laut.de-Kritik

Klare Kampfansage in Richtung Weißes Haus.

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Seit gefühlten Ewigkeiten protestiert Neil Young gegen korrupte Regierungen, die gierige Wall Street oder die Autoindustrie, die auch weiterhin relativ unbeeindruckt ihr Abgas in den Äther pustet. Mit seinem TradeMark-Song "Rockin' In The Free World" machte er bereits gegen König George den Älteren mobil, 2006 dann die Impeach-Kampagne gegen den Junior. Jetzt geht es dem nächsten Präsidenten ans wohl toupierte Fell und der Kreis schließt sich. Die Ironie der Geschichte wollte es so, dass ausgerechnet Donald Trump "Rockin' In The Free World" während des Wahlkampfs missbrauchte, um gleichfalls gegen die eingefahrenen Strukturen des Establishments zu wettern.

Höchste Zeit also, die Straßen zurückzuerobern und die Fahne des Establishments wieder dem Wind von links auszusetzen. Dabei inszeniert Young selbst sich als ein Gast in den USA. Er, der nie vollständig angekommene, stets fremdelnde, der die von ihm so verehrten Ideale dieser Nation im krassen Kontrast zur Lebenswirklichkeit sieht, schickt sich nun an, den Verlierern des Regierungswechsels neuen Mut zu machen. Kann das gut gehen?

Die Antwort liefert gleich der erste Song. In "Already Great" zeichnet Young das Bild eines linksliberalen Patriotismus, der als klares Gegenstück zu Trumps protektionistischen Vorhaben unter der Ägide 'America First' fingiert. Ein Song, der sich wie ein Flugblatt liest: "No wall. No ban. No fascist USA." Zum Schluss atmet der Track tatsächlich den Sound der Straße, wenn es satte 19 mal in Wechselrede ertönt: " Whose Streets? Our Streets!" Eine klare Kampfansage in Richtung Weißes Haus.

Nicht minder eindrücklich erweist sich das übergroße, von Fanfaren begleitete "Children Of Destiny", dessen Appell so gar nicht in die als so zynisch erfahrene Jetztzeit passen will: "Stand up for what you believe. Resist the powers that be. Preserve the land and save the seas. For the children of destiny. The children of you and me." Naive Zeilen, die so wohl nur der 'letzte Hippie' in den Mund nehmen darf, ohne sich der Häme der Öffentlichkeit auszusetzen.

Glücklicherweise liefert sich "The Visitor" dem Pathos nicht zur Gänze aus. Das getragene "Change Of Heart" berichtet von persönlichen Erfahrungen im noch jungen Leben des Künstlers, die ihn erst zum politischen Aktivismus motivierten. "Almost Always" zeugt von stillen Momenten auf seiner Ranch in Kalifornien, in denen er sich den Zweifeln hingibt, bevor er sich auf Mission quer durchs Land begibt: "Before that starts me thinking/ Distracting me again/ Do I have something to say?"

Und dann ist da noch "Carnival", das so klingt, als wäre Young vor der Aufnahme noch mit seinem Freund Tom Waits durch die Straßen gezogen, den Mond anzuheulen, während bereits diverse aufgelöste Substanzen im Blutkreislauf der beiden ihre Bahnen ziehen. Irres Gelächter mischt sich mit Gitarren, die von weit her den Staub der Mojave-Wüste aufwirbeln, während Promise Of The Real nach Belieben das Tempo verschleppen und wieder anziehen. Ein absoluter Anspiel-Tipp.

"Earth is like a church without a preacher. The people have to pray for themselves", heißt es in "Forever", dem würdigen Abschluss eines Albums, das mühelos den Spagat zwischen zornig-flammendem Protest und intimer Zurückgezogenheit hinlegt. Neil Young, der Gast auf Zeit, hat seine Arbeit getan. Er kann sich nun wieder ganz dem entspannten Farmer-Leben widmen, ehe die nächste Ungerechtigkeit die markanten Worte des unverbesserlichen Kanadiers einfordert.

Trackliste

  1. 1. Already Great
  2. 2. Fly By Night Deal
  3. 3. Almost Always
  4. 4. Stand Tall
  5. 5. Change Of Heart
  6. 6. Carnival
  7. 7. Diggin' A Hole
  8. 8. Children Of Destiny
  9. 9. When Bad Got Good
  10. 10. Forever

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