laut.de-Kritik

Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen.

Review von

Wie ein 17-Jähriger sieht er aus, die Haare adrett gescheitelt, Hemdsärmel schaffermäßig hochgekrempelt, schüchterner Blick, stoisch-verbissene Instrumentenbehandlung. Die Rede ist von Bernard Sumner, in Wirklichkeit ist er 1981 aber bereits adoleszente 25 und steht mit seinen Bandkollegen Peter Hook (Bass), Stephen Morris (Drums) und Gillian Gilbert (Keyboards/Gitarre) als New Order auf der Bühne einer britischen TV-Show.

Wenn es denn noch etwas gegeben haben sollte, auf das New Order-Fans trotz der an DVD-Veröffentlichungen wahrlich nicht armen jüngeren Vergangenheit hinfieberten, dann ist dies eine stimmige Sammlung historischer Live-Aufnahmen aus den wenig dokumentierten 80er Jahren, und wie immer gilt auch hier: Je früher desto besser.

Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Also genommen hat er uns erst mal New Order, die ihre goldene Karriere mit einem überraschend kindischen Streit 2007 gegen die Wand gefahren haben.

Gegeben hat er uns nun aber eine DVD-Doppelpackung aus naher und unendlich weit entfernter Vergangenheit, sprich ein komplettes NO-Konzert von 2006 aus Glasgow inklusive drei Joy Division-Rausschmeißern (plus "These Days") sowie die erwähnte zweite Disc, die mal eben 21 Livesongs aus 25 Jahren Bandgeschichte, zusammen gestückelt aus den Privatarchiven der Band, ans Licht der Öffentlichkeit zerrt.

Drei Songs vom '81er Debüt "Movement" bringen New Order im selben Jahr auf eine TV-Bühne, und es ist eine wahre Freunde mitanzusehen, wie Morris noch mit alter JD-Stakkato-Rhythmik die Felle bearbeitet und Miss Gilbert mit dunkelrotem Siouxsie-Lippenstift nebst auffälliger Haarklammer ihren Vintage-Synthie der Firma Arp bedient.

Nicht minder lustig sind die Ausschnitte von Glastonbury aus demselben Jahr, besonders der kurze Eröffnungsfilm, der die damaligen Festivalbesucher (samt ordentlichem Band-Pin-Revers) ins Visier nimmt. Mit dem heutigen Glastonbury hatte die damalige Veranstaltung noch überhaupt nichts zu tun, wie uns Sumner bereits im Booklet der Must-Have-Box "Retro" erläuterte.

Damals hatten Open Airs noch keine Bezeichnungen wie "Wireless" (das ebenfalls vertreten ist mit zwei New Order-Songs aus London 2005), speziell das heute so riesige Glastonbury war 1981 nicht mehr als ein im Wachsen befindliches Freilufttreffen einiger versprengter Teenie-Hundertschaften, weshalb New Order auch in einer Art Hangar auftreten. Als sich Sänger Sumner schließlich vom akustischen Rausch seiner Band scheinbar ganz ergriffen samt Gitarre auf den Boden legt, schaut selbst Kollegin Gilbert leicht pikiert.

Die Rom- und Cork-Eindrücke aus dem Jahr 1982 geraten leider eher schemenhaft dunkel, dennoch meint man plötzlich in den teils wackeligen Blau- und Grüntönen von "Everything's Gone Green" eine Ahnung von der Aufregung zu bekommen, die die New Wave-Truppe in den frühen 80ern verursacht haben muss. Von den 85er Auftritten in Rotterdam und Toronto bleiben dagegen kaum mehr als Hookys wedelnder Pferdeschwanz und Sumners schneeweiße Tennissocken in Erinnerung.

Das titelgebende Glasgow-Konzert nimmt im Bezug zur 2002 als DVD erschienenen Comeback-Show aus dem Finsbury Park den Rang einer Clubshow ein. Die Auftritte ähneln sich insofern, als Klassiker wie "Confusion", "Temptation" oder eben "Blue Monday" aus einer New Order-Setlist nicht mehr wegzudenken sind. Naturgemäß weichen einige "Get Ready"-Songs in Glasgow den Titeln des etwas weniger brillanten Abschiedsalbums "Waiting For The Siren's Call", dafür kreischen die Schotten zu "Perfect Kiss" und dem Joy Division-Knaller "Shadowplay".

Abgerundet wird das Vergnügen durch ins Konzert implementierte Interviewszenen mit den Protagonisten Sumner, Hook und Morris, bei denen man sich unweigerlich fragt, warum die unterschiedlichen Charaktere Sumner und Hook, die später auch die Trennung verursachten, es seinerzeit überhaupt ein zweites Mal miteinander versuchten.

Die Rolle des Visionärs nimmt indes der stille Schlichter an den Drums, Stephen Morris, ein. "Zu glauben, es gehe ewig so weiter mit dem Produzieren von Alben und Live-Konzerten, und dass man so in Würde altern kann, ist ein absoluter Irrglaube. Man muss rechtzeitig damit aufhören."

Trackliste

DVD1

Live In Glasgow 2006

  1. 1. Crystal
  2. 2. Turn
  3. 3. True Faith
  4. 4. Regret
  5. 5. Ceremony
  6. 6. Who's Joe?
  7. 7. These Days
  8. 8. Krafty
  9. 9. Waiting For The Siren's Call
  10. 10. Your Silent Face
  11. 11. Guilt Is A Useless Emotion
  12. 12. Bizarre Love Triangle
  13. 13. Temptation
  14. 14. Perfect Kiss
  15. 15. Blue Monday
  16. 16. Transmission
  17. 17. Shadowplay
  18. 18. Love Will Tear Us Apart

DVD2

  1. 1. Ceremony (Celebration 1981)
  2. 2. I.C.B. (Celebration 1981)
  3. 3. Chosen Time (Celebration 1981)
  4. 4. Senses (Glastonbury 1981)
  5. 5. Procession (Glastonbury 1981)
  6. 6. The Him (Glastonbury 1981)
  7. 7. Ultraviolence (Rome 1982)
  8. 8. Hurt (Rome 1982)
  9. 9. Leave Me Alone (Cork 1983)
  10. 10. Everything's Gone Green (Cork 1983)
  11. 11. Sunrise (Rotterdam 1985)
  12. 12. As It Is When It Was (Rotterdam 1985)
  13. 13. The Village (Rotterdam 1985)
  14. 14. This Time Of Night (Rotterdam 1985)
  15. 15. We All Stand (Toronto 1985)
  16. 16. Age Of Consent (Toronto 1985)
  17. 17. Temptation (Toronto 1985)
  18. 18. Dream Attack (Shoreline 1989)
  19. 19. 1963 (Shoreline 1989)
  20. 20. Run Wild (Hyde Park Wireless)
  21. 21. She's Lost Control (Hyde Park Wireless)

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT New Order

Neue Ordnung. Genau das ist es, was die Band aus Manchester Anfang der 80er Jahre, aber auch nach der Reunion im Jahr 2000 auszeichnet: der Drang, die …

Noch keine Kommentare