"Pussy Riot ist clevere und geniale PR", sagt Russendisko-Gründer Gurzhy. Doch Russlands Underground hat viel mehr zu bieten.

Konstanz (mis) - Musik aus Russland, da denken viele erst mal an mäßig originellen Radio-Pop vom ESC oder berühmt-berüchtigte Balkan Beat-Partyreihen. Das Kollektiv Pussy Riot fügte diesem Kapitel kürzlich eine kräftige Prise Anarcho-Punkrock hinzu. Im Mittelpunkt stand hierbei jedoch weniger ihre Musik, als vielmehr die politische Ausrichtung und ein beispielloser Justizskandal.

Weltbekannte Künstler wie Sting, Faith No More oder die Red Hot Chili Peppers erklärten ihre Solidarität mit den wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass angeklagten Musikerinnen.

Doch wie ist die Musikszene in Russland eigentlich organisiert? Welche Möglichkeiten stehen jungen russischen Musikern offen? Wie weitläufig ist die russische Alternative-Kultur? Wir fragen Yuriy Gurzh, der mit Erfolgsautor Wladimir Kaminer die Kult-Partyreihe "Russendisko" gründete und somit maßgeblich mitschuldig daran ist, dass diese vormals fremde Musikkultur seit gut zwölf Jahren im Nachtleben des Mitteleuropäers angekommen ist.

"Hinter Pussy Riot steckt sehr sorgfältige Vorbereitung" (Gurzhy)

Pussy Riot kannte Gurzhy schon lange vor deren medienwirksamem "Punk-Gebet"-Auftritt in der Christus-Erlöser-Kathedrale. Ihre Filme wurden schnell zu YouTube-Hits, die dazugehörigen Aktionen zum Dauerthema in russischen Blogs. Daher hat ihn das gewaltige Medienecho nicht überrascht. Allenfalls bewundert Gurzhy die "clevere und geniale Promostrategie".

Im selben Atemzug relativiert er die oft gerühmte Spontaneität ihrer Aktionen: "Sowas kann man ja nicht spontan machen. Da steckt sehr sorgfältige Vorbereitung dahinter, gerade weil das alles ja keine normalen Bühnen sind und alles gefilmt werden muss. Hinzu kommen all die Kostüme der Beteiligten."

Gurzhy stammt aus der Ukraine und lebt seit 15 Jahren in Berlin. Er spielt in der Band Rotfront, die nur eigene Songs im Repertoire hat, verteilt auf vier Sprachen. Angesichts seiner jüdischen, griechischen, ukrainischen und polnischen Vorfahren, fällt es ihm schwer, explizit russische Wurzeln in der eigenen, multinationalen Musik zu verorten. Dieser Sound, der sich manchmal anhört, als spiele man Ska auf einer Ziehharmonika und füge hier und da ohne erkennbare Übergänge Reggae- und Punk-Beats hinzu, bildet natürlich nur einen Bruchteil der russischen Musikszene ab.

"Von einer landestypischen Szene kann man nicht sprechen, dafür ist das Land einfach zu groß", referiert Gurzhy. Wie auch in Europa gibt es in Russland Bands aus jeder erdenklichen musikalischen Richtung. Gurzhy spricht von "Parallelwelten, die nicht einmal von einander wissen".

Szene profitiert massiv vom Internet

Eine Entwicklung, die in den letzten zehn Jahren vor allem dank des Internets enorm vorangeschritten ist. "Noch vor 20 Jahren hatte ich das Gefühl, alle Bands aus Russland zu kennen. Also alle zehn Stück. Und ich glaube das war nicht nur ein Gefühl, sondern entsprach auch ungefähr der Wahrheit", lacht der Musiker. Heute liest er Bandnamen auf europäischen Festival-Line Ups, von denen er noch nie gehört hat. Selbst seine Freunde in Moskau können ihm dann selten weiterhelfen. Bei genauerer Betrachtung stößt er dann immer wieder auf Indie-Labels aus Ländern wie England, Frankreich oder Belgien, die diese Bands für sich entdeckt haben.

Entweder auf russischen Blogs, die verstärkt eine Plattform für junge Bands darstellen oder über den Kontakt zu der (englischsprachigen) Seite farfrommoscow.com, wo junge Bands ihre Demos einsenden. Oder natürlich via Facebook. Wenn man aber nicht russisch spricht, stößt man schnell an seine Grenzen, wie vor Jahren auch Rupen Gehrke feststellen musste: "Wer da keinen an der Hand hat, der das lesen kann, ist völlig aufgeschmissen."

Gehrke ist DJ der Münchner Jalla-Parties, die von Afro- und Balkan-Grooves bis hin zu Latin- bis Asian-Beats ein sehr buntes Programm fahren. Für die russischen Geheimtipps hat Gehrke mittlerweile längst ein Sprachgenie an der Hand, den Berliner Kollegen Gurzhy nämlich. Seine russischen Lieblingsplatten erkennt Gehrke trotzdem bis heute nur am Cover, denn er kann sich die Namen nicht merken. Ein Blick in den DJ-Koffer bringt letztlich doch noch drei Anspieltipps zutage:

Bis 1987 gab es nur eine Plattenfirma für 15 Sowjet-Republiken

"Ja Soldat" von 5'Nizza, "Chicks Don't Fall In Love With Me" von Leprikonsi und "Kogda Net Deneg" von Leningrad (nicht zu verwechseln mit den Cowboys), ein relaxter Offbeat-Song, den Interessierte schon von "Russendisko"- oder einem Trikont-Sampler kennen könnten. Solche Sampler sind ebenfalls sehr hilfreich bei dem Wunsch, neue Bands aufzuspüren. Bei rund 60 Prozent der russischen Musik, die Gehrke entdeckt, handelt es sich um Punkrock in der Landessprache, was für den DJ ein doppeltes Problem ist, denn er mag keinen Punkrock.

Dies führt unter anderem dazu, dass sich Gehrke stärker mit dem Balkan Beat- und Cumbria-Segment auseinandersetzt. Bei Jalla-Parties spielt er ohnehin fast nur Remix-Platten europäischer Produzenten, etwa ShazaLaKazoo aus Belgrad. "Die hauen jede Woche 'nen neuen Remix raus, unglaublich", schwärmt der Münchner.

Auch Kaminers Kollege Gurzhy betont, dass vor allem diese Produzenten den Ruhm einfahren und nicht die russischen Bands. Dies liege letztlich auch daran, dass dem Land nach wie vor ein ein funktionierendes Label-Netzwerk fehlt: "Man darf ja nicht vergessen, dass es noch bis 1987 mit Melodia nur eine einzige Plattenfirma für alle 15 Sowjet-Republiken gab", lacht der Berliner.

Russische GEMA steckt noch in den Kinderschuhen

Seit kurzem gibt es in Russland sogar einen Musikrechteverwerter nach Vorbild der Gema. Dass die Strukturen auch hier noch nicht ausgereift sind, verdeutlicht Gurzhy mit einer Anekdote zu seinem Song "Disco Boy", den er gemeinsam mit dem Frankfurter Balkan Beat-Star Shantel komponiert hat: "Wir verkauften den Song nach Russland, wo Philipp Kirkorov, eine russische Mischung aus Thomas Anders und Howard Carpendale, drübersang. Die Nummer lief dann auf allen TV-Kanälen rauf und runter und neulich bekam ich eine Abrechnung per Post über 1,30 Euro. Man kann also sagen, das System ist noch nicht ganz perfekt."

Eine Erkenntnis, die für Natasha Padabed keine Neuigkeit darstellen dürfte. Padabed ist seit 2005 Programm-Direktorin des jährlich stattfindenden SKIF-Festivals in St. Petersburg. Dort versammelt sie eine Riege an russischen und internationalen Bands jeglicher Couleur, darunter solch klangvolle Namen wie Swans, Deerhoof, FM Einheit (Einstürzende Neubauten), Psychic TV, Mediengruppe Telekommander oder die sibirischen Obertonsänger von Huun Huur Tu. An gleicher Stelle veranstaltet sie ein World Music- und ein Elektronik-Festival.

Alternative-Bands aus Russland - Ein Überblick.

Manche Bands wie Messer Chups holt sie seit Jahren für Konzerte nach Deutschland. Was diese dankend annehmen, denn Tourneen durch Russland sind kaum möglich, da eigentlich nur Moskau und St. Petersburg sowas wie eine Clubkultur aufweisen können. Gleichwohl fallen Messer Chups etwas aus dem Rahmen, da ihr Surf-Sound keinerlei russische Soundelemente beinhaltet und die Texte englisch sind. Dennoch: Mike Patton signalisierte prompt Interesse, signte das Trio für sein Ipecac-Label und verpflichtete sie bei einem Moskau-Auftritt von Fantômas fürs Vorprogramm.

Im Hauptberuf betreibt Padabed mit More Zvukov eine Bookingagentur, für die sie je nach Bedarf von Berlin, St. Petersburg oder Rotterdam aus arbeitet. Hauptaufgabe ist das Bekanntmachen russischer Bands außerhalb der Heimat. In dieser Funktion kuratierte sie 2010 einen russischen Abend beim Worldtronics-Festival im Berliner Haus der Kulturen.

Zwar ist die gebürtige Russin dank ihres Berufs schon eng mit der Musikszene ihrer Heimat verbandelt, ohne soziale Netzwerke sei es aber auch für sie bedeutend schwieriger, neue Bands zu entdecken. Das russische Fernsehen zeige bis heute praktisch nur Bands aus dem Genre Rock und Pop, erzählt sie. Für eine engagierte Vorkämpferin der russischen Künstlervielfalt nicht nachvollziehbar.

"Russland zu boykottieren ist eine völlig überzogene Forderung" (Natasha Padabed)

Auch die Pussy Riot-Berichterstattung verfolgte Padabed aus diesem Grund sehr genau. Dass es im Laufe des Prozesses Musiker und Journalisten gab, die tatsächlich zu einem Russland-Boykott aufriefen, hält sie für einen großen Fehler: "Einige sagten, man dürfe dort jetzt keine Konzerte mehr geben und keine Platten mehr veröffentlichen. Eine völlig überzogene Forderung, die nicht die Schuldigen der Situation treffen."

Zudem müsse man Pussy Riot nicht als Band sehen, sondern als Künstler-Kollektiv: "Sie spielen nie live, sie filmen sich auf Video und stellen das ins Netz. Niemand kennt ihre Songs und das interessiert auch keinen. Die Leute interessieren sich für ihre politischen Statements." Vor dem Moskauer Kirchenauftritt habe man das Kollektiv nur in Kunstzirkeln thematisiert.

Der Berliner Gurzhy teilt diese Ansicht und ergänzt: "Pussy Riot kommen aus der Umgebung der Künstlergruppe VOYNA, die für sehr radikale Aktionen bekannt ist. Große Anerkennung verdienen vor allem die Kollegen, die für ihr Management zuständig sind. Das ist so dermaßen effektiv, dass Malcolm McLaren stolz sein würde", so der Rotfront-Sänger in Anspielung auf die Punk-Ikone und den Manager der Sex Pistols.

Mit Gurzhys "Russendisko"-Sound kann Padabed wiederum weniger anfangen. Sie begeistert sich stattdessen für die stilistische Vielfalt von tendenziell unkommerziellen Underground-Künstlern, die sie zum Teil auch für ihre Booking-Agentur gewinnen konnte: Etwa die Jazz-/Artrocker Auktyon, das sibirische Drone-Ambient-Projekt Hmot, IDM-Star Mujuice oder USSSY, die harten Noise/Metal mit russischer und nahöstlicher Folklore verbinden.

Auch Steve Shelley (Sonic Youth) schätzt die russische Avantgarde

Seit Anfang der 80er Jahre verehrt Padabed darüberhinaus die inzwischen aufgelöste Punkband Grazhdanskaya Oborona, eine Legende des sowjetischen Undergrounds, deren Platten gerüchteweise Sonic Youth-Drummer Steve Shelley auf seinem neuen Label Vampire Blues für Amerika lizensieren will. Shelley zählt zu den wissbegierigen Vertretern seines Fachs und interessiert sich seit Jahren für die russische Avantgarde-Musik der 80er und 90er Jahre, speziell aus Sibirien.

Padabeds SKIF-Festival dürfte ihm daher längst ein Begriff sein, zumal sein Kollege Thurston Moore schon auf einem SKIF-Ableger 1997 in New York seine Gitarre anstöpselte. Auch Gurzhy schwärmt von dem jährlichen Event: "Ich bin seit vielen Jahren Fan von Sergey Kuryohin, dem das Festival gewidmet ist. Das ist uneingeschränkt empfehlenswert, die haben immer ein tolles Line-Up mit einem sehr breiten musikalischen Spektrum von lokalen und internationalen Künstlern." Gründe genug also, die Musik dieses vermeintlich fremden Landes einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

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13 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Wow, Kirkorov der alte Bastard hat auch in diese Liste geschafft.

    Schade, das Bands wie Aria/Kipelov oder Neurosplit Prophet hier fehlen. Denn im Gegensatz zu den Typen aus der Liste, haben sie was drauf.

    Sonst ist die Liste (bis auf ein paar Ausnahmen) eher enttäuschend. Irrelevante bis langweilige (WTF nochmal macht Kirkorov da) Künstler tummeln sich da, die "Experten" scheinen sich in der Tat nicht sonderlich mit Mother Russia auszukennen / identifizieren.

    Da war das Polen-Special viel besser bzw. spannender.

  • Vor einem Jahr

    Katalepsy fehlt! Die sind zwar eigentlich ziemlich schlecht, aber dafür wenigstens richtig hart.

  • Vor einem Jahr

    Hmm ja in der Tat, strange Liste... Auch kein Wort über das Phänomen "Russkij Rok", den Anfang der alternativen Szene im Petersburger Rock-Club in den 80ern. Wo sind die klassiker wie Akvarium, Nautilus, Kino, DDT etc. ? Dann die berühmten Pop-Rock bands Mumy Troll, Spleen, Diana Arbenina etc. Vielleicht finden die "Experten" sie langweilig und "zu standart", aber sie gehören erwähnt, weil es die bekanntesten russischen Rock-Bands sind und einige gute Lieder und Texte haben. Und die sozial-kritischen Lumen(so etwas wie russisches Rise-Against)?
    Und bei der neuen englischsprachigen "Indie-Welle": Wo sind Pompeya, Cheese People, On-the-Go?

    Was gibt es noch zu sagen? es gibt zwei alternative musik sender, die indie, rock, metal, hip-hop videos zeigen, festivals sponsern und übertragen: A1.TV und O2-TV. Der unabhängige Sender "Dozhd" Rain TV lädt auch häufiger indie-bands zur live auftritten ein. Alle drei kann man im online stream gucken.

    Naja, aber schön, dass überhaupt Interesse da ist.