laut.de-Kritik

Lauf, Max, lauf!

Review von

Blickst du neugierig in den munter vor sich köchelnden Max-Giesinger-Topf, stößt dir ruckzuck der beißende Geruch eines einzigartigen Klischee-Cocktails entgegen: Straßenmusik als Work&Travel-Reisender in Australien, Popakademie-Crack, Viertplazierter bei Voice Of Germany, dabei gecoacht von Xavier Naidoo, dann Neustart bei Null, Crowdfounding fürs Debütalbum, Youtube-Musiker mit "Somebody That I Used To Know"-Cover und jetzt in aller Munde, weil Video geschossen mit gleichnamiger Modelschönheit. Oh man.

Diesen Stallgeruch bekommst du natürlich nicht mehr aus der Nase und schon gar nicht aus den Ohren. Doch halt! Nicht so vorschnell! Denn eines impliziert der Mainstream-Werdegang ja ebenfalls: Rein technisch und vom Talentlevel (das wir hier zunächst auf die Stimme reduzieren) spielen Popstars wie Max Giesinger Champions League. Doch in der Popmusik - das haben uns die Jahre der Castingshows gelernt - geht es eben um mehr als Talent. Zum Glück.

Die neue Platte heißt "Der Junge, Der Rennt" und knüpft damit thematisch an den roten Faden des Debüts "Laufen lernen" an. Das kennt man ja: Der Künstler kommentiert in seinem musikalischen Werk den eigenen Status Quo und zeichnet Mal für Mal die neuen Probleme, Dramen und unvergesslichen Momente nach. Adele hat dieses Modell besonders geprägt und benennt ihre Alben kurzerhand mit ihrem Alter zum Zeitpunkt der Aufnahme. Diesem System folgend besingt Max Giesinger die Irrungen und Wirrungen eines Mittzwanzigers, der nicht mehr so richtig weiß wohin, der sich zwischen jugendlichen Leichtsinn und dem bierernsten Sinn des Lebens bewegt.

Es geht um die Suche nach der Einen und nach dem Sinn, ums Alleinsein und um Melancholie und den Rausch des Verliebt-seins und so weiter. Keine Sorge: Bereits nach dem ersten Hördurchlauf wird klar, dass Überraschungen ausbleiben werden. "Der Junge, Der Rennt" ist ein echt generisches Album, das genau so klingt, wie man es zuvor erwartete. Aber das ist ja primär nichts Schlimmes, aber eben auch nichts, was dich vom Hocker reißt.

Die Vorab-Single "80 Millionen" hatte vorab für kalkulierte Furore gesorgt. Das besagte Topmodel-Video geht straight auf die eine Million Klicks zu, für die 80 wird es aller Wahrscheinlichkeit nicht reichen. Schwamm drüber, blöder Wort- und Zahlenwitz, denn natürlich geht es in dem Song nicht um Youtube-Klicks (schade eigentlich), sondern eben um die Nadel im Heuhaufen, die eine Traumfrau unter 80 Millionen Menschen. "So eit gekommen und so viel gesehen, so viel passiert, was viele nicht verstehen, ich weiß es nicht, doch ich frage mich schon: Wie hast du mich gefunden – einer von 80 Millionen?" Und eines muss man dieser Komposition lassen: Sie ist nicht nur solide produziert, sondern Millimeter genau auf die gegenwärtigen Vorlieben des Mainstreams-Publikum zugeschnitten.

"80 Millionen" könnte in seiner Machart eins zu eins von Andreas Bourani stammen, da passt wirklich alles. Alleine der musikalischen Aufbau, inklusive zurück genommener, fast nachdenklicher Strophe, die sich dann im schmissig emotionalen Refrain überschlägt, inklusive sprachrhythmischen Chorgedöns und der finale Bridge, auf der der Sänger noch einmal die Klangfarben seiner Stimme ausspielen kann. Auch auf Ebene der Textarbeit gibt es ganz massive Überschneidungen: Die persönliche, aber doch anonymisierte Geschichte zerspringt am Ende in fast kosmischen Bildern: "Wenn wir uns begegnen, dann leuchten wir auf wie Kometen". Die Parallelen sind erschreckend und penetrant, dass man sich schon fragen muss: Soll das austauschbar klingen? Ist deutschsprachige Popmusik wieder an diesem Punkt angelangt, an dem unterschiedliche Künstler kaum noch zu unterscheiden sind. An dem es total egal ist, ob das Ding jetzt ein Bourani, ein Forster oder Giesinger singt?

Das Album insgesamt hat seine Stärken, wo es nicht sklavisch der "80 Millionen"-Radiohit-Blaupause folgt und Giesingers Stimme einen natürlichen Raum zur Entfaltung gewährt. "Melancholiker" ist ein angenehmer Popsong, der sich auf einem ganz reduzierten Beat entfaltet und in einem eingängigen Kopfstimmenrefrain mündet. "Ins Blaue" groovt wirklich und setzt mit dem zweistimmigen Gesangsdialog mit der ungewöhnlichen Gastsängerin Elif einige nette Reizpunkte.

Der Titelsong, der das Album abschließt, nervt zwar ein wenig mit Background-Chören, ist aber auf erste Ebene eine angenehme Lagerfeuer-Gitarren-Ballade, die auf die großen Kaugummieffekte verzichtet. "Muss immer in Bewegung bleiben, würde mich so gerne entscheiden, der Junge, der rennt ...", heißt es da, und wahrscheinlich kann man diese brüchige Selbstanalyse durchaus auf das ganz Album anwenden. Giesinger will diese Karriere so sehr, er ist die unterschiedlichsten Wege abmarschiert, um endlich ins Ziel zu gelangen. Die Hartnäckigkeit verlangt wirklichen Respekt. Schade ist jedoch, dass dieses Album so wenige Ecken und Kanten hat, dass es sich so sehr am gängigen Sound anbiedert.

Und am Ende sind wir wieder über dem Eintopf voller Klischees, die ja eigentlich dafür da sind, gebrochen und wiederlegt zu werden. Das gelingt Max Giesinger nicht. Im Gegenteil: Er setzt alles auf Hit, die Produktion hat ein ganz klares Ziel vor Augen und verfolgt dieses ohne nach links oder rechts zu sehen. Und deshalb wird dieses Album sein Publikum finden, ganz bestimmt. Aber, das ist meine Prognose, es wird auch schnell vergessen werden. Denn der "Der Junge, Der Rennt" klingt leider wie das Album eines Voice-Of-Germany-Finalteilnehmers und nicht wie das Album eines Herzblutmusikers, welches es, mit ein wenig mehr Individualität, hätte sein können.

Trackliste

  1. 1. Barfuß und allein
  2. 2. Roulette
  3. 3. 80 Millionen
  4. 4. Ins Blaue
  5. 5. Wenn sie tanzt
  6. 6. Nicht so schnell
  7. 7. Für dich, für mich
  8. 8. Die guten Tage strahlen
  9. 9. Nicht anders gelernt
  10. 10. In Balance
  11. 11. Vielleicht im nächsten Leben
  12. 12. Melancholiker
  13. 13. Der Junge, der rennt

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2 Kommentare

  • Vor 10 Monaten

    Es ist schon faszinierend zu sehen, wie ein Labeldeal mit BMG ein U-Boot an die Oberfläche spülen kann. Das Phänomen hat man bisher nur bei Gregor Meyle durch „Sing my Song“ erlebt. Giesinger hat eine gute Bühnenpräsenz, auch weil er charmant und witzig ist, seine Musik ist ehr durchschnittlich und es ist umso bemerkenswerter wie viel mehr Aufmerksamkeit und Angebote er jetzt bekommt. Leider hat er mit dem neuen Album ein wenig von seiner Leichtigkeit verloren.

  • Vor 9 Monaten

    Stabile Platte, aber "Laufen lernen" fand ich irgendwie doch besser, da sich das Songwriting dort noch wesentlich weniger kalkuliert und auf NDR-2-Formatradio getrimmt angehört hat.