laut.de-Kritik

Von Bohlen munter zusammengeklaute Versatzstücke.

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Auch, wenn sich seine ersten Schritte im Profi-Musikgeschäft nicht besonders geschickt ausnehmen: Menowin Fröhlich kann sich glücklich schätzen, die letzte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" nicht gewonnen zu haben. Sich mit einem Bohlen-Album verheizen zu lassen, bleibt ihm so höchstwahrscheinlich erspart.

Einmal mehr bewundere ich beinahe den Schneid, den man haben muss, um für "New Life" verantwortlich zu zeichnen, ohne wie auch immer geartete Quellenangaben zu liefern. Allerhöchstens jemandem, der die letzten drei Jahrzehnte auf seinen Ohren saß, kann Bohlen die rundum munter zusammengeklauten Versatzstücke als sein geistiges Eigentum andrehen.

Die mannigfach verwurstete Bassline aus "Another One Bites The Dust", "Rapper's Delight" oder eben "Roodie Roodie" soll also dem Genie des Pop-'Titans' entsprungen sein? Lassen wir das mal besser nicht Bernard Edwards und Nile Rodgers hören, die "Good Times" einst für Chic komponierten.

Das war 1979 - ein gutes Jahr, aus dem beispielsweise auch der Groove der "Love Machine" stammt. Pfeif' auf Kurt Hauenstein, hinter Supermax stand wohl ein anderer. Tanita Tikaram kann "Twist In My Sobriety" ebenfalls nicht selbst verfasst haben, schließlich deklariert das Booklet "Saturday Night", das beide Elemente birgt, als "written and produced by Dieter Bohlen".

Der Refrain von "Here I Stand" hebt original an wie Grandprix-Gewinner Johnny Logans Erfolgsnummer "Hold Me Now". Bei "As Long As You Love Me" fühle ich mich - "Never Gonna Give You Up" - veritabel ge-rick-rolled. Credits? Wozu?

Zu der an Frechheit schwer zu überbietenden Selbstbedienung setzt es den DSDS-Siegersong "Don't Believe" sowie eine Handvoll weitere Schmachtfetzen. Ideenlos zusammengesteckt aus Piano, Streichern, wahlweise Chimes- oder Harfengeklingel und theatralischem Background-Gesang, alles miteinander direkt aus dem Balladen-Baukasten, tönen diese in etwa so spannend und einfallsreich wie die Songtitel.

"I Love You". "You And I". "You're My Heart". You're my soul? Treffer, versenkt. Man mag es nicht für möglich halten: Statt seinem neuen Schützling irgendeine neue Nummer auf den Leib zu schreiben, lässt Bohlen ihn - drastisch verlangsamt - modrige Modern Talking-Grütze aufwärmen.

Den zu erwartenden Reibach mit "Sweat" kann man sich natürlich unmöglich entgehen lassen. Um die vergnügliche Ironie gebracht, mit der Mehrzad und Menowin diesen Pop-Reggae-Scheiß im Recall kredenzten, bleibt nur noch ein Ohrwurm übrig, der sogar Anfang der schlimmen 90er schon bekackt erschien. Doch wen juckts, so lange die DSDS-Fancommunity treudoof kauft?

Dass Mehrzad Marashi singen kann, eine Überdosis Gefühl in seinen warmen Gesang schmiegt und dazu noch einen beeindruckenden Stimmumfang an den Tag legt, macht die Angelegenheit nur noch trauriger. So, wie es Mark Medlock dem seichten Strand-Pop besorgt, hat Bohlen Marashi zur Begattung des Schmalzfachs vorgesehen, Barry White-mäßig gesprochene Einleitungen inklusive.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, gestünde man einem zweifellos kreativen Sänger und Musiker auch nur ansatzweise angemessen kreative Songs zu. Wieder einmal steckt jedoch seitens der Produktion kein Funken Mühe im Material. Eine weitere interessante Stimme lodert auf dem Scheiterhaufen des Kommerz' und verschwendet sich an "Lonely/only-fire/desire-lover/no other"-Reim-Katastrophen.

1970 schrieben Stevie Wonder, Syreeta Wright und Lee Garrett eine Nummer, mit der die Spinners ihren ersten großen Hit landeten. Im Angesicht von "New Life" möchte sie Dieter Bohlen entgegen schallen lassen: "It's a shame the way you mess around with your man."

Trackliste

  1. 1. Don't Believe
  2. 2. Everytime You Go Away
  3. 3. Roodie Roodie
  4. 4. You're My Heart
  5. 5. Sweat (A La La La La Long) feat. Mark Medlock
  6. 6. You're The One
  7. 7. Please Don't Go
  8. 8. Saturday Night
  9. 9. I Love You
  10. 10. You And I
  11. 11. As Long As You Love Me
  12. 12. Here I Stand

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