laut.de-Kritik

Die Wiedergeburt des Velvet Underground-Vordenkers als Glamrocker.

Review von

"She never lost her head / Even when she was giving head / She says hey babe, take a walk on the wild side." Stricher, Nutten, Transen, Junkies, Freaks, Blowjobs, Gangster und die vereinigten Perversen aller Herren Länder seit 40 Jahren einträchtig im betulichen Sonntagsradio für brave Bürger und Kirchgänger? Viele singen sogar mit? Das scheint unmöglich. Doch mit Lou Reeds "Walk On The Wild Side" sickert 1972 endlich das "Böse" durch den Äther in die Reihenhausviertel. Eines der subversivsten Lieder überhaupt. Schwer bewaffnet mit einer Killerbasslinie für die Ewigkeit, die das Gesungene erfrischend gnadenlos in sich begräbt.

Dabei ist es im Grunde ein nicht geringeres Wunder, dass "Transformer" am 8. November 1972 überhaupt erscheint. Nur wenige Monate zuvor arbeitet Lewis Allan Reed noch als 40-Dollar-die-Woche-Tippse in der Steuerberaterkanzlei seines Vaters. Velvet Underground liegen als finanzielles wie menschliches Desaster hinter ihm. Und der erhoffte Neustart als Solokünstler ersäuft beim Debütalbum "Lou Reed" in einer schwülstig wattierten Kitschproduktion.

Nicht minder fies eingespielt durch denkbar unpassende Musiker wie etwa Wakeman und Howe von Yes, die das Label durchdrückte. Die Platte missfiel Lou zutiefst, wurde medial ignoriert und toppte sogar den VU-Flop grandios. Mit anderen Worten: Der einzige Mann auf der Welt, vor dem Gotham City mehr Angst hatte als umgekehrt, war total pleite und mal wieder schwer angepisst.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine der legendärsten Platten der Rockgeschichte. Doch wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo David Bowie her. Lou ist der erste Künstler einer gar nicht mal so kurzen Reihe, für den Ziggy Stardust den rettenden Samariter gibt (später u.a. Tina Turner und Iggy Pop).

Der Thin White Duke erweist sich seinerseits als Velvet Underground-Verehrer der allerersten Stunde. Reeds alte Factory-Band hat den vier Jahre jüngeren Engländer in dessen Entwicklung tief geprägt. So covert Bowie live etwa "I'm Waiting For The Man" oder "White Light/White Heat". Zusammen mit Mick Ronson, seinem kongenialen Sidekick auf "Ziggy Stardust And The Spiders From Mars", übernimmt Bowie die gesamte "Transformer"-Produktion und bringt den Grantler sogar zum Lachen. Die enge Freundschaft dieser beiden Vollblutmusiker sollte ein Leben lang halten.

Sie ergänzen sich perfekt: Bowie revanchiert sich für Reeds Vorbildrolle und schenkt dem NYC Man im Gegenzug Make Up, lässigen Glamrock, etwas Britpop und eine Prise charmante englische Verschrobenheit. Dazu perfekt kontrastierende Backing Vocals in beeindruckender Bandbreite von lasziv bis knuffig-muppethaft. Das musikalische Konzept geht wunderbar auf. Reeds distanzierter Sarkasmus trifft auf den blassbunten Vogel aus London. Spätestens wenn letzterer mitten in "Satellite Of Love" auf einmal die Blockflöte im Grundschulstil auspackt oder in "New York Telephone Conversation" Reeds ironische Zeilen fast schon zu niedlich illustriert, hat dieses charmante Duo den Hörer komplett im Sack.

"Why don't you write a song about someone vicious? Oh, you know, vicious, like I hit you with a flower?" schlägt Andy Warhol derweil vor. So inspiriert er Lou zu Lyrics und der Hook von "Vicious". Warhols Verletzungen, die er nach dem Revolver-Attentat von Valerie Solanas nur mit knapper Not überlebt, sind Ursprung für das surreale "Andy's Chest". Ohnehin kein einziger Song auf dieser LP, der ohne Blessuren oder Narben auskäme.

Alles Abseitige paart sich mit verlockenden Melodien und Rhythmen. "Walk On The Wild Side" ist Reeds musikalische Antwort auf Blaxploitation, dargeboten in textlicher Sexploitation. Der "Satellite Of Love" glänzt mit überschäumendem Pop-Appeal, der sich wie Lidschatten über den desillusionierten Pessimisus von Zeilen legt wie "Satellite's gone way up to Mars / Soon it will be filled with parking cars.". Ein catchy Ohrwurm, dessen Bubblegumhaftigkeit Bowie mit seinem "bah-bah-bah"-Gesang in Reeds Rücken auf die Spitze treibt.

Der schärfste Pfeil steht noch aus. Denn "Transformer" ist eines jener seltenen Alben, das über mehr als nur einen dieser absoluten popkulturellen Klassiker verfügt, den jeder schon mal gehört hat. Die Pianoballade "Perfect Day" ist ein einziger großer Mittelfinger. Äußerlich die Chronik eines perfekten Tages in einem lieblichen Mantel aus Poppathos und Jazzmotiv. Dazu scheinbar makellose Romantik: "Oh, it's such a perfect day / I'm glad I spend it with you / Oh, such a perfect day / You just keep me hanging on (...) You made me forget myself / I thought I was someone else, someone good."

Reed singt sogar ungewöhnlich konventionell und sanft. In Wahrheit lobpreist der Brooklyner, der sich kaum zwei Jahre später komplett dicht Swastikas mit einer Rasierklinge in die eigenen Wangen ritzen wird, weder Heilige noch Hure. Es geht schlichtweg um Heroin. Der von unzähligen Paaren weltweit als Hochzeitslied erwählte Evergreen ist ein beinharter Drogensong. Aus diesem Grund reanimierte Danny Boyle das Lied gern für seine tiefschwarze Junkiecomedy "Trainspotting". Im Jahre 1996 erlebte der Track so den verdienten zweiten Chart-Frühling.

Nun weilt Lou Reed, der stets da war und dabei immer so unzerstörbar wirkte, nicht mehr unter uns. Doch seine Musik bleibt erhalten. Mit "The Velvet Underground", "Berlin" und "Transformer" machte er den Rock tatsächlich so verderbt, wie Konservative und Klerikale ihn oft als Teufel an die Wand malten. Damit ist Reed kein Rebell, sondern musikhistorisch ein Revolutionär. "Oh, we've been together for the longest time / But now it's time to get high / Come on let's get high / And goodnight ladies, ladies goodnight."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Vicious
  2. 2. Andy's Chest
  3. 3. Perfect Day
  4. 4. Hangin' 'Round
  5. 5. Walk On The Wild Side
  6. 6. Make Up
  7. 7. Satellite Of Love
  8. 8. Wagon Wheel
  9. 9. New York Telephone Conversation
  10. 10. I'm So Free
  11. 11. Goodnight Ladies

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Die Erfolgsstory des am 2. März 1942 in New York Geborenen beginnt Mitte der 60er in der einflussreichen wie erfolglosen Düstercombo Velvet Underground.

12 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    zweifelsohne einer der nachhaltigsten meilensteine überhaupt.
    vielen dank an meister ulf für die rezi, hervorragend recherchiert. so unverklärt hab ich über die damalige szenerie mit bowie noch nie gelesen.

  • Vor 4 Jahren

    Mache mal die Unke für Klaus Nomi - braucht wieder streitbare Steine :)

  • Vor 4 Jahren

    "die vereinigten Perversen aller Herren Länder seit 40 Jahren einträchtig im betulichen Sonntagsradio für brave Bürger und Kirchgänger? Viele singen sogar mit? " ... das dachte ich ja bisher auch immer so schön bei Zappa's Bobby Brown, da kringelte ich mich immer weg wenn im Radio oder in der Rockdisko damals alle so fein mitsangen und nur ein Bruchteil wusste worum es da immer so ging ... aber stimmt, unser Herr Reed hat das natürlich schon ein paar Jährchen eher vollbracht :)