Am 7. 11. erscheint ein 'neues' Pink Floyd-Album mit Material von 1993. Wir waren beim Prelistening.

London (giu) - Um ihr bislang letztes Album "The Division Bell" zu promoten, schöpften Pink Floyd 1994 aus dem Vollen. Ihr Label EMI ließ für die Vorstellung in den USA eigens einen Zeppelin mit dem passenden Namen "The Division Bell" herstellen und durch das Land schweben. Ein zweites Luftschiff war in Großbritannien und Nordeuropa zu bestaunen, Journalisten durften in ihm über das nächtliche London fliegen.

Die Zeiten haben sich geändert. EMI gibt es nicht mehr, Pink Floyd sind samt Back-Katalog beim wiederbelebten Label Parlophone gelandet. Die erste Heimat der Beatles, immerhin. Statt Zeppelin ist nun wieder ein ganz normales Flugzeug angesagt. Nach London, immerhin. Und zwar zum Studio, in dem Pink Floyd "A Momentary Laps Of Reason" (1987) und "The Division Bell" aufgenommen haben.

Die Diskografie von Pink Floyd wird am 7. November um einen Eintrag länger. Denn die Grundlage für das 15. Studioalbum der Band, "The Endless River", bilden nicht verwendete Aufnahmen von 1993. "Wir hatten uns überlegt, 'Division Bell' als Doppelalbum herauszubringen, die eine Hälfte mit Liedern, die andere mit instrumentalen Ambient-Kompositionen. Dann haben wir beschlossen, doch nur ein Single-Album zu machen, weshalb das Material letztendlich liegen geblieben ist", erklärt Schlagzeuger Nick Mason in einer Pressemitteilung.

"Nur neun der Stücke, die wir geschrieben hatten, landeten auf 'Division Bell'. Nun, da Rick nicht mehr da ist und mit ihm die Möglichkeit, jemals wieder gemeinsam etwas zu machen, schien es folgerichtig, unserem Repertoire weitere überarbeitete Tracks hinzuzufügen" erklärt Frontmann und Gitarrist David Gilmour etwas stelziger. Mit Rick meint er Richard Wright, den 2008 verstorbenen Keyboarder der Band.

In Charlie Chaplins Schlafzimmer

Das Studio befindet sich in einem Hausboot, dem Astoria, idyllisch im Westen Londons am Ufer der Themse verankert. Ein einst pompös ausgestattetes Luxusobjekt, 1911 von einem großen Showbiz-Unternehmer in Auftrag gegeben und 1921 vorübergehend ein Wohnort Charlie Chaplins. David Gilmour erstand es 1986 und baute es zu einem Studio um, in dem nicht nur er selbst und seine Bands, sondern auch Muse, Björk oder Richard Ashcroft aufgenommen haben.

Neben dem Kabuff, in dem der Komiker zu schlafen pflegte, befindet sich am hinteren Ende des Boots ein wohnzimmer-artiger Raum, in dem die Musiker jammen und ihre Tracks einspielen. Am vorderen Ende des Bootes ist der Kontrollraum, den ein riesiger Mischpult dominiert.

Der Sound ist bombastisch

Um ihn herum sind die Wände mit analogem Equipment vollgestopft, über dem Kamin hängt ein großer Flachbildschirm, rechts und links davon thronen zwei Boxen mit der Fläche eines Tischtennistisches. Wie zu erwarten: Der Sound ist bombastisch.

Die Hälfte der Aufnahmen stamme von 1994, erklärt der anwesende Tontechniker Andy Jackson, der das Studio maßgeblich aufgebaut hat und David Gilmour seit vielen Jahren betreut. Die andere Hälfte sei ab 2013 entstanden, als sich Mason und Gilmour entschlossen, das alte Material noch mal anzupacken.

Keyboardklänge in allen Farben

Kein einfaches Unterfangen, obwohl Gilmour ein riesiges Lager besitzt, in dem er alle Aufzeichnungen hortet. Auf Band, natürlich, auch wenn ein kleiner Raum vor dem Studio, mit Servern und Klimaanlage ausgestattet, davon zeugt, dass auch hier das digitale Zeitalter und ProTools Einzug gehalten haben. "Anders wäre es auch gar nicht möglich gewesen", so Jackson.

Die Klänge, die aus den beeindruckenden Lautsprechern wabern, sind tatsächlich ambient-onirisch. Vielschichtige Gitarren, Schlagzeuggewitter, Keyboardklänge in allen Farben, mal lauter, mal ganz zart, auf jeden Fall typisch Pink Floyd. Mal glaubt man, "Shine On You Crazy Diamond" herauszuhören, mal "Echoes". In einer gewissen Hinsicht hat dieses Material Gemeinsamkeiten mit "Meddle", das 1971 eher durch das Zusammenfügen einzelner Spuren als wie ein organisches Werk entstanden war.

David Gilmour konnte es nicht lassen

Auf jeden Fall passt der Arbeitstitel "The Big Spliff", also "Der Fette Joint", besser als das philosophisch anmutende "The Endless River", das eher eine Anspielung auf die sanft vorbei fließende Themse sein dürfte als an den 1985 ausgestiegenen Roger Waters, der mit diesem Projekt mal wieder nichts zu tun hatte. "Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, war bei 2005 bei Live 8", so Jackson. Und der muss es wissen, schließlich steckte er ein Haufen Zeit und Arbeit in die Aufbereitung der Aufnahmen.

Zum Schluss schleicht sich mit "Louder Than Words" doch noch ein Gesangstrack ein – David Gilmour konnte es offenbar nicht lassen. Ob "River" den Klassikern der Band das Wasser reichen kann, wird sich noch zeigen. Doch auch wenn nur ein Teil des Albums zu hören war ließ sich auf dem Boot schon eines feststellen: Zeppelin hin oder her – ein besserer Karriereabschluss als "The Division Bell" ist es allemal.

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Pink Floyd

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11 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Er mag vor allem damals ein zynisch-arrogantes Arschloch gewesen sien, aber für mich hat Waters als kreativer Kopf Pink Floyd in ihrer besten Phase (Dark Side bis the Wall) unsterblich gemacht. Gilmour als der bessere Musiker hatte daran zwar auch einen nicht kleinzuredenden Anteil (was man an the Final Cut merkt, dass NUR Waters war), aber ohne Waters waren Pink Floyd einfahc nicht mehr dasselbe. Dass es sich jetzt um 20 Jahre alte aufnahmen hält macht den Eindruck eines neuen Albums nicht besser

    • Vor 3 Jahren

      Ach ja, die alte Gilmour vs Waters-Leier. Wurde schon millionenmal verhandelt und ich kann's nicht mehr hören. Ich find's schön, nochmal was von denen zu hören (auch wenn's nur 2/4-3/4 Floyd sind). Wenn solche Legenden dieser Tage noch mal was veröffentlichen, wirkt es fast so, als würde die Zeit zurück gedreht - ein äußerst angenehmer Anachronismus, der durch das Alter der Originalaufnahmen noch bekräftigt wird.

  • Vor 3 Jahren

    "ein besserer Karriereabschluss als "The Division Bell" ist es allemal."

    Bitte? Selten so einen Unsinn gelesen! Welche Band hat denn einen besseren Abschluss als PF mit Division Bell und dem epischen "High Hopes" als final Track hingelegt?

  • Vor 3 Jahren

    Ähm...."The Big Spliff" ist NICHT der Arbeitstitel des Albums gewesen. Es wurde mehrfach bestätigt, dass The Endless River eben nicht, das von Nick Mason öfter angekündigte The Big Spliff ist. Sondern höchstens Material davon enthält...

  • Vor 3 Jahren

    Was das neue Album angeht, muss ich sagen, dass ich wirklich Angst habe, dass sie ihrem legendären Erbe ein mäßiges letztes Kapitel hinzufügen könnten.
    Eine Hommage an Wright ist zwar eine sehr schöne Idee aber das vorab Gehörte lässt eher seichtes Geplätscher erwarten.

    Ich weiß, dass “Divison Bell“ bei vielen sehr unbeliebt ist aber für mich ist es mit dem unfassbaren “High Hopes“ als letztes Lied eines meiner vier lieblings Floydalben und der der einzig denkbare perfekte Abschluss für so ein unvergleichliches Œu­v­re.
    “Louder Than Words“ als Abschlusstrack tönt für mich enttäuschend, wäre auf “Divion Bell“ der wohl schwächste Song.
    Aber naja, hoffen wir mal auf was Schönes.

  • Vor 3 Jahren

    "...ein besserer Karriereabschluss als "The Division Bell" ist es allemal"

    Au weia...,da haben sie wieder den richtigen "FACHMANN" rangelassen!?
    Einen größeren Blödsinn habe ich in der Musik-"FACHWELT" noch nie gehört!!!

    "THE DIVISION BELL" ist GIGANTISCH und nicht zu toppen!!!...

    HIGH HOPES...

  • Vor 3 Jahren

    da fall ich wohl aus dem raster... Atom Heart Mother forever... Pink Floyd haben bei mir nach Dark Side of the Moon aufgehört zu existieren... Wohl wieder mal an der zeit für Live at Pompei... :-)