30. November 2010

"ABBA waren Monster!"

Interview geführt von

Am 2. September spielte die schwedische Rockband Mando Diao in den Studios der Union-Film in Berlin-Tempelhof ihr MTV Unplugged-Konzert ein.Von diesem Abend erschien vor kurzem der Mitschnitt "MTV Unplugged – Above And Beyond", am 3. Dezember folgt die Live-DVD. Als Gäste luden sich die "Dance With Somebody"-Schöpfer mit Juliette Lewis und The Kinks-Sänger Ray Davies hochkarätige Gäste ein. Mit Lana Del Ray war auch eine Newcomerin dabei. Grund genug, mit Mando-Sänger Gustaf Norén über den besonderen Abend zu sprechen.

Hi Gustaf.

Gustaf: Hi Ulf, du hast einen skandinavischen Namen.

Ja, das ist in Norddeutschland gar nicht so ungewöhnlich.

Ja, das ist wohl so.

Recht ungewöhnlich war es aber, euch mal unplugged zu hören.

Ja, das ist neu, auch für uns. Wir fühlen uns auch sehr geehrt, dass wir das machen durften.

Das Konzept gibt es ja nun auch schon seit 20 Jahren. Ganz große Helden wie Dylan, R.E.M. oder Neil Young haben das geprägt. Warum eigentlich sollte die Welt nun ausgerechnet auf ein Akustikalbum von euch warten?

(stolz) Wir haben immerhin etwas gemacht, das bislang wirklich niemand unserer Vorgänger so gemacht hat. Es gibt da einen ganz bestimmten Rahmen plus Film und eine Art Choreographie, ein Setting. Wir tragen Uniformen. Das ist als Spektakel schon etwas anders als gewohnt. Wer würde denn ein solches Angebot ausschlagen? Ich habe mir das ohnehin schon immer gewünscht. Schön auf dem Boden sitzen, Kerzen drum herum und so was. Aber unsere Motivation war, eine echte Show abzuliefern.

Euren Gästen scheint es ja gefallen zu haben.

Erstaunliche Gäste, nicht wahr? Juliette Lewis und Ray Davies.

Nicht alltäglich, in der Tat. Wie schafft man es denn überhaupt, an Juliette und Ray ran zu kommen? Es war ja nicht bekannt, dass es da eine freundschaftliche Verbindung gibt?

Gut, wir wollten von Anfang an Gäste dabei haben. Also hat die Band sich in Ruhe zusammen gesetzt und diskutiert, wer in Frage käme. Ray Davies und Juliette Lewis waren einfach erste Wahl. Dann haben wir die Plattenfirma gefragt: 'Hey, habt ihr die Nummern von den beiden?' Sie sagten: 'Ja.' Also haben wir da einfach mal angerufen und gefragt. 'Hey Juliette, hey Ray, habt ihr Lust, mit uns unplugged zu machen?' Wir haben ihnen die Songs genannt und sie hatten Spaß. Das lief wirklich gut.

"High Heels" blüht in den Händen von Juliette wirklich auf. Das war ja ohne den weiblichen Gegenpart im Original noch eher Sparflamme statt Feuerwerk.

Das ist natürlich toll geworden. Aber das Original ist auch nicht schlecht, finde ich.

Wie sieht es mit den Unplugged-Vorschriften aus, auch Coverversionen bringen zu müssen?

Abgesehen von Rays "Victoria" haben wir auch "Bleeker Street" gemacht.

Simon And Garfunkel? Die sensible Singer-Songwriter-Kiste kann ich mir bei euch eigentlich gar nicht vorstellen. Ungewohnt. Bislang stehen mir ja auch nur sieben Tracks zur Verfügung. Ich habe noch kein komplettes Muster erhalten.

Ja, das machen wir bewusst so, wegen der Download-/Upload-Gefahr. Simon And Garfunkel ist wirklich nicht der typische Mando-Stil. Aber das macht doch gerade Spaß als Herausforderung. Wir lieben die Band alle seit unserer Jugend. Im Tourbus hatte eines unserer Chormädchen eine Scheibe von den beiden. Dadurch sind wir erst darauf gekommen. Speziell dieses Lied kannten wir vorher gar nicht so richtig. Im Bus haben wir das aber immer gespielt und uns in das Stück verliebt.

Nach allem was ich bislang gehört habe, könnte man euch bei den Arrangements der eigenen Tracks nach der Eigenständigkeit fragen. Man findet eure Vorbilder schon deutlich wieder: Da ist die klassische Neil Young-Harp, das Honky-Tonk-Rolling Stones-Piano und den Kinks-Touch hört man auch nicht nur bei "Victoria".

(seufzt tief) Na, wenn jemand glaubt, wir kopieren einfach alle und jeden, muss er das selbst wissen. Ist dann eben seine Meinung. Wir können uns doch nur darauf konzentrieren, genau die Mucke zu machen, von der wir fühlen, sie tut unseren Songs einfach gut. Wenn andere nun glauben, wir seien Copycats, dann können wir nicht den ganzen Tag darüber grübeln. Sonst wird man am Ende noch paranoid. Wie könnten wir Musik machen, wenn wir nur daran dächten, was wohl die Leute denken? Sowas führt immer nur zu schlimmen Kompromissen, unter denen die Musik selbst leidet.

Klar, die Unabhängigkeit des Künstlers. Aber das kann ja auch mal dem eigenen Publikum auffallen. So egal wäre es dann ja vielleicht auch nicht.

Die eine Sache, die wir wirklich immer brauchen, ist natürlich unser Publikum. Das ist selbstverständlich das wichtigste Glied in der Kette. Diese Leute sind uns wichtig. Aber die mögen schließlich, was wir tun. Genau wie wir. Also gibt es kein relevantes Problem.

Nun seid ihr ja Schweden. Die einzige schwedische Band, die bislang unplugged spielen durfte, war Roxette.

(unterbricht lachend) Oh ja, das weiß ich aber auch erst seit gestern. Uns war gar nicht klar, dass die das auch gemacht haben.

Der Vergleich ist als Hörer auch reizvoll. Zwei vollkommen unterschiedliche Arten und Herangehensweisen von gleichwohl typisch skandinavischen Musikern.

So etwas merkt man außerhalb des Landes wahrscheinlich mehr. Aber am Ende sind wir alle Schweden. Das hört man wohl irgendwie.

"Ich habe ABBA null respektiert"


So unendlich viel wissen die meisten Deutschen ohnehin nicht über euer Land. Was ist denn nun das Real Thing aus eurer Sicht? ABBA, Roxette oder doch Kurt Wallander?

(lacht) Für mich ganz persönlich ABBA. Wallander und Roxette haben ihre Sache auch gut gemacht in der Repräsentation unseres kleinen Landes. Sie haben der Welt etwas gezeigt, das nur mit uns zu tun hat und von uns kommt. Aber ABBA - (enthusiastisch) - hey: ABBA! Das ist doch noch einmal etwas ganz anderes. Die sind doch wirklich fast genau so populär überall wie die Beatles. Und sie haben auch fast genau so geniale Musik gemacht wie die Beatles. Das waren Monster!

Für viele Künstler bedeutet der Unplugged-Gig einen Wendepunkt in der Karriere. Gibt es bei euch auch so ein Gefühl der Zäsur und der Weiterentwicklung?

Vielleicht würde ich dieses Gefühl jetzt nicht so dramatisch beschreiben. Aber da gibt es schon so etwas. Alles, was ich sagen kann, ist: Im Moment schreiben wir an neuem Material. Und das fühlt sich anders an, klingt auch etwas anders als bisher. Natürlich wollen wir uns stetig entwickeln. Immer eine neue Richtung anpeilen, nicht stehen bleiben. Unplugged kann man hier wohl als eine Art Zusammenfassung unserer Karriere begreifen. So fühlt es sich an. Insofern hast du wohl schon Recht.

Ich ganz persönlich glaube ja, dass ihr erstmals im Ansatz eine echte Leidenschaft für mitunter sehr atmosphärisch ruhige Momente entwickelt. Das Piano in der runter gefahrenen Version von "Dance With Somebody" ist solch ein neues Puzzleteil. Steht euch sehr gut. Passt auch in den schnelleren Stücken wie "Down In The Past". Habt ihr das bewusst gelegentlich ins Zentrum gerückt?

(nachdenklich) Das Piano?

Ja.

Interessanter Punkt. Da ist der Gig aber eher der Schlusspunkt einer Entwicklung, die man nicht so öffentlich sehen konnte. Im letzten Jahr haben wir innerhalb der Band die von dir angesprochenen ABBA für uns erst so richtig entdeckt. Vorher dachte ich immer, das wäre eine Kitschband für Weicheier. Ich habe die echt null respektiert. Inzwischen haben wir die aber wirklich lieben gelernt und verstanden. Wir sehen jetzt die Großartigkeit ihrer Musik. Vor allem die von Benny Anderssons Pianospiel.

Es ist so organisch und natürlich. Das wollten wir als Ideal eben auch gern sichtbar transportieren. Im Hintergrund gab es das schon immer. Seit dem ersten Tag der Band schreiben wir unsere Songs auf der Akustischen und einem Piano. Das sind die beiden Kerninstrumente seit hunderten von Jahren, wenn du komponieren willst. Ein zeitloses Rad, Musik zu machen! Also wollten wir das auch einfach mal hervorheben; vor allem das Piano.

Was für eine perfekte Antwort.

(lacht) Danke sehr. Aber die Frage war auch nicht schlecht. Manchmal ist man sich erst hinterher so richtig klar darüber, warum man als Band dies oder jenes gemacht hat.

Wer sind denn eure ganz persönlichen Unplugged-Helden? Seid ihr euch klar darüber?

Ein Favorit ist natürlich Nirvana. Ich war dreizehn als das veröffentlicht wurde. Als Teenager ist man ja ohnehin weit offen für alles. Etwa ein Jahr vorher habe ich deren Alben für mich entdeckt, aber das hier war wirklich die komplette Magie. Nirvana Unplugged wird immer einer meiner größten Musikmomente bleiben. Vielleicht höre ich es inzwischen nicht mehr besonders oft. Aber ich habe es früher rauf und runter gehört. Vielleicht zu oft.

Und sonst?

Das überrascht dich jetzt vielleicht, aber Jay-Z hat ein Unplugged-Album gemacht, das auch sehr gut ist. Eigentlich fast ein Wunder, das für diese Art von Musik hinzubekommen.

"Von dieser Frage habe ich die Schnauze voll"


Lass uns zum Schluss noch einmal einen weniger erfreulichen Punkt ansprechen.

Neee, muss nicht sein.

Doch, doch. Vor Jahren gab es die Geschichte mit deiner Äußerung, "Bring 'Em In" sei besser als alles von The Who, The Small Faces oder The Kinks und eine rundere Sache als vieles von den Rolling Stones und den Beatles. Das kam in Europa ja nun nicht so gut an.

(unterbricht leicht genervt) Diese Frage bekommen wir dauernd gestellt. Echt jetzt! Jeder Journalist hält uns das andauernd wieder unter die Nase. Es kommt der Tag, an dem ich einfach aufstehe und aus dem Raum gehe. Nee, echt. Wir haben da so die Schnauze voll.

Moment, mir geht es nicht darum, eine uralte Sache als Beschuldigung neu aufzuwärmen. Sieh es als Chance an, endlich das definitive Statement abzugeben, das von unserer Website in die Welt strahlt und der gesamten Presse zukünftig die Chance raubt, euch darauf fest zu nageln. Mach den Sack einfach zu.

Okay, aber ich bin es echt leid. Wir waren noch Youngster, weißt du. Und dann wurden wir noch falsch zitiert. Wir haben nie gesagt, wir machen bessere Alben als die Beatles. Das kann doch nun wirklich niemand sagen. Wie dumm wären wir denn, so etwas zu behaupten? Und zu den Kinks und Who: Da ging es um etwas anderes. Wir haben lediglich gesagt, es sei doch bekannt, dass diese beiden Bands nie dafür bekannt waren, total perfekte Alben hin zu legen. Sie machten perfekte Songs und perfekte Singles.

Und im Kontrast dazu sind wir wohl eher eine Alben-Band. Mehr volle und komplette Alben, dafür weniger Hit-Singles und so. Das heißt deshalb aber doch nicht, dass wir besser sind. Das ist doch eine ganz neutrale Einordnung. Die sind doch alles Helden. Und mit Anfang 20 dachten wir noch, wir könnten mit den Medien so spielerisch umgehen wie mit der Musik. Das war von unserer Seite eher humoristisch gemeint. Spaß von Schuljungen quasi. Hat leider nicht funktioniert.

Insofern ist es wohl die beste und cleverste Antwort eurerseits, sich den Ray Davies zu schnappen.

Natürlich, oder denkst du allen Ernstes, Ray Davies würde mit uns spielen, wenn er uns für arrogant halten würde?

Lieber Gustav, ich danke dir für dieses Gespräch.

Danke auch, Mann. Ich hoffe, wir werden jetzt wirklich nie wieder auf diese alte Story angesprochen.

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