Das ist also das erste Soloalbum der dreiundzwanzigjährigen Lauryn Hill, der nicht ernst genommenen Filmschönheit in "Sister Act 2", die dann 1996 als Sängerin der Fugees mit "Killing Me Softly" einen Riesenhit landete. Nach dem kurzen Intro beginnt "The Miseducation Of Lauryn Hill" genau wie erwartet. Auf "Lost One" singt Lauryn mit rauer Rapstimme eine karge Ohrwurmmelodie zum ruckelndem Rhythmus. Sparsam instrumentiert, reichlich Scratches drüber gestreut, fertig ist der groovende Hip Hop-Song. Wieso eigentlich Miseducation?
Weiter geht's dann deutlich ruhiger. "Ex-Factor" läutet eine Reihe von Soul-Balladen ein, deren Höhepunkt das von Carlos Santana an der Gitarre unterstützte "To Zion" ist, eine Hommage an ihren Sohn Zion, Bob Marleys Enkel. Die gesanglichen Aufgaben bewältigt Lauryn Hill ausnahmslos bravourös, mal mit schmelzender Soulstimme, mal mit kratzigem Gospel. Überhaupt ist die Platte deutlich von der Vergangenheit der Sängerin in Gospelgruppen und Kirchenchören geprägt.
Sicher sind nicht alle Stücke gleichstark: "Doo Wop (That Thing)" ist klassischer Rap, der seinen Weg in die Charts schon gefunden hat, das Duett mit Mary J. Blidge in "I Used To Love Him" ist dagegen eher belanglos und völlig mißraten ist die "Light My Fire"-Adaption "Superstar". Davon abgesehen aber ist Lauryn Hill mit "The Miseducation..." ein sehr homogenes Album geglückt, in dem gelegentliche Reggae- und Jazz-Grundierungen den karibischen Background der Fugees glatt vergessen lassen.
Dabei strahlt Hills weiche und tiefe Stimme selbst in Rap-Einlagen wie "Everything Is Everything" genauso viel mütterliche Wärme aus wie viele der Texte: Vertieft man sich ein bißchen, wird klar, daß mit "Miseducation" nicht die "falsche", sondern die andere, zweite Erziehung zur Selbstständigkeit gemeint ist, die jeder Mensch sich selber geben muß. Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstliebe predigt die junge Frau mit der großen Erfahrung und auf ihrem Weg dorthin dürfte sie mit diesem Album ein ordentliches Stück zurück gelegt haben.