Sharon Davis spürt dem Schaffen Lionel Richies nach. Mit "Lionel Richie - Hello" porträtiert sie einen der erfolgreichsten Balladensänger unserer Zeit, von seinen Anfängen mit den Commodores in den ausgehenden 60ern bis heute.

Tuskegee/Innsbruck (dani) - "Ich möchte nicht der größte schwarze Sänger aller Zeiten sein. Ich möchte einfach nur der größte Sänger aller Zeiten sein." Ein überaus ehrgeiziges Ziel, dem sich Lionel Richie, häufig als "schwarzer Barry Manilow" geschmäht, verschrieben hat. Beinahe so ehrgeizig: Das Vorhaben der Autorin Sharon Davis, mit "Lionel Richie - Hello" (Hannibal, 255 Seiten mit Schwarz-Weiß-Fotos, kartoniert) den Lebensweg des Sänger, Musikers und Songwriters von seinen Anfängen in den Reihen der Commodores bis hin zu seinem aktuellen Album "Just Go" minutiös aufzudröseln.

Daraus resultiert ein zwar kenntnisreich verfasstes Buch, das dennoch nur zu einem fragwürdigen Genuss gereicht. Der "einzigartige Zugriff auf das Motown-Archiv", die "vielen ausführlichen Interviews mit Richie" sowie die "Zeit als Pressesprecherin der Commodores", deren sich die Autorin laut Klappentext rühmt, resultiert in einem überbordenden Detailwissen.

Davis' Blick fokussiert sich nicht nur auf die Geschichte des Protagonisten und seiner Band, sondern schließt größere Zusammenhänge mit ein. Der dominante Einfluss der Plattenfirma Motown wird ebenso beleuchtet, wie Episoden aus dem Leben anderer Künstler, deren Lebenswege sich mit Richies kreuzten oder verwoben.

Detailliert, aber langatmig

Das geriet überaus interessant, verlöre sich die Autorin nicht zu häufig in Faktenhuberei. Hätte man wirklich jede Tour, jede größere Veranstaltung, jedes Album und jede einzelne Single - samt Platzierung in den R'n'B- und in den Pop-Charts, in den USA und in Großbritannien, versteht sich - aufführen müssen? Wenn ja, darüber hinaus tatsächlich auch noch die Singles und Platzierungen der jeweiligen Motown- und sonstigen Konkurrenz?

Der Versuch, so einen größeren Kontext zu schaffen, liest sich recht zäh. Abseits der Aufzählungsorgien gelingt solches über den Einbau zahlreicher Erinnerungen und Anekdoten von Beteiligten sowie einer Fülle zitierter Kritikerstimmen weit besser.

Übersetzung: Setzen, sechs!

Die stellenweise nicht ideal getroffene Auswahl der präsentierten Daten mag angesichts der Flut von Informationen, auf die Sharon Davis zurück greifen konnte, zu verzeihen sein. Nicht jedoch das schauderhaft armselige Vokabular, mit dem "Lionel Richie - Hello" über 255 Seiten hinweg jeden halbwegs mit Sprachgefühl gesegneten Leser in den Wahnsinn treibt.

Ich vermute schwer, dieser Umstand ist der Übersetzung aus dem Englischen geschuldet. Ich kann und will nicht glauben, dass die Autorin selbst, die - wie erwähnt - als Pressesprecherin der Commodores fungierte und als Journalistin für "Blues & Soul" tätig war, für ungezählte Schludrigkeiten verantwortlich sein soll.

Ungelenke Formulierungen

Von Beginn an stören unerträgliche Wortwiederholungen (Schmusestück, Stück, Stück, Stück, Tanzstück, Schmusestück, Abschlussstück - auf noch nicht einmal einer halben Seite), ungelenke bis falsche Formulierungen (Nein, man kann mehr als fünf Dinge eben nicht an einer Hand abzählen!) und zuweilen schlicht unlogische Satzkonstruktionen.

"Als er von Bundesstaat zu Bundesstaat reiste, merkte Richie, wie unterschiedlich das Publikum jeweils war, denn er wusste nicht, wie er gestand, was er jetzt, da er ein Solomusiker mit Bandvergangenheit war, zu erwarten hatte." Äh ... bitte?

Vom Campus-Projekt zum Solo-Star

Wem es gelingt, über sprachliche Schnitzer unterhalb des Niveaus jeder engagierten Schülerzeitung hinweg zu lesen, wird mit durchaus lohnenden Einblicken belohnt. Sharon Davis schildert die mühevollen Anfänge der Commodores als ehrgeiziges Campus-Projekt und Lionel Richies Weg vom Saxophonisten und Backgroundsänger zum schillernden Zentrum der Gruppe, der schließlich in einem Jahre währenden, schmerzhaften Ablösungsprozess mündete.

Ohne die Geschichte der verbliebenen Bandmitglieder aus den Augen zu lassen, zeichnet sie die Solo-Pfade des beispiellos erfolgreichen Schmusesängers nach, porträtiert Wegbegleiter und Konkurrenten und blickt hinter die Kulissen des Showgeschäfts.

Das Spähen durchs private Schlüsselloch fällt erfreulich diskret aus. Statt sensationslüstern in schmutzigen Laken zu wühlen, siegen Respekt und unverhohlene Sympathie für einen Künstler, der der Welt nicht nur once, twice, three times durchgenudelte Hochzeitswalzer bescherte, sondern auch Rob Zombie für seine "1000 Corpses" ein amtliches "Brick House" errichtete. Das ist durchaus ein Buch wert.

Fotos

Lionel Richie

Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Lionel Richie,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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