laut.de-Kritik

Gipfelsturm mit Western-Flair in klanglicher Perfektion.

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Was ist heutzutage eigentlich noch alternativer, als nicht alternativ sein zu wollen? Schwierig. Mit dem verschrienen Begriff "Post-Rock" möchte sich jedenfalls kaum noch eine Band freiwillig brandmarken lassen. Long Distance Calling wollten das ohnehin noch nie, auch nicht in der Vergangenheit. Dass die Münsteraner seit mittlerweile elf Jahren Blut, Schweiß und Gitarrensaiten opfern, belegt sie aber dennoch mit Fluch und Segen zugleich.

Auf der einen Seite haben sich Florian Füntmann, David Jordan, Jan Hoffmann und Janosch Rathmer mit ihren zahlreichen Alben und Tourneen einen Ruf als verdammt versatile Musikantentruppe erarbeitet. Auf der anderen Seite haben sich mit der weitestgehenden Abstinenz von Gesangslinien einen Ruf als nationales Post-Rock-Aushängeschild erworben, der ihnen hierzulande ebenso penetrant anhaftet wie etwa Mogwai im Vereinigten Königreich.

Doch Long Distance Calling spielen ja Instrumental Rock, und dass sich hierhinter kein notgedrungener Etikettenschwindel verbirgt, zeigt "Boundless" gleich in vielfacher Hinsicht. Den großen atmosphärischen Kick suchen die inzwischen wieder zum Quartett geschrumpften Musiker nur in wenigen Momenten. Vielmehr treibt ebenjene rhythmische Kraft die Nummern voran, die bereits die unmittelbaren Vorgänger ausmachte.

Wo Long Distance Calling sich aber zuletzt noch auf Stimmbandunterstützung verließen, um sich wahlweise durch erfreulich eigenständige und erdige Prog-Rock-Minen ("The Flood Inside") oder radiotauglichere Alt-Rock-Experimente ("TRIPS") zu wühlen, steht jetzt wieder die deutliche Anlehnung ans selbstbetitelte Drittwerk von 2010. "Ascending", "On The Verge" oder "Weightless" spielen die ungemein groovige Schlagseite gekonnt aus, "The Far Side" und "Skydivers" packen zusätzlich seit wirklich verdammt langer Zeit wieder die Metalkeule aus, letzteres sogar Blastbeats.

Wer Long Distance Calling als Liveband kennt, darf auch mit "Boundless" wieder 50 Minuten feinster rhythmischer Präzision entgegenfiebern, für die sich insbesondere Drummer Rathmer verantwortlich zeigt. Da kann man ein Album natürlich auch gerne wieder mit alleinstehendem Schlagzeug starten lassen, in wohliger Reminiszenz an den bis heute gerne als Live-Opener verwendeten Fan-Liebling "Into The Black White Open". Leider verschont die Gruppe sich und ihre Anhängerschaft damit aber nicht vor einem Hauch von Selbstkopie: Spätestens zum ersten Rhythmuswechsel ähneln sich die Songs stark, vielleicht nicht in harmonischer, dafür aber gewiss in rhythmischer und atmosphärischer Hinsicht.

Letztendlich zählt hier aber einzig und allein eines: Kickt es oder kickt es nicht? Es kickt, in den meisten Moment zumindest. Mit "Boundless" übertragen Long Distance Calling durch und durch ihr diesmal visuell vorgeschriebenes alpinistisches Setting aufs musikalische Moodboard. "Like A River" fährt unvergleichliches Westernflair auf, das die Tränchen ob seiner Klangästhetik gewissermaßen aus dem Kopfhörer fließen lässt. Trompeten-Synth hier, Streicher-Einsatz da, ganz behutsam, weniger ist mehr. Audiophile Trip Hop-Intros à la "In The Clouds" sprechen für sich.

In solchen Momenten erscheint es als göttliche Fügung, dass Long Distance Calling bei ihrem Talent die Finger von monotonen Delay-Kaskaden lassen und ihre Tracks lieber mit perkussivem Staccato-Seitenkratzen ("In The Clouds") und vorsichtigen Bendings ("Ascending") anreichern. Das bietet dem aufmerksamen Headphone-Konsumenten ziemlich hohen Mehrwert, weshalb man freudig darüber hinweg sieht, dass nicht alle acht Stücke ihre Klimax im Gleichschritt erreichen.

Vielleicht entpuppt sich hier auf Dauer ja nicht jeder Track als Gipfelstürmer. Aber vielleicht braucht der Instrumental Rock so etwas auch überhaupt nicht.

Trackliste

  1. 1. Out There
  2. 2. Ascending
  3. 3. In The Clouds
  4. 4. Like A River
  5. 5. The Far Side
  6. 6. On The Verge
  7. 7. Weightless
  8. 8. Skydivers

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