7. April 2011

"Ich mache mein eigenes Ding"

Interview geführt von

Sie soll das nächste richtig große Ding im Popzirkus werden. Dabei verlässt sich die Engländerin nicht auf einfallsreiche Songwriter und Produzenten, sondern nimmt lieber selbst die Zügel in die Hand.Mit 14 zog Natalia Kills allein nach London und wurde Schauspielerin, ihre eigenen Songs machten sie per MySpace berühmt, und Will.I.Am nahm sie unter Vertrag. Natalia Kills Debütalbum erscheint am 1. April und schon jetzt gilt sie als die neue Lady Gaga. Im laut.de-Interview gibt sich die Newcomerin professionell und selbstbewusst.

Der Titel deines am 1. April erscheinenden Albums ist "Perfectionist". Was bedeutet Perfektion für dich?

Naja, ich habe mein Album "Perfectionist" genannt, was für mich so etwas wie das Gegenteil von Perfektion ist. Es geht um den Moment, wenn du realisierst, dass nichts jemals perfekt sein wird. Nichts wird jemals Idealen entsprechen. Ich bin aber absolute Perfektionistin.

Du hast mal gesagt, dass du gerne die kreative Kontrolle über deine Arbeit behälst. Ich vermute aber, dass die Produzenten, mit denen du zusammengearbeitet hast - wie auch Will.I.Am zum Beispiel - genauso ihre eigenen Ideen verwirklichen wollen. Musstest du manchmal Kompromisse eingehen?

Nein, nicht wirklich. Wenn man mit wirklich guten Leuten zusammenarbeitet, versuchen sie dabei deine Ideen zu interpretieren. Es ist also eher eine kreative Zusammenarbeit als ein Kampf darum, wer sich durchsetzt. Alles ist so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe.

Will.I.Am hat ja nicht nur an deinem Album mitgearbeitet, sondern war auch derjenige, der dich 2008 entdeckt hat. Wie kam es dazu?

Ich hatte ein Demo gemacht und es auf meine MySpace-Seite gestellt. Perez Hilton, der Blogger, hat das gefunden und über mich berichtet. Daraufhin haben sich auf einmal zwei Millionen Leute meine Songs auf MySpace angehört. Also habe ich überlegt, was ich tun soll. Und bin dann nach L.A. gefahren und eine Weile geblieben. Ich habe eine Menge wirklich tolle Leute kennen gelernt, Plattenfirmen getroffen, andere Künstler, Produzenten - auch Will. Wir haben uns gleich gut verstanden, zusammen Musik gemacht und Zeit miteinander verbracht. Naja, und dann hat er mich unter Vertrag genommen.

Obwohl Will.I.Am einer der zur Zeit erfolgreichsten Produzenten der Welt ist, kam seine Arbeit am letzten Black Eyed Peas-Album bei Kritikern weniger gut an. Denkst du, sein Name könnte dir vielleicht sogar schaden?

Nein, das glaube ich nicht. Ich übernehme ja auf meinem Album nicht seinen Sound. Mein Album ist mein eigenes Ding. Und es haben ja noch andere Produzenten mitgearbeitet, also sind das zwei komplett verschiedene Angelegenheiten.

In einigen deiner älteren Songs rappst du. Dein neues Album dagegen ist sehr Elektrop-Pop orientiert. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Das ist kein Sinneswandel, eher eine Entwicklung. Keiner kann erwarten, dass man nach fünf oder sechs Jahren noch die gleiche Musik macht. In so einem Zeitraum ändert man ja auch seine Frisur und wahrscheinlich hat man auch einen anderen Freund, einen neuen Job und lebt in einer anderen Wohnung. In der Kreativität durchlebt man die gleiche natürliche Entwicklung wie in allen anderen Lebensbreichen auch. Ich komme eben vom Rap - auf zwei oder drei Songs auf dem Album rappe ich aber auch noch ein bisschen.

Gibt es einen Song auf dem Album, der dir besonders am Herzen liegt?

Das ist eine lustige Frage. Ja, da sind sogar mehrere. Einer zum Beispiel heißt "If I Was God", den habe ich für meine Eltern geschrieben. Alle Songs auf meinem Album sind sehr persönlich. Sie handeln alle von meinen eigenen Erfahrungen.

"Lady Gaga und ich sind grundverschieden"


Was deine Musik, aber auch dein Auftreten angeht, wirst du oft mit Lady Gaga verglichen. Nervt dich das oder siehst du es als Kompliment?

Das ist definitiv ein Kompliment für mich. Ich respektiere und bewundere jeden, der seine eigenen Songs schreibt. Das ist wahrscheinlich mit das Beste, was man tun kann, denn dann hörst du die Seele des Künstlers in seiner Musik. Ich würde Lady Gaga gerne mal persönlich kennen lernen. Aber eigentlich würde ich jeden gerne treffen, der das gleiche macht wie ich.

Kannst du denn nachvollziehen, dass du mit ihr verglichen wirst?

Ja, absolut. Wir schreiben eben beide unsere Musik selbst und haben auch beide ein sehr markantes Image. Mein Album ist ein Konzeptalbum, es geht darin nur um meine Meinung, mein Leben und meine Erfahrungen - ich glaube, bei Lady Gaga ist das ähnlich. Sie bringt wahrscheinlich sehr viel von ihrer Person in ihre Songs ein. Ich könnte mir vorstellen, dass wir deshalb verglichen werden. Außerdem habe ich ja mit Cherry Cherry Boom Boom und anderen Leuten gearbeitet, die auch für Lady Gaga gearbeitet haben. Ich sehe das positiv.

Bei all den Parallelen: Wie grenzt du dich denn dann von ihr ab?

Naja, eigentlich durch alles! Es ist doch wie mit den US-Präsidenten: George Bush und Obama tun eigentlich das gleiche, haben das gleiche studiert und machen die gleiche Entwicklung durch, um Präsident zu werden. Also haben sie diese ganzen Gemeinsamkeiten und können anhand der Dinge, für die sie stehen, verglichen werden. Aber es sind ja trotzdem zwei komplett verschiedene Personen. So ist das auch in der Musik. Lady Gaga und ich haben wahrscheinlich auch eine ähnliche Entwicklung durchlaufen, aber davon abgesehen sind wir grundverschieden. Sie ist ein weißes Mädchen aus Amerika, ich bin dunkelhäutig, meine Eltern stammen aus Jamaica und Uruguay, und ich komme aus England. Ich schreibe über meine persönlichen Erfahrungen und stehe nicht, wie Lady Gaga, für Lesben- und Schwulenrechte, aber ich stehe für Freiheit. Also, ich denke es gibt neben den Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede.

Du beschreibst dich selbst als "sound based visual artist". Was meinst du damit?

Ich glaube, ich bin eher ein Künstler, der visuell arbeitet. Und ich benutze die Musik, um meine Visionen auszudrücken.

Würdest du dich als Gesamtkunstwerk bezeichnen?

Ja. Ich glaube, wir sind alle Gesamtkunstwerke. Wir alle. Alle unsere Erfahrungen, alles unsere Meinungen bringen uns dazu, das Leben auf eine bestimmte Art und Weise zu leben.

"Ich gebe immer 100%"


Du zählst Künstler wie Depeche Mode, Prince und Kate Bush zu deinen Inspirationsquellen. Deine Songs klingen aber komplett anders. Inwiefern beeinflussen diese Musiker deine eigene Musik?

In meiner Kindheit habe ich viel Dark Pop gehört. Ich stehe auf die Eurythmics, Depeche Mode und Kate Bush. Es ist Popmusik, aber alles sehr düster. Meine Musik ist aggressiv, provokativ und definitiv düster. Also ist das wohl der Einfluss. Ich höre auch viel Alanis Morissette, die auch sehr offensiv ist. Daher kommen diese Referenzen.

Gibt es auch aktuelle Künstler, die du bewunderst?

Ich mag die Sleigh Bells, ich mag Fever Ray und The Knifes. Ich mag aber auch Kanye West. Mit ihm würde ich gerne mal arbeiten. Sein Hauptproduzent hat schon das meiste auf meinem Album gemacht.

Bevor du angefangen hast zu singen, hast du in verschiedenen Fernsehserien mitgespielt. Hast du mit der Schauspielerei abgeschlossen?

Das ist zehn Jahre her, damals war ich ja noch ein Kind. Fürs erste hab ich damit abgeschlossen. Ich könnte mir aber vorstellen, in Filmen, die ich selbst geschrieben habe, mitzuspielen.

Du hast ja bereits eine Kurzfilmreihe mit dem Namen "Love Kills XX" produziert. Worum geht es da?

Weil mich optische Reize so inspirieren, wollte ich unbedingt meine Vorstellungen musikalisch und visuell umsetzen. Also habe ich alle meine Gedanken und Gefühle aufgeschrieben. Gefühle, wie man sie hat, wenn man im Stau steht oder an seinen Exfreund denkt. Oder daran, dass man etwas nicht getan hat, was man gerne getan hätte. Diese Ideen habe ich alle aufgeschrieben und daraus drei Minuten lange Filme gemacht. Es geht also um mich, aber wie ich mich selbst in meinen Gedanken sehe.

Also hängen diese Filme eng mit deiner Musik zusammen?

Ja. Die Filme sind keine Musikvideos, aber sie werden begleitet von meiner Musik. Also eigentlich bin da ich in diesen Situationen, die ich mir vorgestellt habe und der Soundtrack sind meine Songs. Das heißt, in diesen Videos steckt so ziemlich alles von mir.

Hast du vor, in die Filmindustrie einzusteigen oder ist das alles nur ein Hobby?

Ich lerne ja gerade erst. Ich bin noch lange nicht perfekt. Ich würde gerne mehr über das Regieführen wissen. Und auf jeden Fall möchte ich eigene Film machen und vielleicht auch in einem Film mitspielen, wenn er von der richtigen Person ist oder wenn es um eine gute Rolle geht. Ich bin ein großer Fan von Tarantino und seiner Art von Poesie in Gewaltszenen. Mit ihm würde ich gerne einen Film drehen. Das wäre toll!

Auf deinem Twitter-Account gibst du viele Details von dir preis. Aber wer spricht da genau - die Sängerin Natalia Kills oder die Privatperson Natalia Cappuccini?

Es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden. Natalia Kills ist keine Kunstfigur. Es ist nicht so, dass ich in der Früh eine Maske aufsetze und zu jemand anderem werde. Wenn du ein Kind bist, geben dir deine Eltern einen bestimmten Spitznamen oder dein Freund gibt dir einen anderen, um zu beschreiben, wie du bist. So ist das eher. Jemand hat gesagt: "Mit welchen Wort würdest du dich selbst beschreiben?" und ich habe kills gewählt. Aber ich bin immer dieselbe, ob ich mit meiner Mutter rede oder mit einem Liebhaber oder eben auf der Bühne stehe. Das ist immer die gleiche Person. Ich trinke dann immer noch lieber Orangensaft als Cola und trage lieber schwarz als gelb. Kills ist nur ein Wort, um mich zu beschreiben.

Der Künstlername stammt also von dir?

Naja, wenn du einen Plattenvertrag unterschreibst, sagen sie dir: "Such dir einen Namen aus." Für mich war gleich klar, dass es kills sein muss. Ich mag die Zweideutigkeit, denn es kommt ja von "to kill", also töten. Aber auf Englisch sagen wir auch "You killed it", wenn jemand 100% seiner Leidenschaft gibt. So wie Michael Jackson. Wenn er auf der Bühne stand, sagte jeder: "He killed it." So bin ich auch. Ich bin Perfektionistin. Egal, was ich tue, ich gebe immer 100%.

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