laut.de-Kritik

Der Rapper will mehr bewegen, als nur die Ärsche im Club.

Review von

Ein in Ketten gelegter Kendrick Lamar schlurft im Knast-Outfit zum Mikrofon. Mit finsterem Ausdruck im Gesicht beginnt er zu rappen. Erst "The Blacker The Berry", dann "Alright", zum Schluss des Medleys einen damals noch unbekannten Titel. Der Blick, die Bewegungen, der Vortrag – Kendrick wirkt leidenschaftlich. Besessen. Fast schon wahnsinnig. Das anfangs verblüffte Publikum reagiert mit standing ovations, immerhin wurde es gerade Zeuge einer der besten Grammy-Performances der letzten Dekade. Und doch hat der Auftritt etwas Groteskes: Mit seinem Schmetterlingsepos hielt Kendrick der mit Make-Up zugekleisterten Botox-Visage einer oberflächlichen Musikindustrie den Spiegel vor. Nun klatscht ihm diese auf einem genauso oberflächlichen Event frenetisch Beifall, wo sie doch eigentlich vor Scham im Stuhl versinken müsste.

Wieder einmal bewahrheitet sich, was Lamar so oft anprangert: Trotz seines Status als Superstar verhallt die Botschaft seiner Musik in der Champagner-geschwängerten Grammy-Luft. Niemand will sich die Party verderben lassen. Der Auftritt hatte zumindest eine erfreuliche Folge: Lebron James höchstpersönlich forderte auf Twitter die Herausgabe der bisher unveröffentlichten Tracks. Und siehe da: Knapp eine Woche später dreht Kendrick mit "Untitled Unmastered." eine "To Pimp A Butterfly"-Ehrenrunde, die seinen Status als wichtigster Künstler der Gegenwart untermauert.

"Demos from To Pimp A Butterfly. In Raw Form. Unfinished. Untitled. Unmastered." Lamar beschreibt es selbst am treffendsten: "Untitled Unmastered." ist weder Album noch Mixtape, viel mehr gewährt es tiefe Einblicke in seinen kreativen Schaffensprozess. "[You] told me to use my vocals to save mankind for you / [Don't] say I didn't try for you, say I didn't ride for you, or tithe for you, or push the club to the side for you." Ob es ihm nun von Gott auferlegt wurde, oder er sich einfach persönlich berufen fühlt: Kendrick trägt immer die Bürde mit sich, mit seiner Musik mehr zu bewegen als nur die Ärsche im Club.

Und so birgt auch "Untitled Unmastered." Geschichten über Religion und Spiritualität, die institutionalisierte Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA und Kendricks persönlichen Widerspruch zwischen dem Ruhm des gefeierten Rap-Superstars und der blutigen Realität auf den Straßen seiner Heimatstadt Compton. Das Motto bleibt dabei immer dasselbe: "Head ist he answer, head ist he future, don’t second guess yourself." Immer mit Köpfchen, dann wird das schon.

Mit der gewohnten Mischung aus nüchterner Beobachtung und brutal ehrlicher Selbstreflexion entwächst "Untitled Unmastered." schnell dem Label 'Bonusmaterial'. Das anprangernde "Untitled 05 | 09.21.2014." ist nicht nur das großartigste Stück Musik der Platte, sondern hätte auch locker auf dem Vorgänger Platz gefunden. Auf "Untitled 02 | 06.23.2014." variieren Stimme und Flow so abwechslungsreich, dass man Kendrick wegen Schizophrenie in die Psychiatrie einweisen möchte.

Genauso finden sich aber auch Stücke wie "Untitled 03 | 05.28.2013." auf der Platte, die zwar fertig klingen, den Cut auf "TPAB" aber aus gutem Grund nicht geschafft haben. Überladen mit Stereotypen sinniert Kendrick über den Umgang mit Ruhm und Reichtum in verschiedenen Kulturen, lässt dabei aber jedwede Meta-Ebene vermissen.

Wenn man das Gefühl hat, dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können, kommt durchaus mehr Spannung auf: "Untitled 07 | 2014 – 2016" entstand laut Titel über mehrere Jahre und klingt auch genauso diffus. Mehr Jamsession, denn fertiger Song, geben solch skizzenhafte Tracks dem Album einen Jazz-Anstrich, der weit über das simple Samplen dieser Musik hinausgeht. Die musikalische Entwicklung macht den nächsten logischen Schritt: Organischer Jazz, Funk und Blues verdrängen den auf "TPAB" noch teilweise zelebrierten klassischen Boom-Bap vollends. Befreit von allen Fesseln der Musikindustrie verzichtet Kendrick radikal auf herkömmliche Formen und Strukturen und lässt sich stattdessen zwanglos treiben. Kurz findet er Halt in neuer Inspiration, bevor er wieder vom Fluss seiner Kreativität mitgerissen wird.

Wer tief genug gräbt, findet schier unzählbare Assoziationen: "Unmastered" steht nicht nur für das unfertige Mastering der Songs, sondern eben auch für die Befreiung vom "master", dem Sklavenhalter. Die schon auf "To Pimp A Butterfly" etablierte Figur des King Kunta hat ihre Wurzeln in Alex Haleys "Roots", einem der wichtigsten literarischen Werke über die Sklaverei in den USA.

Dabei koexistiert der Selbstliebe propagierende "i"-Kendrick neben dem moralisierenden "The Blacker The Berry"-Kendrick ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Beide Rollen nimmt man dem good kid aus der m.a.a.d. city gleichermaßen ab.

Ganz ohne großes "The Life Of Pablo"-Brimborium haut Kendrick Lamar mit "Untitled Unmastered." still und leise ein Album raus, das keine Songtitel, Ankündigungen und Promotion nötig hat. Denn beweisen muss uns Kendrick schon lange nichts mehr.

Trackliste

  1. 1. Untitled 01 | 08.19.2014.
  2. 2. Untitled 02 | 06.23.2014.
  3. 3. Untitled 03 | 05.28.2013.
  4. 4. Untitled 04 | 08.14.2014.
  5. 5. Untitled 05 | 09.21.2014.
  6. 6. Untitled 06 | 06.30.2014.
  7. 7. Untitled 07 | 2014 - 2016
  8. 8. Untitled 08 | 09.06.2014.

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