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Was zum Teufel ist ein Motörhead? Einerseits handelt es sich um ein amerikanisches Slangword für Amphetamin- oder Speedsüchtige, die die Kontrolle über ihren Drogenkonsum verloren haben. Andererseits steht der Name für eine Band der Superlative.
Motörhead sind der Fiat Multipla des Rockbiz: Im Auge des Betrachters das hässlichste Teil auf dem Markt. Nebenbei wird ihnen auch noch nachgesagt, sie seien nicht nur die hässlichste, sondern auch die lauteste, schnellste und untalentierteste Band der Welt. Was Wahrheit und was Dichtung ist, soll diese kurze Bandgeschichte zeigen.
Es begann mit einer schönen Bescherung, Weihnachten 1945: Der Krieg war gerade vorbei, die Luftschlacht um England schon seit einiger Zeit geschlagen. Im nordenglischen Blackpool erblickte Ian Fraiser Kilmister das Licht der Welt. Der Pfarrerssohn - dessen Daddy ganz unchristlich bald das Weite sucht und Mutti mit ihrem Sprössling allein lässt - wird der Rockwelt später besser unter dem Namen 'Lemmy' bekannt sein.
Ian schlägt sich zunächst auf eigene Faust durch. 1964 beginnt seine Laufbahn bei heimischen R'n'B-Bands, meist als Gitarrist. Nebenbei arbeitet er immer wieder als Roadie, unter anderem für Jimi Hendrix. Dort bekommt er der Legende nach auch seinen Spitznamen, da er ständig pleite ist und die Leute um Geld anpumpt mit den Worten "Could you lemmy a few bucks?"
1971 nehmen ihn die Space-Rocker Hawkwind mit ins Raumschiff auf, wo er den Bass zupfen soll. Zupfen kann man das aber nicht nennen, spielt der Mann doch auf seinem Bass viel eher Powerchords wie sonst nur Gitarristen. Vier Jahre dauert diese Zusammenarbeit, bis Lemmy 1975 in Kanada wegen Drogenbesitzes für ein paar Tage eingebuchtet wird.
Die Band trennt sich von ihm, aber die Freundschaft bleibt über die Jahrzehnte bestehen, vor allem zu Michael Moorcock, der inzwischen als Fantasy-Autor einigen Ruhm gesammelt hat. Lemmy will jetzt endgültig auf eigenen Beinen stehen und seine eigene Band haben.
Mit Gitarrist Larry Wallis und Lucas Fox am Schlagzeug gründet er bei seiner Rückkehr nach Großbritannien 1975 eine Formation namens Bastard. Als ihn sein Manager darauf hinweist, dass es eine Band mit derartigem Namen nie in die 'Top Of The Pops' schaffen wird, nennt er das Projekt kurzerhand Motörhead - gleichzeitig der Titel des letzten Songs, den Lemmy für Hawkwind schrieb. Dies mit dem edlen Ziel, den schweren Biker-Rock von Hawkwind zu verstärken und mit etwas Punk-Rock zu garnieren.
Motörhead waren da, bevor Punk geboren war. Sie waren aber nie eine Punkband, sondern hassten den schmuddeligen Punkstyle. Sie wollten lieber bärtige Typen in lederner Nietenuniform (Erfindung der Kutte) sein, mit Stahlhelm auf dem Kopf und Harley unterm Arsch.
Schon zwei Monate nach ihrem Debüt-Gig zieht es die Mottenköpfe ins Studio, um ihr erstes Werk für United Artists aufzunehmen, doch das Label lehnt es ab. Motörhead hängen fortan ohne Plattenvertrag in der Luft, machen aber durch mehrere Auftritte auf sich aufmerksam. Wallis wirft das Handtuch und auch Fox kratzt die Kurve. Dafür steigen 'Fast' Eddie Clarke (Gitarre) und 'Philthy Animal' Tayler (Drums) ein und die Band befindet sich im klassischen Motörhead-Lineup.
Der Durchbruch gelingt ihnen, als "Bomber" später bei Bronze veröffentlicht wird. Sie steigen damit bis auf Platz 12 die UK-TOTP-Charts. Sie gehen mit Saxon als Vorgruppe (!) auf Tour und etablieren den Flieger als Kulisse auf der Bühne. Mit der '80er Veröffentlichung "Ace Of Spades" gelingt ihnen ähnliches auch in den USA, was als wahrer Geniestreich für eine Band von Amateurmusikern gilt. Aber genau das ist es, was Motörhead schon immer sympathisch macht. Eine handvoll proletischer Kaputtniks voller Rock im Leib, die einfach nicht anders können, als diesen an ihren Instrumenten rauszulassen. Ein Live-Gig wird zur Bikerparty: Feiern, Saufen, Grölen, Vögeln - ohne Reue.
Als sich Philthy bei einer Schlägerei mit Fans das Genick anbricht, starten Lemmy und Eddie einfach mit Girlschool ein paar Gigs, bis der Drummer wieder fit ist. Das 1981 veröffentlichte Livealbum "No Sleep 'Til Hammersmith" entert die britischen Top Ten tatsächlich auf dem ersten Platz.
Im selben Jahr versuchen sich Motörhead auch auf dem amerikanischen Markt und treten dort zusammen mit Ozzy Osbourne im Vorprogramm von Heart auf. Der Grundstein für den Durchbruch in den Staaten ist also gelegt und es geht zurück nach England, um sich dort auf das nächst Album zu konzentrieren.
"Iron Fist" ist das letzte für Eddie, der zusammen mit dem ehemaligen UFO-Basser Pete Way die Band Fastway gründet. Nebenbei hat Lemmy auch einen Gastauftritt in dem Freak-Film "Eat The Rich" und arbeitet mit The Plasmatics und deren Sängerin Wendy O'Williams zusammen.
Für Eddie steigt fast umgehend der frühere Thin Lizzy-Klampfer Brian Robertson ein, der nicht nur die US-Tour mitfährt, sondern auch in Japan mit dabei ist und sich auf "Another Perfect Day" verewigt. Allerdings passt der Mann weder vom Outfit, noch von der Einstellung her zur Band (er weigert sich, ältere Songs zu lernen) und so verschwindet er '84 schon wieder.
Für ihn holt sich Lemmy gleich zwei Leute, nämlich Michael 'Würzel' Burston und Phil Campbell. Kaum sind die dabei, macht sich aber Philthy vom Acker, weshalb Pete Gill von Saxon hinter dem Drumkit Platz nimmt. Zunächst geben die drei Neuen ihren Einstand nur auf dem Song "Killed By Death", der auf der Compilation "No Remorse" erscheint, doch '86 zeigen sie auf "Orgasmatron", was Sache ist.
Zusammen mit Manowar und Exciter geht es durch Europa. Inzwischen auch in den USA eine große Nummer, drehen Motörhead dort ein paar Runden mit Mercyful Fate und anschließend mit den Cro-Mags und Megadeth. Deren Frontmann benimmt sich aber dermaßen daneben, dass sie nach zwei Gigs schon wieder aus dem Line-Up fliegen. Auf "Rock 'N' Roll" gibt sogar Monthy Pythons Michael Palin ein Gastspiel als Erzähler, und Songs der Scheibe landen auf dem Soundtrack zum Streifen "Eat The Rich". Nachdem Philthy zur Band zurück gekehrt ist, legen sie mit Savatage Europa in Schutt und Asche.
Nach einem weiteren Livealbum "No Sleep At All" zieht Lemmy 1990 nach L.A. Dort beginnt die Band mit den Arbeiten an "1916". Das Album zeigt Motörhead nach einer längeren Pause wieder in alter Form, und Lemmy war während den Aufnahmen recht fleißig. So hat er für das Ozzy Osbourne-Album "No More Tears" insgesamt vier Texte beigesteuert. Er dreht in der Folgezeit außerdem Werbespots für Lebensversicherungen, spielt in "Hellraiser III" und in einem Porno mit John Wayne Bobbit kurze Rollen.
Es geht zurück nach England, um dort mit The Almighty durch die Gegend zu ziehen und anschließend mit dem Megapackage aus Judas Priest, Alice Cooper und Metal Church in den Staaten aufzuschlagen. Kaum ist die Tour um, begleitet das Quartett auch schon Ozzy und Alice In Chains durch die US of A. Danach ist für Philthy endgültig Schluss und er verabschiedet sich erneut. So kommt es, dass Tommy Aldridge die meisten Drums auf "March Ör Die" spielt, obwohl Mikkey Dee (Ex-King Diamond/Dokken) eigentlich den Stuhl okkupiert.
Auf der Scheibe sind nicht nur Ozzy, Ice T und Whitfield Crane (Ex-Ugly Kid Joe) zu hören, sondern auch Slash (Velvet Revolver/Ex-Guns N' Roses). Der packt Motörhead auf der gemeinsamen Tour mit Metallica ins Vorprogramm.
Anhaltende Labelprobleme sorgen dafür, dass "Bastard" außerhalb von Deutschland nur mäßig gut zu finden ist. Als ein Fan während eines Konzerts zu Tode kommt, ist die Stimmung den Rest des Jahres eher getrübt. Daran ändern auch die Dates mit Black Sabbath nicht viel.
Würzel kündigt im Februar 1995 eigentlich schon seinen Ausstieg an, ist auf "Sacrifice" aber noch zu hören. Keine Balladen mehr, die Band drückt wieder richtig aufs Gas und zieht als Trio mit Grip Inc. durch Europa. In den USA sind sie zunächst noch einmal mit Black Sabbath unterwegs. Weihnachten feiert Lemmy seinen 50. Geburtstag. Als Überraschungsgäste stehen Metallica auf der Bühne und spielen unter dem Namen The Lemmys ein paar Motörhead-Songs.
Dass Lemmy auch mit über 50 noch jede Menge Power und vor allem Humor hat, beweist die 1996er Scheibe "Overnight Sensation". Die Tour mit W.A.S.P. wird kurz nach Beginn wieder abgebrochen, weil sich die Bands nicht vertragen, und so ziehen Motörhead einfach als Headliner mit Novocaine und DBH durch die Staaten. Um "Snake Bite Love" entsprechend zu promoten, machen sie zwei Jahre später wieder den Opener, was für eine Band wie Judas Priest allerdings auch in Ordnung ist.
1999 ist es mal wieder an der Zeit für eine Live-Scheibe, und so erscheint die Doppel-CD "Everything Louder Than Everyone Else". Ein paar Festivaldates mit Dio und Manowar folgen, ehe sich Lemmy einen musikalischen Traum erfüllt. Zusammen mit dem ehemaligen Stray Cats-Drummer Slim Jim und Gitarrist Danny B. von The Polecats nimmt er "Rock" auf und spielt darauf Songs von Buddy Holly, Little Richard, Elvis und Johnny Cash auf.
Zum 25-jährgen Bandjubiläum stehen in London neben dem Trio noch Queen-Gitarrist Brian May, Doro und Ace (Ex-Skunk Anansie) auf den Brettern. Schon in der folgenden Nacht steht das nächste Jubiläum an, denn Lemmy geht mit Hawkwind für deren 30-jähriges auf die Bühne.
Natürlich kommt in diesem Jahr auch ein weiteres Album raus: Im Mai erscheint das treffend betitelte "We Are Motörhead". Selbst mit der Sex Pistols-Coverversion von "God Save The Queen" huldigen die Jungs eher sich selbst, hat Lemmy doch seinerzeit vergeblich versucht, Sid Vicious das Bassspielen beizubringen.
Mit "The Best Of Motörhead" folgt die nächste Compilation, und als die Band im Anschluss schon wieder auf Mammuttour geht (39 Gigs in 48 Tagen), fordert der Stress doch seinen Tribut: Lemmy muss eine verschleppte Grippe in einem Krankenhaus auskurieren. Zum ersten Mal in der Karriere von Motörhead müssen sie ein paar Gigs abbrechen. Kaum ist Lemmy aber wieder auf den Beinen, spielen sie im Wacken (zum ersten Mal wieder mit dem Bomber an der Decke) und gehen mit den Backyard Babies und Psycho Squad auf Tour. In letzterer Truppe spielt Phils Sohn Todd.
Nachdem sie bei einem Sublabel von Sanctuary Records unterschrieben haben, erscheinen die alten Klassiker als Re-Releases, und das Trio schreibt einen Song für den Wrestler Triple H. Der gibt sich anschließend auf "Hammered" die Ehre. Nicht nur das Album zeigt, dass man mit Motörhead mehr denn je rechnen muss, sondern auch die anschließende Tour. Als Vorgruppen stehen nämlich Extremhärtner wie Morbid Angel und Today Is The Day auf dem Speiseplan. Außerdem trägt Lemmy noch seinen Teil zum "24 Black Flag Songs To Benefit The West Memphis Three"-Sampler bei, den Henry Rollins ins Leben ruft.
Anthrax begleiten sie Ende 2002 durch Europa und Mikkey hilft derweil auch mal bei den Aufnahmen zu Helloweens "Rabbit Don't Come Easy"-Album aus. Im April 2003 sind sie mit The Dwarves und High On Fire unterwegs, anschließend wieder mit Anthrax. Während der Tour nimmt sich Phil ein paar Tage Auszeit, um seine Mutter zu beerdigen. Währenddessen spielt Todd Schofield (Ex-Danzig) die Gitarre. Für die Dates mit Maiden und Dio ist Phil aber wieder mit am Start. 2003 erscheint nicht nur der Jubiläumsgig unter dem Titel "Live At Brixton Academy", sondern auch "Stone Deaf Forever!", eine Best-Of mit 99 Songs.
Lemmy bastelt auch an einem weiteren Soloalbum im Studio der befreundeten Skew Siskin-Mucker in Berlin und nimmt die Ende 2003 auch mit auf Tour. Bevor im Juni 2004 "Inferno" auflodert, erscheint zuvor noch die DVD "Everything Louder Than Everything Else". Auf "Inferno" lässt es sich Steve Vai nicht nehmen, ein Solo beizusteuern, das Album steigt sogar in die deutschen Top Ten-Charts ein. Mit Sepultura und den grottigen The Ring touren sie im Winter durch Europa, und während des Gigs im Hammersmith in London, kommt sogar Würzel für eine Zugabe auf die Bühne.
Im selben Jahr beweisen sie erneut Humor und vertonen ihren Song "You Better Run" neu unter dem Titel "You Better Swim" für den "SpongeBob"-Kinofilm. Außerdem gewinnen sie Emmy in der Kategorie "Best Metal Performance" - allerdings für eine Coverversion von Metallicas "Whiplash". Da ziehen sie doch lieber mit Corrosion Of Conformity und Brand New Sin durch die Staaten und anschließend mit Fozzy und 3 Inches Of Blood durch Kanada. Das 30-jährige Jubiläum feiern sie mal wieder im Hammersmith zusammen mit Girlschool, die sie im Anschluss mit In Flames mit auf Tour durch England nehmen.
In Europa sind sie mit Meldrum und Mondo Generator zu sehen. Mit der Meldrum-Sängerin Moa Holmsten ist Lemmy inzwischen liiert und sie steht ihm auch im Video zu "Whorehouse Blues" zur Seite. Allerdings scheint ihn die Dame ganz schön ranzunehmen, denn den With Full Force-Gig müssen Motörhead wegen Dehydrierung von Lemmy absagen. Dafür könnten aber auch ein paar anstrengende Konzerte im Vorfeld verantwortlich gewesen sein. Wie auch immer, im Juli erscheint nicht nur die DVD "Stage Fright", Lemmy stellt sich im Interview den Fragen der laut.de-Redakteure.
Nachdem sich Lemmy in einer Diskussionsrunde mit dem konservativen Politiker William Graham nicht unbedingt in dessen Sinne zur Freigabe von Drogen geäußert hat, geht es mit Mötley Crüe ab nach Australien. Danach sind sie im März 2006 mit den Mädels von Meldrum in den USA auf Achse, zuvor erscheint aber noch "Damage Case - The Anthology", die sich hauptsächlich mit Lemmy Prä-Motörhead-Ära beschäftigt. Mit seinen Kumpels Slim Jim Phantom (Stray Cats) und Danny Harvey (13 Cats) nimmt er die launige Rockabily-Scheibe "Fool's Paradise" auf, das im Juli erscheint. Damit nicht genug, folgt Ende August auch schon das nächste, bärenstarke Album "Kiss Of Death", das sich nahtlos in die unzähligen anderen Klassiker einreiht.
Nach wie vor gilt der Leitspruch: "Ein Gitarrenriff sollte nie länger sein, als es dauert, eine Bierflasche zu köpfen." Entsprechend stehen Motörhead im November schon wieder mit Clutch auf der Bühne und zeigen den Engländern, wie man Rock'n'Roll spielt. Ein Ende ist nicht abzusehen und auch 2008 melden sich die unkaputtbare Drogenvernichtungsmaschine mit neuem Album zurück. Bevor "Motörizer" beweist, dass es nach wie vor niemanden gibt, der Lemmy in Sachen Rock das Wasser reichen kann, erscheint über Nuclear Blast die Biographie "White Line Fever" als Hörbuch. Es liest: Martin Semmelrogge.
Dass Lemmy irgendwann auf Tour den Löffel abgeben wird, steht wohl außer Frage. Leider muss man sich die nächsten Jahre immer wieder Sorgen um die Gesundheit des Sängers machen. Seinem Image tut das keinen Abbruch. So kommt er Anfang 2010 auch zu Filmehren, denn mit "Lemmy - 49% Motherfucker, 51% Son Of A Bitch" wird eine Dokumentation über und mit ihm veröffentlicht.
Die "Lemmy"-Regisseure über ihre drei Jahre mit Rock-Gigant Lemmy Kilmister.
Drei Jahre lang hefteten sich Greg Olliver und Wes Orshoski an die Fersen von Lemmy Kilmister. Die Reise führte sie oft ins Rainbow in Hollywood, in Studios und auf Bühnen, in fremde Länder und oft in die Nähe von viel Whisky und schönen Frauen.
Das Resultat ist ein wunderbares Portrait einer einzigartigen Persönlichkeit der Rockmusik. Was die beiden Regisseure, selbst Musikfanatiker, außer einem Leberschaden sonst noch aus dieser Zeit mitgenommen haben, erfragten wir im Interview.
Zu Beginn ein Kompliment: Man muss kein Metalhead sein, um den Film spannend zu finden. Es ist eine interessante Doku für alle Musikfreunde geworden, egal aus welchen Genres.
Greg: Cool, thanks for saying that. Das war auch unser eigentliches Ziel.
Wes: Wir wollten die Grenzen zwischen Fan und Nicht-Fan überwinden.
Bevor ihr das Projekt in Angriff genommen habt, was war Lemmy für euch?
Greg: Um ehrlich zu sein habe ich nicht viel über Lemmy gewusst. Ich hatte nur die "Ace Of Spades" zu Hause. Es war Wes, der mir Lemmy und Motörhead näher brachte. Ich hatte immer etwas Angst vor Motörhead, daher war Lemmy für mich immer dieser große, riesige Heavy Metal-Drache. Aber durch die Biographie und die ganzen lustigen Geschichten war mir klar, dass es riesigen Spaß machen würde, mit ihm abzuhängen.
Wes: Für mich war er das, was er für viele Menschen ist: Ein furchteinflößender, harter Kerl. Ich wuchs mit Heavy Metal-Musik auf und wusste genau, welchen Einfluss Motörhead auf die Musikszene damals hatte. Für mich war er eine Rock'n'Roll-Ikone, ein wilder Typ, dem man nicht unbedingt in einer dunkeln Seitenstraße begegnen wollte.
Wie hat sich eure Beziehung zu Lemmy nach Abschluss dieses Projekts geändert?
Greg: Lemmy ist ein guter Freund. Er ist eigentlich ein netter, lustiger und cooler Typ. Er ist genauso, wie man sich Lemmy vorstellt. Eine Art Rock'n'Roll-Drache, der auf der Bühne Feuer speit. Aber er hat einen tollen Sinn für Humor. Ich war auch überrascht, wie nett er zu seinen Freunden und Frauen ist. Er ist nicht der arrogante Womanizer, he's a sweetheart!
Wie genau kam die Sache jetzt ins Rollen? Ich habe gelesen, die Idee wurde in einem Pub in Dublin geboren?
Greg: Das ist absolut korrekt. Wir waren in Dublin und arbeiteten an einem Reggae-Projekt. Wir hatten einen schlechten Tag und brauchten noch einen Drink, um neue Ideen zu sammeln. Und nach dem ersten Bier sagte Wes bloß: "Lemmy". Wes hatte ihn schon mal interviewt, er ist ja auch Musikjournalist und wusste, dass Lemmy ein interessanter Charakter ist.
Er kannte seine Rockabilly-Band Head Cat. Dann hieß es: OK, let's do it. Also riefen wir beim Lemmy-Management an, und denen gefiel unser Plan. Dann mussten wir uns mit Lemmy im Rainbow in Hollywood treffen und hatten eine Art Vorstellungsgespräch.
Wes: Dass es dann zustande kam, hatte sicher mit mehreren Faktoren zu tun. Wir waren einfach offen und ehrlich und wollten ein aufrichtiges Portrait machen, ohne Hintergedanken. Wir wollten ihm einfach mit der Kamera folgen und daraus einen Film basteln. Natürlich hatte es auch damit zu tun, dass wir mit ihm trinken konnten. Beim Meeting, wo er schlussendlich sein OK gab, sprachen wir zwei Minuten übers Geschäft und tranken für vier Stunden.
Also habt ihr den Trink-Test bestanden?
Wes: Ja. Aber es gab auch noch andere Sachen, wie zum Beispiel die Endabnahme, die wir Lemmy zusicherten. Er hatte das letzte Wort beim Schnitt. Er sollte uns auch sagen, wann ihm die Kameras auf die Nerven gingen, damit wir ihn in Frieden lassen konnten, wenn er es wollte.
Hat Lemmy am Ende noch was ändern lassen?
Wes: Das war das coolste: Überhaupt nicht. Das hätte auch überhaupt nicht zu ihm gepasst. Typisch Lemmy - einfach alles so zeigen, wie es ist. Und ich war wirklich nervös an dem Tag. Ich hatte fast eine Panikattacke, weil ich mir Sorgen machte, dass er uns ein paar Sachen wieder rausnehmen lässt. Ich hatte da schon meine Liste. Die ganzen Drogen-Geschichten, seine Nazi-Sammlung in der amerikanischen Version und sowas. Ich dachte, wir müssten all das rausnehmen.
Genau, was hat es mit der Nazi-Sammlung von Lemmy auf sich? War das Management besorgt? (Die Szenen sind in der deutschen Version komplett rausgeschnitten, in der amerikanischen Version nur kurz angerissen, Anm. d. Red.)
Greg: Ja, es gab unglücklicherweise einige Sachen, die wir nicht zeigen durften, das hatte viele Gründe. Lemmy wollte zwar immer, das wir mehr zeigen, das Management war aber darauf bedacht, dass nichts in ein falsches Licht gerückt wird.
Wes: Wenn es nach dem Management gegangen wäre, hätten wir gar nichts davon zeigen dürfen. Wir überzeugten sie aber, dass auch das ein Teil von Lemmy ist. Zwei Jahre lang hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, wie das Publikum das aufnehmen würde. Das war sehr spannend. Nachher sagten Presse und Publikum unisono, dass er ganz klar kein Nazi sei.
Ich wünschte, in Deutschland könnte man diese Szene auch sehen, aber im Grunde war es von vornherein klar, dass wir diese Bilder bei euch nicht zeigen. Das ist einfach ein zu sensibles Thema. Ich habe mir wirklich große Sorgen gemacht und bin dankbar, dass jeder versteht, dass seine Sammlerei nur eine bubenhafte Faszination ist.
Was sind eure schönsten Erinnerungen aus diesen drei Jahren, die ihr mit Lemmy verbracht habt?
Greg: Mein schönster Moment war auch gleichzeitig der stressigste: Die Szene mit Metallica. Ich wollte Lemmy auf die Bühne folgen, damit die Zuschauer diesen Auftritt aus Lemmys Perspektive erleben und es mehr Doku-Feeling bekommt. Es sollte keine typische Konzertfilm-Perspektive sein. Kurz vor Stagetime frage ich also James Hetfield, ob ich mit der Kamera auf die Bühne dürfte, da mir das Management so etwas niemals erlaubt hätte. Und James sagte: Klar, leg los.
Ich hatte etwas Bammel, aber mir war auch klar, dass es wunderbares Material werden könnte. Auch wen es furchtbar stressig war, zwischen Metallica und Lemmy auf der Bühne herumzuflitzen. Ich hatte immer Angst, zu stolpern oder etwas umzuwerfen. Ich bin echt stolz, dass alles so gut geklappt hat.
Wes: Es gibt einfach zu viele Erinnerungen. Das ganze Ding war einfach ein wahrgewordener Traum. Als jemand, der in seiner Kindheit pausenlos Heavy Metal-Videos auf Kassetten aufgenommen hat, so richtig als Fan, war das schon surreal. Auf Tour mit Motörhead zu sein ist unglaublich.
Ein atemberaubender Moment war sicherlich, als wir in diesem kleinen Proberaum mit Metallica und Lemmy standen. Stell dir das mal vor. Wenn man Tickets für sowas auf Ebay stellt, würden Menschen 100.000 Dollar dafür zahlen. Es war großartig. Sie waren so nett zu uns, ich kann ihnen nicht genug danken.
Wes: Der Tiefpunkt hatte lustigerweise auch mit der Metallica-Szene zu tun. Die Szene wollten wir eigentlich im März 2009 in London drehen. Zu der Zeit waren wir komplett pleite, für den Flug haben wir meine Kreditkarte überzogen. Die O2-Arena in London war ausverkauft, aber Lemmy war krank und konnte nicht kommen. Wir waren also da in der Arena und Lemmy tauchte nicht auf, weil er Grippe hatte. Das war mein Tiefpunkt.
Greg: Der schlimmste Moment war ein eher konstantes Problem: Geld. Irgendwoher Geld aufzutreiben ist unglaublich schwierig. Natürlich ist die Wirtschaft im Eimer, aber es war echt hart, Geld für diesen Film zu bekommen. Alle paar Monate hatten wir das Gefühl zu scheitern, weil einfach nix ging. Es ist sehr teuer, Lemmy rund um den Globus zu folgen. Man kann ja nicht nur zuhause auf ihn warten.
Das war echt scheiße, weil wir viel Herzblut, Zeit und viel Leben in diesen Film investierten. Und ständig sagen zu müssen, dass wir vielleicht den Film mangels Kohle nicht abschließen können, war schlimm. Schlussendlich haben uns unsere Familien geholfen und für den Film gezahlt. Das ist zwar nicht die Skandal-Geschichte, die du dir jetzt erwartet hast, aber das hat wirklich die ganze Zeit über uns geschwebt.
Und weißt du was? Das einzige Konzert, bei dem ich wirklich Schiss hatte, war in Berlin. Das Publikum dort war angsteinflößend. Sonst gingen wir auch mit den Kameras in die Mosh-Pits, um coole Aufnahmen zu bekommen. Aber Dude, gehe nie in einen Pit in Deutschland, wenn du heil mit der Kamera wieder raus kommen möchtest.
Jetzt wo ihr Lemmys Lebensstil aus erster Hand erfahren habt, würdet ihr mit ihm tauschen wollen?
Greg: Nein Mann, ich hab versucht wie Lemmy zu leben, und es tut einfach am nächsten Tag höllisch weh. Selbst Lemmy sagte kürzlich: "Du willst nicht wie ich leben." Das ist komplett richtig. Man will zwar jedes Mal ein bisschen wie Lemmy sein, wie er im Rainbow feiern und etwas zu viel trinken. Doch am nächsten Morgen bezahlst du dafür. Ich bin voll und ganz zufrieden mit meinem normalen Leben zuhause mit meiner Frau.
Gab es irgendeine Lebensweisheit von Lemmy, die dir eher zusagte?
Greg: Als Lemmy in Skandinavien interviewt wurde, meinte er auf die Frage, wie er so lange durchhalten konnte: "Ich hatte einen Traum und habe nie aufgehört, ihn zu leben." Und ich denke genauso. Ich wollte immer schon Filme machen, obwohl es sehr schwer ist, davon zu leben, Geld aufzutreiben und coole Themen zu finden. Aber ich kann stolz behaupten, dass ich meinen Traum lebe, so gut es geht. Dafür respektiere ich ihn auch. Ich glaube, deshalb wird er auch so vergöttert, weil man spürt, dass er seinen Traum immer gelebt hat.
Eine meiner Lieblingsszenen ist jene, wo Lemmy mit seinem Sohn in seiner Wohnung sitzt. Der Dialog dreht sich in einem Moment über Erziehung und die Vater/Sohn-Beziehung und im nächsten Moment um Drogendeals und Freundinnen-Tausch.
Greg: Ja, diese Szene hat uns total überrascht. Wir saßen mit Lemmy in seiner Bude, als sein Sohn auftauchte. Wir unterhielten uns zuerst nur mit Lemmy. Ich hätte nie gedacht, dass er plötzlich sagt, dass Wichtigste in seiner Wohnung sei sein Sohn. Man sieht auch, wie die Kamera leicht überrascht nach links schwenkt, das war die totale Überraschung. Es kam alles natürlich aus ihm heraus, ohne Anstachelung. Seine Offenherzigkeit schockierte uns mindestens genauso wie dich, das war wirklich einzigartig.
In dieser Szene offenbart sich auch eine Menge. Sein Sohn rutscht immer näher zu ihm auf dem Sofa, bekommt offenbar nicht genug Zuneigung. Und Lemmy spricht mit ihm wie mit einem Kumpel, weniger wie mit einem Sohn. Es ist eine großartige Szene, die man sich immer wieder anschauen kann.
Wes: Ich liebe diese Szene. In vielerlei Hinsicht ist diese Szene das Herz des Films. Das war auch das erste Material, was Greg und ich geschnitten haben, das Ding ist also einige Jahre alt. Es ist schon so lange her, dass wir manchmal vergessen, wie toll die Szene ist. Ich erinnere mich, wie wir direkt nach diesem Dreh unser Equipment zusammenpackten und ich Greg ansah und meinte: "God, man. That's pure gold!"
Habt ihr eine Lieblingsszene im Film?
Wes: Oh, Mann, es gibt so viele! Auch Sachen, die man jetzt nicht erwartet. Ich liebe zum Beispiel die Vegas-Szene, die mit dem Johnny Kid And The Pirates-Song unterlegt ist. Oder die ganze Russland-Sequenz am Schluss, es gibt echt so viele coole Momente im Film. Auch der Metallica-Kram.
Greg: In punkto ruhigen Szenen, in denen man viel über Lemmy lernen kann, ist die Szene mit seinem Sohn sicher mein Favorit. In Sachen Aufregung und Rock'n'Roll klar die Metallica-Szene. Ach ja, und der singende Fisch am Schluss, das war auch nicht geplant. Wes blieb im Badezimmer hängen und filmte einfach weiter. Das ist auch klar mein Lieblingsmoment im Film: Lemmy, wie er leicht verärgert mit dem Fisch mitsingt. Instant classic!
Es gibt auch sehr viele Gäste im Film. Welcher Gast war schwierig zu bekommen?
Greg: Wie bei allen anderen Dingen: Wenn es um Lemmy geht, ist jeder sofort an Bord. Die Schwierigkeit bestand eher darin, das alles terminlich auf die Reihe zu bekommen. Und das dauert ewig.
Wes: Nikki Sixx und Metallica sagten sofort zu, bis es schlussendlich aber passierte, vergingen zwei Jahre. Captain Sensible und Dave Vanian von The Damned waren schwer zu überreden. Der Captain sagte, dass er sich nicht mehr erinnern könne, weil er in den Punktagen zuviele Drogen und Drinks genommen habe. Ich musste ihn lange anflehen, bis er es machen wollte. Schlussendlich ist es einer meiner liebsten Momente im Film.
Greg: Aber als wir Dave Grohl anfragten, klappte das Interview schon eine Woche später. Bei fast allen anderen dauerte die Organisation einige Monate. Das ist alles Wes' Verdienst. Und es hat sich gelohnt. Wirklich jeder wollte unbedingt dabei sein.
Gab es jemanden, den ihr noch gerne im Film gehabt hättet?
Greg: Natürlich Phil "Philthy Animal" Taylor, den Original-Drummer von Motörhead. Aber ausgerechnet zu der Zeit gab es irgendwelche geschäftlichen und rechtlichen Probleme und Phil war angefressen auf Lemmy und hat sich geweigert. Sehr schade, weil der Typ wirklich der wilde Mann des Rock'n'Roll ist.
Wes: Ja, das war schade, aber das ist etwas Persönliches zwischen Lemmy und Phil.
Greg: Oh doch, jeden Tag. Kein Scherz. Er meinte stets zu wissen, wann wir genug Material hätten. Manchmal folgten wir ihm und er war sofort sauer, manchmal sagte er nach fünf Minuten: So, ihr habt genug Material. Aber Lemmy ist ein temperamentvoller Mensch, mürrisch, trinkt und nimmt Drogen, ist 65, da wird man schon mal unstimmig. Er sagte uns oft, wir sollen uns verpissen. Und wir lernten, damit zu arbeiten.
War der schwierigste Punkt bei diesem Film das liebe Geld? Oder gab es auch andere?
Wes: Klar, der schwierige Teil ist, dafür Geld zu bekommen, Menschen zu finden, die an dich glauben. Und die einzigen, die an uns glaubten, waren Freunde und Familie. Wenn man als Filmemacher heutzutage nicht Beziehungen zu jemandem mit viel Kohle hat, muss man jemand finden, der bereit ist, Risiken einzugehen.
Greg: Wir hatten eigentlich keine Ahnung, wie wir den Film angehen sollten. Wir ließen es einfach geschehen. Es sollte als Dokumentation bestehen, unabhängig von der Musik. Mein Ziel war es, einen Film zu machen, den meine Eltern oder sonst jemand ansieht, weil Lemmy ein interessanter Mensch ist. Glücklicherweise ist uns das gelungen.
Wie gefällt Lemmy der Film eigentlich?
Greg: Lemmy really digs it, man! Als wir ihm vor circa einem Jahr den finalen Schnitt in seinem Appartement zeigten, saß er auf der Couch und begann sofort, mitzusprechen und mitzusingen und zu lachen. Ihm hat es wirklich gefallen. Am Schluss stand er auf, reichte mir die Hand und sagte: "Nice job, man!" Ich weiß, er ist stolz darauf.
Einem anderen Motörhead-Mitglied gefällt der Film ja nicht so gut. Phil Campbell äußerte sich etwas abfällig über seinen allzu kurzen Auftritt im Film.
Wes: Ja, das Lustige daran ist, dass es einfach nicht wahr ist. Und das hat er auch nur in einem Interview gesagt. Im Film sind Mikkey und Phil ja oft im Bild. Sie sind sicher nach Lemmy am häufigsten zu sehen.
Greg: Ich denke auch, er vergisst, dass der Film "Lemmy" heißt und nicht "Motörhead". Es ist natürlich schwer, wenn es so viele tolle Soundbites von Joan Jett oder Lars von Metallica gibt, aber das ganze letzte Drittel des Films dreht sich um Motörhead. Sie sind da, aber sie reden nicht.
Wir haben jedem von Anfang an gesagt, dass wir einen Film über Lemmy machen, und nicht über Motörhead. Diese Band verdient natürlich einen eigenen Film, dieser hier ist es aber nicht. Aber egal was Phil über uns sagt, wir lieben ihn trotzdem!
In manchen Szenen sieht man Lemmy mit schönen Frauen. Greift der Typ wirklich noch so viele Girls ab, wie die Legende erzählt?
Greg: Lemmy kann jede Frau überall zu jeder Zeit abschleppen, das ist sicher. Millionen Mal durften wir nicht filmen, weil eine heiße Frau backstage war. Es ist wirklich kein Mythos! Obwohl es im Backstage-Bereich sicher etwas ruhiger geworden ist in den letzten Jahren.
Wes: Der Typ ist 65 Jahre alt, also geht es ein bisschen ruhiger zu. Aber wenn du ihn im Rainbow in Hollywood siehst, da lungern die Frauen nur so um ihn herum. Er könnte jeden Tag mit einer anderen heimgehen, sofern er möchte. Manchmal will er aber auch nur heimgehen und eine Kriegs-Doku anschauen.
Johnny Depp hat nach dem ersten Shooting seiner Keith Richards-Doku 35 Stunden Material. Ihr seid Lemmy einige Jahre lang gefolgt. Wieviel Rohmaterial habt ihr?
Greg: Wir haben fast 500 Stunden Material. Vieles davon sind Konzertaufnahmen und wir ließen einfach immer die Kamera laufen, was mit der heutigen Technologie kein Problem mehr ist. Sonst verpasst du ja auch was. Der schwierige Part war, das alles auf knappe zwei Stunden zusammenzuschneiden. Aber auf der Bonus-DVD sind einige Stunden an Extra-Material drauf, das auch cool anzusehen ist.
Wie war eure Zusammenarbeit in diesen vier Jahren?
Greg: Wir hatten tolle Tage und schlimme. In gewisser Weise sind Wes und ich jetzt eine eigene Rock'n'Roll-Band. An manchen Tagen hassen wir uns und wir können kein Hotelzimmer mehr teilen.
Wes: Wir sind wie die Gallagher-Brüder! Wenn man jeden Tag zusammen verbringt, kann es schon mal knallen.
Greg: Wir wissen jetzt, dass wir zusammen einen ziemlich anständigen Musikfilm machen können. Mit Wes' Musikwissen und meinem filmischen Hintergrund hat es am Ende super funktioniert. Niemanden interessiert es eigentlich, was hinter den Kulissen abging. Es zählt das, was auf der Leinwand zu sehen ist. Wir bekamen auch ziemlich gute Kritiken bisher, also werden wir auf jeden Fall auch in der Zukunft gemeinsam arbeiten. So sehr wir es auch verabscheuen, in engen Räumen miteinander auskommen zu müssen. (lacht)
Welche Person aus der Musikgeschichte würdet ihr gern als nächstes auf Film bannen?
Wes: Es gibt mindestens drei Millionen Typen, Mann. Willie Nelson wäre großartig, ich würde auch gerne was über U2 machen, was aber wohl nur ein Luftschloss bleiben wird. Die Liste ist endlos!
Beim Interview mit Lemmy, einer der wenigen Gestalten im Musicbiz, vor der man nach wie vor Respekt haben muss, flattert dem Redakteur schon mal ein wenig die Hose. Dennoch nähern sich Giuliano Benassi und Michael Edele dem Motörhead-Frontmann aufrecht und nicht auf den Knien. Mangelnder Respekt?
Vielleicht, jedenfalls lässt uns der Meister fast drei Stunden warten. Die Zeit verbringen wir mit fester und flüssiger Nahrung auf Labelkosten. Nachdem Lemmy ebenfalls etwas gegessen, die Landung des Space Shuttles beobachtet und diversen Journalisten die Diktiergeräte zugequasselt hat, sind wir endlich an der Reihe.
Wirst du von Jack Daniels eigentlich schon gesponsert oder musst du nach wie vor zahlen? Janis Joplin wurde von Southern Comfort ja finanziert.
Ich muss leider noch zahlen. Jack Daniels sind einfach schon groß genug, die brauchen keinen mehr, der für sie Werbung säuft.
Bist du schon gelangweilt von den ganzen Interviews?
Nö, bisher geht es. So lange die Fragen nicht zu banal werden, langweile ich mich auch nicht.
Wir versuchen unser Bestes. Wie groß war dein Einfluss auf die Zusammenstellung und Produktion von "Stage Fright"?
Das Teil ist im Prinzip von vorne bis hinten auf meinem Mist gewachsen. Wenn du so was veröffentlichst, musst du auch sicher gehen, dass das Ding so in Ordnung ist. Das benötigt zwar einige Zeit, aber was soll's? Wir hatten aber überraschend wenig Sachen, die wir noch großartig bearbeiten mussten. Die DVD gefällt mir so richtig gut.
Keine Frage. Ihr habt ja vor etwa zwei Jahren die DVD "Everything Louder Than Everything Else" veröffentlicht. Das Material selbst war aber von '91 oder '92.
Stimmt, das war im Deutschen Museum in München.
Warum schneidet ihr immer Konzerte in Deutschland mit, um sie auf DVD zu veröffentlichen?
Wir spielen einfach sehr oft in Deutschland, dort haben wir auch unsere bestes und treuestes Publikum. Wir spielen dort viel häufiger als sonst irgendwo. Selbst in schlechten Zeiten, wenn es in anderen Ländern gerade mal bergab ging, war das deutsche Publikum immer sehr treu und loyal zu uns. In Amerika haben wir eh nicht den selben Status wie hier.
Eine Szene auf der DVD fand ich besonders witzig. Im Rock Hard gibt es schon seit Jahren einen Schwatzkasten, in dem Musiker einen bestimmten Fragenkatalog gestellt bekommen. Eine Frage davon lautet: "Wie würdest du reagieren, wenn Lemmy neben dir in der Kneipe lauthals ein Glas Milch bestellt?"
Die sollten nicht gleich vom Glauben abfallen, ich trink nämlich recht viel Milch. Was ist falsch an Milch? (Beide Redakteure versichern, dass sie ihre private Milchkuh zu Hause haben. Ein Hosianna auf die Milch!) Was zur Hölle willst du zu deinen Cornflakes reinleeren außer Milch - Wodka?
Das könnte geschmacklich etwas gewöhnungsbedürftig sein. In deiner Biografie heißt es: "Kaum einer kann von sich behaupten, mehr Drogen genommen, mehr Bourbon getrunken oder mehr Frauen unterhalten zu haben, als der Sänger von Motörhead."
Das heißt aber nicht, dass man deswegen nicht auch Milch trinken kann, harharhar. Um so ein Leben zu führen, muss man sich fit halten, das könnt ihr mir glauben.
Ich finde es immer wieder unglaublich, welche Energie ihr nach wie vor auf der Bühne verbreiten könnt.
Wenn du wirklich an eine Sache glaubst, und das mit deinem ganzen Herzen, dann schaffst du so gut wie alles. Wir glauben zu 100% an Motörhead und wollten nichts anderes machen. Das ist für mich das selbe, wie wenn eine Mutter einen umgestürzten Van hochheben kann, weil ihr Kind darunter eingeklemmt ist. Man vollbringt Übermenschliches, wenn man nur fest an etwas glaubt. Motörhead ist für mich mein Kind.
Du hattest vor Kurzem diesen Schwächeanfall auf der Bühne, geht's dir denn wieder gut?
Ja, ja, wir mussten drei Shows canceln, die holen wir aber nächste Woche nach. Das Einzige was wir nicht nachholen können, ist die Show auf dem Rock Hard Festival. Hat mich richtig angepisst, als die Ärzte meinten, ich könnte nicht auftreten. Mein Körper war dehydriert, und das schlaucht eben ganz schön. Ich war vollkommen erschöpft, und in so einem Zustand kannst du einfach nichts machen, um daran etwas zu ändern.
"Frankreich kümmert sich 'nen Scheiß um Band und Publikum!"
Du musst dir einfach die Zeit nehmen, um wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben diese Show in Frankreich gespielt, es waren über 30 Grad auf der Bühne und nirgendwo auch nur ein einziger Ventilator. Das ist typisch Frankreich, die kümmern sich 'nen Scheiß um Band und Publikum. Sogar Mikkey war vollkommen am Ende, und der ist 20 Jahre jünger als ich.
Mikkey meinte auf eurer Homepage, dass du wahrscheinlich nicht genug Eis in deinen Jacky-Cola getan hast.
Mag sein, das ist immerhin meine Hauptquelle an Wasser, harharhar.
Neben "Stage Fright" und der Neuauflage von "Inferno" im Dolby Surround hattet ihr noch das Jubiläumskonzert im Hammersmith in London. Außerdem sei noch eine neue Solo-CD von dir in Planung, heißt es ...
Ja, das Konzert war großartig. Wir hatten Saxon und Girlschool mit dabei, die ganzen alten Säcke waren da auf einem Haufen versammelt, harharhar. Mit der Solo-Scheibe sieht es so aus, dass ich zwei Tracks mit Reverend Horten Heat spiele, zwei Tracks mit The Damned, zwei mit Skew Siskin aus Berlin und einen mit Dave Grohl. Das ist der momentane Stand der Dinge. Dave ist ja auch auf der DVD und dabei stockbesoffen, harharhar. Das werden also sehr unterschiedliche Sachen werden.
Hast du die Songs geschrieben oder wie lief das ab?
Die meisten sind von mir, und ich denke, es werden noch etwa fünf weitere dazu kommen. Ich muss das alles aber immer zwischen den Sachen mit Motörhead erledigen, da bleibt nicht so viel Zeit übrig. Wir sind ständig irgendwie am Arbeiten.
Auf eurer Homepage habt ihr diese Rubrik, in der ihr Fragen eurer Fans beantwortet. Ein paar davon sind schon recht seltsam und stellenweise auch sehr lustig.
Die ich dann auch immer sehr seltsam oder lustig beantworte, harharhar.
Das kann man laut sagen, aber waren da auch schon mal Fragen dabei, bei denen du dachtest: "Nee, die ist jetzt wirklich zu doof oder zu persönlich?"
Nein, ich beantworte die alle. Auch wenn manche Leute blöd sind, müssen sie das nicht zwangsläufig bleiben. Wenn du denen eine gute Antwort lieferst, fangen sie vielleicht an, darüber nachzudenken.
"Bist du eine 1,80 m große Frau?"
Manchmal tut's aber schon weh, wenn man liest: "Bist du eine 1,80 m große Frau?" Äh, nein, harharhar. Ich habe aber bisher auf jede Frage geantwortet.
Wenn ich deine Fragen mit denen an Mikkey und Phil vergleiche, fällt auf, dass ihnen hauptsächlich Fragen über ihr Equipment und ihre Art zu spielen gestellt werden. Die Fragen an dich sind meist persönlicher Natur, und viele wenden sich an dich, um einen Rat zu bekommen ...
Das stimmt, und ich verstehe verdammt noch mal einfach nicht, warum das so ist. Ich meine, mein Leben war wohl kaum ein Beispiel für Brillanz und Beständigkeit. Trotzdem denken die Leute, ich könne ihnen auf ihre Fragen eine Antwort geben. Manchmal ist das tatsächlich der Fall, wenn ich eine ähnliche Situation selbst erlebt habe und erzählen kann, wie ich damit umgegangen bin oder welche Erfahrungen ich daraus gezogen habe. Bei anderen Sachen bin ich aber auch ziemlich aufgeschmissen. Erinnerst du dich noch an die Show Hard'n'Heavy? Da hat mich mal eine Frau angeschrieben, die nach einer Vergewaltigung ein Baby bekommen hat. Sie fragt mich, was sie jetzt machen solle. Was antwortest du darauf? Das ist doch beinahe unmöglich zu beantworten, du kennst doch keinen Einzigen der Beteiligten.
Fuck, das ist doch schon fast unfair, jemandem so ein Frage zu stellen.
Finde ich nicht, die Frau war verzweifelt und wusste einfach nicht, an wen sie sich wenden soll. Natürlich war das ein ziemlicher Schock für mich und ich fühlte mich auch richtig beschissen, weil mir einfach keine Antwort einfiel, die nicht irgendwie pathetisch oder dämlich geklungen hätte. Das war echt übel. Was hättest du geantwortet?
... keine Ahnung ...
Siehst du. Ich denke, das ist wirklich das Schlimmste, was einer Frau passieren kann. Vergewaltigt zu werden ist schon schlimm genug, aber dann noch erfahren, dass du schwanger bist? Jesus Christ, that's horrible!
Warum glaubst du, dass sich die Leute ausgerechnet an dich wenden, wenn sie Metal oder Hard Rock hören und mit ihrem Leben nicht zurecht kommen?
Ich weiß es nicht so genau, aber vielleicht liegt es einfach daran, dass ich nie vorgegeben habe, etwas zu sein, das ich nicht bin. Alles an mir ist echt, und ich habe schon sehr viel Scheiße erlebt und überlebt. Von daher gibt es nicht viel, das mir fremd ist. Bei den typischen Dr. Sommer-Teams hast du es meist mit Leuten zu tun, die jede Menge Bullshit erzählen und vorgeben, über irgendetwas Bescheid zu wissen, wovon sie eigentlich keine Ahnung haben. Bei mir ist das anders, what you see is what you get. Es war mir immer verdammt wichtig, zu meinen Freunden loyal und ehrlich zu sein. Ich erzähl keinen Bullshit, deswegen konnte ich mich zu diesem Thema nicht äußern. Ich wurde noch nie vergewaltigt. Das letzte Mal, als es dem nahe kam, hat mich 50 Dollar gekostet, harharhar.
Versuchst du also immer noch, die Leute davon abzubringen, dich als Idol oder Role Model zu sehen?
Ja, weil es einfach nicht sonderlich sinnvoll ist. Die Leute sagen immer wieder, Lemmy ist Gott, ich antworte dann nur, "Nein, ich hab ihn neulich getroffen, er ist 'n Stück größer. Ein ganz schönes Stück größer." Ich bin nur ein Kerl, der Glück gehabt hat und mehr oder minder berühmt geworden ist. Ich hab einfach das getan, was ich wollte, und bin damit berühmt geworden, das war's. Alles, was wir mit Motörhead gemacht haben, haben wir getan, weil es uns so gefallen hat. Wenn andere das auch noch mögen, ist das ein Bonus.
Der Unterschied zwischen dir und vielen der anderen Stars ist mit Sicherheit der, das du einfach eine enorm große Allgemeinbildung hast.
Je älter du wirst, desto mehr Erfahrungen und Allgemeinbildung bekommst du, das lässt sich fast nicht vermeiden, harharhar. Das ist nicht immer schön, aber es schadet in den seltensten Fällen.
Du bist sehr an Geschichte interessiert und weißt vermutlich einiges mehr über bestimmte Fehler die gemacht wurden und Lösungen die man gefunden hat, als der 'normale' Rockstar ...
Bis auf Religion und Politik würde ich dir in gewissem Maße zustimmen. Religion und Politik werfen allerdings immer wieder Probleme auf, die man nicht vorhersehen oder bekämpfen kann. Religion hat mehr Menschen getötet als irgendwas anderes auf der Welt. Ich sehe Nationalsozialismus und Kommunismus allerdings auch als eine Art Religion. Die Leute sind Stalin und Hitler in blindem Fanatismus gefolgt, das ist das selbe Prinzip. Blinder Glaube war schon immer das Dämlichste, was es gibt. Du bist nicht blind, wenn du dich selber blind machst, ist das absoluter Schwachsinn. Warum sollte man sich irgendeiner Idee so weit verpflichten, dass man nichts anderes mehr gelten lässt und auch seine eigene Persönlichkeit dafür aufgibt?
Eure Fans sind aber auch sehr auf euch eingeschworen und folgen euch stellenweise mit fast religiösem Eifer.
Ok, aber ich will ja nicht, dass sie mich blind verehren und alles, was ich sage, für pures Gold nehmen.
"Fans sollen sich unsere Songs anhören und die Scheiben kaufen, das war's!"
Davon versuche ich sie viel eher abzubringen. Sie sollen sich unsere Songs anhören und die Scheiben kaufen, das war's, harharhar. Außerdem wäre ich froh, wenn sie mal berücksichtigen würden, dass wir nicht nur vor 20 Jahren gute Songs geschrieben haben, sondern das auch immer noch tun. Anstatt immer und immer wieder nur wegen "Aces Of Spades", oder "Overkill" auf unsere Konzerte zu kommen, sollten sie sich mal die neuen Songs zu Gemüte führen.
"Inferno" ist ne wirklich gute Scheibe, aber auf der DVD kommen nicht viele Songs davon zum Zuge.
Danke, ich finde "Inferno" auch sehr gut, aber stimmt, es sind nur drei Songs davon drauf. Ich denke aber, das ist für ein Album auch ok. Immerhin haben wir genügen Scheiben in der Hinterhand, die wir auch nicht vernachlässigen dürfen und wollen. Die Klassiker kannst du natürlich nicht unter den Tisch fallen lassen, und deswegen müssen "Metropolis", "Overkill" und "Killed By Death" eben mit drauf. Es gibt so viele Songs, die wir spielen müssen, es gibt genau so viele Songs, die wir spielen wollen, du musst irgendwo ein ausgewogenes Verhältnis finden. Auf Inferno sind auch ein paar Sachen drauf, die ich live einfach nicht hinbekommen würde. Gleichzeitig zu spielen und zu singen, ist mir bei ein paar Songs zu kompliziert. Ich hab's versucht, aber es hat nicht geklappt.
Ich habe mich schon ein paar Mal gefragt, warum du nicht mal Gastvorlesungen an der Uni machst. Mit deinem Wissen über den Zweiten Weltkrieg müsstest du doch die meisten Professoren ausstechen ...
Mit dem Vorschlag kam auch mal unser Tourmanager auf mich zu. Er meinte, es wäre doch ganz interessant, einen langhaarigen Typen vorne stehen zu haben, der unterhaltsam über Geschichte erzählen kann. In der Schule ist Geschichte meist stinklangweilig, man hat nur eine Liste mit Daten, kann sich aber nichts Handfestes darunter vorstellen. Das bedeutet dir nichts und kratzt dich auch nicht. Meist fehlt auch der Kontext zum Rest der Welt, weil du nur über die britische, die amerikanische oder die deutsche Geschichte unterrichtest wirst. Die Auswirkungen von nationalen Geschehnissen auf die internationalen kommen bei solchen Sachen meist viel zu kurz. Ich habe Geschichte zu Schulzeiten gehasst, es hat mich einen Dreck interessiert. Erst, als ich aus der Schule raus war und mir die Bücher selber ausgesucht habe, hat sich das geändert. Die Bücher, die dir in der Schule vorgesetzt werden, sind sowas von langweilig und trocken.
Ich denke, du könntest das als Gastlektor wesentlich lebhafter und bildlicher rüber bringen.
Da hast du wahrscheinlich recht. Ich denke nur, dass die Uni-Leute nicht unbedingt mit allem übereinstimmen würden, was ich erzähle. Das fängt doch schon allein damit an, dass ich denke, dass alle Politiker Arschlöcher sind und es keiner davon wert ist, gewählt zu werden.
Das sollten die Studenten aber eigentlich auch selbst schon wissen, hahaha.
Klar sollten sie das, aber sie kommen gerade erst aus der Schule und haben noch ihre Ideale. Viele von ihnen sind sehr linksradikal, weil es ja falsch ist, rechtsradikal zu sein, dabei sollte ihnen irgendjemand mal sagen, dass es auch nicht sonderlich toll ist linksradikal zu sein. Stalin war das Produkt einer linksradikalen Bewegung. Dabei war er genauso rechtsradikal wie Hitler auch, was hat es dir da geholfen, linksradikal zu sein? Das ist alles der gleiche Scheiß! Millionen von Menschen werden ermordet for a bullshit reason. Wo ist da der Sinn? Obwohl Hitler und Stalin eigentlich aus einem konträren Hintergrund entwachsen sind, kannst du sie beide in die selbe Schublade packen. Dabei waren sie Todfeinde, lächerlich. Wobei Stalin sogar noch mehr Leute auf dem Gewissen hat als Hitler. Der Kerl hat 10 Mio. Russen ermordet.
Mao hat noch mehr als beide zusammen töten lassen.
Korrekt, der hat Leute ja sogar umbringen lassen, weil sie Brillen getragen haben. What the fuck is that? Jeder sollte sein kleines, rotes Buch lesen, aber du durftest nicht mal eine Brille tragen, weil du sonst so gut wie blind bist? Tolle Idee, harharhar. Wie sollst du den Scheiß denn dann lesen?
Wie fühlst du dich eigentlich mit so einem Hintergrundwissen, wenn du in Asien oder in Russland auf der Bühne stehst?
Na ja, man kann den Leuten ja immer noch die Wahrheit erzählen. Womöglich kennen sie die noch gar nicht, weil sie einfach aus der falschen Umgebung kommen, wo ihnen diese Wahrheit vorenthalten wird. Ich würde sehr gern in China zu spielen und vor allem unsere Texte ins Chinesische übersetzen. Was würde wohl aus "Life's A Bitch" werden? Die kennen das Wort bitch nicht, weil sie nicht wissen, was eine bitch ist. So was haben die in den Provinzen gar nicht.
Was haben die da? Kühe? Schafe?
Die haben Feldfrüchte oder bohren sich ein Loch in die Erde oder was auch immer. Ohne Scheiß, das weiß ich aus erster Hand. Trotzdem haben sie die größte Bevölkerungsrate und das ist einfach verdammt schwierig zu verwalten.
"Politiker sind einfach nur ein Haufen Scheiße!"
Die Mentalität ist eine vollkommen andere, die können unsere Gedankengänge nur schwer nachvollziehen, und wir deren noch weniger. Nimm doch nur die Studentenrevolution, als die Leute mit Panzern überrollt wurden und das von der Regierung sozusagen abgesegnet war. Die Politiker sind, egal wo du hinschaust, einfach nur ein Haufen Scheiße und alle nur darauf bedacht, ihren Arsch im Trockenen zu halten. Das Volk oder du als Person interessiert sie dabei einen Scheiß.
Oh, da hatten wir auch erst neulich ein schönes Beispiel in der deutschen Politik. Sollten die nicht eigentlich für das Volk da sein und daran auch zuerst denken?
Jaha, so war es mal gedacht, aber das wird nun mal meist erst im Nachhinein bewusst, dass das, was du gewählt hast, dir meist wie Sand durch die Finger rieselt und nur noch Staub übrig bleibt. Als in Oklahoma das FBI-Gebäude einem Bombenattentat zum Opfer fiel, sagte die Gouverneurin von Oklahoma im nationalen Fernsehen: "Das muss ein Ausländer gewesen sein, ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Amerikaner getan hat." Dumm gelaufen, es war ein Amerikaner, der sogar im Krieg ausgezeichnet wurde. Blinde Dummheit bei Politikern, wohin man sieht.
Was wäre die Alternative zu Politikern?
Tja, Anarchie natürlich, aber das Problem dabei ist, dass du den Menschen nicht trauen kannst. Anarchie heißt ja nicht: Amoklaufen, plündern, verwüsten, stehlen usw., sondern Anarchie heißt, jeder macht das, was er will, so lange der andere dabei nicht zu Schaden kommt oder dessen Wünsche beeinträchtigt werden. Es wird immer wieder Menschen geben, die meinen, sie müssten lauter als die anderen sprechen und sie hätten die Wahrheit mit Löffeln gefressen. Schon bilden sich wieder Gruppen, es wird gewählt und die Scheiße fängt von vorne an. Aber man kann sich doch echt keiner politischen Partei anschließen, die machen und erzählen doch alles, um gewählt zu werden. Warum knutschen die fremde Babys ab? Die sollen ihre eigenen Blagen knutschen, aber nicht die von anderen, fuck. Wer weiß, wo die vorher waren, die machen lauter seltsame Sachen und kriechen auf dem Boden rum, harharhar.
Du hast doch selbst einen Sohn.
Ja, aber der ist jetzt 38 und kann sich selber sauber halten. Außerdem küss ich den eh nicht so viel, harharhar. Die Leute wären sowieso nicht sonderlich darüber erfreut, wenn ich ihre Babys küssen würde, harharhar.
Spielt er auch Bass?
Nein, Gitarre, und er ist deutlich besser als ich es je war. Deswegen bin ich ja auch zum Bass gewechselt. Er ist echt gut an der Gitarre, hat aber kein Bedürfnis, auf Tour zu gehen. Er ist somit das absolute Gegenteil von mir.
"Die Tour mit Mötley Crüe ist höchstens für die örtliche Bevölkerung gefährlich"
Er arbeitet lieber im Studio und ist dort Produzent und Arrangeur. Er hat mit Danny Lane und irgendeinem Country Fuzzi gearbeitet.
Hast du schon mal daran gedacht, musikalisch etwas mit ihm zu machen?
Er spielt auf einem der Songs auf meinem nächsten Soloalbum.
Ich habe gehört, ihr werdet in Australien mit Mötley Crüe auf Tour gehen? Yeah, das wird ein Spaß.
Rechnest du dabei mit irgendwelchem Ärger?
Hm, eigentlich nur für die örtliche Bevölkerung, harharhar. Mötley Crüe sind old school, wir sind old school. Das passt zusammen, und wir machen das alle nur noch aus Spaß an der Sache. Ich mochte Mötley Crüe schon immer. Nicht unbedingt die Musik, aber die Jungs in der Band. Bei denen gibt es keine halben Sachen, die geben immer Vollgas und haben ihren Spaß, egal wie die Konsequenzen sind. So sollte eine Rock'n'Roll-Band meiner Meinung nach sein. Ne Rock'n'Roll-Band sollte seltsame Sachen machen, über die du dich unterhalten kannst, dann hat jeder seinen Spaß dabei.
Ist es nicht ein wenig komisch für euch, als Opener aufzutreten?
Nö, wieso, das machen wir doch öfters. In den Staaten haben wir erst für Ronnie James Dio eröffnet, in Skandinavien für Manowar (verdreht die Augen und nimmt erst mal einen großen Schluck Jacky-Cola).
Manowar haben neulich einen Gig auf dem Earthshaker Festival mit Christopher Lee gespielt. (Die inzwischen anwesende Tourmanagerin klärt uns kurz darüber auf, dass das nicht der Wahrheit entspricht, dass Christopher Lee nie auf dem Festival war).
Aha, ihr taucht hier also mit halbseidenen Informationen auf, was, harharhar. Aber was soll's, Manowar brauchen eh keine Hilfe von anderen, um sich lächerlich zu machen.
Die waren übrigens auch bei Stefan Raab und TV Total, wo ihr auch schon gespielt habt.
Ah ja, Stefan ist ein witziger Kerl, er kann nur keinen Whiskey trinken.
"Raab ist witzig, er kann nur keinen Whiskey trinken ..."
Der coolste war aber Harald Schmidt. Ihm ist es wirklich scheißegal, was seine Vorgesetzten erwarten, er macht das, was er will und von dem er denkt, dass es interessant ist. Er hat uns zweimal einen riesigen Gefallen getan, und es war jedes Mal ein tierischer Spaß. Vor allem, als er gerade diesen Politiker verarscht hat, mit seiner Kokain und Nutten Affäre (Gemeint ist Michel Friedman) Harald ist echt ein Supertyp.
Verstehst du deutsch?
Nicht wirklich. Vor allem mit den ganzen unterschiedlichen Dialekten ist mir das zu schwierig. In Bayern klingt es vollkommen anders als im Rheinland oder in Berlin. Das blickt doch kein Schwein.
Aber du hast dir doch bestimmt schon irgendwelche Reden von Hitler oder Göbbels angehört.
Ja klar, aber immer nur, wenn ich auch den visuellen Aspekt dabei hatte. Genau das war nämlich die große Faszination an beiden. Sie waren meiner Meinung nach die besten Redner des 20. Jahrhunderts. Die haben totale Katastrophen als absolute Siege schön geredet, und die Leute haben es ihnen abgekauft. Das ist doch genial. Sogar, als der Krieg schon so gut wie verloren war, haben sie es dennoch immer wieder geschafft, die Leute so zu beeinflussen, dass sie erneut weitergekämpft haben. Beängstigend, aber genial.
Kennst du den letzten Film über Hitler, "Der Untergang"?
Klar, aber ich finde, die Rolle von Hitler war nicht sonderlich gut besetzt. Zum einen ist er zu alt, Hitler war erst 56. Ich weiß nicht, wie alt Bruno Ganz ist, aber das passt einfach nicht. Das Gesicht ist auch nicht das Wahre. Die einzige Hitler-Verfilmung, die wirklich gut besetzt war, war die mit Anthony Hopkins namens "Der Bunker". Er hat die Rolle einfach genial gespielt und auch die entsprechende Mimik drauf.
Ich denke, das war genau der Punkt bei "Der Untergang". Diese Diskrepanz zwischen dem gütlichen Mann, der sich um seine Familie und Freunde sorgt, und dem Megalomaniac, der die ganze Welt beherrschen will.
Das mag schon sein, aber es hat einfach nicht gepasst. Er war zu normal, obwohl du in gewisser Weise recht hast. Alle, die für Hitler gearbeitet haben, sagten im Nachhinein, dass er der beste Boss war, den sie je gehabt hätten. Er war sympathisch, hat ihnen bezahlten Urlaub gewährt, hat sich um ihre Familien gekümmert. Natürlich nur, so lange die alle Deutsche waren. Aber ohne Ausnahme waren alle von ihm als Arbeitgeber begeistert. Was sagt dir das über einen Menschen? Das ist doch verrückt, wenn du weißt, was er sonst noch getan hat. In "Der Untergang" hat er doch keine Emotionen gezeigt, außer für seine Sekretärin. Ich habe viele Interviews von ihr im Fernsehen gesehen, und die waren sehr interessant. Sie erzählte zum Beispiel, dass Eva Braun in den Bunker geflohen ist, um dort mit Hitler zu sterben. Unter anderen Umständen wäre das doch eine der romantischsten Geschichten überhaupt gewesen. Wenn die Königin mitten in die Schlacht zieht, um an der Seite ihres Königs zu sterben, wenn das nicht romantisch ist, weiß ich auch nicht. Dummerweise war das in dem Fall Hitler, also spricht da niemand drüber. Es war bestimmt auch etwas Menschliches und Emotionales an Hitler, was auf der anderen Seite aber nicht bedeutet, dass er kein teuflischer Bastard gewesen ist. Es ist etwas knifflig, wenn man ihn als ein Monster darstellt, denn das distanziert ihn von dem Menschen, der er eben auch war. Er war aber ein Mensch und somit auch fehlbar. Er hat unzählige falsche Entscheidungen getroffen, und das hat ihm das Genick gebrochen.
Mal noch was ganz anderes. Ihr habt ja jetzt einen Grammy gewonnen und seid damit anerkannte Persönlichkeiten ...
Von wegen, den Grammy haben wir ja nur für Songs von jemand anderem bekommen.
Ok, aber nachdem ihr das nun auch erreicht habt, was gibt es denn noch, das du dir in deinem Leben erfüllen willst?
Na ja, wie gesagt, mal in China spielen, vielleicht nen Nummer 1-Hit in den Staaten, der nächste Papst werden, irgendwas gibt es immer noch, harharhar.
Das Interview führten Giuliano Benassi und Michael Edele.
Rock in Rio 2010 (2010), We Are Motörhead (2009)
White Line Fever (2008)
No Sleep 'Till Hammersmith (2001)
Everything Louder Than Everyone Else (1999), Snake Bite Love (1998), Overnight Sensation (1996), Sacrifice (1995), Bastards (1993), March Ör Die (1992), 1916 (1991), No Sleep At All (1988), Rock 'N' Roll (1987), Orgasmatron (1986), No Remorse (1984), Another Perfect Day (1983), Iron Fist (1982)
Ace Of Spades (1980), On Parole (1979), Bomber (1979), Overkill (1979), Motörhead (1977)
| Sa | 06.07.2013 | Motörhead Reload Festival (Sulingen) | |
| Di | 26.11.2013 | Motörhead Berlin (Velodrom) | |
| Mi | 27.11.2013 | Motörhead Frankfurt (Jahrhunderthalle) | |
| Fr | 29.11.2013 | Motörhead Stuttgart (Schleyerhalle) | |
| Sa | 30.11.2013 | Motörhead München (Zenith) | |
| Mo | 02.12.2013 | Motörhead Düsseldorf (Mitsubishi Electric Halle) | |
| Di | 03.12.2013 | Motörhead Hamburg (Alsterdorfer Sporthalle) |
9,99 €
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28.09.08, 18:35 Rockerfory |
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