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"Habe ich schon erwähnt, dass Justine sich vor meinen Füßen auf dem Boden gewälzt hat?". Mit leuchtenden Augen posaunt er es hinaus. Immer und immer wieder. Dieser Running Gag unseres Chefs in der LAUT-Redaktion spiegelt den Enthusiasmus wider, mit dem sich die britische Band M.A.S.S. in die Herzen ihrer Fans spielt. Seit 2002 gibt es die Band um die sexy charismatische Blondine Justine Berry, die von der britischen Presse einmal "wie eine junge Debbie Harry, die bei den Strokes singt" umschrieben wurde. Doch Justine ist mehr als das.
Die unverwechselbare Stimme von M.A.S.S. kommt aus dem stillen East Anglia, genauer gesagt aus Great Yarmouth. Die Gegend ist allenfalls berühmt für ruhige Sommerferien und die Chart-Rocker von The Darkness (die ebenfalls einen Sänger namens Justin haben - gespenstisch!). Justine will rocken. Und berühmt werden. Und sie ist bereit, hart dafür zu arbeiten. Sie würfelt in einem monatelangen Auswahlprozess ihre Band zusammen. Jonny und Andy - zwei heldenhafte Gitarreros mit dem Punkrock im Herzen und Gelassenheit im Gemüt, den Norweger Paul am Bass und den Iren Stuart an den Drums.
Die erste, selbstproduzierte Single "Hey Gravity" schafft im Juli 2002 auf Anhieb ein Airplay bei der BBC und ermöglicht der Band eine Live-Session bei John Peel, einem der bekanntesten Radio DJs mit Gespür für neue Hypes. Justine ackert unermüdlich weiter und schreibt eine Handvoll Songs, die M.A.S.S. nichts Geringeres als die Eroberung der westlichen (Musik-)Welt ermöglichen sollen. An Selbstvertrauen mangelt es nicht. So schafft sie es bereits im März 2003, die zweite Single "Live A Little" über zwei Labels (!) am selben Tag zu veröffentlichen.
Ist es Zufall, dass die Aufnahmesession im legendären Toe Rag Studio von Liam Watson stattfand? Dort haben sich bereits die White Stripes mit "Elephant" ein Denkmal setzen können. Und tatsächlich wird "Live A Little" nur kurze Zeit später in den Soundtrack zum britischen Comedy-Blockbuster "Blackball" aufgenommen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
M.A.S.S. erarbeiten sich derweil durch Tour-Aktivitäten in England und Europa eine Fangemeinde, die von den ausladenden Live-Orgien der Band begeistert ist. Im kleinen Stereo Wonderland zu Köln verlässt Justine vor rund 40 Partywütigen die Bühne, um mit einem gewagten Sprung auf den Tresen von dort aus weiterzusingen. Die Menge tobt, schwitzt und jubelt. M.A.S.S. sind eine gewaltige Liveband. In Deutschland scheint dies bislang nur Harry Kristen von Lonestar Records zu erkennen - er ermöglicht M.A.S.S. die erste Single-Veröffentlichung in Deutschland.
Im April 2004 erscheint das Debüt-Album "Revolution" und pusht M.A.S.S. ins Vorprogramm illustrer Namen wie Peaches und The Libertines. Kaum ist das Debüt auf dem Markt, da kündigen M.A.S.S. schon den Nachfolger an: Auch der soll noch 2004 erscheinen.
Produzent Jeff Saltzmann, der unter anderem für das "Hot Fuss"-Album der Killers verantwortlich ist, wird auf die Band aufmerksam und lädt sie kurzerhand in sein Studio in San Francisco ein. Über zwei Jahren bleiben die Jungs und das Mädel in den USA, um das neue Album aufzunehmen. Nach dem Ausstieg von Jonny Green formieren M.A.S.S. sich neu und nennen sich von nun an Hey Gravity.
An Stelle von Gitarrist Jonny vervollständigt Anna, die Ex-Gitarristin von Dirt Candy und Justines "musikalische Seelenverwandte", das Line-Up der Band. Während im Februar 2006 das erste Konzert der neuen Band in London über die Bühne geht, verabschieden sich M.A.S.S. mit zwei Konzerten in Paris und Montauban von ihren Fans. Das erste Hey Gravity-Album "Risen" erscheint in Frankreich bereits im Februar 2007, in Deutschland dauert es noch bis zum 7. September.
Mit einem fulminanten Gig zog M.A.S.S. die LAUT-Redaktion im Sommer 2003 in ihren Bann. Eifrig wurden Vinyl-Raritäten gehamstert, Fotos geschossen und Infos eingeholt. Über ein Jahr später ergibt sich endlich die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Interview mit den französischen Newcomern, die eigentlich aus England stammen.
Der Stuttgarter Universum-Club öffnet gerade seine Pforten, als man uns in den kleinen aber feinen Backstage-Bereich führt. Dort angekommen, begrüßt uns der ganze M.A.S.S.-Haufen mit großem Hallo. Die Band isst gerade zu Abend, und wir dürfen Platz nehmen, bekommen Bier und Pizza in die Hand gedrückt. Es herrscht eine fast familiäre Athmosphäre, alle sind furchtbar nett zu uns. Drei Bier und einen vollen Bauch später setze ich mich mit Sängerin Justine und dem Basser Paul in eine Ecke, um ein wenig über M.A.S.S. zu plaudern. Schließlich gibt es Einiges zu bequatschen. Das Debüt-Album ist ganz frisch auf dem deutschen Markt erschienen und wurde auf Anhieb zum LAUT-Album der Woche gekürt.
Wie fühlt man sich im Wissen, dass es euer Album nun auf Amazon zu kaufen gibt?
Justine: Fantastisch. Wir touren jetzt seit Jahren durch die Weltgeschichte, und die Fans kommen immer auf uns zu und fragen: "Hey, wo kriegen wir euer Album?". Bislang mussten wir sie immer vertrösten: "Noch nicht, noch nicht, aber bald". Und jetzt können wir endlich antworten: Geh in den Shop und kauf es dir! Worauf wartest du? Das ist großartig, denn es öffnet ganz neue Türen für uns.
Paul: Das ist das Größte. Amazon ist fantastisch. Du kriegst alles, was dein Herz begehrt. Und jetzt auch M.A.S.S. - einfach großartig.
Lasst uns vorne beginnen: Wie fing denn alles an mit M.A.S.S.?
Justine: Zuerst waren es nur Johnny und ich. Wir schalteten jede Menge Anzeigen in verschiedenen Musikmagazinen. So fanden wir Paul und Stuart. Andy war zunächst nur ein Ersatz für Johnny, der für eine Weile aussteigen wollte. Aber als er dann zurückkam, stellten wir fest, dass es auch zu fünft gut ging. Die Stimmung in der Band stimmte von Anfang an und wir wollten einfach nur laute Rockmusik spielen.
Und der Name? Ist M.A.S.S. ein Akronym? Ich habe mal gelesen, es stehe für "Massive Assault of Sound System".
Paul: That's a good one. Wir haben einen sehr kleinen Fan in England, sie ist echt nur 1,20 Meter groß, ständig außer Puste und hat vorgeschlagen: "Mountains Are So Steep". Nein, ursprünglich wollten wir MASS heißen, aber es stellte sich heraus, dass es in den Achzigern eine amerikanische Heavy-Rock-Band gab, die diesen Namen schon geschützt hatte. Also haben wir kurzerhand die Punkte reingesetzt und freuen uns nun über all die Interpretationen, die uns zugetragen werden. Je nach Laune findet sich immer etwas Lustiges. Egal in welcher Sprache. Wir machen ein Spiel draus.
Ihr kommt ja eigentlich aus Großbritannien. Mittlerweile lebt und arbeitet ihr aber in Frankreich. In Nantes. Wie kam es dazu und: Sprecht ihr eigentlich französisch?
Paul: (mit schlimmem Akzent): Un petit peu. (Gelächter)
Justine: Wie du hörst, sind wir noch am Lernen. Vor ein paar Jahren hat uns ein Redakteur der französischen Musikzeitschrift Les Inrockuptibles bei einem Gig gesehen. Er mochte uns auf Anhieb gerne und organisierte für uns einen Auftritt mit den Libertines in Paris. Auf einmal konnten wir vor mehr als 2.000 Leuten spielen, die ganze Presse war da, und es gab einen richtigen Wirbel um uns. Sogar eine französische Plattenfima wurde auf uns aufmerksam, kam direkt nach dem Gig auf uns zu und machte uns ein Angebot. Das war Wahnsinn.
Paul: Ja, Wahnsinn. Die besitzen übrigens die Rechte an "My Way", dem großen Sinatra-Song. Die Lizenz-Einnahmen waren das Grundkapital für den Start des Labels. Und weil wir - genau wie im Song - gerne unser eigenes Ding durchziehen, lag es nahe, dort zu unterschreiben. Indem wir nach Nantes gezogen sind, konnten wir den Franzosen dann zeigen, dass wir es ernst meinen. Was wir machen, tun wir immer mit ganzem Herzen. Außerdem fühlen wir uns eigentlich mehr als internationale Band.
Justine: Ja, und wir wollen in ganz Europa touren. Da ist Frankreich viel praktischer als die Insel.
Paul: Klar, wir wollen Europa einnehmen. Und danach die ganze Welt. (Gelächter)
Harry von Lonestar Records sitzt gerade hinten bei euch im Backstage-Bereich und zischt ein Bierchen. Bislang war er der Einzige, der in Deutschland auf euch aufmerksam geworden ist. Fehlt euch in Deutschland noch Unterstützung?
Justine: Ach, das wird schon. Letztes Jahr haben wir unsere erste kleine Deutschland-Tour gespielt. Vier Auftritte oder so. Das war unglaublich. Keiner kannte uns, keiner kannte die Musik, und trotzdem gingen die Leute ab. Überall wo wir gespielt haben - München, Köln, Hamburg - war Party. Die Deutschen mögen guten Rock. Man spürt die Leidenschaft. Und dieses Jahr merken wir bereits, wie immer mehr Leute zu uns finden, uns supporten und für uns da sind.
Paul: Und jetzt haben wir ja endlich unser Album draußen. Das macht vieles einfacher. Das ist fast schon eine Promotion-Tour (lacht). Nein im Ernst: Die zwölf Konzerte in Deutschland sind uns wirklich sehr wichtig.
Wie lief das eigentlich mit dem Album? Spielt ihr all die Songs nicht schon seit Jahren live? Ging das dann schnell im Studio?
Justine: Beim Songwriting geht jeder seinen eigenen Weg. Auch im Studio. Erst am Ende werfen wir unsere Ideen zusammen. Das gibt den Songs die Frische. Alle Bandmitglieder sind sehr talentiert und haben ein Gespür für Struktur. Wir haben ein sehr kreatives Umfeld. Und wenn du dann noch über 100 Gigs zusammen gespielt hast, weißt du genau wie deine Kollegen fühlen und spielen. Im Studio haben uns dann fünf Tage gereicht.
Paul: Naja, das lag aber auch am Geld. Es musste schnell gehen. (Gelächter) Darum hatten wir drei Wochenenden im Studio und konnten nicht fünf Tage am Stück aufnehmen. Wir sind buchstäblich Freitags ins Studio geschlichen und Sonntags wurden wir wieder rausgeworfen. Aber hey! Es war das Studio, in dem auch The Clash produziert haben. Da nimmt man Abstriche in Kauf. (Gelächter)
Inzwischen geht's euch aber besser, oder? Immerhin ist euer Song "Testify" im aktuellen Peugeot-Fernsehspot zu hören. Das wirft doch sicherlich ein wenig Kleingeld ab.
Paul: (läuft rot an) Ja, schon, aber darum ging es nicht. Von einem Sell Out sind wir weit entfernt. Es ist einfach geil zu wissen, dass Tausende deinen Song hören. Das ist ein gutes Gefühl. Außerdem ist der Spot cool. Hast du ihn gesehen?
Ja, der läuft auch hier in Deutschland.
Paul: Dieses Easy-Rider-Feeling passt zur Band. Ich mag den Spot.
Justine: Du weißt doch, wie das läuft: Die Leute finden den Spot cool, finden die Musik cool und forschen dann nach: Von wem ist das? Wo kriege ich das? Ich will es haben! Diesen Effekt wollten wir erzielen. Das Geld war nebensächlich.
Schon okay, ihr müsst euch hier nicht rechtfertigen. Inzwischen gibt es Gerüchte, dass ihr schon dieses Jahr euer zweites Album rausbringen wollt. Stimmt das?
Paul: Dieses Jahr wird es wohl nichts mehr. Unser Tourkalender ist ziemlich voll. Außerdem möchten wir dem zweiten Album mehr Zeit im Studio widmen (Gelächter). Aber die Ideen sind schon da, und ich denke, dass wir bis Sommer 2005 damit am Start sind.
Vor zwei Tagen habt ihr - mal wieder - im Vorprogramm der Libertines in Stockholm gespielt. LAUT-Reporterin Vicky hat sich kürzlich in Berlin ausführlich mit Carl unterhalten und einen sehr netten Eindruck von ihm gewonnen. Kennt ihr die Libs? Wie ist euer Verhältnis?
Paul: (ruft laut) Justine! Justine! Die hat was mit Carl. Die gehen doch ins Casino zusammen bis vier Uhr nachts. (lacht)
Justine: (sichtlich empört) Oh, Come On! Da waren noch andere dabei.
Paul: Und später im Taxi? Da wart ihr alleine. (grinst)
Justine: So ein Schwachsinn. Du verbreitest hier fiese Gerüchte. (Gelächter) Nein, hey, schreib das ja nicht, denn ich kenne Carls Freundin sehr gut. Sie hat mich mal angerufen und uns in ihren Club nach London eingeladen. Das war sehr nett. Der Club heißt Infinity und man sollte wirklich mal hingehen. Ein guter Club. Und zu deiner Frage: Natürlich kennen wir die Libertines inzwischen ganz gut. Wir haben jetzt öfters zusammen gespielt, da lernt man sich eben kennen. Gary (Powell, der Trommler, Anm. d. Red.) ist zum Beispiel ein fantastischer Mensch. Wir haben eigentlich immer eine gute Zeit gehabt, und es ist mir sehr wichtig, in einer freundschaftlichen Athmosphäre zu spielen.
Paul stichelt immer wieder dazwischen und grinst.
Justine: Also noch mal: Just Friends. Nothing else. Got it?
Ihr habt aber nicht nur mit den Libs gespielt. Ihr wart schon unterwegs mit Peaches, mit Muse, mit Blondie. Das sind große Namen.
Paul (unterbricht sofort): Muse sind fantastisch. Wahnsinn. Das war ein riesiges Konzert in Frankreich. Die waren brillant. Es war ein Genuss, denen auf der Bühne zuzusehen. Die waren schon drei Monate auf Tour, und ein Rädchen griff ins andere. Die Show war fantastisch. Geile Band.
Und was war los mit Blondie? Gerüchten zu Folge, hat sie euch verboten, vor ihr aufzutreten, weil Justine zu jung, zu hübsch und zu blond ist. Hatte sie Angst vor dem Vergleich? Und wie geht ihr damit um? Immerhin schreibt die Presse über Justine manchmal, sie sei eine "junge Debbie Harry".
Paul (plötzlich ganz ruhig): Jaja, die Blondie-Geschichte. Naja, immerhin konnten wir wenigstens danach spielen. Das war zwar schon auf der Aftershow-Party, aber es war Blondies Aftershow-Party.
Wie geht ihr damit um? Habt ihr mal mit ihr drüber geredet? Gibt es Friedensverhandlungen?
Paul: Hey, man, it's Blondie! Das ist mein Idol. Die erste Single, die ich in meinem Leben gekauft habe, war von ihr. Und all die feuchten Träume, die mir ihr Poster an der Wand verschafft hat. (Gelächter) Ich könnte ihr niemals böse sein.
Justine: Das trifft es ganz gut. Wir haben mit Blondie gespielt. Das reicht doch. Davor, danach. Egal. (schaut Paul mit großen Augen an) Wir haben mit Blondie gespielt! Wahnsinn! Alleine das ist schon total surreal. Alles andere interessiert mich nicht.
Ihr schreibt ja auch ein Tourtagebuch auf eurer Website masstheband.com. Seid ihr Internet-Leute?
Paul: Ja klar. Unsere nächste Anschaffung wird ein neuer Tourbus-Laptop. Das Ding, das wir momentan benutzen muss man noch mit einer Handkurbel zum Laufen bringen (Gelächter). Ernsthaft: Wir nutzen das Internet oft. Auf unserer Website bieten wir den Fans eine französische, englische, deutsche und norwegische Version an. Für alle Sprachen schreiben wir die Tagebucheinträge selbst und schauen, dass es immer aktuell bleibt.
Und der ganze Download-Krimskrams? Wie steht ihr dazu?
Paul: Das geht mir völlig am Arsch vorbei. Ich bin die Art von Mensch, der eine gute Platte einfach haben muss. Am besten als Vinyl-Ausgabe. Dafür gebe ich gerne Geld aus. Und was die Fans angeht, denke ich, dass sie sich eine Platte kaufen werden, sobald sie ihnen gefällt. Die ganze Download-Thematik geht mir langsam aber sicher auf den Keks. Mir ist das egal.
Meine letzte Frage für heute: Wo seht ihr euch in fünf Jahren?
Paul (platzt sofort raus): Auf einer gigantischen Bühne vor 150.000 Menschen in Rio de Janeiro. Und wir werden die lauteste Band sein, die dort je gespielt hat. (Gelächter)
Justine, Paul, vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Florian Schade.
Alles vorhanden, was man sich von einer MySpace-Seite wünscht.
http://www.myspace.com/mass
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