laut.de-Kritik

Der Ex-Roboter macht die beste Kraftwerk-Platte seit 30 Jahren.

Review von

Endlich eine neue Kraftwerk-Platte! Noch dazu die beste seit 1981 und nicht so eine lau aufgegossene musikalische Nichtigkeit wie die letzten Kraft-Werke. Sicher, auf den ersten Blick ist es lediglich Karl Bartos' Soloprojekt. Doch dem ewigen Dritten in der Menschmaschine ist viel mehr gelungen: Eine echte Bestandsaufnahme der Jahre 1977 - 1993. Etwas nostalgisch, zaghaft gegenwärtig, aber vor allem voll melodischer Substanz. Ein kraftstrotzendes Werk.

Nicht umsonst führte man den Wahlberliner seit "Die Mensch-Maschine" als Co-Autor vieler wichtiger Songs. Sein verspielter und bei aller Rhythmik sehr Melodie betonender Beitrag spielt dort eine ähnliche Rolle wie George Harrison bei den Beatles: Talentiert und essentiell, aber in der Öffentlichkeit nicht ganz so wahrgenommen etwa die Bandgründer Hütter und V2-Schneider bzw die Teilzeitkraftwerker Michael Rother/Klaus Dinger. Doch damit ist nun Schluss!

Schon das Cover mit einer Variation seines legendären Roboterpuppenkonterfeis räumt mit der Zurückhaltung auf. Selbstsicher und doch unübersehbar skeptisch blickt der Gummibartos in unsere musikalisch gelegentlich etwas beliebige Gegenwart. Sein Dutzend Lieder gibt zu Skepsis jedoch keinen Anlass. Schon der Einstieg "Atomium" schlägt den einen oder anderen durchschnittlicheren Track des 1986er Opus "Electric Cafe" um Längen. Wuchtig und auf den sterilen Punkt.

Elegant widersteht Bartos der Versuchung, seine akustischen Tagebücher aus ferner Roboterzeit mit trendy Modernismen zu überfrachten. Seine Statements bleiben zeitlos. Die Gegenwart existiert nur als Fußnote wie etwa beim frankophonen, dezent an die Enkel von Air gemahnenden "International Velvet". Keine "Moon Safari" ohne den Taufpaten Onkel Karl.

Alles darf hier Pop sein, doch Seelenlosigkeit als Musik gewordenes Credo bleibt außen vor. Ein unterhaltender Gute-Laune-Ohrwurm wie "Nachtfahrt" zeigt den ehemaligen Androiden gar als echten Romantiker, dem kein Weg zu weit ist, die Geliebte zu erreichen. "Ohne Sinn und Verstand. Das bringt mich noch mal um" verbindet die Bestandsaufnahme jeglicher Gegenwart so nonchalant mit einer humorig-menschlichen Angepisstheit, wie es in der Mutterband nicht eine Sekunde lang möglich gewesen wäre. Nicht nur hier verzichtet er auf den Einsatz der Robovoice. Der Hörer bekommt eine Idee vom Klang Bartos' natürlicher Stimmlage.

Souveränität schafft Wärme durch Entblößung, etwa in "Without A Trace Of Emotion". Das Experiment gelingt. Das mit über fünf Minuten längste Stück "Musica Ex Machina" macht hernach den prähistorischen Technosack so richtig zu. Der fette Dancefloorkracher nagelt sich regelrecht durch einen bleependen und klonkenden Maschinenpark. Disko für Fritz Lang-Fans galore. So hoffnungslos neben der Spur jeglichen Zeitgeistes, dass es eine Freude ist.

Das außergewöhnlichste und faszinierendste Lied ist dennoch das weniger dynamische "The Tuning Of The World" mit ebenso simpler wie bärenstarker Melodielinie. Sehr berührend, wie das lyrische Ich in melancholischer Selbsterkenntnis um Spiritualität und Glauben ringt, ohne sich als der Ratio verschriebener Mensch am Ende zum Glaubensakt durchringen zu können. Trostlosigkeit im Angesicht der Vergänglichkeit allen Seins. "I wish I could believe in God. Life would be just safe and sound ... I hope I die gracefully." Mit solch erfrischend philosophischer Emotionalität wäre er bei den alten Kollegen nie und nimmer durchgekommen. Großartiger Song, perfekter Solomoment.

Wenn es so etwas wie die totale Emanzipation von der übermächtig anmutenden Mutterband geben kann, ist sie Karl Bartos mit dieser CD eindrucksvoll gelungen. "Off The Record" biete tollen Elektropop für den keimenden Frühling. Nicht nur für Roboter!

Trackliste

  1. 1. Atomium
  2. 2. Nachtfahrt
  3. 3. International Velvet
  4. 4. Without A Trace Of Emotion
  5. 5. The Binary Code
  6. 6. Musica Ex Machina
  7. 7. The Tuning Of The World
  8. 8. Instant Bayreuth
  9. 9. Vox Humana
  10. 10. Rhythmus
  11. 11. Silence
  12. 12. Hausmusik

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14 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Hammer, muss ich gleich mal reinhören! An sich eine gute Rezension. Aber Kraftwerk mangelnde Emotionalität vorzuwerfen ist eigentlich sinnlos, da dies ja gewissermaßen zum Konzept der Band gehört.

  • Vor einem Jahr

    ist ja slightly unfug, kraftwerk fehlenden humor vorwerfen zu wollen. bartos' platte mag gut sein, aber "beste kraftwerk-platte seit 30 jahren" ...? ömm .... NOT! und überhaupt: wieso muss man sein schaffen derart in opposition zu seiner ex-band setzen?

  • Vor einem Jahr

    das ist doch nicht euer ernst. ich war geradezu geschockt beim hören der 1. single und des albums. die stücke sind wirklich nicht gerade gut und unterbieten alle bisherigen bartos-veröffentlichungen - von kraftwerk wollen wir ja gar nicht reden. die wenigen guten ideen werden mit dem heimkeyboard-sound komplett zerstört. ein großteil der platte wird gefüllt mit abwandlungen eigener stücke und abwandlungen von kraftwerk-stücken. am kuriosesten ist dabei wohl "hausmusik" - ein ripoff des kraftwerk-stückes "tanzmusik", welches entstand bevor bartos überhaupt bei kraftwerk war

  • Vor einem Jahr

    @dulf (« hab jetzt mal auf grund der kritik reingehört. klingt leider furchtbar altbacken. wie mittelgute demo versionen von kraftwerk mitte der achtziger. oder peter heppner heute. »):

    die stücke sind ja auch zwischen 20 und knapp 40 jahren alt.
    man muss die platte ja nicht zwingend von heute aus beurteilen. es geht auch aus der zeit heraus. :)

  • Vor einem Jahr

    Ja, eine launige Sammlung von Songs, die es wohl zu Recht nicht auf die alten Kraftwerk-Alben geschafft haben oder hätten. Allerdings kein eigenständiges Werk. Ein Konzept fehlt hier ganz, wenn man schon den Vergleich zum Original ziehen will. Schon erstaunlich, was hier z. T. hochgelobt und was verrissen wird...

  • Vor 7 Monaten

    Hat noch jemand gestern das 1Live-Interview mit dem gehört? Der Interviewer hat ungefähr tausendmal die Unterüberschrift des Artikels hier zitiert ...
    Davon ab war's aber ganz nett.