laut.de-Kritik

Rotkäppchen und der Walzer-Wolf.

Review von

Ein Titel wie "Argonautenfahrt" weckt unweigerlich Assoziationen an die mythische Erzählung von Jason und seiner Besatzung des Schiffes Argos, die sich auf die gefahrvolle Reise ins ferne Land Kolchis begeben. Geschichte wiederholt sich: 2012 befindet sich nun Kitty Hoff auf der Suche dem goldenen Song-Vlies. Und wird fündig. Dazu bedient sie sich eines virtuos zusammengestellten Mixes aus Pop, Jazz und Chanson. Die letzte Raffinesse verleiht dem Unterfangen die poetische, oft sehr doppelbödige Strahlkraft ihrer Texte.

Doch bevor es auf große Seefahrt geht, galoppieren Kitty und ihre Band musikalisch zunächst in die Prärieweiten des Country. "Was Auch Geschieht" klingt angenehm verwirrend nach Texas Lightning im Smoothjazz-Saloon, und reitet weit hinein in eine melancholische Abenddämmerung. "Die Sonne geht unter / ein wildfremdes Land und die Möglichkeit / einer Wahrheit darunter." Prächtige Einleitung, denn genau darum dreht es sich in den elf Tracks: wo und wie finden sich diese Wahrheiten in den Situationen und Menschen, die uns begegnen? Nicht immer folgen fröhliche Erkenntnisse, doch Aufgeben gilt nicht.

Das "Café Im Winter" steht als exzellentes Beispiel für Kittys elegant zelebrierte Vermengung von Illusion mit Realität. Die Protagonistin des Songs haucht während eines Spaziergangs von außen "ein Loch in dezemberblinde Scheiben" eines Cafés. Und erweckt damit Bilder eines längst vergangenen Rendezvous' zum Leben. Um dann, nach einigen weiteren Schritten, plötzlich hinter die Fassade all dessen zu blicken. Denn es handelt sich nur um von Holzbalken gestützte Kulissen. Sie stellt sich vor, wie "diese Traumfabrikattrappe langsam fällt / leise knarzend / in den weichen weißen Schnee". So poetisch hat schon lang niemand mehr die Theorie des Lebens als Wechselspiel zwischen Kinotraum und Wirklichkeit illustriert.

Klassische Märchenmotive erfahren in Kittys Händen originelle Neuinterpretationen. Schnell wird klar, wer da im Dunkel als "Dark Friend" wartet: "Gib mir einen Wein / und ein Käppchen ganz in Rot / im Wald, so soll es sein / lauern Wölfe und der Tod." Im Refrain finden sich dann Rotkäppchen und ein im klassischen Dreivierteltakt umherschwingender Walzerwolf zum gemeinsamen Stelldichein.

"Im Grunde ist alles ein riesiger Spaß / wir löchern das Leben / und fall'n tot ins Gras." Bis dahin gilt es aber noch, seine Rolle auf der großen Bühne zu finden. Ob nun in einer gut dotierten Hauptrolle oder lediglich als schlecht bezahlter Komparse, es langt die lakonische Feststellung: "Der eine spielt Schiller / der an'dre spielt schlecht".

Die Begleitung ihrer vier Mitstreiter gestaltet sich dezent-unaufdringlich. Statt knalligem Spektakel steht feines Gespür für leise Nuancen im Vordergrund. Wenn sich in die feste Arrangementstruktur eines Songs immer wieder eine kleine Jazz-Improvisation in Gestalt von Trompete, Piano oder Saxophon hineinschleicht, rundet das den Gesamteindruck vortrefflich ab.

Auf Kittys "Argonautenfahrt" besteht die Besatzung nicht aus strahlenden altgriechischen Helden, und die Gegner entspringen nicht dem Fundus mythologischer Monster. Nein, da sind die schlicht wir aus dem Jetzt und Heute an Bord, im Kampf mit mal mehr, mal weniger geliebten Mitmenschen und Situationen. Bleibt nur die Frage, ob auf der überlieferten Argos überhaupt eine Frau mit dabei war. Aber ja: und zwar Atalante, die tapfere Jägerin. Passt doch prächtig!

Trackliste

  1. 1. Was Auch Geschieht
  2. 2. Noch Mehr
  3. 3. Gleichgewicht
  4. 4. Kugel-Die-Sich-Dreht
  5. 5. Café Im Winter
  6. 6. Wart' Auf Mich
  7. 7. Nächste Runde
  8. 8. Hunderte Posaunen
  9. 9. Dark Friend
  10. 10. En Route De La Vie
  11. 11. Bär Im Kamin

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