laut.de-Kritik

Der Blueprint für alle Hardcore-Shouter.

Review von

Im Herbst 2017 stirbt ein alter Schulfreund und Hardcore-Veteran. Die vielen Erinnerungen setzen sich schnell zu einem übergreifenden, klaren Bild zusammen: Er war der menschgewordene Minor Threat-Song und symbolisierte alles, was die Hardcore-Philosophie im Kern am Anfang eigentlich war: radikal individuell, hart zu sich selbst und immer im Kampf mit gesellschaftlichen Zwängen und Normen.

Zwischen 1981 und 1983 definieren Minor Threat aus Washington D.C. jene Philosophie musikalisch, ideologisch und ästhetisch - in der 1989 aufgelegten Compilation beeindruckend und zeitlos zusammengestellt. Zwar wird den Circle Jerks und ihrem 1980er Album "Group Sex" die Erfindung des ursprünglichen Hardcore-Sounds zugesprochen und Black Flag oder Hüsker Dü deren strukturell-politische Erweiterung, doch Ian MacKaye, Brian Baker und Co entkleiden ihn von allen mackerhaften Metal-Posen und jeglicher oberflächlicher politischer Agenda. Do it yourself als Maxime und Adorno als Antihaltung gegen alles: Ich habe kein Bock mehr auf das richtige Leben im falschen. Ich lebe ohne euch in meiner eigenen Welt.

Als möglichst provokantesten Gegenpol - sowohl zum gefälligen Disco Pop sowie auch zum ausufernden Bombast Rock Anfang der 80er - wählen die Jungspunde für die musikalische Untermalung kurze, aggressive Punk-Attacken, die sie in bis dato ungehörter Konsequenz, Klarheit und Dichte aus ihren Instrumenten prügeln. Wie ein Messer schneiden die Stücke der frühen EPs "Minor Threat" und "In My Eyes 7" durch den Leib einer aufgeblähten, dekadenten Gesellschaft.

"It's in your head / Filler / You call it religion you full of shit". Ian schreit auf dem Discography-Opener "Filler" die ganze Wut und Abschaum aus jenem Leib und setzt mit dem Mix aus Off-Beat, Sprech-Phasen, kurzen melodischen Tönen und viel kalt-kehliger Aggressivität den Blueprint für alle Hardcore-Shouter nach ihm. Wie Heckenschützen feuern sie die folgenden "I Don't Wanna Hear It" und 2Seeing Red" ohne Gnade in die Menge. Keine mitreißenden New York-Chöre, kein Technikgewächse, sondern rohe Emotionen pressen Minor Threat innerhalb von knapp vier Minuten in drei Tracks – und die Aussage: Lasst uns einfach mit euren Lügen und Ansichten in Ruhe.

Der vierte Track "Straight Edge" schlägt in die gleiche Kerbe. Eigentlich. Um sich offen gegen den vermeintlich dekadenten und seelenlosen Studio 54- und Späthippie-Zeitgeist zu stellen, fronten Minor Threat hart: Keine Macht den Drogen. "I'm a person just like you / But I've got better things to do / Than sit around and fuck my head / Hang out with the living dead / Snort white shit up my nose / Pass out at the shows / I don't even think about speed / That's just something I don't need / I've got the straight edge". Straight Edge. Kein Begriff steht mehr für die körperliche Reinheit und Stärke des Hardcore, und kein Begriff steht mehr für den ignoranten und sektenartigen Kollektivismus der Subkultur.

Später, auf der 83er EP "Out Of Step", führt Ian seine Philosophie im Titeltrack weiter aus. "Don't smoke / Don't drink / Don't fuck / At least I can fucking think /I can't keep up / I'm out of step with the world." Wissen ist Macht (Aloy!), alle äußerlichen Einflüsse sollen mir das Denken erschweren und mich zum Schaf der Mächtigen machen. Dass daraus eine in Teilen übergriffige Szene wächst, die auf Konzerten in körperlicher Gewalt gegen andere Non-Straight Edger endet, verschreckt Ian sehr. Er wird später nicht müde zu erwähnen, dass es ausschließlich seine Sicht und Gefühle zu jener Zeit waren. Niemals hatte er eine Welt- und zum Teil Generationen-umspannende, negative Bewegung lostreten wollen.

Dass ausgerechnet das nach echten Gefühlen und Menschlichkeit strebende Hardcore-Genre so oft martialisch bis gewalttätig, fast ultrareligiös oder faschistisch daher– und ver-kommt, versucht Musikjournalist Martin Büsser in seinem Buch "If The Kids Are United" zu erklären: "Hardcore definiert geradezu aus dem Paradox heraus, Musik und Lebenseinstellung von Menschen zu sein, die ein hyperkorrektes Leben führen, trotz allen No Future-Sprüchen auf die Umwälzung sämtlicher Verhältnisse zugunsten einer humanen Zukunft hoffen, sich aber kompromisslos gewalttätig gebärden, da in dieser Gesellschaft jegliche Form von Sanftheit Kooperation mit dem vorgeheuchelten Zustand der Befriedung bedeuten würde."

Für Minor Threat jedoch steht das fast libertäre, sich von allen Giften der Gesellschaft und jeglichem Kollektivismus lösen wollende im Vordergrund. Wie weit, verdeutlicht das umstrittene "Guilty Of Being White": "You blame me for slavery / A hundred years before I was born". Das Negieren von Verantwortung für vergangene Taten im Zusammenspiel mit weißen Privilegien findet man heute oft bei Rechten oder Rechtsradikalen. Im Falle von Ian und seiner Sucht nach der absoluten, individuellen Reinheit und Freiheit ist diese Sicht nur logisch. Er selbst widerspricht natürlich den Vorwürfen vieler linker Aktivisten heftig, auch wenn seine weiteren Erklärungen, dass er als Jugendlicher in der Schule oft von der afroamerikanischen Mehrheit dort gemobbt wurde, etwas dünn klingen.

"Guilty Of Being White" zeigt trotzdem perfekt, warum Hardcore im Kern eben keine linke künstlerische Bewegung war, die strukturell und ästhetisch eine echte, neue System- und Lebensalternative bildete, sondern vorrangig ein Ventil für individuelle Freiheit und Antithese gegen Ungerechtigkeit, Falschheit, Spießertum und sonstige Missstände war. Die Unity-Rufe, die Posen der zweiten und dritten Generation, das Verharren in bekannten Songstrukturen und Abspulen bekannter Szene-Codes stehen dem eigentlich kritisierten, oberflächlichen Rockstartum näher als der unbequeme, Reizpunkte setzende Sound, der es zu Minor Threat-Zeiten noch war. Auch wenn Ian selbst salomonisch sagt: "Deine Definition von Hardcore wird sicher anders sein als meine".

Minor Threat weichen zum Ende ihres Bestehens 1983 vordergründig ihre musikalische Gnadenlosigkeit auf. Sie covern Songs von den Standells ("Good Guys Don't Wear White"), den Monkees ("Steppin' Stone") und fügen ihrem Stil bei "Cashing In" oder den "Salad Days" melodiösere Aspekte hinzu. Immerhin spürt man, wie sie und auch Ians nachfolgende Bands (Rites Of Spring, Fugazi) trotzdem versuchen, sich - statt mit Wut und Härte - mit Emotionen und Grooves vom Mainstream zu lösen. Besonders der Groove-Part galt in früheren Zeiten als zu gefällig und Anbiederung ans System. Erst mit der Hip Hop-Bewegung reift die Erkenntnis, dass zum einen eben jene härtere Gitarrenmusik in sich verharrt und dadurch systemkonform wird und zum anderen tanzbare Musik auch andere Schichten und Gruppen jenseits der weißen Vororte oder privilegierten Arbeitersiedlungen erreichen könnte. Ian gelingt so immer wieder der Ausbruch aus altem Denken.

Der verstorbene Schulfreund scheitert am Ende daran. Er bringt zwar Anfang der 90er unzähligen Reihenhaus-Whities Bands, Straight Edge, Veganismus und andere Szene-Ideale näher. Auch verkörpert er zeitlebens den ewigen, von Minor Threat gelebten und in Musik gegossenen Kampf des Individuums um Echtheit und Selbstverwirklichung in einer komplexen Welt. In kreative Energie konnte er dies wie Ian MacKaye jedoch zeitlebens zu selten umsetzen. Hardcore ist tot.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Filler
  2. 2. I Don't Wanna Hear It
  3. 3. Seeing Red
  4. 4. Straight Edge
  5. 5. Small Man, Big Mouth
  6. 6. Screaming at a Wall
  7. 7. Bottled Violence
  8. 8. Minor Threat
  9. 9. Stand Up
  10. 10. 12XU
  11. 11. In My Eyes
  12. 12. Out of Step
  13. 13. Guilty of Being White
  14. 14. Steppin' Stone
  15. 15. Betray
  16. 16. It Follows
  17. 17. Think Again
  18. 18. Look Back and Laugh
  19. 19. Sob Story
  20. 20. No Reason
  21. 21. Little Friend
  22. 22. Out of Step
  23. 23. Cashing In
  24. 24. Stumped
  25. 25. Good Guys
  26. 26. Salad Days

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