Der King of Prog überzeugt in Berlin auch in kleinem Rahmen. Ninet Tayeb stiehlt ihm die Show. Beide Musiker kommentieren für uns den Auftritt.

Berlin (mab) - Zögerlich zwar, aber es kommt: das Mitklatschen zu "Permanating". Steven Wilson grinst von der sparsam bestückten Bühne, 200 Leute sehen ihm gebannt beim Klavierspielen zu. Wenn man sich die Szene so ansieht, hat es fast etwas von Schüler- oder Uni-Stage-Vibe: Der Singer/Songwriter trällert – leicht nervös – sein Liedchen nur eine Armlänge von der ersten Reihe entfernt. Zu tanzen traut sich keiner so richtig, bis die begeistert mitwippende Freundin doch ein paar überzeugt. Letztere ist in diesem Fall die israelische Sängerin Ninet Tayeb, die im Schatten neben der Bühne mit Zwischenrufen das Publikum anheizt, ihre Haare schüttelt und leise die Zeilen von "Refuge" und eben "Permanating" mitsingt, bevor sie gleich selbst noch ans Mikro schreitet.

Wir befinden uns im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann, wo Steven Wilson am Abend vor dem offiziellen Release seines fünften Soloalbums "To The Bone" seiner Pop-Identität freien Lauf lässt.

Vom online bisweilen sehr skeptischen Ton gegenüber "Permanating" und Co. ist heute nichts zu spüren. Zwar sind nicht alle der Anwesenden Freunde der neuen Ausrichtung Wilsons (die eigentlich gar nicht so neu ist), doch der Respekt gegenüber ihm und seiner Musik ist förmlich greifbar. Und das schon vor der Show. Immerhin stehen die Fans einmal quer durchs Kaufhaus und draußen bis zur nächsten Kreuzung an, um ihn zu sehen. Nur ein Bruchteil von ihnen schafft es in die heilige Halle. Einige können immerhin am oberen Ende der Treppe via Leinwand zugucken. Und zumindest für die Signing-Session bekommen auch sie noch eine Audienz beim King Of Prog gewährt, der unermüdlich Hunderte Platten, CDs und Sammlerboxen signiert. Vermutlich noch am selben Abend landen die enthaltenen Tonträger in den Abspielgeräten der Langhaarigen, der Pärchen, der Bilderbuch-Fans, die sie mit nach Hause nehmen. Vier Songs davon haben sie gerade noch in modifizierter Form gehört.

Zwischen Ernst und Euphorie

Überhaupt erst möglich gemacht hat das Spektakel tatsächlich die Schnapsidee eines Dussmann-Mitarbeiters. Der freute sich aufs neue Album und dachte sich: "Wär' das cool, den bei uns spielen zu lassen!" Das Label (Caroline/Universal) zeigte sich kooperativ und redete seinem Künstler gut zu. Im Juni guckte sich Wilson die Location an, sagte "Yes". Das Resultat: Die seltene Gelegenheit, den Perfektionisten aus nächster Nähe, nicht als visuell aufgemotzte Full-Band-Experience, sondern aufs Nötigste reduziert zu erleben.

Mit Laptop, Keyboard und Akustikgitarre zimmert sich Wilson für seine One-Man-Show bei Dussmann einen recht umfangreichen Sound. Und scheut auch nicht davor zurück, etwas sperrigere Songs aufzuführen. Klar, "Pariah" und "Permanating" als lockere Pop-Singles sind dabei. Statt mit "Blank Tapes" das zweite Studioduett oder mit "Nowhere Now" einen weiteren Popsong ins Programm zu nehmen, erklingen daneben allerdings "Refuge" und "People Who Eat Darkness". Mit Ersterem eröffnet Wilson nach kumpelhafter Begrüßung die Show und verdeutlicht sofort, warum er aktuell der Populärste seiner Zunft ist. Auch ohne große Produktion genügt das Anspielen einiger ruhiger Töne, um einen ganzen Raum in seinen Bann zu ziehen. Nur mithilfe einiger Backings aus der Dose, seinem Keyboard und seiner Stimme behält er die Dynamik des Songs bei.

Zunächst kommen also die alten Anhänger auf ihre Kosten: Langer, progressiver Song, aufgrund des vom Dschungel von Calais inspirierten Textes sehr melancholisch gestimmt. Euphorischer wird es beim nun schon mehrfach angesprochenen "Permanating". Mit kurzer Ansage, die eigene Unsicherheit betreffend, gewinnt Wilson das Publikum für sich. Er weiß, dass nicht alle Zuhörer Fans des Tracks sind, aber er weiß auch, dass sie ihm trotzdem zuhören. Der Typ mit ABBA-Shirt sowieso. Also gibt er sich die Blöße und zieht den Song durch – sichtlich konzentriert, wenn es an die Falsett-Parts geht. Man sieht ihm an, wie wichtig ihm die durch die Performance transportierte Emanzipation ist und wie zufrieden und vielleicht auch erleichtert er ist, als am Ende der Jubel einsetzt.

Szenenapplaus für Ninet Tayeb

"Ich fühle mich selbst in dieser Situation eigentlich nicht wohl", sagt Wilson im Interview zu dem Umstand, allein auf der Bühne zu sitzen. "Aber ich muss sagen, nachdem man mich nun dazu 'genötigt' hat, konnte ich doch einen Weg finden, es zu genießen." Um sich nicht ganz 'nackt' zu fühlen, wie er es nennt, entschied sich Wilson trotzdem schon früh im Vorbereitungsprozess dazu, für Verstärkung zu sorgen. Seit "Hand. Cannot. Erase." ist die Sängerin Ninet Tayeb eine Konstante seines Schaffens und auch bei der heutigen Mini-Shows begleitet sie ihn. "Selbst wenn ich es verkacke, wird sie trotzdem fantastisch sein."

Er verkackt es zwar nicht, fantastisch ist Ninet aber allemal. Beim Outburst in "Pariah" – wo übrigens ein signifikanter Teil des Publikums textsicher mitmurmelt – erhält sie zurecht Szenenapplaus. Da stört es nur bedingt, dass durch das Fehlen der Post Rock-Gitarre der anschließende Instrumentalteil etwas drucklos ausfällt.

Zum Schluss steht mit "People Who Eat Darkness" der erste noch nicht vorab veröffentlichte Song an. Ungleich der Albumversion übernimmt Ninet die Leadstimme und stiehlt dem eigentlichen Star somit gleich in doppelter Hinsicht die Show. Denn während man sich die energische Akutsikversion des Alternative Rockers anhört, wünscht man sich bereits eine Neuaufnahme des Studiotracks – auf "4 1/2" machte die Israelitin ja bereits vor, was sie aus Wilson-Vocals herausholen kann (in "Don't Hate Me"). Gerade der Schlusspart, wo sich die Stimmen der beiden Musiker verzahnen, ist live noch stärker als auf Platte. Das Publikum kann diesen Vergleich zwar noch nicht anstellen, sehr angetan vom bislang ungehörten neuen Song scheint aber ein Großteil der Meute zu sein.

Denken ausdrücklich erlaubt

Anlässlich "People Who Eat Darkness", das er angestoßen von der medialen Berichterstattung zum Pariser Bataclan-Attentat schrieb, verweist Wilson auf den wenige Stunden vorher in Barcelona passierten Anschlag. "Ich bin sicher, bald gibt es wieder dieselben Meldungen wie immer. Die Nachbarn werden interviewt und sagen: 'Er hat auf der Treppe immer freundlich gegrüßt und mir mit den Einkaufstaschen geholfen.' Doch dabei lebten sie die ganze Zeit Tür an Tür mit einem Terroristen ..."

Realitätsflucht bietet dieser Abend also nur bedingt, was aber gut zum frisch erscheinenden Album "To The Bone" passt. Denn während Steven Wilson einerseits wieder mit atemberaubenden Arrangements zum Abtauchen einlädt, spricht er mit seinen Texten teils ziemlich eindeutig aktuelle Phänomene an. Seien es soziale oder politische oder die Kombination aus beiden. Wie gewohnt gilt dabei: Der Hörer soll seine Schlüsse aus den erzählten Geschichten selbst ziehen. Denn, so Wilson, "deswegen ist Musik für mich immer noch die großartigste Kunstform von allen."

Am nächsten Morgen ist seine Aufgabe nicht, langjährige Fans zum Schlüsseziehen zu bewegen, sondern Frühaufsteher. Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, um 7 Uhr ist Soundcheck beim ZDF Morgenmagazin angesagt. Später am Tag wiederholt sich die heutige Performance in einem Londoner Shop. Wer Popstar sein will, muss ausgeschlafen sein.

Interview: Steven Wilson und Ninet Tayeb zum Auftritt

Fotos

Steven Wilson

Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann) Steven Wilson,  | © laut.de (Fotograf: Simon Langemann)

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