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Vor etwa 15 Monaten YEvolutionierte Kanye West die Hip Hop-Welt. "The College Dropout" schlug ein, verkaufte sich mehrere Millionen Mal, sackte etliche Awards ein und machte den Louis Vuitton Don zum meistgefragten Produzenten des Hip Hop/Pop-Zirkus (Kostenpunkt: schlappe 100.000 $ pro Beat). Jetzt ist Zeit für "Late Registration" – sein zweites Album. Und eines ist ganz schnell klar: Mr. West hat sich weiter entwickelt.
Dabei ist Vieles beim Alten geblieben: das College-Thema, der Bär auf dem Cover, die illustren Gäste und Titelstorys gleichermaßen in Fachmagazinen wie der JUICE und in Genre-fremden Blättern wie dem TIME Magazin. Eines hat sich jedoch gewaltig verändert: der Sound des etwas überheblich wirkenden Chicagoers mit dem verschobenen Kiefer. War das Debüt noch so exakt auf den Hip Hop-Punkt gebracht, dass es sich zum Lieblingsalbum von Conscious-Rap-Fanatikern UND Jiggy-Rap-Verfechtern mausern konnte, reißt Kanye diesmal mit frechem Selbstverständnis konsequent die Genre-Grenzen ein.
Natürlich war schon davor klar, dass sich ein Kanye West genauso wenig um Genre-Grenzen und Rap-Dogmen schert, wie um seine Rechnung bei Jakob the Jeweler. Mittlerweile erhebt der Roc-A-Fella-Hausproduzent allerdings den Anspruch, epochale Musikstücke zu schaffen, auf den Spuren von Quincy Jones gewissermaßen. Ganz selbstverständlich gibt er als seine zwei wesentlichen Einflüsse auf "Late Registration" Fiona Apple und Portishead an. Das hört sich ziemlich außergewöhnlich an? Ist es auch!
Hilfe für diese Aufgabe holte er sich bei Jon Brion. Der Multiinstrumentalist hat mit pompösen Drum- und Streicherarrangements seine Finger bei den eindrucksvollsten Tracks der Platte im Spiel. Etwa bei "Heard 'Em Say" – einer verträumt-genialen Liebesballade, die nicht nur aufgrund der Zusammenarbeit mit Adam Levine von Maroon 5 schlicht und ergreifend Popmusik ist. Unbeschreiblich gute Popmusik! Kanye West macht's möglich. "Roses" – ein traurig-fesselnder Song für die im Sterbebett liegende Großmutter, schlägt in genau die gleiche musikalische Kerbe.
Auf "Bring Me Down" begeistert Kanye mit Brandy und einem 29-köpfigen Orchester in einer R'n'B-Nummer, die sich weitab des Genre-typischen Einheitsbreis behauptet. Und es geht weiter: ein Etta James-Sample gibt dem düsteren "Addiction" eine faszinierend traurige Note, während Ray Charles und sein wiedergeborenes Ich Jamie Foxx "Gold Digger" zu einem unverschämt sympathischen Jazz-Rap-Track machen.
Die angesprochenen Songs weisen die Richtung für zukünftige Popmusik. Natürlich hat Kanye aber mehr zu bieten. In die Vergangenheit entführt der einzige nicht von Kanye produzierte Beat "Touch The Sky". Just Blaze versieht dabei die Drums des Curtis Mayfield-Klassikers "Move On Up" mit ein wenig mehr Druck, lässt das Meisterstück aber fast im Original über die Spuren laufen. Was bei Just Blaze und Curtis Mayfield wunderbar funktioniert, gelingt Meister West selbst leider nicht. Er versucht sich an Gil Scott-Herons Supernummer "Home Is Where The Hatred Is", schraubt dabei aber die Geschwindigkeit so weit runter, dass nicht einmal Common den Track retten kann. Neben der Liebeserklärung an die Mutter ("Hey Mama") der einzige Ausfall auf "Late Registration".
Doch auch Rapmusik ohne Kompromisse hat Kanye – Gott sei Dank – auf dem Album. Alle voran marschiert das unter die Haut gehende "Crack Music". Black Power-Kult auf Marschtrommeln, dazu immer wieder zwei beschwörende Sätze von Kollaborateur The Game: "That's that crack music, Nigga. That real black music, Nigga!" Großartig. In der gleichen Liga spielen vier weitere Tracks, obwohl sie nicht an die Intensität von "Crack Music" heranreichen: "Diamonds From Sierra Leone" mit Jay-Z, "We Major" mit Nas, "Drive Slow" mit Paul Wall und "Gone" mit Cam'Ron. Bei den Namen der Gäste sollte sich jede weitere Erklärung erübrigen.
Um bei all dem Lob schließlich zu einem Ende zu kommen, sei so viel gesagt. "Late Registration" präsentiert sich zu kompakt und zu vielschichtig, um nur im Rap-Zirkus für Furore zu sorgen. Kanye West muss mit all seiner Großspurigkeit und Genialität endgültig auf das Schlachtfeld der Popmusik entlassen werden, um dort mal richtig aufzuräumen. Hip Hop sollte sich nicht dagegen wehren. Hip Hop sollte stolz darauf sein, ein solches Talent hervorgebracht zu haben.
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