14. September 2012

"Skrillex ist ein Phänomen"

Interview geführt von

Dubstep? Queen? Was ist bloß in Muse gefahren, fragen sich einige Fans besorgt. Bassist Christopher Wolstenholme stand uns Rede und Antwort.Im Vergleich zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking lief es für die britische Sport-Delegation dieses Jahr vor eigenem Publikum weitaus besser mit der Medaillenausbeute. Da stellt sich natürlich die Frage der Motivation: War es das schöne London? Die Nähe zum Wettkampfplatz? Oder lag es vielleicht auch an "Survival", der offiziellen Olympia-Hymne von Muse, die die Gladiatoren täglich ins Stadion begleitete?

Fakt ist: Die drei Bombast-Rocker hätten sich für ihr sechstes Studioalbum keine werbewirksamere Plattform suchen können. Dementsprechend gut gelaunt präsentierte sich das Trio in einem feudalen Berliner Fünf-Sterne-Luxushotel.

Hi Chris, ein schönes Plätzchen habt ihr euch hier ausgesucht.

Christopher Wolstenholme: Oh ja, es ist wirklich traumhaft. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es hier in Berlin so schöne Ecken gibt.

Normalerweise treffen wir uns mit ranggleichen Kollegen von euch immer im Herzen der Stadt. Ihr mögt es scheinbar eher ruhig?

In diesem Fall schon. Wir wussten ja, dass es ein langer und anstrengender Promo-Tag werden wird. Wenn man dann noch irgendwo in einem Hotel hockt, in dem permanenter Trubel herrscht, ist man schnell genervt. Das wollten wir vermeiden. Also hat sich unser Management ein bisschen in der Stadt umgeschaut (lacht).

Im Zuge eurer Kooperation mit den "Twilight"-Movies hast du in einem Interview gesagt, dass es als Künstler manchmal nötig sei, seine Seele zu verkaufen, um die Leute mit neuem Material zu erreichen. Nun habt ihr den offiziellen Olympia-Song geschrieben. Siehst du da irgendwelche Parallelen?

(lacht) Ich bin wirklich froh, dass du dieses Thema hier gleich zu Beginn ansprichst, denn das, was letztlich in diesem Interview zu lesen war, hat ziemlich wenig mit dem zu tun, was ich wirklich gesagt habe. Eigentlich ging es gar nicht so sehr um "Twilight", sondern um die Möglichkeiten, die man heutzutage als Künstler in punkto Präsentation hat.

Das gab es ja früher alles gar nicht. Ich meine das Internet, Videospiele und natürlich auch Soundracks. Natürlich gab es früher auch schon Soundtracks, aber heute sind die Übergänge zwischen Musik und anderen Medien wesentlich fließender als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Irgendwann im Laufe des Interviews machte ich mich dann mit besagtem Satz ein bisschen lustig über die "Twilight"-Thematik. Das war aber nicht ernst gemeint. Ich kann mich sogar erinnern, wie ich noch belustigt etwas klarstellendes hinzugefügt habe. Aber letztlich spielte das dann keine Rolle mehr. Ich bin echt erschrocken, als ich das Interview einige Tage später gelesen habe. Aber so ist das halt. Zum Glück kommt sowas aber eher selten vor.

Gab es Reaktionen von Seiten des "Twilight"-Teams?

Ja, die gab es. Ich musste einige Mails schreiben, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Die Drehbuch-Autorin Stephenie Meyer ist ein großer Fan der Band. Sie war entsetzt, als sie die Story las. Mir tat das natürlich alles furchtbar leid. Vor allem vor dem Hintergrund, dass kaum etwas von dem Interview der Wahrheit entsprach.

"Für uns gibt es keine Grenzen"


Dementsprechend hat auch euer Olympia-Beitrag nichts mit "Seele verkaufen" zu tun?

Nein, absolut nicht. Ich glaube, es gibt kaum eine größere Ehre, die einem zuteil werden kann, als in irgendeiner Form bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Selbst Millionen Nicht-Sportler sitzen während der Olympiade gespannt vor dem Fernseher und gucken sich Sportarten an, von denen sie vorher gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist einzigartig.

Dann finden die Spiele auch noch in London statt. England hat zuletzt im Jahr 1948 eine Olympiade ausgerichtet. Nach 2012 werden wir zu Lebzeiten wohl keine weitere mehr auf der Insel erleben. Wir durften sogar die olympische Fackel durch unsere Heimatstadt tragen. Die Leute standen an den Straßen und klatschten begeistert Beifall. Wir haben uns dabei oft angeguckt und mussten grinsen, weil wir nicht so richtig glauben konnten, was da gerade mit uns passiert. Das ist schon alles eine große und besondere Ehre. Wir waren wirklich geplättet, als klar war, dass wir ein Teil des Ganzen sein würden.

Wer kam denn auf wen zu?

Unser Management kam eines Tages zu uns und berichtete von einer Anfrage seitens der Olympia-Verantwortlichen. Aber zu der Zeit wusste noch keiner, wie sich das letztlich darstellen sollte. Wir wussten nicht, ob wir eventuell während einer Zeremonie live spielen oder irgendetwas anderes beisteuern sollen. Wir befanden uns gerade am Anfang unserer Arbeit für das neue Album. Der Song "Survival" war schon fast fertig. Es fehlten nur noch die Lyrics.

Matt hat sich dann von der möglichen Olympia-Option inspirieren lassen und den Text aus der Sicht eines Athleten geschrieben. Das passte natürlich wunderbar. Vor allem als wir dann erfuhren, dass wir einen Song zur Verfügung stellen sollen.

Der Song ist in punkto Bombast, Theatralik und Opulenz wie maßgeschneidert für so ein globales Event. Ich hatte allerdings vorhin beim Hören eures neuen Albums das Gefühl, als hätte man noch ein halbes Dutzend anderer Songs in die engere Auswahl nehmen können. Siehst du das ähnlich?

(lacht) Ja, vielleicht. Das neue Material hat schon viele extreme Momente. Das wissen wir. Aber wir wollten es so. Wir sind eine Band, die Stillstand verabscheut. Wir müssen uns ständig neu entwickeln, sonst wird uns langweilig. Das geht anderen Bands sicher ähnlich. Wir versuchen immer Songs zu schreiben, die auf dem Album zuvor nicht funktioniert hätten, verstehst du?

Für uns gibt es keine Grenzen. Wir schauen immer nach vorne und überlegen uns, wie wir das alte Material noch toppen können. Das haben wir auch diesmal so gehalten. Vor allem Songs wie "Madness" oder "Panic Station" heben sich ziemlich ab von allem, was wir bisher gemacht haben.

"Das ganze Dubstep-Zeug hat eine unheimliche Dynamik"


Nach der Veröffentlichung des Songs "Survival" und dem ersten Album-Trailer sind viele Fans in Internet-Foren auf die Barrikaden gestiegen, weil sie eure musikalische Entwicklung nicht nachvollziehen können oder wollen. Wie geht ihr mit der doch teils harschen Kritik um?

Wir ignorieren sie (lacht). Nein, im Ernst: Natürlich setzen wir uns damit auseinander. Aber wir sind nun mal nicht mehr die Band, die wir vor zehn Jahren waren. Das wäre doch auch total langweilig, oder? Ich meine, das ist es doch letztlich auch, was Musik so faszinierend macht; all die verschiedenen Geschmäcker und Meinungen. Man kann es eben nicht allen Leuten recht machen.

Wir haben mit den Jahren gelernt damit umzugehen. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Song auf dieser Welt gibt, den wirklich alle Menschen lieben. Nimm Queens "Bohemian Rhapsody": Es gibt tatsächlich Leute, die diesen Song hassen. So ist das halt.

Apropos "Bohemian Rhapsody": Habt ihr während der Entstehung des Albums eigentlich viel Queen gehört?

Eigentlich nicht. Aber ich weiß, worauf du hinaus willst. Es gibt sicherlich einige Songs, die Ähnlichkeiten aufweisen. Wenn man sich allerdings intensiver mit den Songs auseinandersetzt, wird man feststellen, dass es noch weitaus mehr zu entdecken gibt. Wir haben während des Songwritings und der Aufnahmen ganz unterschiedliche Musik gehört.

Zum Beispiel?

Prince, Stevie Wonder, Primus: Da kam so einiges zusammen.

Hattet ihr auch Skrillex oder Nero auf dem Kopfhörer?

(lacht) Oh ja, absolut. Skrillex ist ein Phänomen. Kurz nachdem wir mit den Arbeiten am Album begonnen hatten, waren wir bei einer seiner Shows. Es war unbeschreiblich. Der Sound hat uns weggeblasen, kein Scherz. Dieses ganze Dubstep-Zeug hat eine unheimliche Dynamik, die wir unbedingt in unsere Arbeit mit einfließen lassen wollten. Das ist aber gar nicht so einfach, wenn man als Band eher songorientiert arbeitet.

Im Dubstep-Bereich geht es mehr um Beats und Sounds. Da spielt die herkömmliche Songstruktur eher eine untergeordnete Rolle. Daher war es für uns eine große Herausforderung, den Vibe dieses Genres in unser Schaffen zu integrieren, ohne dass der jeweilige Song in seiner Gesamtheit darunter leidet.

Den Song "Follow Me" habt ihr dann aber komplett in die Hände von Nero gelegt.

Ja, und ich finde, er hat einen tollen Job gemacht. Unsere Basis hat er kaum verändert, aber dennoch einen völlig neuen Wind reingebracht. Wir wussten, dass wir damit ein Risiko eingehen würden. Es wird wieder viele Leute geben, die uns alleine wegen dieses Songs kritisieren. Aber das ist uns egal. Das Ergebnis ist einfach überwältigend. Und nur darum geht es. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder, der unsere Basics liebt und nicht komplett mit Scheuklappen behaftet ist, es ähnlich sehen wird.

Es befinden sich auf dem Album auch zwei Songs, die komplett aus deiner Feder stammen. Besonders "Liquid State" hebt sich ziemlich ab vom Rest des Materials. War dir der Rock-Gehalt auf den anderen Tracks dann doch etwas zu dünne?

Nein, eigentlich nicht. "Liquid State" ist sicherlich ein Song, der vom Sound her noch am ehesten mit älterem Muse-Material einhergeht. Doch das ist nicht mein Hauptgedanke beim Schreiben. Denn letztlich bleibt das Fundament des Albums wie auch im Falle von "Follow Me" unangetastet.

Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass die Sachen zu sehr aus der Reihe tanzen würden, schließlich hat Matt die Gabe, in seinen Songs eine ganz individuelle Stimmung entstehen zu lassen. Aber es passt alles. Vielleicht rocken meine beiden Songs etwas mehr, aber das ändert nichts am Gesamtbild. Das ist auch das, worüber ich am glücklichsten bin. Die Songs wirken nicht wie Fremdkörper. Sie fügen sich perfekt ein.

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