Details

Datum: 24. — 25. Juli 2010
Location: Tanzbrunnen
Rheinparkweg 1
50679 Köln
Website: Offizielle Homepage des Veranstaltungsorts

Review

laut.de-Kritik

Das Amphi 2010 konnte schon lange im Voraus das Ausverkauft-Schild an die Tür hängen.

Review von Michael Edele

Die Dunkelheimer-Fraktion von laut.de schüttelt sich immer einen von der Palme, wenn irgendwo ein Bild von einem Gothic Chick in Strapsen zu sehen ist. Wir dachten: das können die auch live haben. Also auf zum Amphi Festival. Allein von der Lage her ist die Veranstaltung mit Rheinstrand und Blick auf den Dom einmalig und in Messenähe auch locker mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Auch das Wetter spielt am Samstag mit und so trifft die laut.de-Delegation gegen Mittag auf dem Gelände ein. Nach einer kurzen Orientierungsphase ist die erste Station die Bühne im Staatenhaus, wo Faderhead die Bühne betreten. In der Halle ist es dunkel wie im Bärenarsch und so braucht man zunächst ein paar Minuten, um nicht aus Versehen irgendwelchen Leuten, die auf dem Boden sitzen, auf die Finger zu treten. Während ich noch auf den Einlass in den Fotograben warte, stehen ein paar Cyber-Goths nebenan und machen ausgiebig Stretch-Übungen. Meine Verwunderung löst sich, als Faderhead Sami Mark Yahya unterstützt von vier Herren an Keys und Samples auf die Bühne springt und die Jungs und Mädels hinter mir zu tanzen anfangen. Jedes Workout im Gym ist ein Scheiß dagegen.

Sami scheint gesanglich nicht seinen besten Tag erwischt zu haben, was nichts daran ändert, dass auf der Bühne und davor durchgehend Bewegung herrscht. Auf Live-Drums wird aber zu meinem Leidwesen verzichtet. Schnell machen sich die Nachteile der Halle bemerkbar (auch wenn man froh sein muss, dass dieses Mal wenigstens die Decke da bleibt, wo sie ist): Der Sound ist eher im mittelprächtigen Bereich und es wird – nicht nur dank der Temperaturen draußen – relativ schnell heiß und stickig. Außerdem ist der Zustand für die Fotografen eher fatal, dass die Bands auf der Hauptbühne draußen und in der Halle nicht abwechselnd spielen, sondern fast schon kreuz und quer. Das artet in große Hektik und Stress aus, da auch die Fotografen ständig durch die engen Besucherschleusen müssen.

Auf der Hauptbühne sind als nächstes End Of Green angesetzt, die Ende August mit neuem Album aufwarten. Entsprechend gibt es neben den kategorischen Hits auch einen neuen Song zu hören. Wie nicht anders zu erwarten, besteht die Band vor dem Amphi-Publikum genauso locker, wie auf ihrem Haus und Hof-Festival, dem Summer Breeze. Dort hätte eine Band wie Welle:Erdball nichts zu suchen, ist auf dem hier dafür aber goldrichtig. Mit gewohnt extravaganter aber auch liebevoller Bühnen- und Personen-Deko bestreitet das Quartett seinen Auftritt und überrascht dabei u.a. mit Coverversionen von "Fred Vom Jupiter" und sogar Nicoles "Ein Bisschen Frieden".

In der Halle sehen wir uns als nächstes Funker Vogt. Während die Twilight-Fans vor der Hauptbühne Chris Pohl und Blutengel anschmachten, findet sich noch eine ganz ordentliche Menge in der Halle ein. Und dort geben Dressman Jens Kästel und seine Band von Anfang an Gas. Sound und Licht sind gut, doch wirkt das Trio trotz des großen Bewegungsradius' von Jens auf der Bühne etwas verloren. Vielleicht sollte man die Idee mit den Live-Drums noch einmal aufgreifen.

Deutlich voller und mehr Spektakel gibt es natürlich bei The Crüxshadows zu beobachten. Fronter Rogue reißt noch mehr Kilometer auf und vor der Bühne runter. Seine beiden Aerobic-Chicks auf der Bühne machen fleißig Animationsübungen. Musikalisch kommt mal wieder viel vom Band, wobei Rogues Stimme die Backups ebenfalls gut getan hätten. Ärgerlich auch die miese Beleuchtung, die es sowohl den Fotografen, als auch dem Publikum schwer machte, überhaupt was auf der Bühne mit zu bekommen.

Auf der Hauptbühne ist die Grand Dame des Alternative derweil am Werk. Anne Clark hat über die Jahre nichts von ihrer Präsenz und Ausstrahlung verloren, und wenn der Autor auch den Verlust der sexy Bassistin von vor ein paar Jahre bedauert, hat sie nach wie vor eine starke Live-Band an ihrer Seite. Das Publikum dankt es mit dichtem Gedränge und nimmt ältere Songs wie aktuelle dankbar auf. Dass der Andrang bei And One noch größer wird, ist kaum verwunderlich. Dass die "Deutschmaschine" gleich zu Anfang abgeschossen wird, dafür um so mehr. Aber Steve Naghavi und seine Mitstreiter können ohnehin nicht viel falsch machen. Da darf man auch gern mal "Timekiller" von Project Pitchfork einstreuen, den eben die noch kurz zuvor selber in der Halle gespielt hatten. Aber auch A-Has "The Sun Always Shines On TV" muss heute dran glauben, was die gute Laune auf und vor der Bühne aber nur noch weiter steigert.

Den krönenden Abschluss in der Halle liefern derweil Skinny Puppy mit gewohnt verstörender Optik. Nivek Ogre kommt in einem bizarren Kostüm und einer weißen Spitzhaube auf die Bühne, die ein wenig an die Kopfbedeckungen des KKK erinnert. Die Maske, die er dazu zur Schau trägt, hat eher etwas von Tim Burtons "Corpse Bride". Der Aufbau der Bühne ist nicht weniger surreal und auch die Beleuchtung ist perfekt auf das Szenario abgestimmt. Der Sound ist gut, stellenweise vielleicht etwas zu laut, aber die Wirkung ist natürlich entsprechend beeindruckend. Nach und nach wirft Nivek Ogre seine Verkleidung ab, zeigt sich aber erst bei der Zugabe ohne Maske. Skinny Puppy verstehen es nach wie vor, ihre Band als audiovisuelles Gesamtkunstwerk mit dem gewissen Etwas zu verkaufen.

Am Samstag sieht es mit dem Wetter zunächst gar nicht gut aus und obwohl es zwischenzeitlich noch einmal richtig warm wird, setzt nachmittags der Regen ein. Bis dahin rufen allerdings EXT!ZE zur morgendlichen Gymnastik auf, der ein Rudel Cyber-Goths in schöner Formation am Rande nachkommt. Ansonsten interessieren sich nur wenige Leute für den Dosensound. Deutlich sehens- und hörenswerter sind da Mono Inc., die zuletzt vor allem mit ASP, der später noch spielen soll, durch die Lande gezogen sind. Die Live-Erfahrung merkt man der Band an. Auch wenn der Gesang von Martin Engler nicht immer ganz sitzt und die Backings von Drummerin Katha Mia kaum hörbar sind, ist die Stimmung vor der Bühne ausgelassen. Auch hier gab es mit "Passanger" von Iggy Pop eine Coverversion und leicht nervige Mitsingspielchen.

In der Halle sorgen Blitzkid für ausgelassene Stimmung und beweisen, dass Horrorpunk eine immer größere Nummer im Musicbiz wird. Letztes Jahr sahnten die Jungs schon auf dem WGT mächtig ab, heuer hinterlassen sie ihre Duftmarke auf dem Amphi. In Sachen Action auf der Bühne macht dem Trio so schnell keiner was vor und auch der Humor und die Power der Band sind durchaus erwähnenswert.

Draußen entern Leaves' Eyes mit kleiner Verspätung die Bühne und bringen zum ersten Mal am Sonntag ein komplettes Rock-Line-Up auf die Bühne. Der Sound ist sehr gut, Livs Stimme wie immer kaum mehr als ein Piepen. Den zahlreichen Fans ist das gleich und die Band hat vollkommen zurecht die Sympathien auf ihrer Seite. Man mag musikalisch von der Truppe halten, was man will. Die Jungs und Mädels sind durch die Bank sympathisch, ehrlich und offen und bringen das live jederzeit rüber.

Auch Mesh stehen mit Gitarre und Drums auf der Bühne, gehen es mit ihrem Synthie-Pop aber deutlich sanfter an. Auch mit diesem Sound kann sich das Amphi-Publikum leicht anfreunden und bekommt bei einem Song sogar die Chandeen-Sängerin Julia Beyer als Unterstützung für Mark Hockings zu hören. Vor der Bühne ist es schon deutlich voller, als zur gleichen Zeit am Vortag.

Daran soll sich auch später bei ASP wenig ändern, obwohl der Regen einsetzt. Bevor es so weit ist, stehen aber noch Combichrist mit doppelter Percussion-Power und gewohnt aggressiven Stageacting auf der Hauptbühne und machen den Platz gerammelt voll. Der Gesang von Andy LaPlegua könnte für meinen Geschmack ein wenig lauter sein, doch die Performance von ihm und seinen Jungs ist einmal mehr fesselnd und atemberaubend.

Das Wetter wird zunehmend beschissener doch davon lassen sich die meisten ASP-Fans kaum beirren und halten ihrem Meister die Treue. Dem Sänger gelingt es mit "I Don't Wanna Be Me" tatsächlich eine gelungene Coverversion zu Ehren des verstorbenen Peter Steele zu bringen. Aber auch am restlichen Material gibt es wenig auszusetzen. So bleibt es trotz Regens vor der Bühne voll.

Noch enger wird es beim Sonntags-Headliner VNV Nation. Der Regen lässt nach und der komplette Tanzbrunnen lässt sich von Ronan Harris unterhalten, der ständig in Bewegung ist und das Publikum durchgehend unterhält. Leider setzt sich auch bei ihm ein wenig der Trend des Festivals fort, dass die Stimmbänder nicht immer gewohnte Leistung bringen, aber das schmälert den Unterhaltungsgrad um keinen Millimeter.

Mit insgesamt 16.000 Besuchern war das Amphi-Festival dieses Jahr ausverkauft. Auch wenn es bei den Headlinern drückend voll war, hatte man nie das Gefühl, dass das Gelände überlaufen wäre. Auch noch erwähnenswert: Die Aktion, dass man sich bei eBay als Newcomer Band einen Auftritt ersteigern konnte. Insgesamt kamen 3.000 Euro zusammen, die an den Verein Dunkelziffer e.V gespendet gingen.

Galerien zu den Bands gibt es in den Portalen

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