laut.de-Kritik

Wenn ein Trendsetter den Trends hinterherläuft.

Review von

Was ist ein Pop-Rapper ohne Hits? In einer schwierigen Position. Das zeigt zumindest das Schicksal des ehemaligen Jedermannsrapper Macklemore, der 2013 trotz komplettem Independent-Status die größte kommerzielle Welle des Jahres machte. "The Heist" brachte mit "Thrift Shop", "Can't Hold Us" und "Same Love" gleich mehrere Hits hervor, gefiel im Grunde durch die Bank fast jedem und schien den Mann aus Seattle als das nächste große Ding anzukündigen. Nun schreiben wir inzwischen das Jahr 2017 und abzüglich Produzent Ryan Lewis macht der Mack eigentlich die selbe Musik wie eh und je. Nur eben ohne den durchschlagenden Erfolg. Was hat sich verändert?

Tatsächlich kann man in Anbetracht von Singles wie "Glorious" festhalten, dass das Umfeld für den weißen Feelgood-Rapper wesentlich feindseliger geworden ist. Die Wurzel dafür findet sich vermutlich bei den Grammys 2014, als "The Heist" einen Grammy gewann – gegen das von Kritikern zur Ekstase gefeierte "Good Kid, M.a.a.d City" von Kendrick Lamar, das abgesehen von der Jury jeder besser fand – allen voran Macklemore selbst.

Es folgt das Handeln eines Rappers, der statt einer Expansion im Game auf Eierschalen tanzt. "This Unruly Mess I've Made" beherbergt gemäß des Titels Tracks wie "White Privilege 2", die große Themen wie Rassenkonflikte oder systematische Bevorzugung von Weißen anpacken wollen, aber im Grunde weder bei der Pop-Crowd noch bei den Hip Hop-Heads gut ankommen. Das Album floppt, auf einmal ist Macklemore als "Corny" in Verruf. Ein fatales Urteil für jemanden, der davon lebt, im Mainstream als hip zu gelten.

Und ja, vielleicht ist es das hippe, das auch "Gemini" fehlt. Die Sympathie und den Rapskill würde Macklemore ja niemand absprechen, das Songwriting fühlt sich aber durch die Bank sehr datiert an. Das verwundert nicht, immerhin lässt sich fast bei jeder Anspielstation genau ausmachen, welchen Hit der vergangenen zwei Jahre er reproduzieren will.

"Marmalade" will offensichtlich D.R.A.M.s "Broccoli" sein, baut dafür einen fröhlichen, minimalen Trap-Beat nach und holt mit Lil Yachty sogar den selben Rapper ins Boot. Zusammen mit Offset soll "Willy Wonka" ein Stück vom Trap-Kuchen abschneiden. "How To Play The Flute" nimmt die Melodie von Futures "Mask Off" und macht einen Beat daraus, der am ehesten an eine flachere Version von Kodak Blacks "Tunnel Vision" erinnert.

Wenn er nicht gerade forciert versucht, wie der Zeitgeist zu klingen, gibt er sich die größte Mühe, den Esprit und die Magie seiner alten Hits neu einzufangen: "Ain't Gonna Die Tonight" und "Glorious" weisen viele Parallelen zu "Can't Hold Us" auf – sind dabei auch die vielleicht besten Songs auf dem Tape. "Intentions" nimmt sich mit einem ähnlichen Ton wie "Same Love" auf langsamen, melancholischem Beat mit ruhigem Gesang ernsteren Themen an. Welcher Track "Corner Store" sein will, erratet ihr allein anhand des Titels. Der Mann könnte einem fast ein wenig Leid tun. Da ist so viel Talent und dieser eigentlich recht fürsorglich, empathisch wirkende Kerl gibt offensichtlich sein Bestes, irgendwie Songs zu schreiben, die ihn relevant halten.

Dabei wird auch alles höchst kompetent produziert und gemischt, der Opener "Ain't Gonna Die Tonight" eröffnet mit authentischen Gospel-Vibes und klanglich tollen Uptempo-Rap-Passagen höchst energetisch. Zwischendrin funktionieren auch Zusammenarbeiten mit Kesha ("Good Old Days") oder Dan Caplem überraschend gut. Das große Highlight stellt gegen Ende der Schlusstrack "Excavate" dar, auf dem Macklemore auf einem ausreichend rührseligen Pianobeat über seine Tochter rappt. Bei allem Zynismus, dieser Track ist wirklich, authentisch süß.

Allgemein könnte man die letzten drei Titel als Poisitvbeispiel heranziehen, wie das Album am besten durchgängig geklungen hätte. Wäre da mehr Mut gewesen, den temporeichen, emotionalen Sound zwischen Soul- und Gospel-Samples mit klassischem Pop-Rap-Gewand für sich stehen zu lassen. So wäre aus "Gemini" eine leicht konsumierbare, aber doch recht introspektive Platte mit einer ganzen Menge Potential geworden. Die witzigen Titel fühlen sich die meiste Zeit eher wie erzwungenes Füllermaterial an, aber auch einige der Tracks, die tiefer gehen wollen scheitern an sich selbst.

Der Begriff 'authentisch' fehlt dem Tape nämlich leider öfter. Zu sehr legt die Musik es auf die ganz großen Emotionen und ganz großen Themen an, macht es aber nicht greifbar genug, als dass diese Überladung an Superlativen und Megalomanie nicht ein Gefühl der Konstruiertheit und Erzwungenheit hinterlässt. Die humoristischeren Titel dazwischen fühlen sich auch eher wie seltsame, unintuitive Abschweifer an. Es lässt sich kein Konzept erkennen, der Funke will nur sehr sporadisch überspringen und der dominanteste Gedanke über die Spielzeit ist oft, dass die Songs eben eher an andere, bessere Titel erinnern, als für sich selbst zu stehen.

Was bleibt, ist angenehm klingender, radiotauglicher Sound mit einem sympathischen Protagonisten, der aber auch schon besser abgeliefert hat. Für zwischendurch sicher kein schlechtes Album. Dagegen spricht allein der Ideenreichtum und die fantastische Produktionsqualität. Aber leider definitiv nicht das erwünschte Comeback für Macklemore. Ein wenig mehr Wagemut stünde ihm hier wesentlich besser zu Gesicht. "Gemini" nach zu urteilen fehlt es ihm gerade allen voran an musikalischer Identität.

Trackliste

  1. 1. Ain’t Gonna Die Tonight feat. Eric Nally
  2. 2. Glorious feat. Skylar Grey
  3. 3. Marmalade feat. Lil Yachty
  4. 4. Willy Wonka feat. Offset
  5. 5. Intentions feat. Dan Caplen
  6. 6. Good Old Days feat. Kesha
  7. 7. Levitate feat. Otieno Terry
  8. 8. Firebreather feat. Reignwolf
  9. 9. How to Play the Flute feat. King Draino
  10. 10. Ten Million
  11. 11. Over It feat. Donna Missal
  12. 12. Zara feat. Abir
  13. 13. Corner Store feat. Dave B & Travis Thompson
  14. 14. Miracle feat. Dan Caplen
  15. 15. Church feat. Xperience
  16. 16. Excavate feat. Saint Claire

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7 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 27 Tagen

    Das pathetische Heist war zwar schmalzig, aber frischer und epischer Schmalz. Der Nachfolger war einfach nur kitschiger Schmalz. Sein 3. Album wird sich wohl kaum jemand anhören. Hype ist vorbei. Jetzt geht es Berg ab für den Mann aus Seattle. Irgendwie schade: Klar war Macklemore der klassische " white dorky progressive cornball", aber als Gegenfigur irgendwie notwendig. Sein Fehler: Die lange Pause nach dem Hype (4 Jahre) mit einem Nachfolgewerk, dass weder Hits noch Qualität lieferte. Heist ist aber dennoch ein Classic Rap Album der 2010ner Jahre. Im Pop Rap Bereich findet man kaum was besseres.

  • Vor 27 Tagen

    wenn seine Songs jetzt so "datiert" wirken, ist es dann nicht eventuell eher so, dass das damals schon eher keine große Haltbarkeit hatte? im Bereich "peinliches one-hit-wonder, aber damals fand man es halt die Masse gut und wollte nicht sehen, dass das eigentlich nix ist"?
    hat mir vor allem schon immer zu wenig Substanz gehabt: Kirmesbeats und cheesige Refrains für den Autoscooter

    Bailando klang halt auch 1999 dann schon "datiert"

  • Vor 24 Tagen

    Hoffe das der die Kurve kriegt und nicht im Drogensumpf versinkt.