Porträt

laut.de-Biographie

Ministry

Al Jourgensen ist ein umtriebiger Wicht. Mit Ministry, Revolting Cocks, Lard, Acid Horse, 1000 Homo DJs, PTP, Pailhead, Buck Satan, W.E.L.T., Special Affect, Lead Into Gold, Hypo Luxa hat er eine ganze Latte an Pseudonymen und Projekten am Start, die ihn für die nächsten hundert Jahre beschäftigen könnten. Vielleicht geschieht es ja noch, dass er mit Hilfe irgendwelcher Space-Drogen ab ins All fliegt und Sternschnuppen kreiert. Das wäre ihm zuzutrauen, denn Grenzen kennt der Mann nicht viele.

Al Jourgensen kommt am 7. Oktober 1959 als Allen David Jourgensen in Havanna auf einer Tropeninsel namens Kuba zur Welt. Zu der Zeit kommt man aber selbst als Kubaner noch in die USA. So zieht er zusammen mit seinen Eltern nach Denver, später nach Chicago. Im Alter von acht Jahren bekommt Al zwei Dinge gratis: erstens mit einem Baseballschläger derbstens eine übergezogen, so dass er in der Folge an lichtempfindlichen Augen leidet, weswegen er auf Fotos auch meist mit Sonnenbrille zu sehen ist. Zweitens: eine Gitarre.

Dass Als Leben ein schnelles und ungestümes wird, liegt unter anderem an seinem Vater, der als Stock-Car-Fahrer seine Brötchen verdient und den Sohnemann immer mit an die Rennstrecke nimmt. Dort hat er den Spross wohl nicht ganz unter Kontrolle. So nimmt es nicht wunder, dass Al schon im Alter von 14 Jahren einen Drogenentzug hinter sich bringt – den ersten in einer langen Reihe.

Musikalisch aktiv wird Alain – wie er sich mittlerweile nennt – als Radio-DJ und Mitglied der Wave-Combo Special Affect. Ministry hebt er 1981 zusammen mit einem gewissen Stephen 'Stevo' George (Drums) und Basser Lament Welton aus der Taufe. Auf dem Indie-Label Wax Trax erscheint die Debüt-Single "Cold Life", die jedoch mit dem späteren Sound von Ministry ungefähr so viel gemein hat wie Wolfgang Petry mit Death Metal.

Wave-Pop der Marke Human League und Konsorten ist damals der große Hit. "Cold Life" und das erste Album "With Sympathy" verbuchen zwar einen gewissen Anerkennungserfolg, viel mehr aber nicht. Auf der Scheibe sind außerdem Sänger Shay Jones, Gitarrist Walter Turbett, die Keyboarder Robert Roberts und John Davis sowie Drummer Steven George zu hören. Nach dieser Platte schmeißt Al sämtliche Mitstreiter raus und firmiert fortan als einziges Mitglied der 'Band' unter dem Banner Ministry.

Der nächste Output "Twitch" – von On-U-Legende Adrian Sherwood produziert – tendiert schon etwas mehr in die Richtung, die Ministry zu einer der bedeutendsten Industrial-Bands werden lässt. Mit seinen Beats, die von Front 242-EBM beeinflusst zu sein scheinen, hält Aggressivität Einzug. Etwa zu der Zeit startet Al eins seiner wichtigsten Nebenprojekte, Revolting Cocks, zusammen mit den Front 242-Muckern Richard 23 (der aber bald wieder aussteigt) und Luc Van Acker.

Die Raupe schlüpft schließlich mit dem dritten Longplayer "The Land Of Rape And Honey". Mit düsteren Samples und krachigen Distortion-Parts, die bei zartbesaiteten Zeitgenossen den einen oder anderen Würgereiz auslösen, legen Jourgensen und Paul Barker - der 1987 von den Blackouts zu Ministry stößt – den Grundstein zum später typischen Sound. An den Keys steht Roland Barker und hinter den Drums hockt William Rieflin.

Neben der zerstörerisch wirkenden Musik besitzt Al einen Hang zur Selbstzerstörung. William Borroughs, der es irgendwie geschafft hat, Jahrzehnte im Heroinrausch zu verbringen, ohne zu sterben, und Timothy Leary, der mit seinen LSD-Experimenten zur Hippie-Ikone wider Willen mutiert, sind für ihn erst Vorbilder, später sogar Freunde.

Ihrer Lebensweise - Drogen zu kreativer Entfaltung zu nutzen – schließt sich Jourgensen an, ab da gehört die Spritze zum Alltag. So findet sich Al diverse Male im Kittchen wieder. Mit der Musik geht es jedoch nach dem Debüt weiter bergauf. Mit "The Mind Is A Terrible Thing To Taste" streckt die Band 1989 ihre Fühler weiter aus und integriert brettharte Gitarren-Riffs in den Sound. Mit den kalten Synthies und einer famosen Rhythmik scheint die richtige Mischung gefunden zu sein. Den Beat gibt mittlerweile Jeff Ward (Hammeron) an.

"Thieves" ist eine der Hymnen, für die Ministry bekannt sind. Die Live-EP "In Case You Didn't Feel Like Showing Up" offenbart – neben exzellenten Songs – auch den subtilen Humor und Wortwitz von Jourgensen und Barker. Je drei Tracks der beiden vorangegangenen Scheiben gibt's in unverfälschter Atmosphäre auf die Ohren geprügelt. Zu dieser Zeit wütet Al durch fast unübersichtlich viele Projekte, liefert aber mit allen Qualitätsarbeit ab.

Das dunkle Cover des zwei Jahre später erscheinenden Nachfolgers zieren lediglich ein Engel und seltsame Schriftzeichen. Es erscheint unter dem Titel "Psalm 69 – The Way To Succeed & The Way To Suck Eggs" und steigt zum erfolgreichsten Werk in der Karriere der Band auf. Was das Duo Barker/Jourgensen mit diesem Dampfhammer auf die Welt losgelassen hat, wird erst in der Folgezeit offensichtlich. Zahllose Bands versuchen, mit einem ähnlich brutalen Sound erfolgreich zu sein. Sample- und Krachorgien, eingebettet in Gitarrenwände, die gnadenlos zur Sache gehen, lassen die Ministry-Gefolgschaft mit offenem Munde staunen.

Gaststars sind neben dem gesampleten Timothy Leary und einem in Wahnwitztempo daher brabbelndem Gibby Haynes von den Butthole Surfers (bei "Jesus Built My Hot Rod") auch der damalige Präsident George Bush. Jener erhält auf "N.W.O." sein Ministry-Tribut. Das Album verkauft sich dank der Tanzbodenkompatibilität von Tracks wie der erwähnten "N.W.O." und "Jesus Built My Hot Rod" sowie "Just One Fix" so gut, dass die Platinmarke bald überschritten wird – der Heroin-Nachschub für die nächsten Jahre ist gesichert. Für unterwegs stößt noch Rigor Mortis-Klampfer Mike Scaccia zum Line-Up und ab geht's auf die Lollapalooza Tour.

Mittlerweile scheinen Drogen aber keinen kreativen Schub mehr auszulösen. Als 1995 "Filth Pig" erscheint (eine Hommage an die Polizei der USA), muss man ob der zuweilen einfallslosen Kompositionen den Kopf schütteln. Zwar sind Ministry nach wie vor nichts für Weicheier, aber die durchschlagende Power ist irgendwo flöten gegangen.

Die durchweg schleppend vorgetragenen Songs, die – im Gegensatz zu "Psalm 69" – ohne Samples auskommen, sind einfach eine ganze Klasse schlechter als alles, was man bislang von Al zu hören bekam. Daran können auch Ex-Mindfunk/Method Of Destruction-Gitarrist Louis Svitek, Jesus Lizar-Drummer Rey Washam und Keyboarder Duane Buford nichts mehr ändern.

Das 1999 erscheinende "Dark Side Of The Spoon" – eine Anspielung auf Als Drogenprobleme und Pink Floyds "Dark Side Of The Moon" – kickt nicht mehr richtig. Langsam schreiben die Fans die Band ab, kreativ, sowie output-technisch scheint nicht mehr allzu viel zu gehen. Die Alibi-Releases von "Sphinctour" – das altes Live-Material ausgräbt – und die lieblos zusammengepfriemelte Best-Of "Greatest Fits" scheinen – trotz des gnadenlos guten Materials - nur weitere Sargnägel darzustellen.

Aber wie so oft kommt es auch in diesem Fall ganz anders. Zuerst schreiben Jourgensen und Barker einen Song zu Spielbergs Kitsch-Movie "A.I. - Artificial Intelligence", der auf Planungen von Stanley Kubrick beruht. Von den Drogen hat sich Al laut eigener Aussagen gelöst. Somit besitzt er die Energie, sich der neuen Scheibe "Animositisomina" zu widmen.

Auch seine anderen Projekte wie die Revolting Cocks oder Lard (mit Jello Biafra) nehmen langsam wieder Form an. "Animositisomina" kehrt zu alten Stärken zurück. Seine neue Energie demonstriert Jourgensen mit der Ankündigung, auf jedem Festival in Europa aufzutreten, bis den Fans Ministry gründlich zum Hals heraus hängt.

Zwar geht es in den Staaten tatsächlich mit Mudvayne und In Flames kräftig auf Tour, doch Anfang 2004 hängt Ministry zumindest Paul Barker tatsächlich zum Halse heraus. Zu Beginn der Arbeiten am neuen Album rappelt es heftigst im Karton zwischen ihm und seinem langjährigen Mitstreiter, woraufhin Paul seine Koffer packt.

Al präsentiert jedoch umgehend einen Ersatz. In Zukunft soll John Monte, der Ende der Achtziger mit den Funk-Metallern Mindfunk zu temporärem Ruhm gelangt und auch bei M.O.D. aktiv war, den Viersaiter bedienen. Für die Drums sichert er sich die Hilfe von Mark Baker (Fear), Mike Saccia steht immer noch an der Klampfe.

Diese vier helfen ihm "Houses Of The Molé" einzuspielen. Eine Aussage des Bandleaders scheint sich zu bewahrheiten: "There's a republican in the White House and I only write good records when that's happening." Mit neuem Line-Up und neuem Album kehren Ministry zu Stärken zurück, die sie seit zwölf Jahren nicht mehr demonstrierten.

Ende 2005 macht die Nachricht die Runde, dass Ministry im darauf folgenden Frühjahr mit "Rio Grande Blood" zurück kehren. Der Albumtitel ist eine Verballhornung von ZZ Tops "Rio Grande Mud". Für Produktion und Songwriting holt Jourgensen sich prominente Verstärkung ins Boot. Tommy Victor (Prong) und Paul Raven (Killing Joke, Godflesh) packen tatkräftig mit an. Zuvor erscheint zum 25-jahrigen Jubiläum "RaNtologY".

Auf Tour geht es 2006 zusammen mit seinem anderen Projekt, den Revolting Cocks. Bei Ministy wird derweil kein anderer als Slipknots Joey Jordison hinter den Drums sitzen. Die revoltierenden Schwänze werden live von Al, Luc Van Acker, dem Sänger Phildo Owens (Skatenigs) und Josh Bradford (Stayte), Society 1-Klampfer Sin Quirin, Opiate For The Masses-Drummer Seven Antonopoulos, Keyboarder Clayton Worbeck und Anaa K. von Hanzel und Greytl am Bass präsentiert.

Im Juni 2007 verkündet Al Jourgensen schließlich, nach 27 Jahren sei das Ende für Ministry gekommen. In einer Pressemitteilung lässt er verlauten: "Ich habe eine Menge Seiten- und viele neue Projekte, auf die ich mich konzentrieren möchte. Wir haben unser eigenes Label, 13th Planet, am Start. [...] Ich stehe lieber hinter dem Pult als hinter dem Mikrofon. Zusätzlich gefällt mir der Gedanke, dass Dabbeljuh und Ministry Hand in Hand in den Sonnenuntergang reiten."

Wie gewohnt teilt Jourgensen auf dem letzten Album "The Last Sucker" gegen den amerikanischen Präser aus. Für die Arbeiten an der Scheibe verwendet er Bush-Stimmsamples. Die Sichtung von geeigneten Statements bereitete ihm allerdings Kopfschmerzen: "Mein Toningenieur und ich haben nächtelang über dem Computer gebuckelt und hörten uns ständig diesen fucking Idiot an, bis unsere Sinne total benebelt waren. Nichts ging mir mehr auf den Sack, als die ganze Zeit dieses Gesabber anzuhören, aber für das Album waren die Soundschnipsel das notwendige Übel."

Neben einer Coverversion des Doors-Songs "Roadhouse Blues" würdigt er in "The Dick Song" zusätzlich den US-Vizepräsidenten. Im Studio waren an den Aufnahmen neben Jourgensen noch Thomas Victor, Paul Raven (der wenige Monate später im Schlaf stirbt) und Sin Quirin beteiligt. Für die Songs "Die In A Crash" und die beiden Teile von "End Of Days" steuert Burton C. Bell die Vocals bei. Bevor sie sich aber mit der C U LaTouR im Oktober 2008 endgültig von der Bildfläche verabschieden wollen, legen Ministry mit "Cover Up" ein Album mit Coverversionen vor, die zum Teil nah am Original, zum Teil aber echt schräg sind.

Von der finalen Tour erscheint zunächst die Live-CD und Ende Mai auch die Doppel-DVD "Adios ... Puta Madres". Wer glaubt, dass das Kapitel Ministry für Al damit endgültig abgeschlossen ist, der kennt Onkel Al nicht. Anfang September 2009 erscheint ein Remix-Album mit dem bedeutungsschweren Namen "The Last Dubber".

Und siehe da, es dauert nicht lange und schon sind Ministry zurück. Gitarrist Mike Scaccia hat Onkel Al während der Aufnahmen zu Buck Satan And The 666 Shooters anscheinend so lange genervt, bis dieser sich einverstanden erklärte, zu den Riffs von Mike Texte zu schreiben. Der Rücktritt vom Rücktritt war es definitiv wert, denn "Relapse" ist Ende März 2012 ein bärenstarkes Album und zeigt Jourgensen und Co. trotz fehlender Bush-Regierung in Bestform.

Tatsächlich gibt es auch eine Tour zum Album doch danach soll das Thema Ministry endgültig erledigt sein. Leider Gottes muss man davon wohl tatsächlich ausgehen, denn am 22. Dezember kollabiert Mike Scaccia im Alter von 47 Jahren auf der Bühne. Anlass der Show war der 50. Geburtstags von Bruce Corbitt, dem Sängers seine Ex-Band Rigor Mortis. Mike verstirbt einen Tag später an den Folgen eines Herzanfalls.

Mehr als Best-Ofs oder Compilations werden foglich also kaum mehr erscheinen.

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Zehennägel rollen zum Knie und Klöten schrumpeln. (0 Kommentare)

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