laut.de-Kritik

Wir sitzen auf dem Pulverfass und baumeln mit den Beinen.

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"Crook, was geht? Hier spricht Just", tönt Just Blaze vom Band des Anrufbeantworters. "Yo, ich hab' das Album gehört. Du wirst eine ganze Menge Leute damit verärgern, weil du eine ganze Menge Wahrheiten aussprichst." Hässliche, unfrohe, gruselige Wahrheiten: "Good Vs. Evil" birst vor so vieler dieser moments of truth, keine Frage, dass sich da mancher ganz gewaltig auf den Schlips getreten fühlt.

Vermutlich steckt eine große Portion Selbstschutz dahinter, dieses apokalyptische Konzeptalbum statt vor der eigenen Haustüre auf einem fiktiven "Planet X" anzusiedeln. Allzu leicht ließe sich KXNG Crookeds Racheepos als Aufwiegelei und Aufruf zur Gewalt gegen die Staatsmacht auslegen. Was vermutlich ohnehin geschehen wird: Man braucht kaum Phantasie, um zu erkennen, dass "Good Vs. Evil" die aktuelle politische Lage porträtiert, wie sie in den USA längst Realität ist und auf die auch wir hier in atemberaubender Geschwindigkeit zusteuern. Ein flüchtiger Blick in die Nachrichten genügt.

Die Mittelschicht: nicht mehr existent. Geld (und damit alle Macht): in den Händen weniger, die sich auf Kosten aller anderen skrupellos die Taschen vollstopfen. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Die Umwelt: ohnehin am Arsch. In einem Land, das einst als Heimstätte der Freiheit galt, jedoch längst nicht mehr zu bieten hat als "a wasteland created by the greedy that feeds on the poor", regieren Rassismus und Polizeigewalt. Die Menschen krepieren auf den Straßen. Angesichts dessen bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: verzweifeln - oder sich zur Wehr setzen.

KXNG Crooked wählt in seinem waffenstarrenden, bluttriefenden Setting das Gegenteil vom christlichen Die-andere-Wange-hinhalten: In seiner Welt haben sich Vorhersagen, wie sie Nation of Islam-Führer Louis Farrakhan oder Tupac Shakur, beide im Intro zitiert, trafen, längst erfüllt. Statt, wie die Black Panthers, zu den Waffen zu greifen und den Cops den Krieg zu erklären, nachdem eine der ihren unter zweifelhaften Umständen tot in einer texanischen Gefängniszelle aufgefunden wurde, haben KXNG Crookeds Protagonisten schon abgedrückt.

Der Schritt in die Gewalt erscheint erschreckend nachvollziehbar. Wenn "Robocop Went Pop", wenn gehirngewaschene Schergen der Staatsmacht deine Leute abknallen und es zieht keinerlei Konsequenzen nach sich, erhebt das das Zurückschießen nicht geradezu zur moralischen Pflicht? Der innere Pazifist windet sich, hat er doch zeitlebens die Mär von der Überlegenheit des Wortes gegenüber dem Schwert eingetrichtert bekommen. "If you prove the pencil's mightier than the sword they give you lead, nigga." Da bröselt die Friedfertigkeit doch ziemlich.

Auch die Erkenntnis "There is no money in justice and peace" (wohl aber, wie "Obey (KXNG's Speech)" ebenfalls weiß, in Korruption, Gefängnissen, Ausbeutung und Krieg) trägt nicht gerade dazu bei, die tickende Zeitbombe zu entschärfen. Diejenigen an der Spitze der Nahrungskette werden ihr Vorgehen nicht ändern. Warum sollten sie auch? Die 99 Prozent, die dem einen Prozent die Zeche zahlen, werden sich das vielleicht noch eine Weile lang bieten lassen, sicher aber nicht bis in alle Ewigkeit - und dann?

"How can I explain to you in two bars? We FUBAR" - fucked up beyond all recognition. Irgendwann bricht jeder Damm. Die Zeit für Demonstrationen wird irgendwann vorbei sein. Das geknechtete Volk wird sich, "sick of holding up signs", zur "Rebel Party" formieren und, halb beflügelt, halb getrieben vom "Revolutionary Funk", einen Umsturz lostreten. Auf "Good Vs. Evil" sind sie schon soweit, allerdings: "The revolution will not be livestreamed."

KXNG Crookeds Hauptfigur weiß durchaus, dass zwischen Volksheldentum und Wahnsinn nur ein schmaler Grat liegt, auf dem es zu tanzen gilt. In gewisser Weise "CrazyPsychoLoco" muss sein, wer einem übermächtigen, über Generationen hinweg etablierten System die Stirn bietet. Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Vorgehens kommen auf, und doch: "This is not an apology letter", stellt "I Want To Kill You" per Postscriptum klar. "Fuck you eternally." Nö, das ist viel mehr Protestsong und Kriegsgesang und steht damit in bester Rhythm and Blues-Tradition.

Abgesehen von dieser Nummer, der Astray mit gesungener Hook den R'n'B einhaucht, drückt "Good Vs. Evil" auch musikalisch auf alle Knöpfe, mit denen sich die angemessene Stimmung erzeugen lässt. Schon "A Just Message" stellt die ganz großen Blockbuster-Kulissen auf. Die unverhohlene Drohung, die in den Worten von "Welcome To Planet X" steckt, schwingt in den unheilvoll brummelnden Synthies und drückenden Bässen mit. Genauso finster kriecht der Bass unter den grell flötenden Melodien von "Dem People" entlang. Der Neid auf die vermeintlich grünere Wiese des Nachbarn findet da sein Ende: Hier wächst überhaupt kein Gras mehr.

"Robocop Went Pop" bedient sich einlullender Klänge. Statt zu beruhigen, vermittelt der Sound den bedrohlichen Eindruck dicker, klebriger Spinnweben. "Revolutionary Funk" fährt, der Titel lässt es ahnen, dann wieder knallharten P-Funk auf. Schüsse, Sirenen, Megafondurchsagen, wütendes bis panisches Stimmengewirr und ähnliche Lautmalereien illustrieren immer wieder das gnadenlos gewalttätige Geschehen.

Neben Just Blaze, der seine Einschätzung zu Beginn bereits kund tat, stellen sich allerlei prominente Kollegen auf KXNG Crookeds Seite. Eminem dreht in "Welcome To Planet X" die Scheinwerfer in die richtige Richtung. Xzibit sinniert im gesprochenen Zwischenteil von "Dem People" über das grundlegende Problem des Systems. Biggie, Pac, Big L und Nate, in Crookeds Paralelluniversum noch am Leben, können - mit Ausnahme des Zweitgenannten - zwar nicht mehr viel beitragen. Dafür klingt Tech N9nes Schlusswort in "Shoot Back (Dear Officer)" wie eine Warnung: "Real niggas takin' over, baby. Listen to Crook."

Ja, hört diesem Mann bloß genau zu: "Mit 'Good Vs. Evil' habe ich eine Welt erschaffen, in der die Opfer von Polizeigewalt, einer korrupten Regierung und einem diskriminierenden Klassensystem zurückschlagen", sagt er. "Nicht mit schweigendem Protest, sondern mit Gewalt. Manchmal musst du die Menschen aufrütteln und schockieren, damit sie dir Aufmerksamkeit schenken."

"Good Vs. Evil", ein brutales, aufrührerisches, aufwühlendes Stück Sozialkritik, erfüllt diesen Anspruch. Immerhin: Noch bewegen wir uns hier um eine Haaresbreite entfernt von diesem Szenario. Noch sitzen wir recht bequem auf dem Pulverfass, baumeln mit den Beinen und sehen der Lunte beim Brennen zu. Noch.

Trackliste

  1. 1. A Just Message
  2. 2. Welcome To Planet X
  3. 3. Dem People
  4. 4. Robocop Went Pop
  5. 5. Rebel Party
  6. 6. I Want To Kill You
  7. 7. CrazyPsychoLoco
  8. 8. Intergalactic Hustling
  9. 9. Revolutionary Funk
  10. 10. Shoot Back (Dear Officer)
  11. 11. Obey (KXNG's Speech)
  12. 12. The Oath
  13. 13. KXNG Tut
  14. 14. Puppet Master

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