laut.de-Kritik

Hell No! Wann kommt die Naidoo-Kollabo?

Review von

Flirrende Kolibri-Gitarren schwirren federleicht und schneidig durch das Titelstück des neuen KMFDM-Albums "Hell Yeah". Beats pluckern und ballern von links nach rechts. Die typisch verzerrten Vocals sind präsent. Der Rhythmus treibt unerbittlich nach vorn. Alle Trademarks künden von triumphaler Rückkehr. Und doch versickert der Song als laue Selbstkopie im Treibsand des unbedingten Willens, Teil zwo von "A Drug Against War" sein zu wollen.

Doch es kommt noch schlimmer: Seit längerem ist das Kollektiv bereits in fester Hand des Ehepaares Konietzko/Cifarelli. Bandgründer Sascha nebst Gattin und Sängerin Lucia verdrängen den kreativ vielseitigen Input vergangener Tage, Mitglieder verkommen zu Statisten. Dass Cifarelli neuerdings beim Songwriting gleichberechtigte Partnerin ist, mag für den Haussegen gut sein. Der ehemals so bedeutenden Band versetzt es leider den Todesstoß.

Das Problem ist nicht neu. Konietzko ist als Songwriter lediglich gut, sofern seine Mitstreiter inspirierten Input bieten. Entsprechend komponierten En Esch oder Tim Skold große Teile ihrer beiden besten Platten "Angst" und "Symbols" samt Killertracks wie "Light", "Megalomaniac", "Anarchy" oder "A Drug Against War" maßgeblich mit.

Im direkten Vergleich stinken die neuen Tracks deutlich ab. Laue Eigenimitate der Sorte "Freak Flag" oder "Shock" weisen höchstens B-Seiten-Qualität auf. "Murder My Heart" hätte ein annehmbarer Elektrorocker werden können, wäre da nicht die neue Idee, den Track mit Kirmestechno-Beats aus Scooters Bummsbude zu ruinieren.

Lucia Cifarrelis solide Vocals reichen ohnehin keine Sekunde an Volumen und Charisma der Vorgängerin Dorona Alberti (u.a. "Light") heran. Tiefpunkt ihrer Vorstellung ist das künstlich auf derb gebürstete "℞ 4 The Damned". Spätestens im Chorus verlassen KMFDM ihre Eingenständigkeit und trimmen den Song hörbar auf Atari Teenage Riot. Einziger Ausreißer nach oben ist "Only Lovers".

Konietzko bietet bis auf das gelungen aggressive "Burning Brain" samt tollem Solo nur Rohrkrepierer. Lohnende Ansätze - etwa die Hammondorgel - dampft er zu ultrakurzen Fetzen ein, deren Wirkung sich kaum entfaltet. Am schlimmsten trifft es den hauseigenen Evergreen "Rip The System v. 2.0". Der Wahlhamburger ertränkt sein Juwel in einer Suppe aus altbackenem EBM, Volksfest-Sirenensynthie und unpassendem Reggae-Touch. Zumindest fragwürdig ist hier auch die Creditsangabe. Obwohl das CD-Booklet Konietzko vollmundig als alleinigen Autor angibt, handelt es sich bei der Nummer vom 1989er Album "UAIOE" bekanntermaßen um ein En Esch/Konietzko-Stück.

Geht es noch schlimmer? Ja! Wer einen Blick auf die Texte wirft, fasst sich an den Kopf. Während der Populismus sogar im Weißen Haus grassiert, nicht nur in der Türkei unbescholtene Journalisten als Terrorpaten verhaftet werden und wir auch hierzulande mit rechtsextremen "Lügenpresse"- und "Regierung vor Gericht"-Krakeelern zu kämpfen haben, biedern sich KMFDM ausgerechnet bei diesen postfaktischen Gesellen an.

Ach klar, die Regierung hasst "euch, weil ihr frei seid" ("Oppression 1/2"), das System gehört ohnehin gerippt. Im fiesen "Fake News" bedienen sie jedes pressefeindliche Klischee ohne jegliche ironische Brechung. Sogar das antisemitisch belastete Bild des Brunnenvergifters holen sie aus der Mottenkiste, wie zuletzt auch etliche Gestalten der BDS-Bewegung. Hey Sascha, wann kommt die Naidoo-Kollabo?

Traurig zu sehen, wie eine ehemals hochgeschätzte Lieblingsband ihren früher so erfrischenden Ruf musikalisch und politisch komplett verspielt. Aus den künstlerisch goldenen Zeiten bleibt anno 2017 nur noch das Blech der Aluhüte.

Trackliste

  1. 1. Hell Yeah
  2. 2. Freak Flag
  3. 3. Oppression 1/2
  4. 4. Total State Machine
  5. 5. Oppression 2/2
  6. 6. Murder My Heart
  7. 7. Rip The System v. 2.0
  8. 8. Shock
  9. 9. Fake News
  10. 10. ℞ 4 The Damned
  11. 11. Burning Brain
  12. 12. Only Lovers
  13. 13. Glam Glitz Guts & Gore

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