8. September 2010

"Ein großer Teil des Lebens ist nun mal Dreck"

Interview geführt von

Mit "Zum Glück In Die Zukunft" landete er einen Volltreffer. Längst ist Marteria nicht mehr nur ein Thema für den deutschen Hip Hop-Untergrund.Auch Mainstream-Medien reißen sich inzwischen um den Wahl-Berliner mit Rostocker Wurzeln. Da darf man ruhig kurzzeitig den Überblick verlieren, wenn im Hotelzimmer das Telefon klingelt ...

Du - wir machen jetzt ein Interview, beide. Ne?

Jawohl.

Juhu. Dann bin ich ja doch richtig informiert worden.

Was hast du denn gedacht? Dass dir Groupies aufs Zimmer durchgestellt werden?

Quatsch.

Na, ich bitte dich! Wäre schon denkbar.

(Lacht). Stimmt. Wir können ja so einen Mix machen. Aus Groupie und Interview. Ich find' bloß das Wort 'Groupie' extrem uncool. Groupies allgemein sind auch extrem uncool.

Aus dem Alter sind wir aber auch eher raus.

Das sollte langsam mal vorbei sein. (Lacht)

Womit fangen wir an?

(An seinen Manager im Hintergrund gerichtet) Wenn Chris mir jetzt noch 'ne Zigarette geben würde, und 'n Feuerzeug ... Wir sind gerade in Köln mit Blick auf den Dom. Wir befinden uns gerade auf so 'ner Radioreise. Eins live und so.

Ah, Radio-Promo. Ein weiterer Punkt in deiner glanzvollen Laufbahn. Profi-Fußballer, Model, Schauspieler, Rap-Star ... Liest sich, wie die Hitliste der Teenie-Träume. Kann man eine solche Karriere planen?

Nee. Auf keinen Fall. Es ist mir auch, ehrlich gesagt, immer ein bisschen unangenehm, wenn man das alles so hört. Weil das so bescheuert klingt. Ich mein', Fußballer wird man, wenn man ein kleiner Junge ist und Bock hat auf Sport. Dann sucht man sich einen coolen Sport aus und man denkt: 'OK, is geil.' Dann ist man Fußballer. Dann wird man da vielleicht ein bisschen besser, und man bekommt mehr Chancen. Dann kommt so ein New York-Angebot. Auf einmal ist man dann nicht mehr in Rostock, sondern in New York. Was ein wahnsinniger Kulturschock ist, aber auch unglaublich geil sein kann, wenn man noch nicht mal 18 ist. Tja, dann merkt man aber, dass der Job an sich irgendwie scheiße ist. Dann macht man halt was Bodenständiges. Da ich aber nicht im Büro sitzen wollte, sondern auch für die Musik etwas lernen wollte - ich hab' das ja in erster Linie für die Musik gemacht, damit ich Atemtechnik, Sprecherziehung und irgendwie ein gutes Körpergefühl bekomme, was man an so 'ner Schauspielschule halt lernt - dann hab ich halt das gemacht. Und dann hab' ich wieder Musik gemacht. Musik hab' ich ja die ganze Zeit währenddessen immer gemacht.

Der Schritt Schauspielschule diente also bewusst der Verbesserung deiner musikalischen Fähigkeiten?

Auf jeden Fall. Auch gerade wegen der Live-Sachen. Ich glaub', wenn man ein Live-Konzert von uns sieht, dann erkennt man den Unterschied. Dass man mehr Luft hat, dass man Bewegung drauf hat, dass man weiß, wie man sich drehen muss. Und dass man nicht einen besoffenen DJ hinter sich stehen hat, der 'nen Rohling reinschmeißt, und dafür sollen die Leute fünf Euro Eintritt zahlen. Sondern, dass einem da was geboten wird. Dass da 'ne fette Band steht. Das ist natürlich wichtig.

Du musst aber schon zugeben, dass sich dein Werdegang wie eine Hitliste von Teenieträumen liest.

Voll. Absolut. Deswegen ist es ja ein bisschen peinlich, manchmal.

Mit genau solchen Teenie-Träumen spielen Casting-Shows. Glaubst du, dass man bei derartigen Talentsuchen tatsächlich Talente finden kann?

Ich glaube auf jeden Fall, dass das manchmal ein krasses Spiel mit dem Teufel ist. Natürlich werden da sehr, sehr viele Teenies verbrannt. Das ist ja auch reine Geldmache. Das ganze Konzept funktioniert im Fernsehen sehr gut. Es gibt aber, das darf man auch nicht vergessen, gute und schlechte Beispiele. Es gibt ja Bands, die es geschafft haben, wirklichen Erfolg zu haben, wie Monrose oder die No Angels. Es gibt aber auch ganz viele, wie Queensberry ... Ich hab' gehört, da wurden erst neulich wieder zwei ersetzt. Das ist ein Rein und Raus. Die Sugababes waren ja auch ein großes Beispiel. Da war jeder Migrationshintergrund, den es nur gibt, auf dieser Welt, schon mal in der Band. Da wurde auch jede ausgetauscht.

Ich find' schade, wenn alles so austauschbar ist. Wenn der Künstler keine Identität aufbauen kann und man dementsprechend auch keinen Künstleraufbau betreibt. Gesund ist es ja zum Beispiel so, wie es bei mir lief. Dass man erst mal independent ein paar Alben macht, dann einen Deal unterschreibt, dann weiter coole Alben macht und sich irgendwie so 'ne gesunde Entwicklung vollzieht. Bei Castings musst du von Null auf Hundert sofort am Start sein, und wenn es dann nicht funktioniert, wirst du gleich wieder wie 'n Sack Kartoffeln fallen gelassen. Das ist das Traurige daran. Aber, mein Gott! Ich versteh' schon, wenn die Kids das machen wollen. Aber 'ne gute, alte Bäckerlehre oder 'ne gute, alte Tischlerlehre kann man auch mal wieder machen. Aber es ist natürlich Quatsch, wenn ich so was sage. (Lacht)

"Es ist schön, Freaks zu haben"


Gerade bei dir hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung ein kompletter Umschwung vollzogen. Früher wurdest du wahlweise als Harris-Abklatsch oder, wenn es um Marsimoto ging, als Quasimoto-Abklatsch geschmäht. Heute bist du plötzlich der, den Jan Delay und Peter Fox und Sido gut finden. Nervt das irgendwo auch?

Ja. Pfff. Mein Gott. Es ist halt so: Jan Delay hat mich damals mit auf seine Tour genommen, weil er das allererste Marsimoto-Album so gefeiert hat. Nicht wegen Marteria oder wegen irgendwelcher wahnsinnigen Videos oder irgendwelchem Hit-Produktionsquatsch. Sondern weil er Marsimoto gefeiert hat. Peter Fox ist auch der riesengroße Marsimoto-Fan. Der war auch ein Fan von den Dead Rabbit-Beats und den Marsimoto-Sachen. So bin ich auch zu den Krauts gekommen. Über das Marsimoto-Zeug. Das hat mir alles geebnet. Das hat mir einen Deal gebracht, das hat mir jegliche Kontakte gebracht, das hat mir in so 'ner gewissen Szene von Leuten, die sich ein bisschen auskennen, die bisschen musikalischer gedacht haben, echt viel gebracht. Oberflächlich gesehen doofe Kifferscheiße, aber das war eigentlich viel, viel mehr. Das haben wichtige Leute erkannt. Das hat den Weg geebnet. Also ist mir das relativ egal.

Also war die Kunstfigur Marsimoto der Türöffner für den "echten" Marteria?

Auf jeden Fall war Marsimoto der Türöffner für alles.

Glaubst du, dass der Umschwung in der Wahrnehmung auch mit dem Wechsel zu Four Music zusammen hängt - oder eher umgekehrt?

Weiß ich nicht. Kann schon sein. Four Music ist ein gutes Label. Ich hab' schon das letzte Marsimoto-Album bei Four Music releast. Ich bin da ja jetzt auch schon zwei Jahre und es ist jetzt schon mein zweites Album über das Label. Es ist natürlich trotzdem so, dass man jetzt mehr Power hat, mehr Geld hat, dass man mehr Sachen machen kann, einfach, die man sonst nicht machen kann. In Sachen Werbung, in Sachen Action, Präsenz im Fernsehen, Präsenz im Radio ... Das ist natürlich ein absoluter Vorteil, klar.

Als Heimat für Mainstream-kompatiblere Acts ist Four Music ja nicht gerade unbekannt.

Ja.

Warum bekommt jetzt gerade Marteria und nicht Marsimoto den riesigen Aufmerksamkeits-Schub?

Ich glaube, Marsimoto ist vielleicht nicht ganz so kompatibel. Viele nervt das auch, die hochgepitchte Stimme, das ist ein Faktor, bei dem viele von vorne herein sagen: 'Hey, das find ich nicht cool, so.' Ich glaube aber schon, dass Marsimoto auch noch einen Erfolg haben kann. Weil es ein Freak ist und weil es schön ist, Freaks zu haben, Alter Egos zu haben. Irgendwie sind Menschen eigentlich auch affin zu sowas. Ich weiß jetzt nicht genau. Ich glaube schon, weil es straighter ist. Weil es ich bin, der seine Geschichte erzählt. Das ist natürlich besser oder für die Leute greifbarer, als wenn man irgendwelche Alien-Storys erzählt, wie Marsimoto das macht. Ich glaube, das ist schon der Grund, warum Marteria vielleicht mehr Erfolg hat.

Marteria und Marsimoto könnten in Style und Herangehensweise unterschiedlicher kaum sein. Besteht die Gefahr, dass man dabei innerlich überschnappt?

Es ist super. Ich find' das total geil, wenn man sich befreien kann. Das gibt es ja nicht nur bei mir. Das hat Eminem mit seinem Slim Shady gemacht, das hatten auch die Beatles mal. Jeder hat mal Alter Egos gehabt, weil man einfach frei sein, nach Lust und Laune was ganz Bescheuertes machen kann. Das ist künstlerische Freiheit, wie bei einem Maler, der dann auch mal so 'ne Phase hat, wo er sagt: 'Ich scheiß jetzt auf alles, ich mal jetzt die beklopptesten Bilder der Welt. Irgendwelche Trottel kaufen mir die eh ab, für 'ne Million Euro.' Es ist super, künstlerisch frei zu sein. Dabei hilft einem so ein Marsimoto natürlich extrem.

In einem früheren Interview hast du mal gesagt: "Meine Interessen sind, nicht überall meine Fresse hinzuhalten." Derzeit stolpert man über dich, wohin man schaut. Gerade guckst du mich vom Juice-Cover aus an. Wie findest du die Balance, was man machen will und was nicht?

In dieser Promo-Phase, das ist natürlich klar, da gehört es einfach dazu, dass man Interviews gibt, im Radio ist, viele solche Kampagnen hat und die auch überall sieht. Das ist aber dann auch bald wieder vorbei. Das ist aber nicht mein Anliegen. Es ist auch nicht das Wichtigste oder Tollste, dass mich überall jeder erkennt, dass Action ist und ich überall meine Fresse für hinhalten muss. Das ist auf jeden Fall nicht das, das ich wichtig finde. Ich hab' viele Sachen abgesagt, wie jetzt zum Beispiel die Bravo-Hip Hop. So was würd' ich einfach nicht machen. Ich würd' auch nicht zu The Dome gehen.

Warum nicht?

Weil ich den Leuten, die die Musik ernsthaft sehen, die mich oder meine Musik mögen, in den Arsch treten würde, wenn ich bei The Dome auftreten würde. Das könnte ich einfach nicht machen. Da muss man einfach ehrlich sein und genau das machen, von dem man denkt, dass es richtig ist. Da muss man eben den richtigen Weg finden. Das ist sehr schwer, aber ich versuch', das irgendwie hinzubekommen. Es ist es dann aber logisch, dass man irgendwo mal mein Gesicht sieht.

Ich hab' auch schon Schlimmeres gesehen. In dem Juice-Interview hast du besonders betont, wie wichtig es war, sich für dieses Album Zeit zu nehmen. Wie verklickert man in immer schnelllebigeren Zeiten a) den Fans und b) dem Label, dass gut Ding einfach Weile haben will?

Es ist ein Denken, das sich bei den Labels ändern muss. Das bedeutet, dass Qualität, dass gute Musik, Musik, die geil ist und die Leute berührt, die etwas Besonderes hat und wo Arbeit drin steckt, dass sich die am Ende immer durchsetzt. Das steht über allen anderen Sachen. Gerade wenn man bei einem Label wie Four Music ist, die ja auch dafür bekannt sind, dass sie Künstler aufbauen - wie man das bei Clueso zum Beispiel gemacht hat - dass man da einfach die Zeit bekommt. Da ist die Platte erst fertig, wenn sie fertig ist, und nicht dann, wenn irgendein Label oder irgendein Management das sagt. Dann ist man künstlerisch frei. Sonst muss man auch nicht zu einem Label gehen, sondern kann sagen: 'Ey, komm, scheiß auf euch alle. Ich mach das halt selber.'

Es ist wichtig, gerade weil ich denke, dass man heute nicht mehr allzu viele Chancen bekommt, einen großen Schritt zu machen. Da muss man einfach die Chancen, die sich einem bieten, nutzen. Da muss man ganz durchdacht und auch ganz überlegt rangehen, wie man das am besten hinbekommt. Und das geht auf jeden Fall viel, viel besser mit Zeit.

"Rap bietet so viel Comedy"


Um das Album fertig zu stellen, habt ihr euch in die Einsiedelei nach Dänemark zurückgezogen. Bist du ein Typ, der die Abgeschiedenheit dann auch braucht? Einer, der sich sonst leicht ablenken lässt?

Ja. Total. ich lass' mich extrem leicht ablenken. Es ist auch fast unmöglich, in Berlin ein Lied zu schreiben, durch den ganzen Stress und Heckmeck und Handyklingeln-Bimmeln und immer nur Stress. Wenn ich etwas richtig gut und durchdacht zu Papier bringen möchte, dann brauch' ich auf jeden Fall Ruhe. Ich hab' gemerkt, dass das bei der Umsetzung helfen kann, wenn man sich irgendwo etwas sucht, wo man ganz alleine ist, abgeschottet ist, sein Handy ausmacht. Das hilft ungemein.

Die Ideen nimmst du mit, und die Ausgestaltung kommt dann erst?

So ungefähr, ja. Man schreibt ein paar Sachen auf. man überlegt sich vielleicht ein paar Themen. Was könnte man machen? Mit diesen Ideen, diesem Berg von Ideen - das war nicht wenig - kommt man dann dahin, und dann schreibt man das alles nieder. Weil man die Zeit hat, weil die Gedanken einfach frei sind, in diesem Moment, und man nicht irgendwie abgelenkt ist. Genau so muss man sich das vorstellen. Und dann schreibt der Stift das irgendwie von alleine.

Sound und Inhalt wirken bei diesem Album so dermaßen aus einem Guss, dass mir völlig rätselhaft ist, wie mehrere Leute an der Produktion beteiligt sein konnten und noch ein anderer die Texte geliefert hat. Beispiel "Verstrahlt": Da geht aus düsterstem Sound plötzlich die Sonne auf ... Wie kann das funktionieren? Ist die Textidee oder der Beat zuerst da - oder entwickelt sich so etwas parallel?

Ich hab' da auf jeden Fall nicht das krasse Konzept wie viele andere. Bei mir ist das immer unterschiedlich. Ganz oft ist erst eine Songidee da. Man denkt, okay, das Thema könnte ich machen. Ganz oft ist auch ein Sample da, wie bei "Wie Mach Ich Dir Das Klar" oder "Du Willst Streiten", aus dem heraus die Idee für den Song entsteht. Es ist immer unterschiedlich. Manchmal der Beat, manchmal der Text, da gibts für mich gar kein Geheimrezept. Manchmal hat man Songs, bei denen einfach noch ein bisschen fehlt. Bei denen man denkt, was ist denn da jetzt noch nicht, was kann man noch, wo kann da jetzt, wie du sagtest, die Sonne aufgehen. Wie kann man die Sonne untergehen lassen? Alles so Sachen, die man sich überlegt. Da muss man halt so lange dran arbeiten, bis man den perfekten Vibe für sich hat.

Es spielt auch immer der persönliche Musikgeschmack, den man hat, mit rein. Das ist ja das Entscheidende. Mein Musikgeschmack ist dann wahrscheinlich auch manchmal eher ein bisschen düsterer oder ein bisschen deeper. Ich find' auch schöne Musik und Melodien gut - aber ich brauch' auch den Dreck in einem Beat. So lange man den Dreck nicht killt, so lange man den Dreck behält ... Eine große Facette des Lebens ist nun mal Dreck. Wenn man das der Musik wegnimmt, find' ich, wirkt Musik platt und plastisch. Das ist einfach nicht mein Sound. Bei mir muss es einfach immer ein bisschen Bumms, ein dreckiges Gefühl haben. Das entwickelt man über die Zeit, wenn man weiß, wie eine Platte klingen soll.

Du hast ja früher selbst produziert ...

Ganz früher, ja.

... und bist davon völlig abgekommen?

Naja, ich bin ja schon als Produzent gelistet. Ich hab' auch ein bisschen mitproduziert. Harmonien, Melodien, Sounds ... Ich hab' ja auch bei dieser Platte mitproduziert. Aber so richtig Haupt-Produzenten, das waren auf jeden Fall die Krauts.

Ja, da kamen ja mal mächtig raumgreifende Sounds dabei raus. Wenn man dir in letzter Zeit so zugehört hat, bekommt man den Eindruck, du bist richtig stolz auf dieses Album. Was kommt jetzt? Ist noch Luft nach oben?

Ja. Natürlich! Klar! Jetzt erstmal liegt mein Fokus natürlich auf der Live-Geschichte. Ich geh' im Oktober auf Tour und möchte dann eine extrem gute Show liefern. Ich möchte, dass dieser Sound, den wir auf der Platte gemacht haben, auch live transportiert werden kann. Dass die Leute einfach eine wahnsinnige Show erleben. 'Ne wahnsinnig tiefgehende, emotionale, berührende Show mit Auf-die-Fresse-Attitude. Das muss alles drinhaben, das muss einfach Power haben. Diese Power muss ich live umsetzen können. Das ist das Ding, dass ich dieses Album jetzt erstmal tragen und es live präsentieren werde. Dann gehts natürlich zu dem nächsten Projekten.

Noch mal Marteria - oder kommt dann erst wieder Marsimoto?

Ach, das wird sich alles ergeben. Ich werd' jetzt schon wieder Ideen für ein neues Marteria-Album sammeln. Ich hab' jetzt auch schon wieder sehr viel Marsimoto-Zeug. Marsimoto wird einfach so kommen. Das mach' ich in drei, vier Wochen fertig, ohne dass das irgendwie bescheuert oder schlechter ist. Marsimoto kann gar nicht so verkopft sein. Wenn man Marsimoto-Musik verkopft macht, dann wird es unglaublich scheiße und schlecht. Diese Musik muss aus einem Vibe entstehen. Das ist einfach Marsi, das ist dann auch für sich, seine Ideen und für seine Fans genau das richtige. Wenn ich dann wieder 'ne Marteria-Platte mach', dann muss ich halt wieder denken. (Lacht)

Du hast vorhin die verwendeten Samples angesprochen. Da geht es musikalisch ja in die unterschiedlichsten Richtungen. Viele Rap-Künstler erzählen, dass sie privat gar nicht so wahnsinnig viel Rap hören. Wie sieht das bei dir aus?

Ich hör' schon viel Rap, auf jeden Fall. Ich hör' aber auch viele andere Sachen. Es kommt darauf an. Ich hab' immer schon 'ne Pearl Jam-Platte, immer schon 'ne Beastie Boys-Platte, immer schon 'ne Silverchair- oder 'ne Six Feet Under-Platte zu Hause gehabt. Es gab bei mir nicht wirklich so 'ne Grenze. Aber ich hör' natürlich viel Rap, hör' viel Madlib, viel Flyin Lotus und viel so Westcoast-Bay Area-Kram. Auf jeden Fall hör' ich viel Rap.

Interessiert dich dabei nur die Musik, oder kannst du auch diesem ganzen Kindergarten drumherum etwas abgewinnen? Du weißt schon, wer wen gerade nicht mehr lieb hat, und warum ...

Nee, das interessiert mich nicht wirklich. Ich kuck' mir das an und finde es eher lustig. Ich betrachte das so ein bisschen als Comedy. Rap bietet so viel Comedy - und wir haben so schlechte Comedians in Deutschland ... Wenn viele Rapper im Comedian-Bereich abgehen würden, wär' das auf jeden Fall der richtige Weg. Das find' ich super. Ich kuck' mir auch gerne solche Interviews an - einfach aus Belustigung. Ich glaube, viele Rapper haben so viele YouTube-Klicks, nicht weil alle das so geil finden, sondern eher aus Belustigung. Aber ... mein Gott, irgendwie ist das egal. Ich bin da nicht drin, ich führ' ein anderes Leben, hab' eine andere Vergangenheit und das ist für mich nicht wirklich wichtig am Rap.

Es gab ja offenbar tatsächlich Leute, die deine "Todesliste" als ernsthaften Diss missverstehen wollten.

Ja.

Hast du damit gerechnet?

Ääähmmm ... ja. Es gab natürlich welche, aber ich bin dann auch nicht jemand, der sagt, die haben das alle nicht verstanden. Sondern ich sage: Ganz viele haben es verstanden. Es war auf jeden Fall die absolute Mehrheit, die es total verstanden hat. Ein paar Trottel haben es halt nicht verstanden. Aber ich würde ja so einen Hip Hop-Fehler machen, wenn ich mich hinstellen würde und sagen: 'Diese paar Trottel haben 'Todesliste' nicht verstanden. Idioten sind das! Wie bescheuert sind Hip Hopper?' Es ist ja nicht so. Ich geh' ja nicht davon aus, dass die Fans, die, die meine Musik hören, dass die doof sind. Das wäre ja totaler Quatsch. Ich gehe davon aus, dass die intelligent sind und verstehen, was ich mache. Dementsprechend haben es viele verstanden. Ich stell' mich auf die Seite derer, die es verstanden haben, und wenn es ein paar Trottel nicht verstehen, ist mir das egal.

Bei allem, das du machst, all den Doppeldeutigkeiten und Wortspielereien, schimmert die Liebe zur deutschen Sprache durch.

Ja, sehr. Das ist auch so ein Ding, das man an der Schauspielschule sehr gut lernt. Da kommt dann so was wie Mackie Messer, so 'ne Dreigroschenoper, so Bertholt Brecht. Oder man kuckt sich an, wie die alten Jungs geschrieben haben. Das ist dann irgendwie schon sehr beeindruckend. Da sieht man dann, dass wir ein wirkliches Texter- und Dichter-Volk sind. Wenn man die Wörter richtig nutzt und wenn man sich überlegt, was gute Wörter sind, die gut klingen, dann kann die deutsche Sprache wunderschön sein. Ich steh' halt einfach drauf, wenn Wörter sehr greifbar sind.

Und wie vermittelt man diese Erkenntnis noch mehr Zuhörern? Dass die deutsche Sprache super ist - wenn man sie beherrscht?

(Lacht) Das ist ja genau das Problem. Die meisten können sie nicht mehr. Ey, Opfa!

Pass bloß auf, Alta!

So krass. Aber, ja, mein Gott: Man vermittelt das, indem man Musik macht, wie ich sie mache. Ich benutze ein breites Spektrum an Wörtern. Es sind halt nicht nur sechs Vokabeln, die sich immer wieder aneinander reihen, sondern es sind ein paar mehr. Und wenn die Leute sich das anhören, das gut finden und darüber nachdenken, dann reden die vielleicht auch ein bisschen besser.

Marteria auf einer Mission, das find' ich gut.

Ich bin Hip Hop-Missionar! (Lacht)

Das heißt, dich hat auch in der Zeit, in der du zum Beispiel in New York gelebt hast, nie gereizt, mal auf Englisch zu rappen?

Nee. Ich finde, man sollte immer Sachen machen, bei denen man denkt, man könnte sehr gut darin sein. Nicht Sachen, die tausend andere Leute viel besser können. Wenn ich jetzt anfangen würde, auf Englisch zu rappen, weiß ich, dass es - auf jeden Fall in Amerika - Rapper gibt, die es besser können. (Lacht) Deswegen ist das für mich nie ein Thema gewesen. Auf Deutsch, finde ich, muss ich mich vor keinem verstecken.

Jetzt zitier' ich nochmal ein ganz altes Interview, da sagtest du: "Ich habe Marsimoto erschaffen, damit Deutschland wieder träumen kann." Meinst du, es besteht Traum-Bedarf?

Es besteht immer Bedarf, Deutschland muss immer träumen. Marsimoto ist jemand, der einen in eine andere Welt entführt. Das meinte ich mit diesem Traum-Ding. Das hat ja auch nicht Marteria gesagt, das war Marsimoto. Ich zeige das echte Leben, wie ich es erlebt habe. Meine Probleme, meine guten und meine schlimmen Sachen. das ist eher dieses 'real life'. Marsimoto ist dagegen der Träumer, der mit seinen Alien-Geschichten kommt.

Erzähl mir noch schnell, wie es zu dem Feature mit Casper kam?

Casper ist ein guter Freund von mir. Wir haben auf einer seiner CDs - ich glaub', das war so ein Sampler, auf dem er drauf war, "Selfmade Chronik" ["Selfmade Records Chronik II", um Korinthen zu kacken. D. Red.] - schon mal einen Song zusammen gemacht. Da haben wir gemerkt, dass es, obwohl wir von unseren musikalischen Ansätzen her eigentlich sehr unterschiedlich sind, zusammen gut harmoniert. Ich wollte ihn unbedingt dabei haben, weil ich ihn sehr mag, ihn sehr schätze, ich mich auch gern mit ihm unterhalte und seine Ansichten sehr gut finde. Deswegen war für mich wichtig, dass er mit auf der Platte ist. Außerdem lieferte er eine Farbe, die es so sonst darauf noch nicht gab.

... Recht hat der Mann, und wohl daran getan. Weil wir nicht in offene Wunden salzen wollten und uns zudem die Zeit davon lief, blieb das Thema Fußball diesmal außen vor. Darauf kommen wir nächstes Mal zurück. Vielleicht spielt Hansa Rostock dann auch wieder in einer Liga, die diese Bezeichnung verdient.

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