel zu sein, sein Gehirn wieder zu richten. Schon verstanden.

  • Vor 2 Jahren

    Der Erfolg war eine Randerscheinung? Was meinst Du denn, wer der Produzent war? Mark Ronson ist immer noch einer der erfolgsfixiertesten Produzenten, die der Popmarkt überhaupt hat! Robbie Williams, Christina Aguilera, Daniel Merriweather... Wie glattgebügelt möchtest Du es denn bitte noch?
    Nein, der Erfolg war von Anfang an das oberste und wichtigste Ziel. Und genau das ist der Grund, weswegen Sugarman Co. jetzt nichts mehr mit Amy zu tun haben wollen. Alles, was an ihr soulig war, ist ihnen zu verdanken, während Ronson sich offensichtlich nur mit Computereffekten auskennt. All dies steht auch im Artikel.
    Rechnet man alles zusammen, so bleiben ein paar nette Songs und eine hübsche Stimme, die erst durch den Retro-Sound an Originalität gewonnen hat. Die Macher dieses Retro-Sounds sind allerdings ganz andere als die beiden englischen Chartpopper Ronson und Winehouse.
    Und ich frage noch einmal: Warum ist "authentisch" bei der Winehouse ein positives Wort? Immerhin hat sie sich alles mögliche in die Birne geknallt und mit einem großen Finale in den Tod gesoffen. Warum sollte jemand, der authentisch ist, dies tun? Nein, viel wahrscheinlicher ist, daß sie ihren letzten Schnaps gekippt hat, weil sie eben nicht authentisch war. Somit war sie vermutlich nur ebenso medikamenten- und substanzenabhängig wie hunderte Poptussis vor und nach ihr.