21. Mai 2009

"Kurt starb und Richey verschwand ..."

Interview geführt von

Richey Edwards ist zurück! Freilich stimmt das nicht ganz. Und doch basiert das neunte Studioalbum der Manic Street Preachers tatsächlich ausschließlich auf Texten des 1995 verschwundenen Wunderkinds.James Dean Bradfield und Nicky Wire scheinen es wirklich ernst zu meinen mit der Pflege des Andenkens an das seit 2008 offiziell für tot erklärten Bandmitglied. In Sachen musikalischer Qualität allerdings spaltet das gerade erschienene "Journal For Plague Lovers" die Kritikerfront.

laut.de trifft Nicky Wire im noblen Grand Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin. Der Bassist, Texter und gelegentliche Sänger ist bestens aufgelegt, versteckt sein Gesicht trotzdem lieber hinter großen Sonnenbrillengläsern eines bekannten Herstellers.

Faszinierend: Beim Beantworten der Fragen hält Wire seine Augen meist geschlossen, so als würde er meditieren. Und zeichnet ansonsten abstrakte Muster auf ein Blatt Papier. Warum also nicht erstmal ein wenig über Kunst plaudern?

Das tolle Cover zum Album stammt wieder von der Malerin Jenny Saville ...

Ja, wir sind darüber wirklich mehr als happy. Sie hatte uns damals ja auch das Cover für "The Holy Bible" kostenlos zur Verfügung gestellt. Und als wir sie diesmal fragten, hat sie es erneut getan. Ich glaube, das Bild ist ungefähr eine Viertel Millionen Pfund wert. Sie ist echt wunderbar und natürlich ist es auch ein großartiges Kunstwerk.

Und warum habt ihr euch gerade für dieses Bild entschieden?

Ich habe es dem Rest der Band vorgeschlagen. Ich finde, es hat etwas Unschuldiges. Der Blick der abgebildeten Person ist recht seltsam. Es erinnert mich an Lucian Freud (Enkel von Sigmund Freud und einer der wichtigsten figürlichen Maler Großbritanniens, Anmerk. d. Red.). Einige Leute finden das Bild verstörend, mir geht das nicht so. Es wirkt auch ein wenig androgyn. Mir war nicht klar, dass es ein Mädchen ist, bis mir Jenny das verriet.

Es ist ein Mädchen?

Ja. Ich dachte auch erst, es sei ein Junge. Ich kann es noch gar nicht recht glauben, dass alles so geklappt hat, wie wir es wollten: die Lyrics von Richey, das Bild von Jenny und Steve Albini als Produzent. Wir haben wirklich das Kunstwerk geschaffen, das uns vorschwemmte.

Andere Kunstformen waren euch immer wichtig. Schon im Booklet eures Debüts hattet ihr unzählige Zitate von Rimbaud bis Camus, dann das Jackson Pollock-Zitat bei "Everything Must Go", der "Song for Willem de Kooning" und so weiter. Immer wieder auch die Bildende Kunst ...

Und Jeremy Deller, der Turner Prize-Träger, hat einige Videos für uns gemacht.

Wo kommt die her, die Begeisterung für Kunst?

Das hat uns alle irgendwie angezogen. Wenn man mit 15 Vorbilder wie etwa Morrissey hat, der über Oscar Wilde redet, dann folgt man diesen Spuren. Manchmal kann ein Zitat oder ein Kunstwerk bestimmte Dinge einfach besser ausdrücken, als die Band dies könnte. Es geht nicht darum, damit anzugeben, was man alles kennt.

Gab es denn auch mal Diskussionen darüber, ob bestimmte Zitate zur Band passen?

Anfänglich schon. Es war aber recht schnell klar, dass James und Sean die musikalischen Kräfte der Band sind. Sie waren einfach so viel talentierter als Richey und ich, so dass wir uns mehr um das Artwork und auch die Zitate kümmerten. Die visuelle Seite. Das Interesse für andere Künste war aber immer irgendwie in uns. Meine Eltern hatten sehr viele Bücher.

Mit den Bildern von Jenny Saville steht ihr ja auch, wenn man so will, in einer guten Tradition. Man denke nur an Sonic Youths "Daydream Nation"-Cover von Gerhard Richter oder die Cover von Andy Warhol

Großartig waren auch die Bilder von Martin Kippenberger, die wir für die Singles von "The Holy Bible" verwendet haben. Jeremy Deller hat in Cardiff mal eine Ausstellung kuratiert mit all den Referenzen, die bei uns auftauchen. Kippenberger-Bilder kamen nach Cardiff, Francis Bacon, ein Picasso. Eine tolle Erfahrung.

"Richey hat eine Schreibmaschine mit sich rumgetragen"


Das neue Album beginnt mit einem Filmausschnitt. Woher stammt der?

Das ist aus dem Film "The Machinist" mit Christian Bale. Sollte es jemals einen Film über die Manic Street Preaches geben, wäre er derjenige, der Richey spielen sollte. Er versteht es wirklich, in Charaktere zu schlüpfen. Außerdem ist er Waliser. Und der Film hätte Richey sicher gefallen. Bale spielt dort jemanden, der nach einem Unfall nicht mehr schlafen kann. Im Song "Doors Closing Slowly" haben wir zudem ein Sample aus "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola. Richey liebte das Buch dazu.

Wann und warum habt ihr euch entschieden, Richeys Texte für das Album zu verwenden?

Das war etwa vor eineinhalb Jahren. Vielleicht etwas länger her. Unser letztes Album "Send Away The Tigers" war ein recht altmodisches Rockalbum und ein kommerzieller Erfolg. Es hat uns nicht nur das Gefühl gegeben, wieder jung zu sein, sondern auch die Möglichkeit, diesmal etwas Tieferes zu machen. Wir wollten das Album wieder wie ein Kunstwerk behandeln. Es gibt keine Singles, keine Videos. Es ist nicht nur ein Tribut an Richey, sondern auch an die Idee des Albums als Kunstform. Prä-digitale Kunst. Richey hatte schließlich auch kein Handy, keinen Computer, hat stattdessen eine Schreibmaschine mit sich rumgetragen. Wir haben das Album auf Band aufgenommen, ohne Computer, ganz analog. Es fühlt sich an wie eine Zeitkapsel.

Und eure Plattenfirma ist sauer, keine Singles ...?

Die sind einfach nur verwirrt. Wir haben immer gemacht, was wir wollen, und sie wissen ja, dass wir auch kommerzielle Alben drauf haben. Aber die verstehen schon, dass es diesmal um Wichtigeres ging. Muss schon hart sein für die (lacht).

War es eine sehr emotionale Erfahrung, mit den Texten von Richey zu arbeiten?

Die Gefühle kamen als wir fertig waren. Während der Aufnahmen waren wir sehr fokussiert. Wir wollten, dass die Musik zur Intensität der Texte passt. Die Texte stammen ja von einem 27-Jährigen. Wir haben uns dann in Wales eingeschlossen, Steve Albini kam rüber und wir waren sehr, sehr diszipliniert. Als wir das Ergebnis irgendwann gehört haben, kamen die Gefühle. Und wir begannen uns zu fragen: Haben wir das Richtige gemacht? Würde Richey das gefallen? Ich glaube aber, dass wir ein anständiges Werk geschaffen haben.

Warum denkst du, dass es Richey gefallen würde?

Er hat uns ja die Texte überlassen, drei Wochen bevor er dann verschwand. Und da fragt man sich schon, warum. Er hat mir diesen wunderschönen Ordner gegeben mit Bildern, Collagen und Texten. Wir wollten jedoch nie mit seinem Schicksal Geld machen und haben uns ja auch nach seinem Verschwinden als neue Manic Street Preachers etabliert, die mit "This Is My Truth Tell Me Yours" ihren Höhepunkt erreichten. Ich vermisse Richey einfach als Texter. Ich bin nicht so mutig wie er, auch nicht so ein Künstler.

Ihr hättet seine Texte schon viel früher verwenden können

Das wäre billig und wohl auch zu emotional gewesen. Ich glaube, das wäre nicht richtig gewesen. Die Wahrheit ist einfach: Ich hätte nie solche Texte wie Richey schreiben können, dafür hätte er wohl Songs wie "A Design For Live" oder "If You Tolerate This", unsere größten Hits mit Texten von mir, nicht hinbekommen.

Habt ihr vor den Albumaufnahmen mit seiner Familie gesprochen?

Er hatte die Texte ja ohnehin uns überlassen. Aber wir haben ihnen alles gezeigt, das Album vorgespielt. Und es ist auch immer noch so, dass alles, wo Richeys Name draufsteht, zu 25 Prozent an ihn geht. Wir haben echt versucht, alles richtig und korrekt zu machen. Man weiß natürlich nie, ob nicht irgendwo in Serbien oder sonst wo Songs von ihm laufen, ohne dass er seine Tantiemen erhält.

"Wir wollen schon nächstes Jahr ein neues Album machen"


Haben die Texte des Albums eine Art Grundthema?

Das ist wirklich schwierig. Ich kann das auch nur erraten. Es scheint aber etwas ruhiger zuzugehen als bei "The Holy Bible". Das Album war voller Wut und Hass. Diesmal klingt alles resignierter. Bei Songs wie "Doors Closing Slowly" scheint Richey zu sagen: Ich weiß, was ich tue. Auch wenn es ziemlich erbärmlich und traurig ist, weiß ich doch, was ich mache.

Ich hätte ein dunkleres, melancholischeres Album erwartet

Stattdessen gibt es auch Momente von fast surrealem Humor, etwa bei "Me and Stephen Hawking". Das Album hat unterschiedliche Stimmungen. Es gibt auch eine akustische, melancholische Seite. Etwa bei "William's Last Words". Richey war einfach ein großer Konsument von Kultur. Er hat eigentlich nur gelesen, geschrieben, gearbeitet, gemalt und beobachtet. Richey war das, was man einen Künstler nennt. Wir haben versucht, das rüberzubringen. Ich muss jedoch zugeben: Bei vielen Songs weiß ich nicht, worum es geht. Ich hab' keine Ahnung, was der Text zu "Jackie Collins Existential Question Time" soll.

Er muss aber doch noch eine andere Seite gehabt haben. Oder war er nur Künstler. Als was für einen Menschen erinnerst du Richey?

Als Person war er ganz anders. Ich erinnere mich an so viel: Wie wir als Fünfjährige Fußball gespielt haben, wie wir zur Uni gegangen sind, er hat Geschichte, ich Politik studiert. Wie er für mich Reis mit Thunfisch gekocht hat, wie wir uns als Studenten besoffen haben. Ich habe wirklich viele positive Erinnerungen. Nur die letzten Monate nach "The Holy Bible" waren wirklich hart. Wenn man an jemanden, den man so lange kennt, einfach nicht mehr rankommt. Ihn einfach nicht mehr erreicht. Das ist das eigentlich Traurige.

Du hast mal gesagt: "Richey war in einer erfolgreichen Band, hätte eine nette Freundin haben können, und wir haben ihn alle geliebt. Aber das war nicht genug".

Ja. Wenn man zu diesem Schluss gelangt, weiß man einfach nicht mehr, was man noch tun kann. Alle haben es versucht: Seine Familie, seine Freunde. Ich weiß wirklich nicht, wie man jemanden erreichen kann, der so weit weg ist. Es ist eine Schande. Aber es gibt da wohl keine magische Formel. Wenn all die Dinge, die einem Freude bringen, bei Richey waren das etwa die Kunst, das Fernsehen, das Trinken, wenn all diese Dinge einem nichts mehr bedeuten und auch keine Inspiration mehr geben, dann ist das wirklich bedrohlich. Gott sei Dank ist mir das nie passiert. Es muss ein finsterer Moment sein. Das Verschwinden von Richey ist kein Rock'n'Roll-Mythos, er hatte Freunde, er hatte Familie. Tausende Menschen verschwinden jedes Jahr. Das macht einen noch nicht zu einer Ikone.

Es gibt immer wieder Leute, die behaupten, Richey irgendwo gesehen zu haben. Ärgert euch das?

Anfänglich hat es uns schon sauer gemacht. Wir waren ja wie paralysiert, wussten nicht was wir tun können. Zum Glück haben wir dann sechs Monate später "A Design For Life" geschrieben. Das gab uns einen neuen Sinn. Gab uns wieder Freude. Die ganzen angeblichen Sichtungen muss man einfach ignorieren. Aber es verletzt uns nicht.

Noch mal zum Album: Man hat schon den Eindruck, dass Nirvana ein wichtiger Einfluss war

Ein sehr wichtiger.

Liegt das auch am Produzenten Steve Albini?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben damals besonders "In Utero" (das von Steve Albini produziert wurde, Anmerk. d. Red.) viel gehört. Die Ehrlichkeit und Rauheit dieses Albums dienten uns als Vorbild. Auch wenn Nirvana zu den heiligen Kühen gehören, so wie Joy Division oder die Sex Pistols, von denen man sich eigentlich lieber fern halten sollte weil sie so brillant sind. Vor allem "Peeled Apples" hat schon eine "In Utero"-Atmosphäre. Sehr grungy. Das wirst du kaum in einem iPod-Werbespot hören.

Wahrscheinlich nicht. Habt ihr denn Kurt Cobain jemals getroffen?

Wir haben ihn zwar bei einem Festival gesehen, ihn aber nie kennen gelernt. Die Zeit, in der Kurt starb und Richey verschwand, war schrecklich für die Rockmusik. Ich war damals einfach froh, wenn ich Zuhause sein konnte. Das war einfach alles zu intensiv.

War Kurt Cobain wirklich eine von Richeys Ikonen?

Er liebte seine Musik und seine Texte. Ich erinnere mich an eine Zeile, "I miss the comfort in being sad", die Richey besonders mochte. Und mögen wir das nicht alle ab und zu: Regen, allein sein, sich schlecht fühlen? "In Utero" und "The Holy Bible" waren der Soundtrack zu einem ziemlich traurigen Jahr.

Sorry, aber der Song "Pretension/Repulsion" vom neuen Album erinnert mich ein wenig an die frühen Offspring…

Das ist doch ok. Die frühen Offspring haben schon gerockt. Ist auch einer der schnellsten Songs, die wir seit langem gemacht haben. Wir haben schon etwas Angst davor, das live zu spielen. Nicht nur, dass die Texte von einem 27-Jährigen stammen, auch einige Songs klingen, als wären sie von 27-Jährigen.

Auf "William's Last Words" klingst du eher wie Lou Reed

Ja, das finde ich auch (lacht). Ich habe auch die Musik geschrieben. Und es war doch etwas aufregend, das mit Steve Albini einzuspielen. Ich mag es eben nicht, vor anderen Leuten zu singen. Aber Steve war ganz lieb. Er ist sonst nicht der Typ, der im Studio rum springt und sagt, was ihm gefällt. Bei dem Song meinte er dann aber doch: I really like that! Wir waren geschockt. Ein echtes Kompliment. Wahrscheinlich passt die Fragilität meiner Stimme einfach zu dem Song.

Was denkst du, wenn Fans auf eurer Homepage schreiben: So zum Weinen bringen mich nur die Manic Street Preachers?

Ich denke, die sind wirklich gerührt. Das gleiche gilt für einige Journalisten. Ich habe Journalisten übrigens immer sehr respektiert, weiß, wie schwer es ist, zu schreiben, selbst einen Verriss. Auch kannten viele Journalisten Richey, weil wir mit denen abgehangen haben. Da waren einige auch etwas besorgt, dass wir jetzt so ein Album machen. Ich glaube, das Album ist ein kreativer Erfolg, könnte aber ein kommerzieller Misserfolg werden. Aber das muss auch manchmal sein.

Der britische NME hat Euch 2008 als "Godlike Geniuses" geehrt. Wie fühlt sich das an?

Das war schon ne' große Sache. Als wir aufwuchsen, war der NME immens wichtig. Es gab ja kein Internet, nix. Wir hatten auch das Gefühl, dass der Award für uns vier ist, inklusive Richey. Wir wollen uns aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Das ist immer die Gefahr von Preisen.

Denkst du, dass die Manic Street Preachers auf etwas stolz sein können?

Es ist nicht nur die Musik, sondern auch das andere Zeugs, über das wir vorhin gesprochen haben. Ich weiß noch, wie wichtig es war, als ich früher Dokumentationen über Francis Bacon gesehen oder Morrissey reden gehört habe. Ich glaube, dass auch wir einigen Leuten Bildung nahe gebracht haben. Das ist viel wichtiger als all die goldenen Schallplatten. Darauf bin ich schon stolz.

Wird es neue Soloalben geben?

Seit wir "Send Away The Tigers" gemacht haben, können wir gar nicht aufhören, Songs zu schreiben. Wir wollen schon nächstes Jahr ein neues Album machen. Ich glaube, wir brauchen erst einmal keine weiteren Soloalben. Gerade schreiben wir einen Song für Shirley Bassey. Wir können nicht aufhören. Ich weiß nicht, was das ist: 40 geworden zu sein? Panik? Es ist wohl die Midlife Crisis (lacht).

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