5. Mai 2014

"Früher hatten wir dreckigen Sex"

Interview geführt von

Bei Mando Diao ist man mittlerweile auf alles gefasst. Nach dem geheimnisumwobenen Caligola-Ausflug der beiden Bandköpfe Gustaf Noren und Björn Dixgard im Jahr 2012 und dem anschließenden heimatlichen Kniefall "Infrusent" wandeln die Schweden nun auf "Aelita" vermehrt auf elektronischen Pfaden.

Trafen wir die beiden Mando Diao-Chefs vor zwei Jahren noch inmitten kuttenbehangener Kollektivkünstler unter dem Banner Caligula, werden wir einige Wochen vor der Veröffentlichung des mittlerweile siebten Mando Diao-Albums "Aelita", barfuß und Apfel essend empfangen. Während sich Gustaf in dem feudalen Berliner Hotelzimmer zunächst nur schwer vom Klavier trennen kann, sitzt Kollege Björn völlig tiefenentspannt auf einer Designer-Couch und blickt auf ein überdimensional großes Flat-TV-Gerät. Dort flackern wilde Farben, während aus den Boxen indische Folklore tönt. Nach einer Minute bemerkt man uns ...

Gustaf: Hallo, stehst du schon lange da?

Nein, vielleicht eine Minute. Ich wollte dich nicht beim Komponieren stören.

Gustaf: Oh, ich klimpere nur so ein bisschen rum. Komm, wir setzen uns zu Björn, sonst kriegt der noch Zuckungen vom ganzen Fernseh-Gegucke (lacht).

Was läuft denn da?

Gustaf: Das ist eine nicht endende Farbschleife, die die Stimmung unseres neuen Albums transportieren soll. Wie findest dus?

Gewöhnungsbedürftig, um ehrlich zu sein.

Gustaf: (lacht) Das kann ich verstehen. Mann muss sich natürlich drauf einlassen und ein bisschen Zeit mitbringen. Wenn man aber erst mal eingetaucht ist, dann kommt man so schnell nicht mehr davon los, siehe Björn (lacht).

Björn: Sorry?

Gustaf: (hört nicht auf zu lachen)

Ich war, ehrlich gesagt, schon sehr gespannt, was mich heute hier erwartet. Bei unserem letzten Treffen habt ihr mich in eine zwei Meter lange Kutte gehüllt.

Björn: Da waren wir mit Caligola unterwegs. Das war ziemlich lustig. Übrigens hat sich nicht jeder eine Kutte anziehen lassen. Dem einen oder anderen war das wohl nicht ganz so geheuer.

Ich fands cool. War aber scheinbar nur eine Momentaufnahme, oder? Nach dem Album habe ich von Caligola nichts mehr gehört.

Gustaf: Nein, Caligola wird es auch weiterhin geben, allerdings vorerst nicht mit uns beiden. Das spielt aber eigentlich auch gar keine so wichtige Rolle, ob wir da nun öffentlich präsent sind oder nicht. Caligola war und ist viel größer als wir. Wir haben damals nur versucht, das Kollektiv mit unseren Namen etwas mehr ins musikalische Rampenlicht zu rücken. Es wird bestimmt auch ein neues Album geben, aber eben nicht mit uns beiden.

"Yeah, fuck the rules!"

Dafür kommt in einigen Wochen ein neues Mando Diao-Album, das den einen oder anderen Fan eurer Anfangstage ziemlich überraschen dürfte.

Gustaf: Yeah, fuck the rules! Wir kennen keine Grenzen. Wir sind schon lange nicht mehr die schnodderige Indierock-Band von damals. Wir haben uns weiterentwickelt, verstehst du? Jeder Künstler sollte sich verändern. Es gibt doch nichts Langweiligeres, als eine Band, die auf jeder Platte gleich klingt. Bei solchen Bands geht es doch meistens nur um Kohle. Sicher, wir verdienen auch gerne Geld, aber wir sind nicht raffgierig und maßlos.

Björn: Wir haben schon lange keine finanziellen Sorgen mehr. Das erleichtert natürlich den Prozess der Selbstverwirklichung. Egal wie viel Geld man uns anbieten würde, wir würden nie ein weiteres "Hurricane Bar"-Album aufnehmen. Die Leute da draußen sollten endlich begriffen haben, dass sich Mando Diao mit jedem neuen Album ein Stück weit neu erfinden.

Euer neues Schaffen steht ganz im Zeichen eines uralten Sowjet-Synthesizers namens "Aelita". Wie war die erste Begegnung?

Björn: Gruselig und angsteinflößend (lacht).

Gustaf: Es war unbeschreiblich. Wir haben dieses Ding in einem alten Vintagestore in Stockholm gefunden.

Ein Synthesizer an sich klingt ja erst mal nicht so spannend. Was ist so besonders an Aelita?

Gustaf: Aelita ist nicht nur ein Synthesizer. Diese Maschine ist ein Monster. Nicht nur die Anleitung ist komplett auf russisch, auch die komplette Oberfläche ist übersät mit russischen Instruktionen. Wir haben Stunden gebraucht, um das Ding überhaupt anzuschalten. Dann blinkte zwar alles, aber es machte keine Töne. Wir saßen also vor diesem Gerät, guckten uns an und dachten: Was zur Hölle ist das? Und wie kriegen wir es zum Laufen? Wir waren irgendwann so verzweifelt, dass wir es zur Reparatur schicken wollten, da wir dachten, es ist kaputtt. Das war es aber nicht. Also starteten wir einen zweiten Versuch. Irgendwann drückte einer von uns auf einen Knopf, der das gute Teil zum Leben erweckte. Von da an war nichts mehr so wie vorher (lacht).

Björn: Du kannst dir nicht vorstellen, was da plötzlich für Geräusche rauskamen. Wenn du denkst, dass Korn tiefe und harte Gitarren am Start haben, dann hast du Aelita noch nicht kennengelernt. Dieser Synthesizer ist ein Tier. Da kommen Sounds raus, die jeden Gitarren-Amp dieser Welt zu Kleinholz verarbeiten.

Gustaf: Es hat zwar lange gedauert, aber als wir dann eins wurden mit Aelita gab es kein zurück mehr. Das ist wirklich schwer zu erklären. Es geht auch nicht nur um die tiefen und harschen Sounds. Das ganze Ding hat mit der Zeit irgendwie ein Eigenleben entwickelt, dem wir komplett verfallen sind.

"Wir haben die Sau rausgelassen"

Nehmt ihr Aelita auch mit auf Tour?

Gustaf: Auf jeden Fall. Das wird großartig.

Björn: Wir werden Aelita von der Hallendecke auf die Bühne schweben lassen. Die Shows werden atemberaubend, das kann ich schon mal verraten.

Wer wird das Ding denn auf der Bühne bedienen?

Gustaf: Das wird Daniel (Daniel Haglund, Keyboarder) übernehmen. Der freut sich schon wie ein Kleinkind darauf. Er hat dieses einzigartige Gespür für Technik. Björn und ich haben da leider nicht so einen feinsinnigen Zugang. Wir sind Menschen, die mehr über den Bauch und über ihre Sinne kommunizieren, verstehst du? Deswegen haben wir zwei auch viel mehr mit Malern und Fotografen zu tun, als mit herkömmlichen Musikern, deren Musik nur das Spiegelbild eines Instruments darstellt. Wir haben einfach eine andere Art uns auszutauschen. Wenn wir beispielsweise an einem Song sitzen, dann sage ich nicht: Hey Björn, spiel das mal ein bisschen bluesiger oder komm mal mit etwas Funk um die Ecke. Ich sage dann eher: Hey Björn, ich will das der Song wie ein Blitzeinschlag klingt oder wie Donner oder die brausende See.

Björn: Wir drücken einfach das aus, was wir fühlen. Wir sind sehr emotional und haben mit konventionellen Formen und Strukturen nur wenig am Hut.

Gustaf: Daher funktionierte Caligola auch so gut. Da stecken keine vorgefertigten Normen dahinter. Das ist genau das, was wir wollen. Wir wollen uns entfalten und Grenzen sprengen. Mando Diao sind keine Band im herkömmlichen Sinne. Wir transformieren uns ständig. Wer sich uns anschließt, der muss offen sein.

Björn: Schau mal, wir sitzen jetzt hier in Berlin. In dieser Stadt herrscht das totale Chaos. Man findet aber auch Ecken, wo man sich total entspannen kann und die eher an ländliche Gegenden erinnern, als an eine Weltmetropole. Während in Kreuzberg nahezu die ganze Welt auf engstem Raum zusammenkommt, fühlt man sich in anderen Bezirken wie in einer Wellness-Oase. Das ist genau unser Ding. Wir lieben alles. Wir wollen alles. Und wir sind überall dabei.

Gustaf: Ich will noch mal kurz auf unsere rockigen Anfangstage zu sprechen kommen. Diese Zeit war ein Produkt unseres damaligen Lebens. Wir haben die Sau rausgelassen, rumgepöbelt und dreckigen Sex gehabt. Wir haben heute auch noch Sex, aber wir haben uns verändert. Ich nenne dir mal ein Beispiel: Wir sind eigentlich Kinder der Achtziger. Synthies, Beats und Keyboards gehörten schon immer zu unserem Leben. Wahrscheinlich sogar viel mehr als Gitarren und Drums.

An den Punkt zu kommen, die eigentlichen Einflüsse und das eigentliche Selbst zu leben und zu lieben, dauert manchmal aber ein bisschen. Mittlerweile stecken wir aber mittendrin in unserem Selbst. Das Ergebnis: Wir leben, was wir lieben. Und da geht es mir vollkommen am Arsch vorbei, was andere Leute davon halten. Wer der Meinung ist, uns festnageln zu müssen, nur weil wir mal rotzigen Rock gespielt haben, der rennt bei mir gegen Mauern. Wir sind freier denn je. Und wir machen, was wir wollen. Punkt.

Björn: Momentan knien wir vor Aelita nieder, weil es sich gut anfühlt. Was beim nächsten Album passiert? Keine Ahnung. Vielleicht werden wir noch eine weitere Elektro-Schippe drauflegen. Vielleicht werden wir uns aber auch von Hip Hop, Funk oder Wave inspirieren lassen. Wichtig ist nur, dass am Ende Musik dabei rauskommt, die wir beide mit Begriffen wie Donner, Blitz, Licht oder Schatten in Verbindung bringen können. Alles andere spielt keine Rolle.

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1 Kommentar

  • Vor 2 Jahren

    Mando Diao werden Musikgeschichte schreiben - man wird sie kennen - später - wenn aller heutiger Mainstream verklungen ist ...
    So schön es jetzt zu erkennen - sie live sehen zu können. Kommende Generationen werden uns um dieses Privileg beneiden
    Mando Diao will go into music history - People will know them - later when all nowadays mainstream had faded out ...
    Wonderful to recognize this now - to be able to see them live - coming generations will envy us this privilege