laut.de-Kritik

Werkstattsaufen statt Café Latte.

Review von

"Einfach an 'Karma' nahtlos anzuknüpfen, kam für uns nicht in Frage. Wir wollten unseren Horizont erweitern", erzählen uns Kärbholz im Promo-Text. Ja stimmt, ein bisschen was hat sich geändert seit 2015. Die Bläser sind weg, das Klavier ist weg, klassische Bandbesetzung regiert auf "Überdosis Leben". Aber ansonsten? Business as usual im La-La-Land. Moment, eine Änderung fällt tatsächlich auf: Kärbholz sind langweiliger geworden.

Die Konzentration auf die Kernelemente des Sounds und der damit verbundene Wegfall zusätzlicher Instrumente geht leider einher mit Abwechslungsarmut. Vielleicht hätte ein Dudelsack besser gleich das Gitarren-Lead in "Ich Hoffe Du Kannst Mich Sehen" übernommen, wenn es schon so klingen soll, als könnte es ein Dudelsack spielen. Wenn mittelschnelle Palm-Mute-Achtel-Strophen zum Trademark der Band zu werden drohen, ist die beste Lösung vermutlich nicht, die Gitarren noch mehr ins Zentrum zu rücken.

Dabei agieren Kärbholz gerade in der ersten Hälfte der Platte mit solcher Überzeugung vorhersehbar, dass man sie fast schon wieder lieb haben muss. Zwei Songs vorüber, eigentlich Zeit für ruhige Klänge, oder? Gerade gedacht, laufen die Clean-Arpeggios auch schon rein und "Feuerräder" startet balladesk. Was man den Herren zugute halten muss: Den metallischen Breakdown hört man in der Form nicht unbedingt kommen.

Überhaupt haut die Band zwischendurch gerne mal auf die Kacke und schielt vom Deutschrock-Dampfer hinüber ins Heavy Metal-Land. "Evolution Umsonst" packt mit Gastsänger Lenny "Grinder" Osterhus gar das Shout-Organ aus. Leider klingt das im Kontext in etwa wie das Guttural-Äquivalent zu Eddie Hermidas Clean-Vocals bei Suicide Silence. Apropos Gesang: Torben Höffgen scheint sich gefühlt immer weiter Philipp Burger anzunähern. Über die stilistischen Ähnlichkeiten sprachen wir ja bereits beim letzten Mal.

Die Frei.Wildsche Ska-Vorliebe lebt man dann auch in "Perfekt Unperfekt" aus, dessen Text einem Andreas Bourani wie auf den Leib geschneidert wäre. Nur das "Scheiße" müsste man vorher rausnehmen. Bevor die Hemdsärmelrocker aber allzu tief in Kitschgefilde rutschen, versichern sie lieber "Da Ist Noch Leben Drin" und packen das Maschinengewehr-Schlagzeug aus. Tatsächlich einer der stärksten Songs des Albums; ein flotter, gut gezimmerter Genreritt.

Die Fans freut's sicher, denn zu "Überdosis Leben" kann man auf Konzerten wunderbar die Fäuste schütteln, Mitgrölen, Pogen und ab und an auch mal das Feuerzeug wedeln. Zum heimlichen Hit dürfte sich wohl die Bodenständigen-Hymne "Kind Aus Hinterwald" mausern. Der Track sticht aufgrund seiner sanften Folk-Atmosphäre mit Fidel und Akustikgitarre hervor und formuliert zwischen den Zeilen wohl das inoffizielle Motto der Combo aus Ruppichteroth: Werkstattsaufen statt Café Latte. Prost.

Trackliste

  1. 1. Ich Hoffe Du Kannst Mich Sehen
  2. 2. Überdosis Leben
  3. 3. Feuerräder
  4. 4. Ich Kann Es Nicht Ändern
  5. 5. Nur Wir Beide
  6. 6. Kind Aus Hinterwald
  7. 7. Evolution Umsonst
  8. 8. Der Spiegel
  9. 9. Perfekt Unperfekt
  10. 10. Da Ist Noch Leben Drin
  11. 11. Nur Einen Satz
  12. 12. Schwerelosigkeit
  13. 13. Weck Mich Nicht Auf
  14. 14. In Flammen Stehen

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