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Neue Ordnung. Genau das ist es, was die Band aus Manchester Anfang der 80er Jahre, aber auch nach der Reunion im Jahr 2000 auszeichnet: der Drang, die Dinge neu zueinander in Beziehung zu setzen und dabei alte, lieb gewonnene Konventionen immer wieder in Frage zu stellen. So gelten New Order mit ihrer Mischung aus Dancefloor inspirierten Synthieklängen und traditionellem, britisch-unterkühltem Indiesound als einzigartige Grenzgänger irgendwo zwischen tiefem Underground und luftigem Pophimmel.
Erstaunlich, denn die Anfänge der Band stehen unter keinem guten Stern. Gitarrist Bernard Sumner, Bassist Peter Hook und Schlagzeuger Stephen Morris sind mit ihrem Sänger Ian Curtis gerade dabei, unter dem Namen Joy Division die Musikgeschichte zu verändern, als sich Curtis im Mai 1980 erhängt. Anschließend löst sich die Band erst mal auf, um Ende 1980 mit Sumner als neuem Sänger und Morris' Partnerin Gillian Gilbert am Synthesizer als New Order wieder aufzutauchen. Fungiert der neu formierte Vierer auf der 1981 veröffentlichten Debüt-LP "Movement" noch als Konkursverwalter der musikalischen Vergangenheit, so beginnen New Order schon kurz darauf, ein eigenständiges Profil aufzubauen und emanzipieren sich als Band von Joy Division.
Mit dem Song "Temptation" von 1982 gelingt ein erster Clubhit, der andeutet, was die Zukunft bringen würde: Indiesongs im cluborientierten Synthiegewand, die Synthese von Kopf und Beinen. Mit dem visionären Maxi-Ungetüm "Blue Monday", einer Mixtur aus monotonem Wave-Rock und elektronischen Sounds, schaffen New Order 1983 den Durchbruch nach ganz oben. Nur im Maxi-Format veröffentlicht, ist der Song bald die bestverkaufte 12" aller Zeiten, die bis heute bei Techno-Clubabenden mühelos für einen vollen Dancefloor sorgt.
1982 eröffnet die Band außerdem gemeinsam mit dem 2007 verstorbenen Factory-Labelboss Tony Wilson den Club Hacienda in Manchester, der in den Folgejahren das Nachtleben der Stadt und bald des gesamten Königreichs nachhaltig verändern sollte. Laurent Garnier startete dort seine Karriere und 1985 wirbelte eine gewisse Madonna über die Hacienda-Bühne. Die House- und Rave-Bewegung hatte hier ihren Ursprung.
Die nächsten Album-Schläge "Low-Life" und "Brotherhood" folgen 1985 und 1986, und werfen wieder Hit-Singles ab: "Bizarre Love Triangle", "Subculture" und "The Perfect Kiss". Alle drei finden sich auch auf der Doppel-Compilation "Substance" (1987) als 12"-Versionen ein. Natürlich darf da der Ober-Hit "True Faith" nicht fehlen, mit dem die Band weltweit die Charts hinauf klettert. Als sich 1988/89 ganz England im Acid-House-Fieber austobt, erinnern sich viele Musikerkollegen plötzlich wieder an die synthetischen Pioniertaten von New Order und feiern die Band als Wegbereiter der neuen House-Musik.
New Order fühlen sich geehrt und lassen ihrerseits auf dem Folgealbum "Technique" von 1989 den neuen Clubsound miteinfließen. Danach gönnt sich das Quartett eine Ruhepause und einzelne Mitglieder gehen Soloprojekten nach (Electronic, The Other Two, Revenge). Mit "World In Motion" spielen die begeisterten Fußball-Fans noch den englischen Titelsong für die WM 1990 in Italien ein und landen damit ironischerweise ihre bis heute einzige Nummer Eins-Single.
Drei Jahre darauf kehren New Order mit dem vergleichbar poppigen Werk "Republic" auf die Bildfläche zurück, können aber nicht an die großen Hits der späten 80er anknüpfen. Aus der einstmals eingeschworenen Bandeinheit entwickelten sich mit den Jahren streitlustige Querköpfe, die zu lange zu eng miteinander durch die Welt gondeln mussten. Aus psychischem Stress resultiert bald künstlerische Leere.
Kurz nach der Album-Veröffentlichung verbreiten sich Gerüchte, wonach Sumner und Hook seit längerem nicht mehr die engste Beziehung zueinander pflegten und der New Order-Sänger das "Republic"-Album beinahe im Alleingang aufgenommen habe. Zwangsläufig trennen sich die Wege der glorreichen Vier anschließend für ganze sieben Jahre. Bassist Hook begräbt sein Projekt Revenge und nimmt zwei Alben mit dem neuen Baby Monaco auf. Erst 1999 erscheint mit "Brutal" wieder ein New Order-Lebenszeichen auf dem Soundtrack zum Danny Boyle-Film "The Beach".
Im Jahr 2000 scheinen alte Animositäten dann endgültig beigelegt zu sein. New Order kündigen unter allgemeinem Jubel an, wieder Hand in Hand zusammen ins Studio gehen zu wollen. Das Comeback-Album "Get Ready" entschädigt ein Jahr später für die lange Wartezeit auf neues Studio-Material und ruft bei Kritikern und Hörern einhellig Lobeshymnen hervor. Das Plattencover ziert die deutsche Schauspielerin Nicolette Krebitz.
Da sich Keyboarderin Gillian Gilbert aufgrund ihrer kranken Tochter nicht vorstellen kann, auf Tournee zu gehen, darf Pumpkins-Chef und New Order-Fan Billy Corgan für wenige Promotion-Konzerte mit auf die Bühne, nachdem er schon am Song "Turn My Way" mitgearbeitet hatte. Auf der anschließenden Welt-Tournee übernimmt Sumners Electronic-Mitstreiter Phil Cunningham den Gitarristen-Part.
Nach einer längeren Pause erscheint 2005 das Folgewerk "Waiting For The Siren's Call", das mangels Hitsingles nicht an den Erfolg des Vorgängers anschließen kann. Im Mai 2007 verbreitet Peter Hook die Kunde, dass sich New Order schon nach dem letzten Konzert 2006 aufgelöst hätten: "Es ist sehr traurig und es ist schwer, damit fertig zu werden, aber so ist das Leben. Du erholst dich, du schüttelst es ab und du fängst von neuem an." Es dauert jedoch nicht lange, bis die Dementis der Kollegen Sumner und Morris in der Presse auftauchen. Den Bass bedient ab 2011 anstelle Hooks Tom Chapman.
Zuvor gründet Sumner mit Cunningham und Jake Evans die Band Bad Lieutenant. Hook stellt die Gruppe Freebass zusammen, die sich aber noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums 2010 trennt. Im selben Jahr gründet er mit Freunden The Light, ein Gedenkprojekt an Ian Curtis und Joy Division, deren Songs er live auf die Bühne bringt und schreibt Bücher ("How Not To Run A Club", "Unknown Pleasures"). 2013 erscheint die letzte New Order-Veröffentlichung im alten Line Up: "Lost Sirens" ist eine Sammlung von Outtakes aus den Sessions zu "Waiting For The Siren's Call".
Peter Hook über die aufregende Joy Division-Zeit und das Ende von New Order.
Peter Hook sitzt in Manchester und muss über New Order sprechen. Seine ehemalige Band, die mal wieder mit Wiederveröffentlichungen glänzt: Die ersten fünf Studioalben sind gerade als aufwendige Collector's Editions im Doppel-CD-Format in den Handel gekommen.
Bekanntermaßen das redseligste Mitglied des britischen Gitarrenpop-Quartetts, gibt Hooky folgerichtig die meisten Interviews zu den neuen alten Studioalben. Drummer Stephen Morris erledigt auch noch ein paar Anfragen, die anderen beiden sehen keine Notwendigkeit. Wer aber könnte so herrlich ausschweifend und leidenschaftlich von den alten Zeiten schwärmen wie Hooky? Nach zwei bahnbrechend amüsanten laut.de-Interviews meinen wir die Antwort zu kennen: Niemand!
Hi Hooky, ich habe gerade ein hundertprozentiges New Order-Wochenende hinter mir. Leider hat die Plattenfirma mir nur die Rohlinge in Plastikhüllen geschickt, so dass ich nichts über das Artwork und die Booklets sagen kann, aber die sind sicher auch wunderschön.
Peter Hook: Haha, logisch. Die Cover sehen genauso aus, wie du sie kennst. Saville (Peter; Grafikdesigner für New Order seit Joy Divisions Factory Records-Tagen, Anm. d. Red.) wollte die keinesfalls ändern. Ich hätte mir das ja durchaus in neuer Verpackung vorstellen können, aber keine Chance. Es seien klassische Cover, meinte Saville. Was soll ich sagen, es sind seine Babys. Für jedes CD-Booklet wurden Interviews gegeben, die meiner Meinung nach ruhig länger hätten ausfallen dürfen. Aber das war schon ein interessanter Aspekt. Selbst ich konnte aus den Interviews mit den anderen einiges lernen.
Was denn zum Beispiel?
Gillian ist diesmal ziemlich involviert. Ich glaube, ich habe sie noch nie über New Order reden hören, denn sie spricht eigentlich nicht so viel. Es war sehr interessant, ihre Gedanken zu erfahren.
Angesichts der "Retro"-Box von 2002 und den fünf vorliegenden Collector's Editions stellt sich unweigerlich die folgende Frage: Ist da jetzt noch irgendwo irgendein New Order-Song, der noch nicht veröffentlicht wurde?
Wahrscheinlich. Erst neulich stieß ich zufällig auf ein paar alte Tapes, alte Joy Division-Tapes. Da war ein Song drauf, den ich noch nie im Leben gehört habe. Naja, ich kann mich jedenfalls nicht an ihn erinnern. Und dann gabs noch einige großartige Jams, nur mit Bernard, Stephen und mir im Proberaum. Ich wage mich also zu der Behauptung vor: Ja, auf dem ein oder anderen Tape existieren tatsächlich noch unveröffentlichte Songs. Wir haben nur keine Ahnung, wo die sind.
Aber keine Angst: In Sachen Resteverwertung erreichen wir mit diesen CDs nun das Ende der Fahnenstange. Wobei mir neulich ein Freund aus Amerika eine Liste mit Songs geschickt hat, die wir seiner Meinung nach hätten veröffentlichen sollen. Und da sind schon wieder Sachen drauf, bei denen ich keine Ahnung habe, wie die klingen könnten.
Skrupel in Sachen Wiederveröffentlichungen kann man euch jedenfalls nicht unterstellen.
Naja, wenn du als Gruppe aufgehört hast zu arbeiten so wie wir jetzt, dann kannst du nur zurückschauen. Die Sache mit den ganzen Wiederveröffentlichungen ist ja: Wären sie nur ein Mittel, um schnelles Geld zu machen, würde ich hier nicht mit dir darüber sprechen. Der wahre Grund ist, dass ich denke, sie klingen weitaus besser.
Das Remastern der alten Bänder hat sich definitiv gelohnt. Das macht mich sehr glücklich, denn die Fans sollten etwas für ihr Geld geboten bekommen. Hierzu gehört auch, dass viele B-Seiten nun erstmals auf CD erhältlich sind. Besonders Stephen und mir lag sehr viel an der soundtechnischen Überarbeitung.
Heißt das im Umkehrschluss, dass Bernards Interessen diesbezüglich eher woanders liegen?
Bernard wurde stets über einzelne Arbeitsabläufe informiert. Er ist aber eher kein Liebhaber vergangener Zeiten.
Stand es zur Debatte, New Order-Demos zu veröffentlichen?
Ja, aber wir sitzen gerade an einer neuen New Order-Website, wo wir sowas lieber unterbringen würden. Und wer den Hals gar nicht voll kriegt, der kann sich das Collector's Edition-Boxset besorgen, darin liegen noch fünf Liveplatten zur jeweiligen Bandphase. Macht summa sumarum 15 CDs.
Es gab Diskussionen über die Demos, zumal wir auch ein paar Tapes fanden, auf denen New Order noch ein Trio waren. Also aus der Übergangsphase von Joy Division zu New Order. Einige Sachen davon sind tatsächlich interessant und klingen passabel. Irgendwie kriegen wir die auch noch raus, auf dass sich alle Fans in der Vergangenheit ersaufen können.
Mich haben die neuen Re-Releases auch deshalb etwas gewundert, weil Stephen 2002 in der "Retro"-Box mit dem Satz zitiert wurde: "Wären wir dem Wunsch Rob Grettons gefolgt und hätten sämtliche Songs aller Singles veröffentlicht, wären es 20 CDs geworden und wir hätten keine müde Mark gemacht."
Die Singles-Box-Idee haben wir damals abgelehnt, das ist wahr. Aber das lag in erster Linie an den horrenden Herstellungskosten.
Und bei den Collector's Editions hielten sich die Kosten jetzt in Grenzen?
Heute ist es gerade mal so praktikabel. Aber noch vor zwei Jahren war so etwas in der von uns gewünschten Form nicht zu stemmen.
Führst du diese Interviews zu den tollen Platten der aufgelösten Band New Order eigentlich mit Wehmut und stiller Trauer? Haha, überhaupt nicht. New Order sind schon seit zwei Jahren Geschichte. Die meisten Leuten haben gar nicht mitgekriegt, dass wir schon auseinander waren, als diese Statements von Bernard und Stephen in die Presse kamen. In Wirklichkeit trennten wir uns schon nach unserem letzten Auftritt in Buenos Aires. Die anderen beiden gelangten damals zu der Auffassung, dass es mit New Order nicht mehr weitergehen könne.
Aber jede einzelne. Ich habe die ja aus den verschiedensten Gründen Ewigkeiten nicht mehr gehört. Als ich jetzt gezwungen war, sie mir wieder anzuhören, war das einfach ... großartig. (lacht) Und das hätte ich nicht gedacht, ehrlich gesagt. Ich dachte eher in die Richtung wie du, dass da Melancholie aufkommt oder so.
Aber dann saß ich da und hörte "Power, Corruption & Lies", "Low-Life" und "Brotherhood" und dachte nur: 'Mein Gott, wie fantastisch!' "Technique" war immerhin besser als ich es in Erinnerung hatte, und "Movement", nunja, da höre ich natürlich vor allem die damaligen Spannungen und Unsicherheiten innerhalb der Gruppe. Wir führten uns damals vielleicht auf wie im Kindergarten, aber was dabei herauskam, war großartige Musik.
Wie darf ich mir diese Situation vorstellen? Sitzt Peter Hook alleine in einem Raum und hört sich seine alten Platten über eine dicke Anlage an?
Alleine schon, aber im Auto auf der Autobahn. Wenn man Kinder hat, ist es praktisch unmöglich, die eigene Musik zu Hause anzuhören, falls du verstehst was ich meine. Bei uns dreht sich alles nur um Girls Aloud und Webkinz.
Verstehe. Ich komme zuhause auch nicht mehr dazu. Aber ich kann ja bei der Arbeit Musik hören.
Und das ist ja auch mal kein schlechter Job, wenn man dafür bezahlt wird, oder?
Gut, nochmal zu New Order: Was ist deine Lieblings-Bassline?
Die in "Age Of Consent".
Lieblingssong?
"Leave Me Alone". Immer gewesen. Ich habe damals während der Aufnahmen "Tender Is The Night" von F. Scott Fitzgerald gelesen, daran muss ich bei diesem Song immer denken. Was zum Glück eine sehr schöne Erinnerung ist, denn das Buch ist großartig.
Du hast seit einer Weile mit Freebass wieder ein neues Bandprojekt am Start, richtig?
Das ist korrekt. Und im Augenblick hältst du mich davon ab, daran weiter zu arbeiten. Aber ja, da soll bald was kommen, Ende Januar muss der Mix abgeschlossen sein. Zwölf Songs sind fertig, fünf haben wir noch. Und damit wollen wir nächstes Jahr natürlich auch auf die Festivals.
Gibts irgendwelche Gastsänger-Neuigkeiten, nachdem Robbie Williams ...
Nachdem der Drecksack Robbie Williams abgesagt hat? Nun, es standen noch Billy Corgan, Kelly von Bloc Party und Rowetta aus dem Happy Mondays-Umfeld auf unserer Liste, aber das klappte aus verschiedenen Gründen auch nicht.
Ich bin mit unserem festen Sänger Gary Briggs nun aber sehr glücklich, mancher kennt ihn vielleicht aus seiner früheren Gruppe Haven. Die ganzen Sängerwechsel-Ideen halfen unserem Sound nicht immer weiter, mit Gary haben wir jetzt eine viel stärkere Gruppenidentität entwickelt. Die Kollaborationen mit Tim Burgess von den Charlatans und Pete Wiley von Wah! Heat sind allerdings auch großartig. Ja, es wird eine feine Platte.
Und Robbie wollte nicht mit euch arbeiten?
Ich denke schon, aber es war einfach ein ungünstiger Zeitpunkt. Er meinte, er habe zu viel zu tun und wir hatten unsererseits keine Zeit, auf ihn zu warten. Wie das halt immer so läuft.
Überhaupt nicht.
Kannst du für uns nochmal deine Gefühle widergeben, nachdem du den Film in Cannes das erste Mal gesehen hast?
Er hat mich umgehauen. Du kannst dir vorstellen, dass es einen gewaltigen Eindruck macht, dreißig Jahre mit einer Erinnerung zu leben, die plötzlich auf einer riesigen Kinoleinwand in Form einer brillanten Darstellung wiederbelebt wird. It was like being kicked in the balls! Keine Ahnung, ob es im Deutschen eine Formulierung dafür gibt.
Gibt es. In die Eier treten.
There you go, haha!
Ist das Gefühl der Nostalgie ein anderes als das bezüglich New Order?
Das kann man schon vergleichen. Musiker denken für in der Regel nur daran, was sie als nächstes tun könnten. Als in die Jahre gekommener Musiker musst du dich allerdings an die Tatsache gewöhnen, dass du vermehrt Fragen beantworten musst, die deine Vergangenheit betreffen. Und es gibt einen einfachen Grund, warum ich so oft über meine Vergangenheit sprechen muss: Sie war erfolgreich. Manche Leute finden, wir haben etwas bewegt. Und das macht mich glücklich.
Es kann dich manchmal natürlich auch runterziehen, wenn es immer nur um die alten Geschichten geht. Diese Kämpfe musst du im Endeffekt mit dir selbst ausfechten. Ich bin sicher nicht unglücklich darüber, dass die aktuellen New Order-Geschichten mit Ausnahme der Webseite den Schlusspunkt unter dieses Kapitel setzen.
Glaubst du, Ian hätte "Control" geliebt?
Ja, das glaube ich. Ian hat immer unglaublich für die Band gekämpft und war selbst ihr größter Fan. Es hätte ihn mit Sicherheit sehr glücklich gemacht zu erleben, welches Erfolgslevel wir erreicht haben.
Der Film bescherte euch eine neue, junge Hörerschaft, die die Band zuvor gar nicht wahrgenommen hatte. Da schien es logisch zu sein, die alten Alben neu zu remastern und obendrein noch einmal eine Best Of-Compilation ...
An diesem Punkt muss man übrigens eines mal betonen: Die aktuellen New Order-Veröffentlichungen gäbe es ohne diesen Film gar nicht. Das Interesse an Joy Division ist auf New Order übergesprungen. Wir müssten uns also eigentlich bei Ian und Anton Corbijn dafür bedanken.
Die Idee mit den Joy Division-Platten kam also von der Plattenfirma.
Na klar. Ich meine, für einen Künstler ist es ja vollkommen uninteressant, wenn das Label ankommt und alte Sachen wieder veröffentlichen will. 'Oh! Whoopie, dudes!' Künstlerisch bedeutet es nichts. Finanziell? Hoffentlich irgendwann mal. Man will damit halt ein neues, junges Publikum erreichen, Punkt.
Und was tut sich so seit den Joy Division-Wiederveröffentlichungen auf deinem Bankkonto?
Noch gar nichts. Bei uns dauert es 18 Monate, bis die Tantiemen ausgezahlt werden. Wir sind also in freudiger Erwartung.
Was ist deine Lieblingsfilmszene?
Schwere Frage. Ich finde den Aufstand im Konzert sehr gelungen umgesetzt.
Ich hätte mich ja gefreut, wenn die Anekdote integriert worden wäre, dass ihr nach einem Konzert einmal mit Grillhähnchen bezahlt worden seid.
(lacht) Das ist wahr. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob wir mit den Hähnchen bezahlt wurden. Nein nein, ich glaube wir wurden überhaupt nicht bezahlt, und deshalb sind wir zum Tiefkühlschrank dieses Schuppens gegangen und haben uns an den Hähnchen bedient. Das war der Auftritt in Preston im Warehouse, der später auch als CD rauskam. Dies ist die wahre Geschichte.
Eine spezielle Frage: Im Film gibt es die Szene, in der Ian auf der Bühne einen Anfall erleidet, backstage getragen wird und dort nicht von den Bandmitgliedern, sondern von Rob umsorgt wird. Ohne dir zu nahe treten zu wollen: Entspricht diese Darstellung der Wirklichkeit? Hatte Rob einen spezielleren Draht zu Ian?
(seufzt) An diesem besagten Abend war ich der Fahrer zum Krankenhaus. Normalerweise kümmerten sich immer Rob und ich um ihn, abgesehen davon braucht man für sowas eh keine fünf Mann. Ich erinnere mich an einen Auftritt in Birmingham, nach dem ich auf dem Weg ins Krankenhaus eineinhalb Stunden lang seine Zunge festhalten musste. Nein, das war in Bournemouth. Na, jedenfalls kann man sich schönere Dinge vorstellen.
Das seltsame an Ian war ja, dass er jedem erzählte, wie gut es ihm geht. Er hätte nie zugegeben, wie es wirklich um ihn steht. Und wenn du etwas hast, wovon du felsenfest überzeugt bist und das du voranbringen willst und dir der vermeintlich kranke Kumpel versichert, es gehe ihm blendend, dann willst du ihm einfach glauben. Auch wenn dir dein gesunder Menschenverstand das Gegenteil sagt. Ich denke, Ian war sich selbst sein schlimmster Feind.
Hast du die Filmkritik von Nathalie Curtis, Ians Tochter, im Guardian mitbekommen? Sie bemängelte, dass das Manchester der 70er in vielen Szenen anstatt mausgrau und düster geradezu schillernd wiedergegeben und somit eine wichtige Verbindung zu den Texten der Band missachtet wurde.
Sie war in den 70ern nicht persönlich in diesen mausgrau düsteren Straßen in Manchester, oder? Nathalie, Gott beschütze sie, ist leider in einer schwierigen Lage. Es muss dich doch kaputt machen, wenn du deinen Vater so jung verlierst und dann dreißig Jahre mit dessen Bekanntheitsgrad leben musst. Einfach furchtbar. Das ist eines der schlimmsten Dinge, die im Leben passieren können, als Kind den Vater oder die Mutter zu verlieren. Und als Vater stelle ich fest, dass Nathalie unter diesem Aspekt sehr viel leiden musste.
Ich möchste das Interview mit ein paar Songtiteln beenden, auf die du antworten kannst, was dir gerade in den Sinn kommt. Einverstanden?
Yep.
Also los: I kissed a girl.
Ähh, I kissed a few.
Ist von Katy Perry, einer jungen Amerikanerin.
Aha, interessant.
Fuck Forever.
Wenn du mal die 50 überschritten hast, droht ein düsteres Schicksal.
Rehab.
Ich kann mich gut erinnern.
4 Minutes.
And you're almost there.
The shock of the lightning.
Weckt keinerlei Assoziationen bei mir.
1963.
Ah, schön, einer meiner Lieblingssongs. Den haben die anderen geschrieben und ich kam ganz am Schluss dazu, um den Bass einzuspielen. Mein Break am Ende des Songs gehört zu meinen besten musikalischen Momenten.
You have killed me.
Haha, no you haven't.
You cross my path.
And I'll fucking kick you up the arse!
The dark of the matinee.
Puh, Ultravox?
Blue Monday.
Hahaha ... (verschluckt sich) Hahaha! Das ist unser Wild Thing.
Hamburg, Ende Januar: New Order wollen über ihr neues Album "Waiting For The Sirens' Call" sprechen und laden ins Side Hotel, eine Art futuristischer Sushi-Treff im Hotelformat. Natürlich lässt man alte Männer, zumal Jugendhelden, nicht lange warten.
"Hooky und Stephen frühstücken noch", informiert mich Promoter Sven am Fahrstuhl der Hotellobby gerade, da traben die zwei müden Gestalten auch schon auf uns zu, Kaffee in der Hand, britische Höflichkeit auf der Zunge. Äußerlich bevorzugt Morris textiles Understatement, Hook hingegen wahrt mit Mützchen und einem rosafarbenen, an der Schulter maschinell durchlöcherten T-Shirt sein Paradiesvogel-Image. Auf dem Weg in den zweiten Stock stellen wir uns vor, während ich mit der anderen Hand erfolglos in meiner Umhängetasche nästele, um das Mikrofonkabel schon mal in den Minidisc-Rekorder zu stecken. Jau, endlich mal wieder richtig aufgeregt. Wie damals bei Dave Gahan, was ja bekanntlich nicht im Guten endete.
Doch Hook und Morris, Bassist und Drummer von New Order, geben keinen Anlass für Beunruhigung. Als wir ihre Suite betreten, inspiziert Hook sogleich interessiert die Getränke-Auswahl und bittet Sven danach in beinahe unterwürfigem Ton um einen Red Bull. Obendrein hat der massige Bassist eine besänftigend ruhige Stimme und nennt natürlich einen wunderbaren Nordengland-Slang sein Eigen. Morris kann da locker mithalten, ist zusätzlich Meister in der Disziplin des Worte-Dehnens und des Schluckens ganzer Vokal- und Konsonantenreihen. Die gute Laune der beiden ist dennoch ansteckend. Wie ein altes Ehepaar ergänzen sich der redseligere Hook, der mitunter beim Reden freudig schmatzt, und der gewitzte, nicht weniger auf Pointen bedachte Morris.
Peter, du erinnerst dich ja sicher an unser Telefonat im Dezember 2002, als ihr euch nach einem ausgedehnten Urlaub gerade erst wieder getroffen hattet. Du meintest damals, ich hätte gerade die erste Probe für das neue New Order-Album unterbrochen, worauf ich bis heute stolz bin. Wie viele Proben lang hat der Gewöhnungsprozess denn gedauert und welcher Song flutschte euch als erstes aus den Fingern?
Hook: Christ, die erste Probe! (lacht) Weißt du, lustigerweise spielt es keine Rolle, wie lange man die anderen nicht sieht. Ist man plötzlich wieder zu viert zusammen, kommt alles sofort wieder zurück. Du stehst einfach für deinen Gepäckschein an und bekommst ihn. Wir sind jetzt schon so lange zusammen, dass es wie in einer Familie ist. Du kannst dir zwar deine Freunde aussuchen, aber eben nicht deine Familie.
Morris: Es ist wie damals, wenn man als Schüler nach den Sommerferien wieder zur Gruppe zurück kommt. Am Anfang tut jeder etwas betreten, aber irgendwie läuft es dann doch wieder.
Hook: Einer der ersten Songs, die wir hinbekamen, nachdem Phil (der neue Gitarrist, Anm. d. Red.) zu uns gestoßen ist, war "Lordsy", ähh, wie heißt der jetzt? "Who's Joe"! (lacht). Nachdem wir die Festivaltour mit "Get Ready" hinter uns hatten, trafen sich zunächst Bernard, Steven und ich, um neue Ideen auszuarbeiten. Dann haut Bernard für gewöhnlich ab, um sich über den Gesang Gedanken zu machen. Damit wir in der Zwischenzeit nicht Däumchen drehen müssen, kamen wir auf die Idee, Phil zu uns zu holen, der schon auf der Tour unser Live-Gitarrist war. Einfach nur, um zu sehen, ob man gemeinsam etwas zustande bringt. Wir fingen also an zu schreiben, und es stellte sich heraus, dass Phil hervorragend zu uns passte. Er verstand die Route, die wir im Auge hatten, auf Anhieb und kam auch nicht an, um Dinge zu verändern. Anders gesagt: Nicht New Order musste sich ihm fügen, sondern er fügte sich New Order an. Ähh, macht der Satz Sinn?
Morris: Was Phil allerdings sehr veränderte, war unser Output. Normalerweise ist es so, dass wir gemeinsam eine Idee ausarbeiten, die Bernard dann mit zu sich nimmt, um in aller Ruhe am Gesang zu arbeiten. Währenddessen haben wir in der Regel nichts zu tun. Da nun aber Phil da war, konnten wir einfach weitermachen. Immer wenn Bernard zurück kehrte, hatten wir in der Regel schon wieder drei neue Ideen für ihn. Ich glaube, das hat ihm ein bisschen gestunken (lacht).
Hook: Phils jugendlicher Enthusiasmus hat Steven und mich natürlich zusätzlich angespornt. Am Schluss hatten wir tatsächlich 21 Ideen beisammen, und dieses Tempo hat Bernard zunächst überhaupt nicht gefallen (imitiert Bernard): "Ohhh, uhhh, fockin' hell, I wonna be the vocalist, you know, ohooo, uhhh". Tja, wir hatten halt einfach zu viele Ideen für ihn und sollten dann eben aufhören zu jammen. Aber so kam unter anderem auch "Lordsy" zustande, der so heißt, weil er uns an "Days Of The Lords" von Joy Division erinnert.
Morris: Der Song heißt jetzt aber "Who's Joe".
Hook: Ja ja, ich weiß. Und der neue Titel gehört sogar zu meinen Lieblingen.
Obwohl ihr eine Keyboarderin für einen Gitarristen ausgetauscht habt, klingt euer neues Album erstaunlicherweise nicht härter als "Get Ready".
Morris: Auf "Get Ready" waren schon viele Gitarren zu hören. Aber damals hatten wir nur einen einzigen Produzenten, so dass das Album in sich insgesamt auch klar und stimmig klang. Dieses Mal wollten wir ganz bewusst verschiedene Dinge austesten und mehr experimentieren. Daher auch die Idee, mehrere Produzenten einzuladen.
Das stand von Anfang an fest?
Morris: Nun, es gab anfangs ein paar Vorbehalte, aber dann redeten wir uns zu, es einfach auszuprobieren. Die Marschrichtung lautete: Wir gehen da jetzt rein und schauen, was passiert. Das ist immer ein bisschen wie Lottospielen. Wir machten das zum einen mit Stephen Street, was schonmal fantastisch war, er und Cenzo ...
Hook: C-E-N-Z-O.
Morris: Genau, Cenzo, der Typ bezahlt uns für jede öffentliche Erwähnung seines Namens (alle lachen). Die Arbeit mit den beiden schien sogar immer besser zu werden. Als danach John Leckie an der Reihe war, merkten wir erst, wie schnell die Arbeit mit den anderen beiden vonstatten ging. Wir verlangsamten das Tempo mit ihm also ein wenig. In dieser Phase merkten wir außerdem, dass Songs wie "Who's Joe" gar keiner großartigen Produktion mehr bedurften, so dass wir uns gleich selbst darum kümmerten.
Als vierter Produzent im Bunde war auch Stuart Price bei euch zu Gast. Beruht diese Wahl auf eurer Zuneigung für seine Band Zoot Woman?
Hook: Ist das seine Band?
Morris: Ja, Les Rhythmes Digitales war seine erste Band, danach gründete er Zoot Woman.
Hook: Ah, alright. Nein, Stuart wurde uns empfohlen. Es ist lustig, denn er ist für einen meiner absoluten Lieblingssongs verantwortlich und für einen, den ich nicht so toll finde.
Welchen Song meinst du?
Hook: "Guilt Is A Useless Emotion". Mit dieser Nummer bin ich nicht zufrieden.
Dann kommt sie wohl auch nicht auf's neue Album.
Hook: Oh doch, denn leider wurde ich überstimmt (beide lachen). Stuart Price machte mich also nur zur Hälfte glücklich, "Jetstream" ist großartig geworden, aber "Guilt" endete eben nicht wirklich nach meinem Geschmack.
Die neue Single heißt "Krafty", ein Ausdruck, der nicht in den gängigen Dictionarys vorkommt.
Hook: Kennst du Kraft-Käse? Der kommt doch sogar aus Deutschland, nicht wahr?
Ja sicher, aber ...
Morris: Ach quatsch, hör' einfach nicht auf ihn! (Hook bekommt einen Lachanfall) Aber er kann eigentlich nichts dafür, denn er versucht nur, das Unerklärbare zu erklären.
Hook: Nein, also wir nannten den Song "Krafty", weil er uns ein wenig an Kraftwerk erinnerte.
Morris: Es ist mittlerweile eine Tradition bei New Order, dass wir irgendwann Songs beisammen haben, denen der Titel fehlt. Auf "Power, Corruption & Lies" gibt es zum Beispiel den Song "Your Silent Face", der ursprünglich auch nur ein Arbeitstitel war, aber schon damals fiel niemandem etwas besseres ein. Mit "Krafty" sind wir nun wieder soweit: It's the Kraftwerk one.
Hook: Gestern haben wir übrigens Karl Bartos getroffen, der uns erzählt hat, dass Kraftwerk früher auch schon ihren internen New Order-Song hatten. Toll, was? Man könnte glatt eine Revolution anzetteln. Der Song "Working Overtime" lief bei uns lange Zeit als Primal Scream-Nummer. Aber zurück zu dem Produzenten-Ding: Vor allem Bernard hatte in seiner Zeit mit Electronic (Bernards Nebenprojekt, Anm. d. Red.) ein paar schlechte Erfahrungen damit gemacht. Er war deshalb der Meinung, nicht allzu viele Vereinbarungen zu treffen, bevor man nicht miteinander gearbeitet hat.
Das Ergebnis ist, wie Steve schon sagte, ein Experiment. Manches klappte eben und manches nicht, wobei ich das nicht im Sinne von Auseinandersetzungen meine. Bei Stephen Street und Cenzo, C-E-N-Z-O, machte es einfach sofort "Klick". Es fühlte sich ganz natürlich an. Somit hatten wir auf Anhieb einen sehr hohen Qualitäts-Maßstab geschaffen (lacht), sehr zu Ungunsten der anderen Produzenten (prustet los).
Letztes Jahr sind The Cure mit jungen Bands auf Tournee gegangen, die die Engländer als Inspiration und Jugendidole anhimmeln. Könntet ihr euch das auch für New Order vorstellen?
Morris: Nun, langsam haben wir eher das Problem, dass wir keine Bands mehr finden, die älter sind als wir. (allgemeines Lachen)
Hook: Haben The Cure uns auch als Inspiration angegeben? Die haben uns ja verdammt nochmal bis zum Hals abgekupfert, diese elenden Bastarde.
Morris: Meinst du, ob wir mit jungen Bands auch arbeiten würden?
Nein, eigentlich wollte ich wissen, ob es euch gefallen würde, mit Bands zu touren, die euch vergöttern. Bei The Cure waren das Interpol, The Rapture und Mogwai.
Hook: Oh, klingt wie eine New Order-Tribute-Nacht. (allgemeines Lachen)
Morris: Nun, wir könnten das tun ...
Hook: ... wenn wir auf Tour gehen wollten ...
Morris: ... wenn wir denn etwas vorhätten, was man landläufig unter dem Wort Tour subsummiert ... Also ich könnte mir vorstellen, dass es zusammen mit Interpol oder wem auch immer mit der Zeit etwas eintönig werden könnte. Ich denke, dass es besser ist, mit einer unbekannten, frischen Band zu touren.
Hook: Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis: Promoter, die eine alte Band auf Tour schicken, holen für gewöhnlich eine junge und angesagte Band ins Boot, damit auch junge Leute in den Konzertsaal kommen. Ich bezweifle, dass die Auswahl der Bands bei The Cure lag. Die haben sicher nur gesagt (verstellt die Stimme leidend): Oooh, yeehh? Sind die denn auch gut? Nee, hab' ich noch nie gehört. New Order? Ja, die sind gut.
Nein, es lief eigentlich schon andersherum, auf ausdrücklichen Wunsch von The Cure. Zu New Order melden sich derzeit ja auch genug Bands zu Wort, zum Beispiel The Bravery ...
Hook: ... and that's very brave of them! (lacht sich kaputt)
In Deutschland sind sie noch nicht bekannt.
Morris: In England auch nicht.
Hook: That's very brave of them! (schaut mich fragend an) Hast du das drauf? Nein, also mal ernsthaft: wie klingen The Bravery denn?
Ich habe auf ihrer Homepage nur kurz in zwei Songs reinhören können, New Order sind da sicher dabei, allerdings waren beide Songs auch extrem poppig, also vielleicht in Richtung Duran Duran vor ungefähr ...
Hook: entrüstet: Was? Also für mich ist das schon alles ein wenig seltsam, seit wir wieder zurück sind. Man wird ja pausenlos mit einer Unmenge an Bands in einen Topf geschmissen. Die allerschlimmste Verfehlung war ironischerweise, als wir mit Marion verglichen wurden, der ehemaligen Band unseres Gitarristes Phil. Die NME-Headline dazu lautete: "Die zweitklassigen Joy Division". Da habe ich mich wirklich gefragt, wie man wohl drauf sein muss, um so etwas auch noch aufs Cover zu drucken. Das ist doch eine absolute Beleidigung. Ich meine, es mag natürlich herzzerreißend für eine neue, junge Band sein, mit Joy Division oder New Order verglichen zu werden, aber doch nicht auf diese Art und Weise.
Eine andere Manchester-Legende, die gerade wieder immensen Erfolg genießt, ist Morrissey.
Hook: Well, er war aber nie wirklich weg, oder?
Morris: Wir trafen Morrissey mal am Flughafen in Dublin, nachdem wir diesen Gig mit den Chili Peppers gespielt hatten (im Sommer 2002, Anm. d. Red.). Wir warteten gerade auf den Flug nach Manchester und Gillian unterhielt sich aufgeregt mit ihm, schließlich ist sie ja ein großer Morrissey-Fan. Naja, und er jammerte ihr die ganze Zeit vor, dass er keinen Plattenvertrag bekäme, dass ihn niemand leiden könne usw.
Hook: Sagte sie ihm, dass dies daran liege, dass er ein Trottel ist? (lacht)
Morris: Wer weiß ... er stand jedenfalls da wie ein begossener Pudel. Armer Morrissey, niemand will dir einen Plattenvertrag geben. (lacht) Na jedenfalls war ich nicht zuletzt aufgrund dieser Geschichte schon ein klein wenig überrascht, als uns Morrissey dann kürzlich wieder erschien, um den ihm zustehenden Platz als König des Universums einzunehmen.
Hook: Sein Album ist wirklich gut und die Single ist großartig. Was er aber wirklich drauf hat, ist die unverschämte Art und Weise, mit der er es den Leuten in Manchester immer wieder reindrückt. Denn jeder einzelne Mensch in Manchester hasst Morrissey nunmal wie die Pest. Niemand hat dort ein gutes Wort für ihn übrig, denn jeder hatte eben schonmal irgendwie mit ihm zu tun, und Morrissey ist halt einfach ein ziemlicher Bastard. Aber ich liebe den Titel seiner neuen DVD ...
Morris: Oh ja!
Hook: Der Titel ist "Who Put The 'M' in Manchester"! Was für ein verdammter Drecksack! Wenn er da nicht schon Koks intus hatte, sollte man ihm für diese Aktion dringend etwas vorbei schicken. Fuckin' great! Er musste sich eine Zeit lang ja wirklich buchstäblich von jedem Einwohner fernhalten. Immer wenn er in Manchester oder irgendwo in der Gegend auftritt, checkt er höchstpersönlich die Gästeliste, um sicher zu gehen, dass ja niemandem Eintritt gewährt wird, der ihm dumm kommen könnte.
Klingt wichtig.
Hook: Und ob! Aber so ist das eben. Morrissey ist kein netter Zeitgenosse. Er ist einfach kein netter Mensch. Daran besteht nun wirklich kein Zweifel.
Wenn ihr zurück schaut, gab es da ja auch die ein oder andere schwierige Phase innerhalb der Band, Punkte, an denen man glaubt, nicht mehr weiter zu kommen. Könnt ihr nun, wo ihr nach der Trennung sogar besser miteinander auskommt als in den 80er Jahren, ein paar eurer Geheimnisse verraten?
Hook: Ich glaube, es steht schon im Vertrag, dass du dich streiten musst. Du beginnst eine Karriere freundschaftlich und fängst dann an, die anderen binnen kürzester Zeit elendig zu hassen.
Morris: Ich denke, wir streiten gar nicht so häufig.
Hook: Stimmt, wir ertränken den Frust lieber, was allerdings auch dumm ist. Wichtig ist auf alle Fälle Toleranz, Geduld und die Fähigkeit, Kompromisse schließen zu können. Das Schwierige an solchen Geschichten ist, dass es immer auf die Individuen ankommt. Ich habe gestern einen Artikel über Ray Davis und das Verhältnis zu seinem Bruder gelesen. Die haben sich ja ganz fürchterliche bekämpft. Richtig bösartig, aber die Kinks blieben trotzdem zusammen. Ich habe keine Ahnung, das Seltsame an einer Band ist, dass du immer die Balance halten musst, immer auf die Chemie achten musst. Unsere Sache funktionierte aufgrund dieser Chemie unter den Bandmitgliedern. Die Leute müssen sich allerdings nicht unbedingt mögen, wie man an den Stones sieht. Aber sie können zusammen arbeiten und etwas Besonderes erschaffen.
In einer jungen Band findest du das nirgends, denn junge Bands machen Musik nur aus Liebe und aufgrund des Wunsches, auszubrechen. Wenn sie das geschafft haben, und plötzlich Geld, Ruhm und Verehrung ins Spiel kommt, reagieren manche Menschen im Handumdrehen ganz anders. Bei einer Band wie The Darkness musst du zum Beispiel erstmal die nächste Phase abwarten. Das gilt auch für The Killers oder Interpol, die gerade über ihre erste Erfolgswelle hinweg gleiten. Den einzigen Rat, den du diesen Bands geben kannst, ist: Bleibt dabei! Denn egal mit welchen Leuten du zusammen arbeitest, es ist ein wunderbarer Job und ein tolles Leben.
Morris: Ich meine, wir könnten problemlos ein Buch darüber schreiben, was du in einer Band keinesfalls tun solltest, aber am Ende muss wohl jeder seine Fehler selbst machen.
Hook: Macht einfach nicht so viele.
Noch ein Wort zu dem Film über Ian und Joy Division, für den dieses Jahr die Dreharbeiten beginnen sollen. Seid ihr aufgeregt?
Morris: Mir schnürt es vor Spannung nicht die Kehle ab, wenn du das meinst. Das Problem ist, dass es ja eigentlich zwei Filme sind: der eine entsteht anhand der Notizen von Deborah Curtis' Buch "Touching From A Distance". Anton Corbijn will ihn drehen und unser alter Kollege Tony Wilson spielt den Executive Producer. Der andere behandelt die Geschichte von Joy Division, den Regisseur habe ich gerade vergessen, aber es ist eine US-Produktion und Moby hat auch seine Finger im Spiel. Es gibt also einmal eine Hollywood-Produktion und dann eine britische Hollywood-Produktion. Und ich glaube, es gibt nicht genügend Menschen auf der Welt, die gleich zwei Joy Division-Filme unterstützen. Einer wird wohl dran glauben müssen.
Und ihr unterstützt eher das Werk von Anton Corbijn?
Morris: (unerwartet energisch) Oh no! Nein, aber in erster Linie supporten wir jetzt mal unser neues New Order-Album. Wenn das vorbei ist, setzen wir uns vielleicht mal zusammen und reden mit den einzelnen Leuten über die Filme.
Hook: Was unsere Unterstützung angeht, wird das natürlich beiden Filmen zuteil. Moby ist ein toller Kerl. Anton Corbijn ist dagegen total verrückt, aber auch ein netter Kerl. Ich denke also, dass beide Projekte in Ordnung gehen. Wobei es uns einerseits schon amüsiert, wie relevant diese Dinge der Öffentlichkeit plötzlich erscheinen. Neulich sagte mir jemand, dass es nun 25 Jahre her ist, seit Ian starb.
Morris: Wirklich? Lasst uns eine Party feiern.
Hook: Tja. Und nun wird "Love Will Tear Us Apart" plötzlich in England als beste Single der vergangenen 25 Jahre für einen Brit Award nominiert. Das ist doch Wahnsinn! Dabei tun wir dafür gar nichts. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir zu sehr in die ganze Sache involviert sind, als dass wir verstünden, warum man das als so hochwertig und interessant ansieht. Ich glaube schon, dass beide Filme gut laufen könnten. Da haben sich gute Teams gefunden.
Morris: Ich finde, die sollten mal so richtig gegeneinander kämpfen, und der Gewinner sollte dann den Film drehen dürfen.
Habt ihr Favoriten für die Rolle von ...
Hook: ... von uns? Von Ian? Hmm, schwierig. Das gemeine daran ist ja, dass der Typ, der ihn in "24 Hour Party People" spielte, eigentlich unübertreffbar ist. Witzigerweise wurden all die Leute, die bereits tot sind, fantastisch gespielt, während die, die noch am Leben sind, mies gespielt wurden. Was Ian angeht, ohje, sollte ich es tun? Oder Arnold Schwarzenegger?
Jude Law ist im Gespräch.
Hook: Oh nein, nicht der. Vin Diesel vielleicht?
Morris: Hauptsache, mich spielt Rowan Atkinson. (allgemeines Lachen)
Letzte Frage: Wer wird nächstes Jahr Weltmeister?
Hook: Eine Fußball-Mannschaft.
Morris: Die, die die meisten Tore schießen.
Hook: Für England wird es spannend. Sven-Göran Eriksson und David Beckham sind ja beide unglaublich berühmt und beide werden dabei sein. Andererseits muss man auch zugeben, dass die glorreiche Zeit der beiden wohl eher in der Vergangenheit zu finden ist. Es wird deshalb sehr spannend sein zu sehen, wie die englischen Fans auf Beckham reagieren. Ich konnte mich jedenfalls kaum halten, als ich ihn im Fernsehen habe spanisch sprechen hören. Fuckin' hell! Ich meine, es war ganz sicher ein tapferer Versuch. Aber es sah eben einfach nur bescheuert aus und klang auch keineswegs cool. Oder hast du in der Zeitung die Bilder der Real Madrid-Fans gesehen, als sie die sieben Todsünden auf einem riesigen Banner hoch hielten? Unglaublich! Für sieben Real-Spieler gab es jeweils eine Todsünde. Beckham zeigten sie in einem Bild, wie er gerade Rebecca Loos vögelte. Seine Sünde war Gleichgültigkeit oder sowas ähnliches. Ist das nicht großartig? Das Team gehört praktisch den Fans.
Promoter Sven, der bereits zwei Minuten stoisch und ohne einzuschreiten Hookys Fußball-Ausführungen lauscht, macht nun deutlich, dass es Zeit für das nächste Interview-Team ist. Zu zwei Fotos reicht die Zeit natürlich noch, heftige Umarmung inklusive. Definitiv sind die zwei nicht weniger große Unterhalter als Musiker.
Das Interview führte Michael Schuh.
Mit der Greatest Hits-Scheibe "International", dem 4-CD-Boxset "Retro" und der DVD "Live At Finsbury Park" veröffentlichen New Order gerade mehr Tonträger als in den gesamten 90er Jahren. Die Band selbst ist auch wieder fleißig, wie Peter Hook im LAUT-Interview verrät.
Wird er gesprächig sein, der bärtige New Order-Bassist? Launisch? Träge vom zähen Interview-Marathon? Wird er mich überhaupt anrufen? Das Telefon klingelt zwanzig Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt: "Hi, hier ist Andrew. Peter fummelt noch an seinem Bass herum, aber er ist gleich da." Tatsächlich hört man im Hintergrund den legendären New Order-Bass brummen und entfernt spielt sogar jemand Schlagzeug. Was ist denn da los, frage ich mich gerade, als sich Peter meldet:
Hello?
Hi, hier ist Michael von laut.de
Hi! Ich tu jetzt mal nicht so als verstünde ich wovon du sprichst ... (lacht)
laut.de ist der Name unseres Online-Magazins.
Oh, wonderful. Wird auch Zeit, diese nervigen Printmedien abzulösen, stimmts?
Richtig so! (Gelächter) Ähm, habe ich dich eben gerade vom Bass-Spielen abgehalten?
Ja, wir sind nach zwei Monaten Urlaub gerade wieder alle zusammen gekommen, um zu jammen. Genau genommen ist heute unser erster Tag. Du hast also gerade die Arbeit an der nächsten New Order-LP unterbrochen. Ich hoffe, du bist wenigstens stolz auf dich! (Gelächter)
Lass uns über euer 4-CD-Boxset "Retro" sprechen. Ist das als Weihnachtsgeschenk an eure Fans nach der regulären Greatest Hits "International" zu verstehen?
Nun, diese Boxset-Geschichte tragen wir nun schon ewig mit uns herum. Denn auf Factory (altes New Order-Label, Anm. d. Red.) wurden nie all unsere 12"es auf CD veröffentlicht. Die Idee des Boxsets war eigentlich, alle Singles mit ihren B-Seiten zu veröffentlichen. Aber wir sind halt Idealisten. Denn als es dann um die Kompilierung ging, merkten wir, dass wir etwa 20 verschiedene CDs benötigt hätten.
Und das Cover-Artwork sollte ja auch noch berücksichtigt werden. Um es kurz zu machen: das ging auf keinen Fall. Als wir dann darüber nachdachten, wie wir die Box wohl für alle interessant gestalten könnten, kam uns die Idee, sie von Fans zusammen stellen zu lassen. Das war sowieso schon mal eine tolle Idee, da wir einfach stinkfaule Säcke sind und die Arbeit so auf andere abwälzen konnten. (lacht)
Wir fragten also vier Leute, die wir über die Jahre kennen gelernt haben, ob sie das für uns machen würden. Zum einen ist das die Fernsehmoderatorin Miranda Sawyer, die auch in der Jury des Mercury Awards sitzt. Sie ist ein großer Fan von uns, kommt zu vielen Gigs und ist eine enge Freundin der Band. Dann sind da noch John McCready und Mike Pickering, die uns ihre Sicht auf New Order verraten. John arbeitete früher im Hacienda Club, Mike war dort DJ. Ihn baten wir natürlich, die Dance-Seite New Orders aufzudecken und Remixes zusammen zu stellen. Und schließlich beauftragten wir unseren alten Freund Bobby Gillespie, die besten Livetracks aufzulisten.
Wie viele Tapes bekam Bobby, um die Live-CD zusammen zu stellen?
Lustiger Weise hatte er selbst eine ganze Menge gesammelt, aber am Ende brauchten wir noch mehr ... Das Problem mit dem alten Zeug ist ja, dass alles auf Kassetten ist, und die sind teilweise gut 20 Jahre alt. Doch glücklicherweise haben wir bei mir zu Hause noch einige Schätze gefunden. Ich führe nämlich meine eigene New Order Bootleg-Collection. (Gelächter)
Hast du schon alle vier CDs angehört?
Ja, alle. Ich war überrascht dass ich einige Sachen auf der Dance-CD noch gar nicht kannte. Teilweise ist es wirklich seltsam. "Temptation" spielen wir zum Beispiel seit Ewigkeiten live. Ich hatte also nie das Bedürfnis, mir die Platte anzuhören. Als ich nun aber nach bestimmt zwölf Jahren den Song wieder hörte, kam mit ihm plötzlich die ganze Atmosphäre der Aufnahme hoch. Bernard nahm damals gerade den Gesang auf und es schneite draußen. Wir anderen gingen raus, kamen mit Schneebällen ins Studio zurück und bewarfen ihn während er sang. Und du kannst es auf der Platte hören. Das habe ich total vergessen, obwohl wir das Stück ständig live spielen. Wahnsinn!
Würdest du dich als nostalgische Person bezeichnen?
Oh yeah, Bernard nennt mich gerne einen alten Melancholiker, da ich oft über die Vergangenheit nachdenke. Ich bin durch einige fantastische und schreckliche Zeiten gegangen, mit der Band und alleine. Das ist eben ein Teil deiner Entwicklung. Es macht Spaß nostalgisch zu sein und sich zum Beispiel alte Bilder anzuschauen. Du machst ständig "Aahhh" und "Ooohhh" und denkst "damals konnten wir den Song noch nicht spielen, jetzt können wir ihn". Das ist lustig.
Ihr veröffentlicht auch eine DVD von dem Konzert in Finsbury Park ...
Sind wir nicht furchtbar produktiv dieses Weihnachten? Der Finsbury Park-Auftritt war einfach fantastisch und es war das erste Mal nach langer Zeit, dass wir wieder in London spielten. Und natürlich pisste es in Strömen. Aber wir waren gut in Form, nimmt man mal den Morgen danach raus, da waren wir natürlich in übelster Form. (Gelächter) Aber die Nacht in Finsbury war einmalig. Weißt du, wir fühlen uns oft so, als hätten wir zwanzig Jahre gebraucht, um zu uns zu finden. Als hätten wir uns erst jetzt richtig gefunden.
Es ist schon ein seltsames Gefühl, nachdem wir so lange weg gewesen sind. Wir schauen jetzt mehr nach den positiven Aspekten von New Order: Factory ist weg, der ganze Hacienda-Stress ist weg und du kannst dich einfach nur entspannen und deine Musik genießen. Und natürlich ist es toll, dass die Fans so lange auf uns gewartet haben.
Ihr habt aber auch neue Fans hinzu gewonnen.
Ich denke schon. Wir sind jedenfalls mit "Get Ready" in Europa erfolgreicher, als wir es in den 80er Jahren gewesen sind. Das ist schon toll, vor allem da wir damals sehr dafür gekämpft haben. Und plötzlich, nach unseren dunkleren Jahren, wie ich sie nenne, haben wir es geschafft. Das ist übrigens auch der Grund für den "International"-Release, denn als 1994 die "Best Of" erschien, haben wir fast keine davon verkauft. Nur in England, deshalb kommt "International" dort auch nicht raus.
Ich habe euch in Berlin 2001 gesehen und war sehr überrascht, gleich drei Joy Division-Songs zu hören.
Ich hoffe, sie haben dir gefallen.
Wie die ganze Show ...
Die Sache ist die: Wenn du eine Weile weg bist, verändert sich deine Sicht auf bestimmte Dinge. Plötzlich waren wir nicht mehr blockiert. Bei einer der ersten gemeinsam Proben fragten wir uns: Warum spielen wir nicht ein paar Joy Division-Songs? Drei von uns sind noch da. Und ich bin mir sicher, wenn auch Ian noch da wäre, hätte er uns gezwungen sie zu spielen. Früher war das immer ein Tabuthema: Joy Division war zu Ende und es musste weiter gehen. Lustiger Weise denken heute einige unserer jüngeren Fans, die mit dem Charterfolg dazu gekommen sind, dass das neue Songs wären. Toll, oder? Wir bringen einfach eine alte Joy Division-Platte raus und die Leute denken wir arbeiten. (Gelächter)
Es ist eine Art von Freiheit. Die Zeiten während der Aufnahmen zu "Republic" waren sehr schwer und im Gegensatz dazu fühle ich mich heute wie eine ganz neue Person. Wenn ich nicht glücklich bin, versuche ich nicht mehr das zu verstecken und gehe mich besaufen, sondern ich sage es einfach. New Order war immer so etwas wie das absolute Ende deiner Existenz. Das hat sich geändert und deshalb macht es uns heute viel mehr Spaß.
Die Berlin-Show war cool. Obwohl Bernard sagte, dass ihr wegen einem Trinkgelage nach der Paris-Show nicht so fit seid. Erinnerst du dich?
Oh ja, oh ja. Das Schöne ist aber, dass wir nun gelernt haben, trotzdem gut zu spielen. (Gelächter) Nur leider haben wir noch nicht gelernt, uns gut davon zu erholen. Es ist eine Menge Stolz dabei, wenn wir heute auf die Bühne gehen. So blöd das klingen mag: du willst dir den Abend nicht mit irgendwas verderben, weil du auf der Bühne wirklich Spaß haben willst. Wenn du dann aber von der Bühne runter kommst, was meistens so gegen zwölf Uhr ist, sind alle anderen erledigt und jeder will heim. Dabei wollen wir loslegen! (schreit) "No fucking, come on, wir wollen raus gehen und einen drauf machen." Verstehst du? Am nächsten Morgen ist es dann wie ein Jetlag, wir nennen es Drinklag. Vielleicht sollte ich mal ein Buch drüber schreiben.
Warum habt ihr den Support für Robbie Williams in Köln gespielt?
Die deutsche Plattenfirma machte uns das Angebot. Als Robbie Williams hörte, dass wir daran interessiert sind, fragte er uns persönlich, da er ein großer New Order-Fan ist. (schmunzelt) Wir hatten vor zehn Jahren schon mal so eine Anfrage von George Michael. Aber wir dachten damals, dass sein Publikum New Order nicht schätzen würde, obwohl er selbst es tat. Er bot uns einen Haufen Kohle an, aber wir konnten uns trotzdem nicht durch ringen. Als Robbie anfragte, waren wir auch wieder beunruhigt.
Doch dann meinte unser Agent – Gott hab ihn selig – Robbie Williams würde in Deutschland weit rockiger wahrgenommen als in England. Also glaubten wir ihm ... (lacht) Wie eine Horde Vollidioten. Wir sind also da raus gegangen und haben uns von 75.000 Zuschauern ausbuhen lassen. Es war ein sehr junges Publikum, ein Pop-Publikum und wir kamen überhaupt nicht an. Aber weißt du, das Leben ist voller Herausforderungen. Ich habe Ash und JJ72 auf dieselbe Weise baden gehen sehen. Es machte keinen Unterschied. Es war nichts persönliches. Aber es amüsiert mich schon, wenn 14-Jährige vor der Bühne stehen und (verstellt die Stimme) "Wichser, Wichser" schreien. (Gelächter) Sehr interessant. Du willst am liebsten hingehen, ihnen eine runterhauen und sie heimschicken.
Wie fand Robbie euren Gig?
Unser Set war beinahe am Ende, da ging ich zu Barney rüber und sagte "Fuck, das wars hier". Robbie stand am Bühnenrand. Er kam kurz zu Barney und mir und meinte nur: "Gut gemacht, Jungs! Wir stehen das gemeinsam durch!" (Gelächter)
Manche Zuschauer dachten bestimmt auch, dass ihr mit "Bizarre Love Triangle" eine Coverversion der deutschen Band Commercial Breakup gespielt habt.
Oh shit. Ja, davon habe ich schon gehört. (lacht)
Habt ihr den Erfolg von "Get Ready" in irgend einer Form geahnt?
Nein. Aber es ist ein tolles Kompliment, gerade weil wir so hart an der Platte gearbeitet haben. Ich bin von Natur aus ja eher schüchtern, obwohl ich auf der Bühne ziemlich extrovertiert rüberkomme. Genau wie Bernard und Steven. Wir hofften einfach, die Platte würde ganz gut laufen. Mit so einem Erfolg konnte keiner rechnen.
Also steht New Order eine große Zukunft bevor.
Ja, mein Herz und meine Seele hängen in dieser Band. Die letzten zwei Jahre waren eine großartige Zeit. Ich meine, ich bin hier. Und hier bleibe ich auch, bis die Fucker mich rausschmeißen.
The Singles (2005)
The Best of New Order (1994), Republic (1993), BBC Radio 1 Live (1992), Peel Sessions (1990), Technique (1989), Substance (1987), Brotherhood (1986), Low-Life (1985), Power Corruption And Lies (1983), Movement (1981)
Was haben New Order im März 1984 in Düsseldorfs Uni-Mensa gespielt? Gigantische Konzertliste mit Setlists ab 1980.
http://www.waterrat.com/nogig.htm
"Blue Monday" wurde in Melbourne 1982 live uraufgeführt. Weitere Fragen? Hier lang!
http://www.new-order.net
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