laut.de-Kritik

Einmal zum Mond und wieder zurück.

Review von

Der Mensch braucht Schubladen. Insbesondere der geneigte Kopfnicker scheint ein starkes Bedürfnis zu haben, jeder auch nur ansatzweise neuen Ausprägung seines Lieblingsgenres ein Label zu verpassen. So hierzulande geschehen mit dem Unwort Cloud-Rap, über dem großen Teich sind sie schon einen Schritt weiter: Da streitet sich eine Garde junger Frischlinge unter der Marke "Mumble Rap" um den Titel "Newcomer des Jahres".

Und das, obwohl das Phänomen doch gar nicht so neu ist. Der ungekrönte König des Mumble Rap trat nämlich schon 2008 auf den Plan: A Kid Named Cudi. Mit seiner Sing-Rap-Summerei croonte er sich fix in die Herzen Unzähliger – darunter auch viele Rap-Kollegen, die ihn bis heute als große Inspirationsquelle feiern. Keine Frage, Cudder hat in der Musikwelt schon jetzt einen Fußabdruck hinterlassen. In den letzten Jahren drohte der allerdings durch die substanzlose "Indicud"-Ödnis oder seinen bizarren "Speedin’ Bullet 2 Heaven"-Ausflug in Psych-Rock-Gefilde immer mehr zu verwaschen.

Hört man nun aber zum ersten Mal Cudis neues Werk "Passion, Pain & Demon Slayin'" fegt der Cleveland-Native jedwede Skepsis mit langgezogenen "Mhhhms" und "Aaahs" im Nu hinweg. Das hier klingt endlich wieder wie Cudi zu seinen Hochzeiten. Endlich besinnt sich der ehemalige Kanye-Schützling auf die Stärken seiner ersten beiden Platten und liefert ein Album, das zwar nicht so betitelt ist, aber dank seines wiederbelebten Signature-Sounds zweifellos als dritter Teil der Man On The Moon-Saga durchgehen dürfte.

Und dafür zeichnet ein Man hauptverantwortlich: Produzent Plain Pat, das Triebwerk an der Cudi-Rakete, durch die der Man überhaupt erst auf den Moon fand, setzte sich für "PPADS" wieder hinter die Regler. Als kongenialer Komplize wachte Mike Dean an seiner Seite, der den Instrumentalen den nötigen Fokus verpasste. Heraus gekommen ist dabei ein ungemein rundes Soundbild, das verschiedenste Einflüsse in ein stimmiges Ganzes gießt.

Der rote Teppich für ein großartiges Album ist also ausgerollt und Scott schlendert zeitweise so elegant darüber hinweg, dass all die enttäuschten Erwartungen der letzten Jahre mit einem Mal vergessen scheinen. Da ist er doch wieder, der alte Mr. Rager, der uns mit seinen melodramatischen Hymnen mit in seine Welt nimmt. Der mal rappt, mal singt, mal summt und stöhnt, aber immer seinem untrüglichen Gefühl für große Melodien folgt.

"Passion" liefert Perlen, die sich hinter vergangenen Großtaten keinesfalls verstecken müssen: Seien es die hypnotisierenden Steel-Drums von "By Design", die Ohrwurm-Hook von "Rose Golden" oder die geradlinigen Raps auf "Baptized In Fire" - Cudi trifft mit André 3000, Travis Scott, Pharrell Williams und Willow Smith nicht nur eine hervorragende Wahl seiner Gäste, sondern läuft gerade im Mittelteil seines in vier Akte aufgeteilten Werks zur Hochform auf.

Allerdings bewahrt sich Scott auf "PPADS" nicht nur die Stärken vergangener Tage, sondern schleppt auch weiterhin einen Koffer voller Laster mit sich herum. Das wohl größte ist sein Hang zur Überlänge: Mit 87 Minuten Spielzeit ufert auch "Passion" zu einem überdimensionalen Album aus, dass das Versprechen der ersten Tracks gerade gegen Ende hin nicht halten kann. Songs wie "Swim The Light", "Releaser" oder "Mature Nature" rechtfertigen in keiner Sekunde ihr Dasein und ziehen Cudis sechstes Studioalbum so unnötig in die Länge, dass es mühselig wird das ganze Album einmal am Stück zu hören.

Gerade die Überlänge einzelner Tracks fördert außerdem Cudis zweites Problem zu Tage: Die Texte. Pathos, Selbstmitleid und eine eigenwillige Weltansicht waren schon immer Teil von Cudis Musik. Vergeben und vergessen. Unverzeihlich wird es dagegen erst, wenn Cudi in den Parts zwischen den Refrains wirkt, als habe ihn die Lehrerin an die Tafel zitiert und er wisse die Lösung nicht: Lieber irgendwas daher stammeln, als gar nichts gesagt zu haben. "The industrie is full of shit" posaunt er beispielsweise völlig unpassend in die Blechbläser-Fröhlichkeit des Sechs-Minuten-Closers "Surfin'".

Es fällt wahrlich schwer mit "Passion, Pain & Demon Slayin'" zu hart ins Gericht zu gehen, ist es doch das erste Kid Cudi-Album seit Jahren, das seine Fans nicht auf die Probe stellen will, sondern vieles davon liefert, für das wir ihn kennen und lieben gelernt haben. Genauso tappt Scott aber wieder in altbekannte Fallen und verliert sich in seinem eigenen, selbstgefälligen Kosmos.

Trackliste

  1. 1. Frequency
  2. 2. Swim In The Light
  3. 3. Releaser
  4. 4. By Design (feat. André 3000)
  5. 5. All In
  6. 6. ILLusions
  7. 7. Rose Golden
  8. 8. Baptized In Fire (feat. Travis Scott)
  9. 9. Flight At First Sight/Advanced (feat. Pharrell Williams)
  10. 10. Does It
  11. 11. Dance 4 Eternity
  12. 12. Distant Fantasies
  13. 13. Wounds
  14. 14. Mature Nature
  15. 15. Kitchen
  16. 16. Cosmic Warrior
  17. 17. The Guide (feat. André 3000)
  18. 18. The Commander
  19. 19. Surfin' (feat- Pharrell Williams)

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 6 Monaten

    Die Kritik und Wertung finde ich unpassend. Im Prinzip kein Song unter 4 Minuten, das ist Legendär und dazu noch 19 Stück auf dem Album. Andere haben 10 Songs und davon taugen dann 8 nichts. Die Beats erinnern an The Man on the Moon, einzig "Wounds" hat was von Indicud. Wer The End of The Day kennt wird bei "The Commander" ein erfreuliches Wiedersehen erleben. "Dance 4 Eternity" ist ein absoluter Hit. "The Kitchen" macht irgendwie gute Laune, kann man den ganzen Tag laufen lassen. "Swim in the Light" ist ein schöne Stück, vielleicht für einige wegen dem Refrain zu anstrengend. Einzig mit "Releaser" dürften einige nichts damit anfangen können. Cudi kam erst neulich aus der Klinik. Mit diesem Album hat er definitiv seine Dämonen besiegt. Ein abwechslungsreiches und rundes Album.
    5 Sterne!

  • Vor 6 Monaten

    Album des Jahres. Seit vier Tagen auf Dauerrepeat. Kopka, du bist fällig.

  • Vor 6 Monaten

    Mir gefällts. Hat diese "Momente". Finds auch zu lang, aber in der passenden Stimmung eignets sich auch zum komplett Hören. Die Kritik an "Swim In The Light" kann ich nicht teilen - für mich ein Highlight. Das anschließende "Releaser" passt an der Stelle ebenfalls, folgt doch mit "By Design" eines der Highlights. Kid Cudi & Andre 3000-Kollabo wär nice.

  • Vor 6 Monaten

    Wirklich schön, dass cudder endlich nach all der Zeit wieder so klingt wie auf seinen ersten beiden Werken. Alles in allem ganz nice geworden, obwohl sich die ersten 3 songs ziehen. Ab By Design wirds dann hammer, insgesamt hätte es aber schon etwas kürzer sein dürfen. 3,5 - 4 / 5

  • Vor 4 Monaten

    Das ist und so weit darf man sich am Anfang des Jahres ruhig mal aus dem Fenster lehnen, DAS Album des Jahres!