Für Homophobie und Sexismus ist das Hip Hop-Label Aggro Berlin schon länger bekannt. Flers "NDW 2005" setzt nun auch auf die Karte Nationalismus. Ein Einzelfall? Oder gibt es schon das neue Genre "Hip Hop von rechts", wie die SZ meint?

Berlin (mma) - Deutschlandfahnen auf dem Petersplatz, Faszinosum Hitler in Kino und TV, Forderung nach Deutschquote im Radio - zum Schutz vor der "dominanten anglo-amerikanischen Musikindustrie". Und 60 Jahre nach Kriegsende besingt Peter Heppner Deutschland: "Aufgeteilt, besiegt und doch, schließlich leben wir ja noch." Von Befreiung keine Rede. Es entsteht der Eindruck, Deutschtümelei gehöre mittlerweile vielerorts zum unhinterfragten gesellschaftlichen Konsens.

So bedarf es heute auch im Musikgeschäft schon einer unmissverständlichen Eindeutigkeit, um etwas als indiskutable Randerscheinung abzustempeln. Als Mitte 2004 durchsickerte, Neonazis wollten auf Schulhöfen die Rechtsrock-CD "Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund" verteilen, überboten sich diverse Landesinnenminister mit Empörungsäußerungen und Forderungen nach Beschlagnahmungen. Abseits von medienwirksamen Einzelaktionen oder Gedenktagen allerdings tendiert die Bereitschaft, etwas gegen die intellektuelle und politische Verwahrlosung vieler Jugendlicher zu tun, gegen null.

Aber wie ist es eigentlich um den deutschen Hip Hop bestellt? Zwar gilt das Genre in seinem Ursprung als linke Subkultur und Protestplattform gegen die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, gegen soziale Ungerechtigkeit. Wer einige Minuten MTV oder Viva einschaltet, stößt dort jedoch auch auf "Lieder aus dem Untergrund". Den Slogan hat sich das Berliner Hip Hop-Label Aggro Berlin quasi aufs Deutschlandsfähnchen geschrieben. Die ungeschminkte Realität aus dem Ghetto-Alltag wollen die Emporkömmlinge um Wegbereiter Sido zeigen. Im Block geht's mächtig rund, glaubt man den provokanten Texten: Ständig kriegt wer auf's Maul, die restliche Zeit wird mit Dealerei tot geschlagen, und alle Frauen außer Mama sind verachtenswerte Nutten. Ein ausgedehnter Spaziergang durch eine beliebige Sozialbausiedlung genügt, um die Folgen zu beobachten. In Innenhöfen stößt man auf Halbwüchsige, die die Reime ihrer Idole im Freundeskreis zum Besten geben. In letzter Zeit geht dort die Runde von einer "neuen deutschen Welle", dem neuesten Track von Aggro-Export Fler.

"Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz", lautet eine bemerkenswerte Zeile. Eine andere: "Die Neue Deutsche Welle kommt, man sieht die Fahne am Himmel". Im dazugehörigen Musikvideo gibt es die dann auch zu sehen, während Fler den Reichsadler auf dem Arm hält. Die Süddeutsche Zeitung berichtet sogar, der Regisseur des Videos hätte Fler am liebsten mit Skins durchs Bild marschieren lassen, "aber da hätte man uns in die falsche Ecke gedrängt." Aggro Berlin promotete das Album bis vor kurzem mit dem Satz: "Ab 1. Mai wird zurückgeschossen." Nun fragen sich viele Medien: Ist der Berliner Fler ein Nazi? Die Süddeutsche sieht im "Hip Hop von rechts" ein neues Musikgenre, die taz dagegen wittert im Spiel mit rechtsradikalen Parolen und Posen reine PR-Strategie.

Für zusätzliche Verwirrung um Flers Gesinnung sorgt eine weiteres Zitat aus dem Stück: "Multi-Kulti, meine Homies komm'n von überall" passt nicht wirklich in die rechte Schublade. Multi-Kulti bedeutet für die Aggros wohl vor allem Besinnung auf die jeweils eigene Kultur. So zählt der farbige Rapper B-Tight klischeetriefende Titel wie "Neger Bums Mich" zu seinem Repertoire. Zudem habe der kalkulierte Tabubruch von Anfang an zum Vermarktungskonzept des Labels gehört. Selbst zum Thema Ausländerfeindlichkeit befragt, versicherte Fler übrigens in taz glaubwürdig das Gegenteil: "Wenn du in einem Milieu aufwächst, wo du nur Ausländer um dich drumrum hast, dann ist das ein Thema, dass du dich da behaupten musst", sagt er. "Damit macht man niemanden schlecht, damit definiert man sich selbst."

Doch selbst wenn Fler und Co. nur aus Kalkül mit der gefährlichen Symbolik spielen: Die provozierte Aufmerksamkeit, die sie ihrer Musik mit unreflektierten Nazi-Sprüchen verschaffen, ist teuer bezahlt. Mit einer Anhängerschaft, die die tumben Phrasen für voll nimmt. Denn die stecken schließlich gut verpackt in bunten Videos und harmlosen Klingeltönen. Und mit zunehmender Gesellschaftsfähigkeit von Parteien mit "Ausländer raus!"-Ideologie: Einer repräsentativen Umfrage der Europäischen Beobachtungsstelle von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) zufolge befürworteten im März 2005 30 Prozent der befragten Deutschen "Rückführungsmaßnahmen für legale Immigranten".

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Fler

Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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laut.de-Porträt Fler

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284 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Deutschtümelei ? Nationalismus ? Kein Wunder das der Antifa die Mitglieder davon laufen. Ich bin selber halber Ausländer und bestimmt kein Rassist oder Faschist. Aber ich bin froh das die Deutschen mal ihren Stock aus dem A...h nehmen und mal Flagge zeigen. Ich verbringe beruflich viel Zeit im Ausland. Polen,Frankreich,England,Holland ....egal wo ich bin, die Leute lachen sich kaputt über Verhältnis der Deutschen zu Deutschland. Trotz Krieg. die meisten Länder in denen ich bin wurden von Deutschland angegriffen. Also dürften das die ersten sein die den Finger zu heben haben wenn hier was falsch läuft. Aber ihr Typen seid einfach nur verbohrt und habt anscheinend keine Hobby´s. Ach so, diese "Nationale Quote" im Radio ist in andern Ländern längst gang und gebe. Hört euch mal das Radio im Ausland an bevor ihr hier euer Halbwissen verbreitet. Bin mal gespannt ob dieser Kommentar von euch zensiert wird. Gruß aus Krefeld

  • Vor 4 Jahren

    Sagt man in diesem Land einmal etwas patriotisches wird man gleich als Nazi oder als Rechter abgestempelt ich hab die Nase so voll! Fler machte deutschen Rap der sich vom Ami-Rap unterscheidet und der ein deustches Produkt ist. Er ist stolz auf sein Land, und wir sind stolz auf unsere Interpreten, na gut vlt. nicht alle auf alle aber immerhin! Patriotismus ist etwas mit dem unzugehen das deutsche Volk erst wieder lernen muss und nach der Wm 2006 werden wir das doch wieder hinbekommen oder?

  • Vor 4 Jahren

    Sagt man in diesem Land einmal etwas patriotisches wird man gleich als Nazi oder als Rechter abgestempelt ich hab die Nase so voll! Fler machte deutschen Rap der sich vom Ami-Rap unterscheidet und der ein deustches Produkt ist. Er ist stolz auf sein Land, und wir sind stolz auf unsere Interpreten, na gut vlt. nicht alle auf alle aber immerhin! Patriotismus ist etwas mit dem unzugehen das deutsche Volk erst wieder lernen muss und nach der Wm 2006 werden wir das doch wieder hinbekommen oder?