Porträt

laut.de-Biographie

Loyle Carner

Wenn einem das schrecklichste Jahr seines Lebens zugleich wie das beste vorkommt, muss Einiges passiert sein. Für Loyle Carner lautet die magische Zahl 2014: Das Jahr beginnt für ihn mit einem Schock.

Loyle Carner - Yesterday's Gone Aktuelles Album
Loyle Carner Yesterday's Gone
Ein Blick ins Erinnerungsalbum.

Bis dahin führte er, der eigentlich Benjamin Coyle-Larner heißt, ein mehr oder weniger normales Leben. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder lebt er bei seiner Mutter im Süden Londons. Zu seinem leiblichen Vater, dessen Familie aus Guyana stammt, hat er so gut wie keinen Kontakt. Wenn Ben von seinem "Dad" spricht, meint er seinen Stiefvater.

Musik spielt bei Coyle-Larners eine große Rolle. Die Eltern hören Punk, Soul, Blues und Jazz, Ben wächst umgeben von den Songs von David Bowie, Leonard Cohen und Patti Smith auf. Hip Hop entdeckt er übers Musikfernsehen und bringt nun seinerseits den Eltern etwas nahe. Die zeigen sich aufgeschlossen, so lange es inhaltlich anspruchsvoll zugeht: "Ich bekam von klein auf eingetrichtert, dass Musik eine Story braucht", erinnert sich Loyle Carner gegenüber dem Evening Standard.

US-Hip Hop erscheint aber doch irgendwie arg weit von der eigenen Lebensrealität entfernt. Als Grime aufkommt, Skepta, Kano, Lethal Bizzle und Konsorten ihre ersten Erfolge feiern, und es klingt durch und durch englisch: für Ben eine Offenbarung. "Es hat mein Leben verändert", erklärt er dem NME. "Es gab mir eine Stimme. Vorher bin ich nur herumgerannt und war laut. Danach: 'Wenn ich rappe, hab' ich 16 Takte Platz, und es hört mir wenigstens jemand zu.' Verrückt!"

Dass er seine Gefühle in Worte übersetzen kann, weiß er da längst: Mit sieben schreibt er sein erstes Gedicht, das sich um den Tod seines besten Freundes dreht, der an Leukämie starb. Ben zeigt es seiner Lehrerin. Die bringt ihn dazu, es vorzutragen: quasi der erste Auftritt.

Besagte Lehrerin und ihre Kollegen stellt einer wie Ben vor ziemliche Herausforderungen. Er kämpft mit ADHS und einer Leseschwäche, die ihn sogar im eigenen Namen die Buchstaben verdrehen lässt. Dass er sich daraus später seinen Künstlernamen basteln soll, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand, obwohl Ben sich eine Rapbattle nach der anderen liefert, auf dem Schulhof, dem Spielplatz, bei jeder Gelegenheit.

Trotzdem sieht zunächst vieles nach einer Karriere als Schauspieler aus. Ben spielt schon zu Schulzeiten Theater. Mit 13 hat er seine erste kleine Rolle im Streifen "10.000 BC" unter der Regie von Roland Emmerich. Ben beginnt eine Ausbildung an einer Schauspielschule. Rap betreibt er nur nebenher.

Im Grunde absurd, dass er seine erste richtige Show 2012 gleich als Support des mythenumwobenen MF Doom bestreitet. Der braucht für seinen Auftritt in der Button Factory in Dublin eine Vorgruppe. Über drei Ecken und Bekanntschaften kommt Loyle Carner an den Job. "Doom hat für mich vieles verändert", sagt er.

Jedoch nicht so viel wie eine andere Erfahrung, mit der sein Schicksalsjahr 2014 beginnt: Im Februar stirbt völlig überraschend sein Stiefvater an den Folgen eines epileptischen Anfalls. Zwei Wochen später hat Loyle Carner seine Gefühle in einen Track gegossen, den er im Gedenken an seinen Stiefvaters, der glühender Manchester United-Fan war, nach deren Star Eric Cantona "Cantona" nennt.

"Er war der Held meines Dads. Er hat so zu ihm aufgeblickt wie ich zu meinem Dad. Es ergab Sinn, ihn so zu ehren." Später wird Loyle Carner mit dem Cantona-Trikot seines Stiefvaters auf der Bühne stehen: "Die ultimative Hommage", wie er sagt. Zudem ein echtes Opfer: Ben selbst ist eigentlich Anhänger des FC Liverpool.

Der Tod seines Dads ändert für Loyle Carner alles. Er schmeißt die Schauspielschule. "Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich müsse mich jetzt um meine Familie kümmern und in die riesigen Fußstapfen meines Vaters treten", erklärt er dem Evening Standard. "Ich sagte mir: 'Lass' mich dieses Musikding ein bisschen ausprobieren. Wenn es nicht funktioniert, such' ich mir einen Job.'"

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Im September trägt "dieses Musikding" die erste Frucht: Im September erscheint die sechs Tracks starke Debüt-EP "A Little Late". Die Jobsuche kann noch warten: In der Folge tourt Loyle Carner erst einmal als Support von Joey Bada$$ durch Großbritannien.

"Ein Jahr vorher saß ich noch in meinem Schlafzimmer und hab' seine Musik gehört", wundert er sich. "Ich hab' seine Videos geschaut und mir gedacht: 'Schau dir den an, er ist so berühmt.' Und dann sitz' ich mit ihm backstage und wir reden über alltägliches Zeug." Über Fußball, vermutlich. Oder übers Kochen.

Dafür hegt Loyle Carner ein Faible, seit er es als taugliche Therapie für sein ADHS entdeckt hat, wirkungsvoller als Ritalin. Das Medikament habe er wieder abgesetzt, weil er sich nicht wie ein Zombie fühlen will. "Kochen beruhigt mich", stellt er dagegen fest. Eine Erfahrung, die er im Rahmen seines Projekts "Chilli Con Carner" mit ADHS-geplagten Kindern teilt.

2015 steht Loyle Carner bereits bei nahezu jedem relevanten britischen Festival auf der Bühne. Ende des Jahres kooperiert er mit Kate Tempest, die er als "lyrische Inspiration" feiert und später auf ihrer Tour unterstützt. Auch im Vorprogramm von Nas ist er unterwegs.

BBC Radio 1 preist seine Single "The Isle Of Arran" als "hottest record in the world": Spätestens jetzt ist die Zeit überreif für Loyle Carners Debütalbum. "Yesterday's Gone" erscheint im Januar 2017 und erntet Lorbeeren en masse.

Der Observer beschreibt Loyle Carner als "Grimes sensibles Gesicht", was der wiederum einigermaßen lächerlich findet. Auch, wenn Kano, Skepta und Konsorten ihn geprägt haben, steht er mit seinem Jazz-infizierten Boombap-Sound und seiner Lyrik musikalisch doch eher in der Tradition von A Tribe Called Quest, Slum Village oder Common.

"Mit der Berühmtheit ist es wie mit dem Gewicht", findet er. "Wenn du zunimmst, merkst du es selbst lange gar nicht. Irgendwann schaust du dann in den Spiegel und denkst dir: 'Oh, scheiße, ich bin fett!'" Wie viele Menschen Loyle Carner mit seinen emotionalen, brutal offenen Texten erreicht, geht ihm auch erst langsam auf, wie er dem NME gesteht:

"Wenn Leute zu mir kommen und mir Sachen erzählen wie 'Ich hab' auch meinen Dad verloren' oder 'Meine Mutter hat Krebs', und dann sagen sie: 'Danke, deine Musik hat mir geholfen', dann berührt mich das mehr als alles andere. Unfassbar, wie viele Umarmungen ich von Leuten bekommen habe, die 'BFG' gehört haben. Das bedeutet mir mehr, als sie es sich vorstellen können."

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Do 26.10.2017 Stuttgart (Im Wizemann)
So 29.10.2017 Erlangen (E-Werk)

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