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Mit zwölf kommt Moses Pelham (*24.02.1971) bei einem Amerika-Aufenthalt mit Hip Hop in Berührung. Nach einer Zeit des mehr oder weniger erfolgreichen Erfahrungen-Sammelns (Superjam, Crushin' Prod.) rappt er als 16-jähriger Sideman von Rico Sparx zum ersten Mal auf Vinyl.
Unter eigenen Namen erscheint 1989 sein erstes Solo-Album "Raining Rhymes", dessen Singleauskopplung "Twilight Zone" bis auf Platz 21 der Media Control-Charts klettert. Moses Pelham lernt den Musiker und Produzenten Martin Haas kennen. Dies markiert den Beginn einer über Jahrzehnte andauernden Zusammenarbeit.
Sein Zweitwerk "The Bastard Lookin' 4 The Light" entsteht zwar bereits 1992. Auf eine Veröffentlichung müssen Fans allerdings bis zum Jahr 2000 warten.
1993 gründet Pelham zunächst mit seinem langjährigen Weggefährten Thomas Hofman das Rödelheim Hartreim Projekt. Ein Jahr später erreicht das Debüt-Album bereits 160.000 Käufer. Mit dabei: Schwester S und Xavier Naidoo.
1995 debütiert Schwester S, von Moses P. produziert. Zusammen mit RHP erreicht die Single "Ja Klar" Platz 14 der Charts. Im folgenden Jahr geht es "Zurück Nach Rödelheim", wo Moses und Thomas zusätzlich zur Produktionsfirma 3p ihr eigenes Label gründen. Die erste Veröffentlichung darauf, "Die Neue S-Klasse", erreicht Goldstatus, "Du Liebst Mich Nicht" klettert auf Platz eins.
1998 wird Moses zum Produzenten des Jahres nominiert, produziert mit Xavier Naidoo das Erfolgsalbum "Nicht Von Dieser Welt" und stellt sein Solo-Album "Geteiltes Leid 1" fertig.
Allerdings ist er im Jahr des Erfolges auch vielen Anfeindungen ausgesetzt. Vor allem mit seiner Attacke gegen Stefan Raab und einigen ungeschickten Äußerungen macht er sich unbeliebt. "Wie sehr mich viele Leute hassen, dass wurde mir erst sehr spät bewusst. Ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich bereit bin zu sagen: Hey, hör mal, das ist ein Missverständnis, lass uns reden."
Im Folgenden kommt es für Pelham ganz besonders dicke. Im Streit mit Shooting-Star Xavier Naidoo, der sich vor allem am Erfolg der Söhne Mannheims entzündet, kommt es zur gerichtlichen Auseinandersetzung. Die endet zunächst mit einer peinlichen Niederlage Pelhams: Im Frühjahr 2002 urteilt das Gericht, dass Moses seinen erfolgreichen Schützling mit unrechtmäßigen Knebelverträgen an der kurzen Leine halten wollte.
Im Berufungsverfahren sieht das Oberlandesgericht Karlsruhe darüber hinaus "hinreichende Verdachtsmomente", dass Pelham Konzerte Naidoos nicht korrekt abgerechnet hat. Kurz darauf erklärt das Mannheimer Landgericht den Künstlervertrag zwischen 3p und Naidoos Projekt Söhne Mannheims nachträglich für sittenwidrig und damit für nichtig. Pelhams Firma muss 410.000 Euro an einbehaltenen Gagen von Live-Auftritten an den Soul-Star überweisen.
Nach sechs Jahren Rap-Abstinenz teilt 3p-Labelboss Moses Pelham 2004 sein Leid endlich zum zweiten Mal. Angesichts Pelhams langer Abwesenheit fällt manches Urteil über "Geteiltes Leid 2" vielleicht ein wenig überschwänglich, aber keineswegs unzutreffend aus: "Für die Rap-Szene ist Moses' Rückkehr so wichtig wie Berlin."
In der Folge widmet sich Moses vor allem seinem Label, sowie seiner Band Glashaus, die er 2000 mit Martin Haas und Cassandra Steen gründet. Im Sommer 2006 produziert er Sebastian Hämers Scheibe "Der Fliegende Mann".
Zwischen 2004 und 2008 unternimmt Pelham zusammen mit Bayz Benzon einen wöchentlichen Ausflug in die Welt des Radios. In der "Late Night Call In"-Radiosendung "Nachtschicht Live" frönen die beiden ihrem persönlichen Musikgeschmack. Die Show bringt es auf vier Sampler. "Wir haben in unserer Sendung einige großartige Alben gefeiert. Spontan denke ich da an das The Streets-Album, Matisyahu oder James Morrison."
Mit Andreas Walter gründet Pelham im Jahr 2006 die DigiProtect Gesellschaft zum Schutze digitaler Medien mbH. Das Unternehmen will durch Aufklären, Abmahnen und Abschrecken das illegale Anbieten von urheberrechtlich geschützten Werken im Internet eingrenzen. Auf Grund seiner massiven Massenabmahnungswellen im Musik-, Film- und Porno-Bereich, findet sich DigiProtect immer wieder mit negativen Medienberichten und Sammelklagen konfrontiert.
Dem Gegenüber steht sein Einsatz für PETA Deutschland. Unter dem Slogan "Niemand will ein Opfer sein. Auch Tiere nicht." wirbt der Frankfurter Vegetarier für die Tierrechtsorganisation und engagiert sich gegen Tierquälerei in der Ernährungsindustrie. "Dass Lebewesen meinetwegen sterben müssen, ist mir so oder so schon zuwider. Und wenn ich dann vor Augen habe, wie das passiert, möchte ich damit einfach nichts zu tun haben. Deswegen ernähre ich mich fleischlos!"
Am Silvesterabend des Jahres 2010 verkündet Pelham die Vervollständigung seiner "Geteiltes Leid"-Triologie. "Geteiltes Leid 3" erscheint im November 2012.
Vorher sitzt Pelham aber noch zusammen mit Sarah Connor, Sandra Nasic und H.P. Baxxter in der Jury für die Castingshow "X Factor. "Ich freue mich, in einer so bunt gemischten Gruppe von Musikenthusiasten zu sitzen und stelle es mir sehr spannend vor, mit Sarah, Sandra und H.P. über unsere – gewiss teils sehr unterschiedlichen – Perspektiven auf Musik zu diskutieren."
Über seine eigenen Vergangenheit sagt Pelham im Interview mit rap.de: "Ich bin heute viel weniger wütend als zu Zeiten des Rödelheim Hartreim Projekts. Wenn früher jemand meine Musik nicht mochte, habe ich ihn als meinen persönlichen Feind betrachtet. Mittlerweile bin ich da wesentlich entspannter. Chrissie Stieber hat mal zu mir gesagt, dass er es sehr wichtig findet, immer Fan zu bleiben. Das glaube ich auch und wenn das nicht mehr so ist, sollte man - wenn man kann, glaube ich, etwas anderes machen. Ich bin noch immer Fan und sehr von all dem Scheiß fasziniert."
Einige Fragen und Gegenfragen zu "Geteiltes Leid 3" und der Firma Digiprotect.
Der echte Moses teilte das rote Meer als es eng wurde. Moses P. indes polarisiert auf künstlerischer Ebene nicht zu knapp. Verdienter Held des deutschen Hip Hop, Pionierlegende mit RHP, gleichwohl auch Dr. Frankenstein für das Soulmonster Naidoo und Wegbereiter einer Musik, die einige als Neuen Deutschen Soul bezeichnen, andere eher als mediokre Hochstapelei für Fashion Shop-Berieselung empfinden. Und nun auch noch das große Solocomeback mit "Geteiltes Leid 3".
Es gäbe thematisch mithin mehr als genug spannenden, musikalischen Gesprächsstoff. Gäbe ... Der Konjunktiv verrät es. Das Gespräch stand leider unter keinem guten Stern.
Wo andere wie Der W, Unheilig, Jan Delay, K.I.Z. und auch Pelhams Schützling Cassandra Steen echtes Standing und den angebrachten "Only Entertainment" Humor bewiesen, reagiert der Frankfurter eher pikiert. Und wenn der König nicht amüsiert ist, werden die Aussichten meist trübe. Hier der Versuch eines Gesprächs mit dem hessischen Hip Hop Guru.
Hallo, Moses Pelham hier.
Moin Moses, Ulf hier von laut.de. Wie geht es dir?
So weit so gut! Und selbst? Moment, von was bist du?
laut.de; Deutschlands größte Musikseite.
(skeptischer) Ok ...
Es gibt so wenig gelungene Trilogien. Die meisten haben - ähnlich wie bei "Matrix" - nach dem ersten Teil kreativ nichts mehr zu sagen. Warum ist das bei dir anders?
(Keine sofortige Antwort. Pelham lacht ausgiebig in sich hinein. Schüttet sich danach geradezu theatralisch aus.)
Ich kann diese Frage nicht so marktschreierisch beantworten, wie du sie mir gestellt hast. Nee du, ich kann dir aber sagen, Musik ist mein Leben. Und ich fand mein Leben auch die letzten acht Jahre spannend. Von daher liegt für mich nahe, dass die Platte, die dabei herauskommt, auch eine gewisse Spannung hat.
Verstehe ich. Aber warum dreimal der gleiche Titel? Klar kannst du jetzt sagen: Das ist mein Leben! Aber das würde ja auch für jeden anderen Musiker gelten. Was macht die Überschrift so besonders, dass sie gleich mehrfach "Geteiltes Leid" heißen musste?
Naja, ich glaube, diese ganze "Geteiltes Leid"-Sache hat viel zu tun mit meiner Auffassung von Kunst und dessen, was ich da tue. Deine Wahrheit aufschreiben, sie mit letzter Kraft in die Wand deiner Zelle ritzen. In der Hoffnung, dass irgend jemand anders darin Heil oder Trost findet.
Hat sich der Begriff denn im Laufe der Jahre verändert?
Absolut. Am Anfang gab es nur dieses: Egal, Hauptsache aussprechen und festhalten. Im Vordergrund steht heute für mich, wie es für mich als Mensch ist. Ein bisschen Hoffnung und ich nenne es gern Happy End. Für mich extrem wichtig. Quasi das Durchbrechen des Teufelskreises. Früher war es eher ein: 'Guck mal, es ist so!' Heute sollte es schon etwas Konstruktives haben: 'Ok, mag sein, dass es so ist. Was machen wir jetzt damit?'
Das heißt, du siehst dich heute als reiferen Künstler als der frühere zornige junge Mann?
Absolut!
Nun sagt mir jeder, dass die aktuelle Platte mit Abstand das Beste sei, was man je gemacht hat. Aber wo genau im Detail liegt denn aus deiner Sicht die künstlerische Weiterentwicklung der aktuellen Platte im Vergleich zu den früheren Sachen gleichen Namens?
Naja, also lassen wir 'Kunst' mal aus dem Spiel.
Ich meine die Frage schon musikalisch.
Ja, aber ich finde 'inhaltlich' wichtiger.
Klar, ok. Sag es mir.
Dadurch, dass ich lebe und diese Platte Abbild meines Lebens ist - Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und so weiter und sofort - steht diese Platte viel näher an dem Menschen, der ich heute bin. Die anderen beiden Teile können diese Leistung nicht mehr bringen. Insgesamt ist es ein schönes Zeitzeugnis. Ich glaube, wenn man die drei Platten am Stück hört, sieht man die Entwicklung eines Menschen. Nämlich dieses Menschen, der gerade mit dir telefoniert.
Da sind Sachen dabei, die ich nach wie vor großartig finde. Andere Sachen, die ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann. Dinge, die ich unterschreiben würde. Andere, die ich nicht mehr unterschreiben würde. Auf dieser Platte hörst du einfach die Wahrheit des Menschen, der jetzt mit dir spricht. Das ist einfach eine Leistung, die die anderen beiden Platten nicht erbringen können.
Man staunt ja auch über diesen Menschen gar nicht schlecht, sobald man bei "Halt Aus" (Kollabo mit Xavier Naidoo; Anm. d. Red.) ankommt. Das Bild für die Öffentlichkeit: Wow, jahrelanger Rechtsstreit mit Naidoo und dann noch die Demütigung durch den von dir entdeckten Sänger, dir vor Gericht Sittenwidrigkeit im vertraglichen Gebaren vorwerfen lassen zu müssen. Und nun ist auf einmal alles wieder in Ordnung? Friede, Freude Eierkuchen? Was ist denn da bei euch passiert?
Das ist wirklich nichts, was ich in zwei Sätzen im Rahmen dieses Interviews erklären kann. Das kann man am ehesten nachfühlen, wenn man die Platte anhört und den Menschen sieht, der die Platte gemacht hat. In den ganzen Stücken stecken so viel mehr Details drin, die dir ein viel besseres Gefühl dafür geben, was ich bin, als dass ich es hier innerhalb von einem Gespräch vermitteln könnte.
Aber du schaffst den Eindruck doch selbst durch deine Handlungen. Erst habt ihr euch eine Art Krieg geliefert, indem ihr beide die Öffentlichkeit einbezogt. Auf einmal ist alles wieder gut. Das wirkt schon ein bisschen, wie ...
Darf ich dich mal kurz unterbrechen?
Gern.
Der Ansatz: 'Du schaffst den Eindruck selbst ...' ist einfach der falsche Ansatz!
Weshalb?
Weil ich dir die Antwort gerade gegeben habe.
Gut, dass heißt, du möchtest an dieser Stelle keine weiteren inhaltlichen Ausführungen machen? Verstehe ich dich richtig?
Ich kann es nicht. Es ist einfach ein bisschen zu komplex, als dass es hier in zwei Sätzen formuliert werden könnte. Es wäre eine zu grobe Vereinfachung.
Das hast du schön gesagt. Dann lass mich dir eine andere Frage stellen. Du bist mittlerweile über 40. Und immer noch dieser Spagat, den man auf der neuen Platte ebenso hört. Einerseits der breitbeinige Hip Hop-Macker. Andererseits gibt es auch so emotional erwachsene Songs wie "Nicht Ohne Sie". Wie geht beides überhaupt noch zusammen mit 41?
(lacht ausgiebig und ironisierend; dann:) Es tut mir so leid. Ich meine, du kannst dir deine Frage echt selbst beantworten. Du weißt doch, was du von mir hören willst. Die Fragen sind einfach schon kacke gestellt. Du sagst mir in der Frage wer ich bin, und fragst nicht, wer ich bin. Ich kann da keinen Spagat erkennen. Und ich habe nicht vor, hier einem das eine zu sagen und einem anderen was anderes. Es geht um die Wahrheit.
Aber Moses, wir sprechen doch hier über Kunst. Lass mich die These anders formulieren: Für mich ist es ein Spagat, wenn man auf der einen Seite als Veteran sagt 'Mir wäre es lieber, ihr würdet mich siezen', um dann in der nächsten Zeile zu sagen: 'Warum haben die kein Ansehen? Weil sie Niveau für ne Handcreme halten.' Das ist als Mackernummer textlich so dermaßen abgedroschen. Und danach kommt auf einmal "Nicht Ohne Sie". Bei letzterem erkennt man den erwachsenen Mann, der sprachlich ansprechend zu seinen Gefühlen steht. Das kann man als unbefangener Hörer durchaus für widersprüchlich halten, oder etwa nicht?
Das steht dir frei.
Das heißt, du möchtest dich dazu auch nicht äußern? Lässt es an dir abtropfen? Das ist ja ok. Ich muss es nur wissen.
Ich kann da keinen Widerspruch erkennen!
Ich glaube, dass du einfach keine Ahnung hast, wovon du redest.
Ich möchte gar nicht Recht behalten, sondern fokussiere zugespitzt über einen Eindruck, der in der Öffentlichkeit entstehen kann. Auf der einen Seite ist man Künstler. Auf der anderen Seite betreibt man ne umstrittene Abmahnfirma, die auch nicht nur gute Schlagzeilen gemacht hat.
(tobend) Was? Was ist denn ne Abmahnfirma, he??
Das war meine Frage an dich.
(insistierend) Nenene, erklär mir mal, was wir da machen?
Ich erkläre dir nicht, was ihr macht. Ich erkläre dir aber gern das Bild dazu in der Öffentlichkeit.
(insistierend) Nein, nein, was denn?
Ok, ich sage es dir: Man beschäftigt sich damit, dass man eventuell mit Phantasiegebühren über eine Rechtsanwaltskanzlei genau jene kriminalisiert, die ...
Falsch, falsch, falsch. Das tun wir nicht.
Siehst du? Dann ist es doch um so besser, dass du jetzt mal die Gelegenheit bekommst, es richtig zu stellen. Ich stelle meine Fragen doch absichtlich so provokant, damit ich den Widerspruch von dir dazu höre. Es soll doch ein Gespräch werden.
Ich sage dir ganz ehrlich: Mir ist das Gespräch sehr unangenehm, weil ich schon die Art und Weise einfach für ne Unverschämtheit halte.
Du meinst, du hast mehr Bock auf Hofberichterstattung?
(Pause ... Pelham kichert ...)
Der Umstand, dass ein Künstler eine Platte macht, andere Menschen die nehmen und an andere verteilen. Und zwar ohne dass der Musiker dafür vergütet wird, ist ein extremes Problem für einen Künstler.
Klar, du bist quasi das Gegenteil vom Piratenansatz?
In der Tat, ja. Das heißt: So gegensätzlich ist er ja scheinbar nicht. Denn wenn ein Pirat ein Buch schreibt, geht er ja selbst gegen Urheberrechtsverletzungen im Rahmen dieses Buches vor. Ich mache Kunst hauptberuflich und möchte gern davon leben. Und wenn du sagst, dass es potentielle Fans sind ... das ist doch kein Fan, der dein Eigentum nimmt und es einfach verteilt. Jemand der dafür sorgt, das ich verhungere ...
Sehe ich genau so. Nur gibt es Grautöne. Bekommt man die wirklich mit solchen Firmen in den Griff, die ein wirtschaftliches Eigeninteresse haben? Was ist mit Leuten, die sich eine Platte zum Reinhören runterziehen, um sich danach ein Konzertticket zu kaufen? Oder ein T-Shirt? Die gibt es ja auch. Deshalb halte ich es für schwierig, hier einfach alle über einen Kamm zu scheren.
Wenn du ein Konzertticket oder ein T-Shirt kaufst, berechtigt es nicht dazu, mich zu enteignen und mir einfach was weg zu nehmen. Ganz einfach!
Das ist eine klare Ansage. Mit der kann ich doch was anfangen. Ich danke dir dafür. Und du hast quasi früher als alle anderen entdeckt, dafür zu kämpfen? Als du anfingst, war es medial ja noch nicht so aktuell.
Das kann ich gar nicht beurteilen. Ich kann dir nur sagen, dass in dem Moment, in dem wir einen Tonträger produziert hatten, dieser schon im Netz war, bevor wir die gepresste CD aus dem Presswerk zurück hatten. An diesem Punkt war mir ganz klar, dass ich irgendwas unternehmen muss.
(Wieder das Renfield-Lachen) Es tut mir leid. Ich kann dir diese Fragen so nicht beantworten. Das ist zu einfach gedacht.
Du weißt, wie ich hier am anderen Ende des Telefons denke? Gut, ich kann auch deutlicher werden, wenn dir das lieber ist. Beispiel: Du bringst sehr viele Ansätze in deiner Musik. Du hast mit reinem Hip Hop angefangen. Du hast mit Glashaus, Cassandra Steen etc weiter gemacht. Und du bist ein wenig auch die Galionsfigur des sogenannten 'deutschen Neosoul'. Würdest du mir da zustimmen?
Jedenfalls würde ich dir nicht widersprechen.
Da ist doch schon mal was. Wenn man von dem Wort 'Soul' ausgeht, könnte man ja auch den Eindruck bekommen, dass es ein bisschen die "Des Kaisers neue Kleider"-Geschichte ist. Denn mit echtem Soul - angefangen bei Norman Whitfield bis hin zu Stax etc - hat es dann im Ergebnis doch eher wenig zu tun. Würdest du dir den Begriff selber ankleben wollen?
Ich halte das alles für Soulmusik, was wir da machen. Man wird sowieso kein guter Rapper, wenn man Soul nicht liebt.
Das heißt, das Etikett ist dir egal. Du machst dein Ding. Und ob es nun dem Genre nach Soul ist, ist auch Latte, weil eh alles Soul! Habe ich dich richtig verstanden?
Ich würde tatsächlich meine Zeit nicht darauf verwenden wollen, hier über Genrebezeichnungen zu diskutieren. Das ist für die Äußerung, die da musikalisch wie menschlich stattfindet, auch vollkommen irrelevant. Es ist viel wichtiger, was es mit mir macht und was es mit dem Rezipienten macht, als wo es jetzt einsortiert wird im Mediamarkt, weißte?
Finde ich gut, dass du das so sagt. Dann bekommt man nämlich nicht den Eindruck, dass du dich hochstaplerisch in die Soulecke stellen möchtest. Dennoch: Wie stehst du zu folgender Aussage von Cassandra Steen mir gegenüber; anlässlich deiner Produktion ihrer Platte "Mir So Nah" anno 2011: "Jetzt habe ich ihn endlich zu ein paar Sachen überreden können, bei denen er sich früher immer hartnäckig gewehrt hat. Nicht, weil er es nicht wollte. Damals hatte er immer noch gesagt: 'Lass mal, kann ich nicht!"
(Höhnisches Gelächter)
Das hat sie wörtlich gesagt; im Zusammenhang mit der Frage, warum die Platte wieder mal nur so halbherzig Richtung Soul gegangen ist und doch wieder ähnlich klingt, wie alles zuvor. Kannst du mit der Aussage irgendwas anfangen? Ich fand es selbst kurios, wie direkt sie das sagte. Mehr ins Detail wollte sie aber nicht gehen
Ich glaube schon, dass ich mich in den letzten Jahren mehr und mehr geöffnet habe für die verschiedensten Sachen. Es ist ja auch immer eine Frage dessen, wo man sich selbst sieht und was man sich zutraut. Auch dessen, was einen gerade fasziniert nicht wahr?
Ja.
Da hat sich bei mir schon einiges getan. Und ich halte mich immer für sehr offen in alle mögliche Richtungen. Was jetzt Tempi und Inhalt angeht, fühle ich mich bei den langsameren, ruhigeren und etwas größeren Sachen mehr zu Hause. Ebenso habe ich auch eine große Freude am Experimentieren. Sonst wäre ich doch gar nicht erst dahin gekommen.
Der internationale Durchbruch würde dich nicht reizen?
Ich spreche nicht gut genug Englisch, um in der eigenen Deutlichkeit Stücke auf Englisch zu schreiben.
Und abgesehen von der Sprache? Mal etwas, dass dich ganz wegführt, hin zu ganz anderen Wurzeln; Jazz, Blues?
Du meinst, zu ganz anderen als zu meinen?
Ich meine andere Teile deiner Blackmusicwurzeln. Beispielsweise hat Jan Delay mir gegenüber erwähnt, er habe große Lust, mal etwas Puristischeres zu machen.
Nur denke ich ja nicht in diesen Kategorien. Jazzplatte? Bluesplatte? Ich finde, dass in den meisten Platten Ansätze von Blues sind. Ohne dass es Bluessachen sind. Wie gesagt, ich setze mich nicht hin und denke: Jetzt mach ich mal eine Freejazzplatte. Sondern ich suche nach Harmonien, die irgendetwas in mir zur Schwingung bringen, mich interessieren. Das ist einfach ne ganz andere Art der Arbeit.
Das heißt, du bewegst dich jenseits von Schubladen?
Ja, das ist ganz selbstverständlich. Es ist aber nicht so, dass ich mich bemühe, mich jenseits von Schubladen zu bewegen. Ich definiere mich nicht über diese Schubladen, sondern suche etwas anderes. Natürlich steht es dir frei, es später in alle möglichen Kategorien einzuordnen. Aber von mir wäre es einfach etwas viel verlangt.
Wer singt auf "Gefunden" den "Du hast mich gefunden ..."Part?
Gastone, ein Künstler aus Frankfurt, dessen Band sich auch Gastone nennt; nach dem Hund von Herrn Rossi, der das Glück sucht. Ein näherer Bekannter hat mir seine CD gegeben. Ich fand das toll und hab ihn angeschrieben, ob er sich das vorstellen könnte. Im Studio haben wir uns auch super verstanden und die Stücke aufgenommen.
Ein letzte Frage noch.
Ich freue mich jetzt schon.
Beim Oldschool Track "Hoo" feierst du ne richtige Allstarparty mit Jan Delay, Sido, Bushido, Azad und Kool Savas. Wohl in keinem Genre liegen inszenierte Beefs und freundliche Kollabos so eng beieinander ...
Neenee, wie gesagt, du kannst damit jetzt echt machen, was du willst. Für mich ist es einfach so: Ich habe die Idee eines Hörspiels als Intro dieses Liedes gehabt. Fand das witzig und hab sie gefragt, ob sie so freundlich wären, mir diese kleinen Sätze zu sprechen. Die haben alle 'ja' gesagt, was ich unglaublich zu schätzen weiß. Und das war es.
Du scheinst immer zu vermuten, das hinter meinen Fragen etwas Bösartiges lauert. Das ist nicht der Fall, Moses.
Es ist aber offensichtlich so, dass du eine gewisse Erwartungshaltung hast, die sich nicht mit dem deckt, was ich bin und was ich mache.
Nein, du unterstellst mir eine Erwartungshaltung, nur weil ich fokussiert und in der Frage zuspitzend formuliere. Das ist aber nicht dasselbe.
Aber deine Fragen beinhalten Voraussetzungen, die für mich schon nicht zutreffen. Verstehst du? Das deckt sich nicht mit meiner Wahrnehmung.
Aber das ist dann doch auch gut. Gut, dass du es so direkt sagst. Dann sag mir doch einfach: "Pass mal auf, Alter, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit irrt hier." Aber es macht einfach keinen Sinn, unser Gespräch auf formale Fragestellungen zu reduzieren.
(erhobene Stimme) Du kannst dich doch nicht mit der Öffentlichkeit gleichstellen. Was du da fragst, ist doch nicht, was die Öffentlichkeit sich fragt. Ich bitte dich.
Es ist ein Teil der Öffentlichkeit.
(schreiend) Das denkst nur du! ... Du! ... Nicht mehr und nicht weniger!
Gut, dann lass es uns doch einfach als ein Gespräch unter Männern nehmen. Aber auch an dieser Stelle kannste sagen: "Pass auf, Alter, deine Frage haut von der Prämisse her schon nicht hin." Und erkläre mir, warum es nicht die deine ist.
(deutlich erregt) Hab ich ... Hab ich das nicht gerade getan?
Hast du, aber ebenso hast du mit dem ganzen Gelache von Anfang an eine persönliche Ebene eingebracht, die dem Gegenüber trotz sachlicher Fragestellung auch nicht gerade das Gefühl einräumt, ein geschätzter Gesprächspartner zu sein.
Ich hab einfach gemerkt, woher der Wind da weht. Was soll ich machen? Es steht dir frei.
Alles klar. Ich danke dir jedenfalls dafür, dass du nicht aufgelegt hast. Ist immer schön, wenn man miteinander zu ende quatscht, auch bei unterschiedlichen Standpunkten. Vielen Dank, Moses.
Ich danke dir. Alles Gute.
Xavier Naidoo ist in aller Munde. Sein Doppelalbum ist auf Position eins in die Charts eingestiegen, die Hallen sind ausverkauft, und mit seinen Videos ist er Dauergast bei VIVA bzw. MTV. Auch LAUT konnte sich dem Promowahnsinn um den Soulstar nicht entziehen und forderte Xavier zum Vier-Augen-Gespräch heraus.
Samstag, 6. April 2002. Xavier Naidoo, Deutschlands größter Popstar des angebrochenen Jahrtausends, hält im Zuge seiner Clubtour Hof in Hamburg. Schon nachmittags um 16 Uhr drängelt sich eine kleine weibliche Schar auf der Reeperbahn vor den berühmt-berüchtigten Docks. Wahrscheinlich würden uns die Mädels ihr gesamtes Taschengeld geben, wenn sie mit uns Dreien tauschen könnten. Kurze Zeit später steht uns ein gut gelaunter Naidoo gegenüber.
Hi Xavier, dein neues Album "Zwischenspiel/Alles für den Herrn" steht auf Platz eins der Media Control Charts. Überrascht? Immerhin handelt es sich um ein Doppelalbum.
Persönlich hatte ich dieses Mal überhaupt gar keine großen Erwartungen. Du hörst vieles aus deinem Umfeld, dass die Platte wahrscheinlich hoch einsteigen wird usw. Doch darüber habe ich mir eigentlich keinen Kopf gemacht, zu mal es ja, wie du bereits ansprachst, ein Doppelalbum geworden ist. Bei der ersten Platte empfand ich die Verkaufszahlen noch als ganz wichtig, um ein paar Ansagen zu machen, um verbal ein wenig auf den Putz zu hauen. Heute bin ich einfach nur froh, überhaupt ein Album aufnehmen zu können.
Okay. Kommen wir aus gegebenem Anlass auf deine Warm Up-Clubtour zu sprechen. Wie war es für Dich, die neuen Songs zu präsentieren?
Für ein Publikum, dass zumindest bei den ersten Shows die neuen Stücke noch gar nicht kennen konnte, war es der absolute Hammer. Ich spiele ja hauptsächlich Lieder von "Zwischenspiel/Alles für den Herrn" und nicht soviel altes Material, auf das die Leute bestimmt noch mehr abfahren würden. Aber sie sind von Beginn abgegangen wie die sprichwörtliche Sau. Nach drei Tagen konnte ich dann die Texte bereits von den Fans ablesen. Erschreckend. (lacht)
Erschreckend?
Na ja, du weißt schon. Die müssen sich die Platte ja den ganzen Tag und die ganze Nacht intensiv reingezogen haben. Klar, "Wo willst du hin" auswendig zu können, ist nicht so schwer. Aber die anderen Tracks sind schon nicht ohne.
Bei der angesprochenen Tour im September/Oktober dürfte dann auch der Rest des Publikums mitsingen können. Bei, sagen wir, 5000 Menschen ergibt das wohl ein staatliche Gänsehaut-Lautstärke. Was magst du lieber, in kleineren Clubs aufzutreten oder doch die riesigen Arenen zu füllen?
Eigentlich stehe ich ein bisschen mehr auf die intime Atmosphäre eines Clubs. Man kann jeden sehen, der Draht zwischen Künstler und Fan ist einfach näher. Aber im Endeffekt lässt sich das ganz schwer beurteilen, denn am Ende eines Gigs vor tausenden von Leuten denkt man sich auch: Hammer. Geil.
Gut, kommen wir nun zu einem etwas anderen Fragenkomplex, der mich zwar besonders interessiert, den ich aber in deinem werbemäßigen Großangriff bisher vermisst habe. Wie stehst du zur Hip Hop-Kultur? Ich meine, du hast viele Raps und Cuts auf deinen neuen Tracks, bist als Gast bei Curse am Start usw.
Mir liegt eigentlich nichts näher als Hip Hop. Denn wenn ich mich jetzt zurück erinnere, habe ich keinen anderen Weg genommen als die meisten Hip Hopper. Auch wenn ich schon ein wenig älter bin. Ich muss mich aber auch um meine Stimme kümmern, wenn ich jetzt nicht singen könnte, würde ich rappen, ganz klar. Ich bin aber keiner, der sich über sein Äußeres als Hip Hopper definiert. Ich kenne genügend Leute, die derbe Reime kicken können und sich im Hip Hop wahnsinnig gut auskennen. Die tragen aber keine Baggy-Jeans, sondern laufen zum Beispiel im Anzug rum. So wie ich. Wenn ich mit meiner Mutter auf Veranstaltungen gehe, habe ich einen Anzug an. Wenn ein Smoking angesagt ist, ziehe ich halt einen Smoking an.
Wo findet man die Hip Hop-Ideale in deiner Musik, in deinen Texten? Was fließt davon in deinen Sound ein?
Da fließt vieles ein. Wenigstens alles was mir gefällt. Ich kann nicht so narzisstisch, ja fast faschistisch sein wie einige Hip Hopper, die nichts anderes stehen lassen als zum Beispiel Deutsch-Rap. Früher war das ja genau umgekehrt, da wollte keiner was vom Deutsch-Rap wissen. Und dieses "Es muss nur so sein oder es kann nur so sein"-Gelabere ist nicht mein Ding. Es gibt soviele geile Mucke auf dieser Welt.
Viele Headz haben deine direkte Verbindung zum Hip Hop ja erst über die Teilnahme am Brothers Keepers-Projekt realisiert. Wie siehst du den dort thematisierten Begriff "Afro-Deutsch"?
Es ist eigentlich nicht so mein Ding. Da haben wir, die Jungs vom Projekt und ich, auch nächtelang drüber diskutiert. Doch ich sehe mich ganz einfach als Deutscher (lacht). Das einzige ist, wenn du weiß bist, bin ich schwarz. Ich bin nicht farbig oder cremig. Aber diese Farbenlehre gilt auch nur im Vergleich, denn du bist ja auch nicht wirklich weiß. Das hier (zeigt auf mein Blatt Papier) ist weiß und solch ein Weiß habe ich noch bei keinem Menschen gesehen. Es ist mir halt nicht so wichtig.
Du hast ja eine relativ exponierte Stellung in der Gesellschaft. Jeder kennt dich, du stehst auf einer Bekanntheitsstufe mit, sagen wir, Peter Maffay. Wirst du noch mit dem alltäglichen Rassismus konfrontiert?
Na ja, ich bitte dich. Mich erkennen höchstens Jugendliche. Die älteren Herrschaften wissen doch gar nicht, wer ich bin.
Meine Mutter erkennt dich nach deinem Auftritt bei der N3-Fernsehsendung "Das!" bestimmt.
Das mag sein (lacht). Aber würde sie mich auch erkennen, wenn wir uns im Supermarkt sähen? Ich wäre dann wahrscheinlich so angezogen wie jetzt, mit Mütze, Kapuzenpulli usw. Dann könnte sie auch denken: "Oh wie sieht der denn aus, klaut der?" Solch ein Verhalten sehe ich nun mal recht häufig, denn ich gehe noch oft für meine Mutter einkaufen. Die schickt mich fast alle zwei Tage zum Supermarkt. Aber ernsthaft. Wenn ich mit einer Nobelkarosse an der Tankstelle stehe und ein Opa tankt gerade neben mir, dann kann es auch vorkommen, dass der sich zu seiner Frau reinbeugt, auf mich zeigt und ihr etwas ins Ohr flüstert. Die Beiden haben mich dann bestimmt nicht als Xavier Naidoo erkannt. Ich finde solch ein Verhalten aber eher witzig, denn man hat ja selber oft genug Vorurteile gegenüber anderen. Wenn du hier auf der Reeperbahn eine hochhackige Frau siehst, dann ist für dich der Sachverhalt auch sofort klar, obwohl du die Frau gar nicht kennst.
Zum Abschluss des Hip Hop-Themas: Du hast ja auch mit dem Rza vom Wu-Tang Clan zwei Songs für sein "The World According To Rza"-Album aufgenommen, das im Sommer auf Koch Records erscheinen soll. Wie war die Zusammenarbeit mit der Produzentenlegende?
Auch da hatte ich natürlich so meine Vorurteile nach dem Motto: Ami! Rza! Warum sollte der nun Bock haben, gerade mit mir zu arbeiten? Woher weiß ich denn, wer die Idee für dieses Projekt hatte bzw. wer mich empfohlen hat? Es gibt so viele US-Rapper, die scheißen auf Europa. Aber das war bei ihm dann überraschenderweise gar nicht der Fall. Er war so was von nett. Gut, er kam natürlich sehr spät, so dass mein ganzer Tag mit Warterei draufging, doch die Arbeit mit ihm war schon cool. Wer Ahnung von seiner Musik und den ganzen Produktionstechniken hat, der weiß, was ich meine.
Es ist so, wie man es erwartet. Er rotzt halt vieles einfach so hin und verändert danach nichts mehr. Andere würden da vielleicht denken, oh, da müssen wir noch was machen oder dort könnte man noch ein wenig mehr rausholen. Aber bei ihm wird da nichts angerührt. Ich habe gestaunt, wie leicht er doch zufrieden ist mit vielen Dingen. Ich meine, es ist auch geil, ich sag da nichts, denn ich bin ähnlich drauf. Ich muss die Techniker auch immer bremsen, nicht zuviel zu machen. Natürlich hat er auch seine Spitzenleute am Start, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitet. Trotzdem entsteht vieles aus dem Stehgreif.
Neben dem Rza-Feature hast du auch eine ganze Reihe anderer Gastauftritte jeglicher Art in letzter Zeit bewältigt. Ich nenne nur mal Namen wie Curse, Jan Delay, Mittermaier, Falco-Cover usw. Hast du bestimmte Muster oder Auswahlkriterien oder nimmst du einfach mit was kommt?
Es wird gewürfelt. Jeden Sonntag Morgen setze ich mich an einen Tisch und lasse den Knobelbecher entscheiden (lacht). Nein, im Ernst, ich höre mir alles an und wenn mir etwas gefällt, dann mache ich das. Ganz ohne Strategie oder Politik.
Und wie kam es dann damals zu der Udo Jürgens-Coverversion von "Ich glaube"? Mich als großen Udo Jürgens-Fan interessiert das natürlich besonders.
(Staunend) Du bist Udo Jürgens-Fan? Ich finde ihn auch sehr geil. Den Song an sich kannte ich vorher nicht. Ich durfte mir aus drei vorgegebenen Nummern ein Lied aussuchen. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie heftig ich vorher gezittert habe. Beim Auftritt sind mir dann auch die Worte immer erst eingefallen, kurz bevor ich sie singen musste. Ich habe echt Blut und Wasser geschwitzt.
Gehen wir jetzt mal fort von meinen Vorlieben und kommen zu einem Begriff, den du oft in deinen Texten verwendest, von dem aber vielleicht viele nicht genau wissen, was er bedeutet. Ich spreche von dem Begriff "Babylon". Gerade auch in Hip Hop-Kreisen (Samy Deluxe, Curse, Jan Delay, David P.) stößt man oft auf das Wort "Babylon" oder "Babylonier" als Symbol.
Babylon ist einfach für mich das stumpfe Netz aus Organisation, das wir alle um uns und unser Leben spinnen. Ich fange mal bei der Uhr an und ende bei der Angst um die Rente. All das ist eigentlich unnütz und belastet uns nur. Es hält uns von unseren Eltern fern, von unseren Kindern. Diese ganze unpersönliche Bürokratie mit der wir uns das Leben selbst schwer machen. Natürlich gibt es ungefähr 50 Prozent dieser Ordnung, die man beibehalten kann und vielleicht auch muss, aber vieles hat mit Machtspielchen bei bestimmten Ämtern zu tun, was weiß ich. Ich versuche halt, das Babylon in mir mit meinen Liedern auszutreiben und nicht immer daran zu denken oder darüber zu reden. Ich finde es gut, dass auch andere Künstler darüber reden. Babylon soll ruhig merken, dass wir ihr auf die Pelle rücken.
Ich habe gehört, dass du konkrete Textfragen verständlicherweise nicht gerne beantwortest. Aber ich stelle trotzdem eine, die mir auf dem Herzen liegt. Wer steckt hinter dem "Du" bei "Bevor du gehst"?
Das stimmt natürlich, ich würde am liebsten keine derartigen Fragen beantworten, doch leider verplappere ich mich zu oft. Hinterher denke ich dann immer, hättest du das bloß nicht gesagt, Naidoo. Doch was deine Frage angeht, muss ich dir leider eine Antwort verwehren. Gerade mit den Fragen, die du vorher gestellt hast, müsstest du eigentlich drauf kommen.
Danke, ich werde es versuchen. Doch nun zu zwei Texten von deinem neuen Album, über die du sicher mehr sagen wirst, denn beide stammen nicht von dir, sondern von Rainer Maria Rilke. Wie bist auf die Werke des Sprachpoeten aufmerksam geworden?
Er hat mir einen Brief aus der Vergangenheit geschrieben. Nein, es gab ein Projekt, das Rilke-Projekt, da wurde ich wie bei den Brothers Keepers gefragt, ob ich nicht Lust hätte mitzumachen. Wir haben dann zwei Gedichte von ihm vertont, die ich unfairer Weise auch auf mein Album gepackt habe, weil ich die Themen halt interessant fand. Rilke ist ja sowieso ein Genie. Der hat vor hundert Jahren Dinge geschrieben, die noch heute absolut ihre Gültigkeit haben.
Auf "Zwischenspiel/Alles für den Herrn" hast du auch mehrere englischsprachige Lyriks. Wann benutzt du die deutsche, wann die englische Sprache?
Sagen wir mal so, ich höre einen Beat und versuche schon darüber einen deutschen Text zu verfassen. Es kann aber sein, dass ich nach zwei Minuten dann merke, nein, so klappt das nicht. Irgendwie höre ich das Lied bereits auf englisch. Dann schreibe ich halt in dieser Sprache weiter. Manchmal komme ich auch über einen Reim auf einmal zu englischen Lyrics oder verfalle sogar in den Mannheimer-Dialekt.
Viele sehen dich ja als Bibelverkäufer, als verkappten Missionar und können damit nicht viel anfangen. Doch das ist ja allein deine persönliche Anschauung, über die sich nicht streiten lässt. Entscheidend finde ich dabei aber, wie du den Unterschied von Glauben und Religion empfindest.
Das ist ganz einfach. Ich kann glauben und da versuche ich mich nur mit einem Wort zu beschäftigen bzw. auszudrücken, was für alle klar ist. Ich finde es eigentlich schon wieder peinlich, wenn ich sage, ich glaube. Für mich weiß ich ja, dass es diesen Gott gibt. Mehr als die Bibel brauche ich nicht. Ich brauche kein Haus Gottes. Dieses Haus trage ich auf meinen Schultern. Ich habe so viele Plätze, wo ich mit Gott diskutiere. Ob nun im Auto usw. Ich habe auch keine Zeichen an der Kleidung kleben oder um meinen Hals hängen. Ich brauche keine Vorbeter und Institutionen.
Zum Abschluss noch mal eine ganz andere Frage. Hast du eigentlich noch Kontakt zu deinem Ex-Partner Moses Pelham?
(leicht schwerhörig) Ob ich Koch-Kontakt mit Moses habe? Wir kochen nur noch zusammen, aber reden nicht mehr miteinander (lacht). Nein, er kocht und ich koche. Wir sind halt beide noch sehr wütend. Aber das soll nicht heißen, dass wir irgendwann nicht mal wieder zusammen kochen werden.
Okay, vielen Dank für das Gespräch.
Am Abend folgt dann der Härtetest für Xavier Naidoo und Band, denn die Docks sind restlos ausverkauft und über tausend Fans warten gespannt auf den Meister des deutschsprachigen Souls. Und der lässt sich auch nicht lange bitten und beginnt pünktlich um 20 Uhr mit seinem Auftritt. Trotz des Handicaps eines hartnäckigen Heuschnupfens beweist der Mannheimer auf der Bühne viel Humor sowie eine ansteckende Spielfreude. Das Publikum dankt es ihm und feiert jeden neuen Song, als wäre es ein Alltime-Klassiker. Selbst wenn alte Stücke wie "Führ mich ans Licht" oder "20.000 Meilen" bei genauerem Hinhören noch ein klein wenig mehr Beifall bekommen. Doch das wird sich bis zur Hallentour im Herbst bestimmt auch noch ändern.
The Bastard Lookin' 4 The Light (2000), Geteiltes Leid 1 (1998), Raining Rhymes (1989)
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16.07.08, 10:10 Alex |
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