Björk und St. Vincent prangern den weit verbreiteten Sexismus im Musikbusiness an.

Konstanz (pabi) - Björk stellt sich in einem offenen Brief auf Facebook gegen Sexismus im Musikbusiness. Die Isländerin trat beim Day and Night Festival in Texas als DJ auf und musste sich daraufhin einige Vorwürfe der Presse anhören, weil sie mit Maske und hinter einem mit Palmen dekorierten DJ-Pult auflegte. "Manche Medien fanden es wunderlich, dass ich nicht 'performe", sondern mich hinter einem Pult 'verstecke'. Bei meinen männlichen Kollegen ist das nicht so. Und ich denke, das ist Sexismus."

Weibliche DJs sind eine Besonderheit

Nicht nur weil sich bei männlichen DJs tatsächlich niemand beispielsweise über Maus-Masken wundert, ist die Kritik durchaus berechtigt. Schaut man sich Line-Ups von Elektro-Festivals an, fällt schnell auf, dass dort ein Männeranteil von geschätzten 95% herrscht. Wenn Frauen irgendwo auflegen, ist das eine Besonderheit, mitunter werden sie dann auch mehr als Bühnendeko, denn als Künstler wahrgenommen.

Auf den Sexismus in der Musikindustrie macht auch St. Vincent mit ihrem Cover-Foto des Guitar World Magazins aufmerksam. Die Multiinstrumentalistin ist dort in einem T-Shirt mit Bikiniaufdruck zu sehen und spielt damit auf die jährliche Ausgabe des Guitar World buyers guide an, in der halbnackte Models mit Musikequipment posieren. "Ich habe eine schnelle Google-Suche nach den Covern gemacht und gesehen, dass dort nur Mädchen in Bikinis sind, die Gitarren halten, wie man sie niemals halten würde."

Guitar World will in Zukunft aber keine Bikinimodels mehr auf die Titelseite bringen, weil die außer Mode seien und man die Marke nicht mit Sexismus in Verbindung bringen wolle, so der Manager Bill Amstutz im Reverb Magazin. Hier geht es natürlich mehr um Marketing, als um Gleichberechtigung, aber immerhin ist das schon mal ein Anfang.

Die Reduzierung von Frauen auf ihr Äußeres ist aber nicht das einzige Problem, wie Björk feststellt: "Frauen dürfen Singer/Songwriter sein, die über ihre Freunde singen. Wenn sie zum Thema Atomen, Galaxien, Aktivismus ...oder irgendetwas anderem als ihrem Geliebten wechseln, dann werden sie kritisiert: Journalisten denken dann, dass etwas fehlt. Als wäre unsere einzige Sprache emo."

Hauptsache der Ausschnitt ist tief

Genau das war bei ihren eigenen Veröffentlichungen der Fall. "Ich habe "Volta" und "Biophilia" bewusst geschrieben, weil ich wusste, dass das Themen sind, über die Frauen normalerweise nicht schreiben. [...] Aber es dauerte bis "Vulnicura", wo ich über mein gebrochenes Herz sang, bis mich die Medien wertschätzten. Männer dürfen von Thema zu Thema wechseln ... aber Frauen nicht. Wenn wir nicht unseren Ausschnitt tief machen und über unsere Männer und Kinder trauern, betrügen wir unser Publikum."

Aber Björk fühle, dass Veränderung in der Luft sei und appelliert daran "das Jahr 2017 zu dem Jahr zu machen, in dem wir den kompletten Wandel schaffen."

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8 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 10 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 10 Monaten

    ""Frauen dürfen Singer/Songwriter sein, die über ihre Freunde singen. Wenn sie zum Thema Atomen, Galaxien, Aktivismus ...oder irgendetwas anderem als ihrem Geliebten wechseln, dann werden sie kritisiert: Journalisten denken dann, dass etwas fehlt. Als wäre unsere einzige Sprache emo.""
    gibt es da irgendwelche beispiele oder quellen?
    ich habe noch nie gelesen, dass eine künstlerin für texte über atome, galaxien oder aktivismus kritisiert worden wäre.

  • Vor 10 Monaten

    Auch eine ulkige Ansicht:
    "Aber es dauerte bis "Vulnicura", wo ich über mein gebrochenes Herz sang, bis mich die Medien wertschätzten."
    Wenn ich mich nicht irre, ist Björk schon etwas länger ein darling der Musikpresse.

    Aber auf jeden Fall wieder mal ne starke Leistung, laut.de. Geschätzte Männerquoten auf Festivals als Indiz für Sexismus im Musikbusiness heranziehen und den Artikel dann mit Titten-Thumbnail verlinken.
    :illum:
    Bringt demnächst doch mal was zur Brustkrebsvorsorge!

  • Vor 10 Monaten

    ich habs nicht so mit "singer/songwriter" bei uns nennt man das "folk" oder "ballads"/"balladen" da geht es aber überwiegend um gefühle oder "politik" wie gesagt, ich bin nicht in der S/SWszene drinnen aber mir persönlich erscheinen "gefühle" und artverwandtes interessanter als themen als "galaxien", "atome" oder "aktivismus" wobei "aktivismus" ja wieder politik ist. aber eine "annet" durfte genau über die gleichen themen singen wie ein "frank rennicke"
    so rein gefühlsmäßig würde ich denken, dass auch männliche songwriter eher selten über atome oder galaxien singen.
    Eigentlich kenne ich nur Black Metal bands, welche die galaxis, den kosmos oder das universum thematisieren... aber keinen songwriter :uiui:
    ich lasse mich aber gerne überzeugen.

  • Vor 10 Monaten

    Ich mag Björk's Musik, Texte usw. Ab und an ist die Frau auch extrem witzig oder schlagfertig in Interviews, etc. In dem Fall hat sie doch einfach nur'n Problem damit dass manche Kerle ähnliche DJ performances abliefern und halt nicht von der Presse zerissen werden,.. oder anschließend in zahllosen dummen Foren darüber gewortwitzelt wird.

    Statt ihren zerpflückten Brief hier als Anlass zum kurzaufregen zu nutzen, hört euch lieber ihr Set an! Und wenn's euch gefällt, habt Spaß am existieren! ;)

  • Vor 10 Monaten

    ...nun ja...die Reaktionen auf Volta und Biophilia waren eigentlich positiver als die Reaktionen auf die letzte Platte...und die Stimmung auf den Konzerten zu den beiden erstgenannten Platten war auch besser. Und die Platten waren auch ziemlich erfolgreich, dafür, daß sie recht sperrig sind...
    Schlechte Kritiken habe ich keine gelesen, nur das übliche Mimimi von wegen "zu verkopft"...

    Insgesamt hat Björk zwar recht, aber ob sie da ausgerechnet SICH als Beispiel nehmen muß, wage ich zu bezweifeln. Für die Presse ist es natürlich einfacher, Fragen über Mathew Barney zu stellen als über Atome und Galaxien, aber das ist ja nun kein Wunder.

    Unterm Strich beweist doch eigentlich Björks gesamtes Werk, daß man all das als Frau machen kann, wovon sie sagt, "man könne es nicht"...DAS liegt wohl eher daran, daß die meisten Frauen das auch garnicht wollen. Wenn man als Mann nicht über Frauen, Bier und Schwerter singt, hat man es auch schwerer...