laut.de-Kritik

Poppig und harmlos: Das Warten aufs Aha-Erlebnis.

Review von

Dieser ernste, unverwandte Blick in die Kamera. Kaum ein Lächeln ist auf einem der Fotos von ihr zu finden. Die blonden langen Strubbelhaare, die Karohemden aus der Männerabteilung, der gern getragene schwarze Hut - bei Phillipa Brown, der jungen Neuseeländerin mit dem Künstlernamen Ladyhawke, erinnert vieles in Sachen Außenwirkung an Patti Smith. Der Musikerin haftet eine Aura der Zurückhaltung, des Unnahbaren an. Das wirkt wiederum, im Sinne des altbekannten menschlich-paradoxen Musters, ungemein anziehend.

Diese Scheu und Verschlossenheit findet Einzug in ihr neues Werk: "Anxiety" heißt es, benannt nach einem Befindlichkeitszustand, der sich durch Gefühle der Furchtsamkeit, Besorgnis, Beklemmung oder Unbehagen auszeichnet - alles emotionale Verfassungen, die jeder von uns kennt. Ist diese unbehagliche innere Unruhe allerdings Normalzustand, wird er zum Symptom eines Krankheitsbildes. Im Falle von Brown des Asperger-Syndroms.

Seit ihrer Kindheit begleitet Pip dieser Zustand, mit dem sie sich nun in musikalischer Form auseinandersetzt. Besonders offensichtlich wird das im Titeltrack der Platte: Zu schweren Basstönen und wummernden Drums erzählt sie von den Stimmen im Kopf, von der Medikation, um den Tag zu überstehen, von ihrem sozialen Rückzug und ihrer Befangenheit - und wie sie mit all diesen Widrigkeiten umgeht. "It's not that I am losing this war of my own choosing".

Der Sound auf dem aktuellen Album ist, der Thematik entsprechend, rockiger, eine Note dunkler und schwerer geraten. Gitarre und Bass rücken in den Vordergrund, die Songs bewegen sich in Richtung wavigen Powerpop mit einigen Glam-Einschlägen. Bestes Beispiel hierfür "Blue Eyes": Kraftvoll, deftig und zwischen den Takten etwas schräg, dick instrumentiert und stellenweise verzerrt legt Ladyhawke, die nahezu alle Instrumente selbst eingespielt hat, eine Nummer hin, die nicht von ungefähr die von Pip verehrte Joan Jett zitiert.

Trotz der Tendenz zu mehr Druck und Schwärze im Sound, trotz der vermutlich nicht gerade leichten textlichen Beschäftigung mit der eigenen Entwicklungsstörung klingt das Album poppig und harmlos, konsumfreundlich und gleichförmig. Man wird das Gefühl nicht los, dass etwas fehlt - die Leichtigkeit und Mühelosigkeit, mit der Pip das erste Album geschrieben und aufgenommen zu haben schien, ist ihr abhanden gekommen.

Keine Frage: Schlecht ist es nicht, was Ladyhawke auf Platte gebannt hat. Der Opener "Girl Like Me" besitzt eine rotzige Attitüde und eine ansprechende Bassline und spielt mit Dynamik und Dichte der Arrangements. "Sunday Drive", mit deutlichem Anklang an ihre Idole der 80er, Kim Wilde und Cyndi Lauper, kommt dem Debüt noch am nächsten.

Doch auf das Aha-Erlebnis, bemerkenswerte Überraschungen und Raffinessen wartet man vergeblich. Andererseits geht die Eingängigkeit auch nicht so weit, dass sich beispielsweise die Singleauskopplung "Black White & Blue" trotz des charmanten Vintage-Gefühls, dass das Knistern eines alten Transistorradios oder einer angestaubten Vinylscheibe evoziert, für den Rest des Tages im Kopf einnisten würde.

Dass der Titel des neuen Werks sich nicht nur auf den eigenen psychologischen Lebenszustand bezieht, sondern auch auf den schwierigen Prozess der Schaffung des Zweitlings, sagt sie selbst: "My mindset throughout the recording was a mixture of being so tired and just being worried the whole time."

Und das meint man zu hören: Obwohl "Anxiety" hinsichtlich der Instrumentierung vielfältiger ist, obwohl die Lyrics einen Einblick in die Welt und Psyche der Musikerin gewähren, hinterlässt es kaum Spuren: Wenn man die zehn Tracks durchgehört hat, ist alles wie vorher - so, als hätte man das Album nie gehört. Es scheint resistent gegen die Manifestation in der eigenen Erinnerung.

Trackliste

  1. 1. Girl Like Me
  2. 2. Sunday Drive
  3. 3. Black White & Blue
  4. 4. Vaccine
  5. 5. Blue Eyes
  6. 6. Vanity
  7. 7. The Quick & The Dead
  8. 8. Anxiety
  9. 9. Cellophane
  10. 10. Gone Gone Gone

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1 Kommentar

  • Vor 5 Jahren

    Kann der Review nur zustimmen! Das Debut war etwas besser, nicht so glatt und durchdacht, aber Pipa selbst sagte ja dass die Inspiration fürs Album von Abba kommt, also kann man es verstehen. Sunday drive ist der Nachfolger von My delirium und ist einfach geil!