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Für Peter Schilling zum Geburtstag den allerbesten NDW-Führer wo gibt: Lest, was die damalige Epoche Hörenswertes bietet.
Konstanz (laut) - Am 28. Januar 2012 wird der schwäbische Astronauten-NDWler Peter Schilling 56 Jahre alt. Wir gratulieren und wünschen alles Gute.
In diesem Zusammenhang wollen wir einmal geschmäcklerisch Revue passieren lassen, was zu Beginn der legendären 80er in Teutonien musikalisch so abging. Kaum für möglich gehaltene Revolutiönchen setzten sich in Gange, an deren Ende eine Welle an Mummenschanz in die altehrwürdige ZDF-Hitparade flutete, gegen die sich selbst ein bekennnder Konservativer wie Dieter Thomas Heck nicht mehr zur Wehr setzen konnte.
Die Neue Deutsche Welle mutierte zur NDW, wie Andreas Dorau letztes Jahr gegenüber laut.de noch treffend formulierte. In Letzterer führten Ixi, UKW, KIZ, Gänsehaut und noch größerer Mumpitz einen dadaistischen Ententanz nach dem anderen auf.
Es gab aber auch (zumeist) lobenswerte Ausnahmen, die wir euch hier gerne vorstellen wollen. Ladies'n'Gents, here we go completely losgelöst:
Ich sitze hier auf meinem Stern und lass' im All die Füße baumeln. Oh, ich warte auf die Nacht, denn da kannst du mich gut sehen. Ich bin so einsam und allein. Bitte komm doch heut' noch.
Ja, das ist ein Scheißsong. Wir wissen das. Er gehört trotzdem in diese Liste, schrieb er doch Musik-Geschichte. Uns ist es jetzt endlich klar: Hier hat Haftbefehl seinen Style geklaut. Finde den Reim!
Den Sternenhimmel hatten - in der einen oder anderen Form - alle schon gesehen, als Hubert Kah - nach der roten Rose "Rosemarie" - seine zweite Single aus dem Hut zog. Nie zuvor enterten allerdings Lampion-dekorierte Menschen in Nachthemden und mit Sternchen-Antennen Dieter Thomas Hecks Hitparade im Zett...De-Eff. Unerreicht.
Ihr Grusel-Potenzial schützt wohl kaum vor der Notwendigkeit, sie in eine derartige Liste aufzunehmen: An Nena führt in der NDW, so gern wir es anders hätten, kein Weg vorbei. Statt der ausgezuzzelten "99 Luftballons" wählen wir aber lieber einen ihrer (übersichtlich vielen) besseren Songs. Zumal von "Nur Geträumt" eine großartige Mash-Up-Version existiert - mit Eminems "Lose Yourself".
Das Liedlein stammt eigentlich aus dem Jahr 1932. Der große Hans Albers gab es im Science Fiction-Film "F.P.1 Antwortet Nicht" zum Besten. Was aber die Hagener daraus machten, war aller Ehren wert. Kurioserweise wurde das Teil 1980 als Single veröffentlicht. Auf der B-Seite fand sich mit "Hurra, Hurra, Die Schule Brennt" ein Song, der 1982 zu ihrem größten Hit werden sollte. Extrabreit warfen das Ding in vertauschter Seiten-Buchstabierung einfach zwei Jahre später noch einmal auf den Markt und ab ging die Post.
Eher unbekannt sind die Braunschweiger von Clit. Dennoch gehört ihr grenzgeniales Oeuvre in diese Liste. Die reduzierte Instrumentierung harmoniert hervorragend mit der debil-dadaistischen Reimkanonade. Nicht vergessen: "und fummel nicht am Sack, Jacques!"
Totgenudelt bis zum geht nicht mehr, aber bei einem genaueren Blick stellt man fest – da hat sich doch in all das Computergedusel ein 'fast' lupenreiner Ska-Song Marke The Specials und Madness in die Neue Deutsche Welle geschmuggelt. Respekt. In der ZDF-Hitparade sorgte die Band für einen waschechten Skandal, als sie eine Textstelle live in "und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt sich einen runter" änderte. Das Bruttosozialprodukt nennt sich heute übrigens Bruttoinlandsprodukt. Aber das hat ja nun wirklich keinen Flow.
Eigentlich war die Spider Murphy Gang immer eine bayerische Rock'n'Roll-Band - und wollte auch nie etwas anderes sein. Der NDW-Hype spülte 1981 ihre Single "Skandal Im Sperrbezirk" an die Spitze der deutschen Charts. Plötzlich sangen im ganzen Land selbst kleine Kinder, denen die Bedeutung der Worte nicht ganz klar gewesen sein kann, von Freudenhäusern und Freudenmädchen und skandierten Rosis Telefonnummer. Die Dame mit der Münchener Durchwahl "32-16-8" war wahrlich nicht zu beneiden ...
DÖF meint nicht etwa eine Deutsch-Österreichische Freundschaft in Anlehnung an DAF, sondern ist das Akronym für Deutsch-Österreichisches Feingefühl. Klingt jetzt auch nicht unbedingt cooler als DÖF. Aber was wissen wir schon über Coolness im Jahre 1983? Wie bei den meisten guten Songs wurde "Codo" völlig unbeabsichtigt ein Hit und belegt einmal mehr, dass so ziemlich alles zu Gold wurde, was die engelsgleich singenden Humpe-Schwestern damals anfassten.
Der Schreiberling dieser Zeilen war zum Release dieses ulkigen Songs im Jahr 1982 sieben Jahre alt. Was ihn und viele andere in seinem Alter nicht hinderte, den Refrain lautstark mitzusingen. "Wenn ich Dich kriege, zeigt dir mein Zauberstab die Liebe." Die eindeutige Doppeldeutigkeit des Tracks sorgte dafür, dass ihn einige Radiostationen nicht spielen wollten. Dafür fand er aber im Film 'Die flambierte Frau' sein Plätzchen und wurde später von den leidlichen Ooomph! gecovert. Was Mutter dachte, ist leider nicht überliefert.
Inspiriert von David Bowies "Space Oddity" ließ sich der ehemalige Schlagersänger zu seinem größten Hit anstacheln. "Major Tom" behandelt genau dieselbe Story, die auch der Thin White Duke in seinem epocheln Song abkaspert. Schneidende Gitarrensounds arbeiten auf einen der bekanntesten Refrains hin, der in Deutschland je das Licht der Welt erblickte. Völlig losgelöst, eben ...
Allzuviel Wissenswertes gibt es über Erlangen wirklich nicht zu berichten - außer, dass die Stadt nicht im Sauer-, wohl aber im schönen Frankenland angesiedelt ist, der Heimat der weltbesten Bratwürste (Thüringen ist nicht umsonst das grüne Herz Deutschlands: grün vor Neid, wie Rainald Grebe bereits so richtig feststellte). Erlangen hat zudem das Glück, nicht der Pickel am Arsch von Nürnberg zu sein. Dafür gibt es immer noch Fürth. Im Ernst: Erlangen ist gar nicht so übel, der Song sowieso nicht.
Neben all dem unsäglichem Spaß- und Fun-Schwachsinn besaß manch ein NDW-Song sogar eine handfeste politische Aussage. Bestens festzurrbar an "Horizont Ohne Ende": Die Zeile "Die Starfighter fliegen weiter" bedeutet weit mehr als nur sanfte Ironie, angesichts der damals häufig stattfindenden Starfighter-Abstürze über dem Gebiet der alten BRD. Das alles, verpackt mit für jene Zeit ungewohnten, indisch anmutenden Sound-Elementen. Für die heutige Akzeptanz von Weltmusik ist das sogar als kleiner Startschuss zu bewerten. Und sowieso: Inga Humpes Neonbabies waren immer die viel besseren Ideal.
Wäre er fleißiger gewesen, besäße Bodo Staigers Band-Projekt Rheingold heute vielleicht einen ähnlichen Status wie Kraftwerk. Satte 38 Wochen lang hielt sich das Debüt-Album des Elektronik-Tüftlers in den bundesdeutschen Charts. Und noch heute faszinieren dessen Klangwelten, die mit vordergründiger NDW nun überhaupt nichts am Hut hatten. Gerade deswegen klingt ein Song wie "Dreiklangsdimensionen" noch immer gut in den Ohren.
Nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich, auch die vieler Label-A&Rs. Selbst 1978 hätte man als Mann vom Fach das Single-Potenzial von "Das Model" erkennen müssen, doch es musste erst ein Hype wie die Neue Deutsche Welle kommen, dass EMI den Song vier Jahre später als Doppel-Single mit "Computerwelt" in die Läden stellte. Ein später heller Moment, denn nachdem Radiomacher nur noch die B-Seite spielten, wurde "Das Model" in Deutschland, England und den USA ein Hit.
Andererseits: Die Düsseldorfer waren sicher nie die leichtesten Partner, wie Labelkollege Thomas Schwebel (Fehlfarben) uns einst erzählte: "Ich fand es immer klasse, wie man es schaffen kann, die eigene Plattenfirma derart zu quälen. Die EMI-Leute hatten nicht mal ne Telefonnummer von denen. Absolut großartig. Damals gabs ja noch kein Internet und auch kein Fax und die Plattenfirma aus Köln musste tatsächlich einen Brief an eine Postfach-Adresse in Düsseldorf schreiben. Und wenn sie Glück hatten, ist Ralf Hütter ans Postfach gegangen."
Nicht um das bekannte Reiterstandbild in Dresden dreht sich dieser markante Song aus dem Jahr 1981. Vielmehr handelt das Lied den Seelenzustand eines Menschen ab, der in eine gigantische psychiatrische Klinik eingewiesen wird.
"Chaos in Laos, Drums in the Slums. Arruba in Cuba, only Banana in Gamma. Ach ja, und natürlich "Pogo in Togo!"
Andreas Dorau ist einer der wenigen Überlebenden der Neuen Deutschen Welle, der auch heute noch regelmäßig Musik unter die Leute bringt. Als Klarstellung, dass wir ihn gegen seinen Willen in diese Liste zwängen, ein Zitat aus einem laut.de-Interview von 2011: "Also, ich unterscheide ja zwischen Neue Deutsche Welle und NDW. Das hat ein Journalist mal ganz gut erklärt. Sounds hat den Begriff Neue Deutsche Welle geprägt. Und später nannte man es dann NDW und dazu gehörten Markus, Hubert Kah und so was, und damit hatte ich nie was zu tun."
Den Start seiner Karriere hat er einer Projektwoche mit dem Thema 'Wie entsteht ein Pop-Titel' an seiner Gesamtschule zu verdanken. Das Resultat der Woche war der Fred. Während Dorau für die Musik verantwortlich zeichnete, schrieben die Marinas, drei Schülerinnen zwischen 11 und 14, den Text. Wir wollen Herrn Dorau jetzt nicht zu nahe treten, aber wofür ist der Song denn bis heute bekannt und beliebt?
"Mit Extrabreit und Nena haben wir nix am Hut", blaffte uns Gitarrist Thomas Schwebel vor genau zehn Jahren im Interview zu "Knietief Im Dispo" an. Recht hat er. Aber manchmal ist ein Song zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Selbst, wenn es für die Schöpfer der falsche Ort war. "Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / Es geht voran", heißt es in "Ein Jahr (Es geht voran)", kämpferische Zeilen, die 1981 zu jeder Demo passten. Das NDW-Siegel gabs obendrauf. Schwebel und Co. nahmens gelassen: "Plötzlich standen völlig durchgedrehte taz-Redakteure vor einem und sagen: 'Das ist das Stück der Bewegung'. Schön, aber was kann ich dafür? Deshalb hat sich ja auch Rio Reiser irgendwann davon distanziert und gesagt: 'Leckt mich alle, ich geh zur Sony. Ich will Geld verdienen.'" Guter Typ, super Band.
Das Outfit der heutigen Hipster-Generation scheint sich fast komplett auf dieses eine Video zu beziehen. Die Mode und die avantgardistische Tanzmusik von Palais Schaumburg kommen dabei einem aktuellen Release gleich und geben sich ungemein stylisch und weit ihrer Zeit voraus. Definitiv die gute Seite der Neuen Deutschen Welle.
Zuweilen wird Hans Hölzel gern als erster Deutschrapper hingestellt. So weit sollte man nicht gehen, auch wenn ihm Smudo oder Fler später die Ehre erwiesen. Dennoch lief "Der Kommissar", das Falco mit Robert Ponger produzierte, anno 1982 auch in US-Clubs: Der spezielle Falco-Style, ein Lyricsmix aus Deutsch und Englisch sowie die ein oder andere rhythmische Lautmalerei, dazu ein straighter, kopfnickbarer elektronisch produzierter Tune mit Gitarrenlick - die Nummer lässt sich in ein Hip Hop-Oldschool-Set einflexen, keine Frage. NDW? Nicht mit Falco! "Der Kommissar" ging trotzdem auf eins.
Den Berlinern von Spliff musste man bei ihrer Auflösung mehr als nur eine kleine Träne hinterher weinen. Sie experimentierten mit neuen Sounds und integrierten diese gekonnt in ihre tollen Lieder. Das elektronische Schlagzeug zu Beginn von "Deja Vu" ist da nur eines von zahlreichen Gimmicks. Der tote Hugo hängt nach wie vor tot im Seil, die Leiche stinkt nach Shit. Grandios!
'Hits der Achtziger', 'NDW-Party' - wo derlei angekündigt wird, ist Grauzones "Eisbär" drin. Die Nummer der Schweizer Band mit Punkhintergrund war schon 1980 auf dem Album "Swiss Wave - The Album" zu finden, ein Jahr später steppte der "Eisbär" als recht früherer Vertreter der so genannten NDW durch die deutschen und österreichischen Charts. Nicht unbedingt selbstverständlich. Handelt es sich doch um ein One-Hit-Wonder der besonderen Art: Das Trio verweigerte die straight groovende, unterkühlte Nummer live und wollte auch nicht ins TV. 1982 löste sich die antikommerziell eingestellte Combo auf.
Heutzutage leider allzu in Vergessenheit geraten: Ideal. Die Wahlberliner um Annette Humpe hatten einige Hits auf der Pfanne, aber gerade das aggressive "Eiszeit" steht für die kalte Neon-Atmosphäre, die damals in der Musikszene transportiert wurde. Nix isses mit kuschelig heimeliger Dutziwutzi-Romantik. Nicht umsonst fabulierte die FAZ damals, dass Ideal "auch als Tanzband beim Untergang der Titanic spielen können". "Eiszeit" liefert der Soundtrack dazu: "Alle Gefühle tausendmal gefühlt. Tiefgefroren. Tiefgekühlt."
DAF zählen zu den ersten Punks aus Düsseldorf und teilten sich im damaligen Szene-Lokal Ratinger Hof die Bühne mit Combos wie Charley's Girls, Male, ZK oder Mittagspause. Dem Sound der neuen Generation verpasst der Journalist und "Deutsch-Punk-Förderer" Alfred Hilsberg den Namen "Neue Deutsche Welle", den die Industrie kurz darauf dankbar für Rockschwurbel-Bands wie Nena und Konsorten aufgreift.
Die von Robert Görl und Gabi Delgado-Lopez kreierte elektronische Sequencer-Vision kulminiert in "Der Mussolini" in einem Alltime-Classic, der zahlreiche internationale Bands beeinflusst und das Genre EBM vorwegnimmt. Vorwürfe der Rechtsradikalität wegen schwarzer Lederklamotten, vorgeblicher Körperkult-Verherrlichung und eigentümlicher Deutsch-Prosa sollen 20 Jahre später eine andere Band verfolgen.
Nein, eigentlich gehören Trio gar nicht zur NDW. Trio fallen mindestens unter Punk, wenn nicht gleich unter Avantgarde-Kunst. Trio sind grandios. Wenn sie aber schon ständig so hartnäckig wie zu Unrecht in NDW-Listen gesteckt werden, müssen sie diese auch anführen. Drei Akkorde? Einer reicht. Alle, bitte: "Los Paul! Du musst ihm voll in die Eier haun! Das ist die Art von Gewalt, die wir sehen wollen - wenn auch nicht spürn wollen." Und jetzt? "Kannst du mich von hinten sehen."



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