11. März 2013

Eine Stufe höher als Berlusconi

Interview geführt von

Hierzulande fällt im Zusammenhang mit Ludovico Einaudi immer wieder der Name Richard Clayderman. Zwar sind die Stücke des italienischen Komponisten technisch eher einfach gestrickt, doch ist der Vergleich mit dem Produzentenprodukt aus Frankreich, das nicht mal seinen größten Hit "Ballade Pour Adeline" selbst geschrieben hat, vermessen. Schließlich ist Einaudi studierter Komponist und zeichnet neben klassischen Stücken auch für viele Soundtracks verantwortlich, zuletzt für "Ziemlich Beste Freunde". Die Personen in seinem Umfeld nennen ihn demnach "Maestro".Vor einem Showcase trafen wir Einaudi in einem Boutique-Hotel im Londoner Osten - "Nenn mich einfach Ludovico", stellte er gleich klar.

Gestern Abend hast du ein Konzert im altehrwürdigen Teatro Petruzelli im süditalienischen Bari gegeben, heute Abend trittst du in der In-Disko Fabric in London auf. Ein ziemlicher Kontrast, würde ich sagen.

Ja, aber nichts ganz Neues. Der Auftritt ist ja im Kontext der Reihe Yellow Lounge, bei der ich schon vor einigen Jahren in Berlin gespielt habe. Ich freue mich, denn die Stimmung wird locker und informell sein.

Welcher Rahmen gefällt dir besser?

Man kann es nicht wirklich vergleichen. Im Theater kann man sich viel mehr um die Details kümmern, der Klang ist sehr gut. Gestern war der letzte von zehn Auftritten in Italien, die alle in Theatern stattgefunden haben. Meine aktuelle Band besteht aus zwölf Personen, heute Abend werden wir aber nur zu sechst auftreten. Jeder Ort hat seine Eigenschaften, außerdem mag ich Abwechslung. Im Sommer spiele ich auch gerne im Freien, ob bei Festivals oder an historischen Orten.

Deine bevorzugten Instrumente sind Steinway-Flügel, die man nicht gerade im Handgepäck mitnehmen kann. Bestehst du auf sie, oder spielst du das, was dir vor Ort zur Verfügung gestellt wird?

Heute Abend spiele ich tatsächlich einen Steinway. Aber nein, ich bin nicht der Typ, der solche Ansprüche stellt, da würde ich mich nur unsympatisch machen. Natürlich bin ich anspruchsvoll, was den Klang betrifft. In Italien nehme ich tatsächlich ein Instrument mit auf Tour, im Ausland ist das aber zu aufwändig. In Deutschland habe ich das mal gemacht, dann aber festgestellt, dass da in der Regel sehr gutes Material zur Verfügung steht, also lasse ich das bleiben.

Die Frage, welche Musik du machst, lassen wir mal beiseite. Aber wie entsteht sie? Für dein Album "I Giorni" ("Die Tage", 1996) hast du dich von Virginia Woolfs gleichnamigem Roman inspirieren lassen. Bei "Nightbook" (2009) spielte dagegen der Künstler Anselm Kiefer eine Rolle.

Die Einflüsse sind jedes Mal andere. Anselm Kiefer hat 2004 in Mailand eine Installation in einem ehemaligen Hangar ausgestellt, die "Sette Palasti Celesti". Sie waren sehr 'kieferig', apokalyptisch und halb verfallen. Der Ort war unfassbar, eine Art industrielle Kathedrale. Ich wurde eingeladen, dort zu spielen. Ich war zum Proben schon ein paar Tage vor Auftritt dort und musste feststellen, dass der Klang komplett anders war, als ich ihn sonst kannte. Die Musik, die ich bis dahin geschrieben hatte, konnte da gar nicht funktionieren. Es musste etwas Neues her. Also habe ich in den folgenden zwei, drei Tagen zuhause ein paar Ideen aufgeschrieben, die ich dann beim Konzert verwendet habe. Das war die eine Hälfte, die andere war improvisiert, Variationen jener Ideen.

Als ich mir später die Aufnahme des Auftritts anhörte, gab es ein paar Dinge, die ich weiter entwickeln wollte. Letztendlich war die Inspiration nicht nur Kiefer, sondern auch der Kontext. Hätte ich nur Bilder von ihm betrachtet, wäre ich auf diese Ideen wahrscheinlich nicht gekommen.

Auf dem Album, das aus diesen Ideen entstanden ist, hast du mit der Berliner Band To Rococo Rot zusammen gearbeitet.

Ich hatte sie bei einem Auftritt in Mailand gesehen. Ich wollte etwas Elektronisches ausprobieren, und nachdem ich sie gehört hatte, konnte ich es mir gut vorstellen. Wir haben uns kennen gelernt und es schien mir, dass auch sie interessiert waren. Ich habe sehr lange mit Robert Lippok zusammen gearbeitet, habe aber auch seinen Bruder Ronald mit einbezogen. Wir sind nach wie vor gut befreundet.

Wobei deine aktuelle Platte "In A Time Lapse" wieder ganz anders klingt.

Ja, bei diesem Projekt waren sie nicht beteiligt, aber es war einfach anders konzipiert.

Wie komponierst du? Stehst du morgens auf, trinkst deinen Kaffee und setzt dich dann hin oder geschieht das eher spontan?

Es hängt sehr von den Umständen ab. In der zweiten Hälfte des letzten Jahres habe ich tatsächlich so gearbeitet, weil ich viel zu Ende bringen musste. Ich hatte einen Auftrag aus China für eine Orchesterkomposition, die im Juni uraufgeführt wird und die ich rechtzeitig abgegeben musste. In Rom war ich an einem Projekt mit dem Titel "The Elements" beteiligt, eine Hommage an Luciano Berio, der ja mein Mentor war. Schließlich musste ich auch mein Album voran bringen, nachdem ich versprochen hatte, dass es im Oktober fertig sein würde. Bis Juni hatte ich gerade mal die Hälfte davon, also musste ich mich richtig dransetzen. Sogar im August, als ich eigentlich Urlaub hatte. Da war ich in den Bergen, und es hat gut geklappt.

"Professor Green rappte zu einem meiner Klavierstücke"


Zwischen dir und Leonard Cohen gibt es eine Parallele: Ihr hattet beide ein Leben, bevor ihr einem größeren Publikum bekannt wurdet. Cohen hatte Gedichte und Romane geschrieben und war schon Mitte 30, als er seine erste Platte aufnahm. Du warst ein erfolgreicher klassischer Komponist und schon über 40, als du 1996 "Le Onde" auf den Markt gebracht hast. War das nicht stressig, plötzlich soviel Aufmerksamkeit zu haben?

Eigentlich bin ich gerade deshalb auf die Bühne gegangen, weil ich es mir nicht mehr vorstellen konnte, den Rest meines Lebens in einem Zimmer zu verbringen. Nun bin ich zum Teil sehr lange unterwegs und freue mich auch wieder, daheim zu sein. Man muss nur die richtige Balance zwischen den zwei Polen finden.

Wirst du auf der Straße erkannt oder führst du ein eher ruhiges Leben?

Ab und zu erkennt mich jemand, aber ich führe ein eher ruhiges Leben. Was mir an der Bekanntheit nicht gefällt, ist, dass sie die Beziehung zu anderen Menschen verfälscht. Manche denken, dass du etwas ganz Besonderes bist, was nicht der Fall ist. Wir sind alle gleich. Jeder macht sein Ding und ist darin gut oder weniger gut, das ist aber kein Grund, kein normales Leben zu führen.

Dennoch sind manche gleicher als andere. 2005 hast du das italienische Verdienstkreuz erhalten. Mit dem Titel "Ufficiale" stehst du eine Stufe höher als Berlusconi, der nur ein "Cavaliere" ist. Wie fühlt sich das an?

Um ehrlich zu sein: Ich denke nie daran. Ich habe mich gefreut, dass ich die Auszeichnung von Staatspräsident Giorgio Napolitano erhalten habe, den ich sehr bewundere. Ein Tag später hatte ich das schon wieder vergessen. Ab und zu lese ich darüber und werde auch immer wieder darauf angesprochen, aber wichtig ist mir das nicht.

Die Auszeichnung wurde übrigens zum ersten Mal 1951 von deinem Großvater verliehen, der damals italienischer Staatspräsident war. In deiner Jugend hast du bestimmt viele bekannte Menschen kennen gelernt, auch durch deinen Vater, einem der wichtigsten Verleger Italiens. So hat er auch die Werke von Primo Levi und Italo Calvino veröffentlicht. Hattest du zu manchen von ihnen ein besonderes Verhältnis?

Am besten habe ich Italo Calvino kennen gelernt, auch weil er in Turin im selben Gebäude gewohnt hat wie wir. Wenn er mittags alleine war, kam er oft zu uns zum Essen. Er war schon fast wie ein Bruder oder eher ein Onkel. Ich hatte ihn sehr gerne. Er war sensibel und schüchtern, gleichzeitig sehr neugierig und aufmerksam, was ja auch in seinen Werken zum Vorschein kommt. Ich mochte es sehr, wie präzise er die Dinge betrachtete und wie genau er sie beschrieb.

Calvino war ein außerordentlicher Schriftsteller, der seinen Stil im Laufe der Jahre sehr verändert hat. In den 50er und 60er Jahren linear, fast schon märchenhaft, in den 70er Jahren dagegen experimentell. Das gilt in einer gewissen Hinsicht auch für dich, denn du versuchst dich immer wieder an etwas Neuen.

Ich bin stets auf der Suche nach einem neuen Gefühl, einer neuen Leidenschaft, die mich antreibt. Müsste ich etwas wiederholen, das ich schon mal gemacht habe, würde ich mich langweilen. Ich möchte nicht auf Pfaden wandeln, die ich schon kenne. Das ist natürlich nicht uneingeschränkt möglich, denn die DNA, die Sensibilität ändern sich ja nicht. Es handelt sich eher darum, jedes Mal von vorne anzufangen und nach neuen Blickwinkeln zu suchen, und zu versuchen, Neues zu erzählen, die Welt anders wahrzunehmen.

Dein erstes Album enthielt Kompositionen für Harfe, danach hast du Platten solo, mit Orchester, mit Musikern aus Armenien, Mali oder dem elektronischen Bereich gemacht. Gibt es da so etwas wie einen Plan, oder ist das alles 'unterwegs' zustande gekommen?

Der Ausgangspunkt bleibt immer die Neugierde. Zu Beginn ist eine Idee, die sich weiter entwickelt und durch die sich dann alles andere ergibt. Ein Teil ist Zufall, der andere Wille, es handelt sich also um eine Mischung. In Mali war ich zwei Mal. Das erste, weil mich die Musik interessiert hat. Dabei sind einige Dinge entstanden, weshalb ich noch mal dort war. An Armenien hat mich die traditionelle Musik interessiert, was wiederum dazu geführt hat, dass ich 2010 und 2011 in Süditalien das Festival "Notte della Taranta" geleitet habe. All diese Erfahrungen haben mich bereichert, ich habe dabei Neues kennen gelernt. Generell finde ich es sehr interessant, mich mit andere Kulturen und Musikformen auseinander zu setzen.

Was du noch nicht gemacht hast, ist ein Album mit einem Sänger oder einer Sängerin. Kannst du dir das vorstellen? Wobei das bei deiner Musik, die keinen gewöhnlichen Songstrukturen folgt, wahrscheinlich gar nicht so einfach wäre.

Bei der "Notte della Taranta" hat eine Sängerin eines meiner Stücke begleitet mit einem Text im lokalen Dialekt. Letztes Jahr habe ich hier in London an einer "Songwriting Week" mit jungen Musikern teilgenommen. Das fand ich sehr interessant – in drei, vier Tagen haben wir ganze sieben Stücke geschrieben, die zum Teil auch veröffentlicht wurden. Außerdem hat letztes Jahr ein Künstler namens Professor Green zu einem meiner Klavierstücke gerappt. Sagen wir so: Momentan arbeite ich nicht an so etwas, aber ich möchte nicht ausschließen, dass es mal geschieht.

"Erst müssen Veränderungen her, dann sehen wir weiter"


Gibt es etwas, das du unbedingt noch machen möchtest?

Na ja, ich mache einfach das, was mich interessiert und habe auch keine Liste mit Leuten, mit denen ich arbeiten möchte. Es ergibt sich einfach. In diesem Jahr stehen 100 Auftritte an, darauf konzentriere ich mich. Es macht auch keinen Sinn, sich zu viel aufzubürden.

Ich würde allerdings sehr gerne an einem Projekt arbeiten, das mit musikalischer Erziehung in Italien zu tun hat. Die wird leider viel zu sehr vernachlässigt. Ich würde gerne mehr an Schulen machen. Nicht als Lehrer, sondern um eine gewisse Sensibilität zu fördern. Jedes Mal, wenn ich mich mit Jugendlichen beschäftige, finde ich einen unstillbaren Durst vor. Das wäre mir sehr wichtig.

Wobei man nicht behaupten kann, dass es in Italien wenig Musik gäbe. Konzerte findet man allerorts, oft auch kostenlos, in Theatern, Kirchen, Plätzen, Privathäusern.

Das stimmt, aber da handelt es sich um Musiker, die eine Ausbildung haben. Es fehlt an Breite. Ich bin gerne in Ländern, in den viel gespielt wird, auch von Amateuren. In Italien bist du entweder ein Profi oder du interessierst dich kaum fürs Musikmachen.

Dein Großvater war wirschaftsliberal und der zweite Präsident Italiens nach dem Krieg, dein Vater während des Faschismus im Widerstand aktiv und eher links orientiert. Bist du ebenfalls ein politischer Mensch?

Nicht wirklich. Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft Italiens und hoffe, dass sich jemand findet, der sich um all die Probleme kümmert, auch wenn das eine sehr schwere Aufgabe ist, und ich manchmal die Hoffnung verliere. Auf jeden Fall ist es wichtig, wählen zu gehen.

Die Parteien, denen dein Großvater und dein Vater nahe standen, gibt es nicht mehr. Sind deren Ideen und Vorstellungen verloren gegangen?

Zum Teil sind sie in den Partito Democratico (Links von der Mitte und Erzfeind Berlusconis, A.d.R.) eingeflossen. Ein Politiker, der mir gefällt, ist Nichi Vendola (Ministerpräsident Apuliens im Süden Italiens, der sich für ökologische Themen und die Rechte Homosexueller einsetzt, A.d.R.), er hat viel für die Kulturförderung getan. Ich wünsche mir sehr, dass allgemein mehr für die Kultur getan wird. Wahrscheinlich ist es jetzt aber wichtiger, die Flucht nach vorne anzutreten und die letzten, wirklich schlimmen Jahre hinter uns zu lassen. Erst müssen Veränderungen her, dann sehen wir weiter.

Zum Schluss: Als Komponist und Profimusiker hast du bestimmt ein sehr feines Gehör und nimmst viele Nuancen wahr. Wie hörst du Musik?

Ich habe einige Platten, aber keinen Plattenspieler mehr. Ich habe auch viele CDs, wobei da eine riesige Unordnung herrscht. Ich kriege ja oft welche zugesteckt. Ich müsste mal aufräumen, bin aber zu viel unterwegs. Wenn mich etwas Neues interessiert, lade ich es mir bei iTunes runter und höre es über Boxen am Computer. Ich bin also nicht einer jener Soundfetischisten, die eine teure Anlage brauchen.

Im Studio ist es natürlich anders, da arbeite ich mit guten Gerätschaften, denn der Klang ist mir sehr wichtig. Bei meiner eigenen Musik schmerzt es mich, wenn sie nicht perfekt klingt. Da bin ich schon fast paranoid. Bei Aufnahmen anderer freue ich mich natürlich, wenn die Klangqualität gut ist, aber ich konzentriere mich eher auf die Musik an sich. Ich habe da also eher einen 'normalen' Zugang.

Bob Marley hört sich aus einem billigen Gettoblaster an einem Karibikstrand auch viel besser an als in einem europäischen Wohnzimmer aus einer Anlage, die soviel kostet wie ein Auto. Auch wenn man da nicht jeden Atemzug beim Gesang mithört.

Die Essenz der Musik liegt auch eher in den Vorstellungen, die in ihr umgesetzt werden.

Wenige Stunden später tritt er im prall gefüllten Fabric auf, ein geräumiger Keller auf zwei Ebenen, der nach der Ankündigung des Termins innerhalb von 45 Minuten ausverkauft war. Das Publikum ist eher jung und lauscht gebannt den träumerischen Stücken des Maestros, der sich von Geigen, Cello, Gitarren, E-Bass und elektronischen Frickeleien begleiten lässt. Auf der Bühne steht ein DJ, der zum Schluss auch triphoppige Klänge einstreut.

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