laut.de-Kritik

Poesie zwischen Chanson, Liedermacher und Pop.

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"Einkaufsfahrt im Supermarkt / Kochen, bügeln, Tag für Tag": Wenn Juliane Werding im Opener "Sehnsucht Ist Unheilbar" sanft, aber gnadenlos das Leben der Hausfrau erzählt, springt diese bildlich als Jane Fonda der Kleingartensiedlung in der bunten Radlerbüchs' durch die miefigen Schulsporthallen, und die Wicherts laufen nebenan zu den Drombuschs.

"Abends fernsehn, morgens raus / Nachbarklatsch im Treppenhaus": Es riecht sofort nach Bohnerwachs, und in den Ohren klingeln die Bongotrommeln der Selbstfindungskurse aus umgebauten Bauernhäusern in der Heide. Knapp zehn Jahre nach der Gründung der "Emma" stoßen Emanzipation und Feminismus 1986 auch in die spießbürgerlichen Bereiche der Vororte vor.

Wie keine zweite Künstlerin gießt Juliane den Zeitgeist, diesen Wandel und die Aufbruchstimmung nach Jahrhunderten der Unterdrückung in einen der besten deutschsprachigen Popsongs aller Zeiten, ohne Fremdscham oder Überheblichkeit. Sie lebt das, was Marcus Wiebusch von But Alive in den 90ern so ausdrückt: "Du sagst, ich soll nur einmal sagen, wofür ich bin / Verdammt, sieh genauer hin / Ich bin dafür, dass Max Goldt den Nobelpreis gewinnt / Dafür, dass Juliet Binoche einen Oscar bekommt / Für ein besseres Leben der Hausfrau am Ende der Straße ..."

Die Sängerin, ein ehemaliger Bravo-Teenie-Star, ist keine Fahnenschwingerin wie Alice Schwarzer. Sie rockröhrt das Patriarchat nicht in Grund und Boden wie Jennifer Rush oder Bonnie Tyler. Vielmehr öffnet sie Ketten der gesellschaftlichen Konventionen mit Sinnlichkeit und Hoffnung. Wenn Juliane im Refrain singt: "Sie wollte nie ein Nein akzeptier'n / Sie wollte nie die Neugier verlier'n / Und noch immer sah sie sich im Cabrio fahr'n / Mit dem Wind im offenen Haar / Sehnsucht ist unheilbar", dann fühlt selbst Mann den Drang zur Freiheit durchschlagender als in jeder Ina Deter-Strophe. Juliane belächelt die besungenen Frauen nicht, sie gesellt sich musikalisch zu ihnen, ohne als zum damaligen Zeitpunkt erfolgreiche Künstlerin und ausgebildete PR-Managerin jemals die traditionell dem Mann zuarbeitende, Kinder erziehende Ehefrau gewesen zu sein.

Diese klassische Songwriter-Fähigkeit begleitet sie ein Künstlerleben lang, auf einer Stufe mit dem Boss. Nach dem World Trade Center-Anschlag am 11. September verarbeitete Bruce Springsteen in einem Album, "The Rising", den Schmerz der Angehörigen. Eine Frau, die Familienmitglieder verloren hatte, meinte damals sinngemäß: "Ich habe nach dem Anschlag viele Songs geschickt bekommen, was nett ist, doch sie waren belanglos. Außer die von Bruce. Warum? Er ist der Boss und seine Stimme ist wahrhaftig." Wäre das Lied "Sehnsucht Ist Unheilbar" eine Filmszene, so käme einem am ehesten Emma Thompsons legendärer Joni Mitchell-Moment in "Tatsächlich Liebe" in den Sinn.

Juliane Werding selbst geht Mitte der 80er in eine entscheidende Phase ihres Lebens. Nach frühen Mega-Erfolgen als Jugendliche und junge Frau ("Am Tag, Als Conny Kramer Starb" und "Wenn Du Denkst ...") und der Ausbildung im Medienbereich beginnt sie Ende Zwanzig, an ihrem Weg und ihrem Wirken zu zweifeln. Ihr 84er-Album "Ohne Angst", zum ersten Mal mit und von dem Duo Steinhauer/Kunze geschrieben und produziert, legt davon eindrucksvoll Zeugnis ab. Musikalisch ein dunkles, atmosphärisch sehr dichtes Werk, wirft es bereits in den Titeln Fragen auf ("Soll Das Alles Gewesen Sein", "Wie Bin Ich Hier Her Gekommen") und hebt warnend den Zeigefinger ("Geh Nicht In Die Stadt", "Lohn Der Angst").

Juliane emanzipiert sich zu der Zeit auch im Berufsleben erfolgreich von der Oberflächlichkeit des Showgeschäfts. Sie kündigt 1985 ihren PR-Job und beginnt eine Ausbildung als Heilpraktikerin. Wie die vorherige Platte, untermalt auch "Sehnsucht Ist Unheilbar" diesen Wandel eindrucksvoll. Mit ihrem neunten Album, auf dem auch erstmals drei Songs aus ihrer eigenen Feder stammen, lässt sie endgültig los. Sie stellt keine Fragen mehr, tritt als Künstlerin die Flucht nach vorne an und schafft Tatsachen.

In "Der Brief" sagt sie - oder die Protagonistin des Songs - sich von ihrer Mutter los. Fast jede Zeile schmerzt, die Nummer gerät als Abrechnung zu einem Zeitdokument des Wandels des Frauenbildes. "Du meinst, ich sollte dankbar sein / Doch was hast du von Heucheleien / Ich hab' mich leider nie gut verstellt / Zu lang hast du mich unterdrückt / Den Freiheitsdrang in mir erstickt / Und verspottet, was mir gefällt."

Noch heute leiden Generation unter der Spannung zwischen Mutter und Tochter. Auf der einen Seite: die Mutter, die sich für die Familie opferte und auch dank alter Rollenbilder nicht gleichberechtigt war. Die neidisch und ängstlich auf die neuen Möglichkeiten schaut. Auf der anderen Seite: die emanzipierte Tochter, mit eben allen Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten.

Die Musik schunkelt fast fröhlich im Midtempo und konterkariert so den harten Inhalt. Ansonsten schwebt sie mal geisterhaft im Hintergrund, mal prescht sie mit klarem Groove nach vorne, immer auf der feinen, oft grandios hymnenhaften Linie zwischen Chanson, Liedermacher und Popmusik, und lässt Juliane genügend Platz für ihre Poesie, die esoterisch-angehauchten Texte und ihre Suche nach Stärke und neuen Welten in sich selbst.

Der "Nachtexpress" symbolisiert dabei den Herrn der Ringe, der vordergründig Freiheit und Einfluss verspricht, einen aber aussaugt und in dem, schön nach Klassen getrennt, nur stumm Säufer und Spieler sitzen, die keiner vermisst: "Jeder will woanders hin / Doch alle wollen sie flieh'n / Aus der Dunkelheit der Welt / Im blauen Nachtexpress / Man sieht sich an / Doch keiner spricht / Wenn einer aussteigt / Wird er nicht lang vermisst.". Schlagzeug und Gitarre rocken dazu schön bräsig und gaukeln eine Party vor, die aber wie Bowle-Obststückchen im Halse stecken bleibt.

Im mystischen "Würfelspiel" entgleist der Zug gar, und Juliane versteht, nach einer schicksalhaften Begegnung am Bahnhof sitzend ("Dann gab es Alarm, Signal auf Rot, / der Zug entgleist, zehn Menschen tot. / Der Mann war fort, der Schleier fiel, / in meiner Hand hielt ich das Würfelspiel"): Es gibt kein Leben im falschen. So feiert die Ballade "Takt Der Zeit" im Refrain die Erkenntnis der Selbstbestimmung: "So lange die Erde sich um die Sonne dreht und das Meer mit dem Mond bewegt, werden wir dirigiert im Takt der Zeit."

Das Meer spielt in Julianes Hingabe zur Natur eine zentrale Rolle. Im lyrisch wundervoll aufgebauten "Land Überm Meer" nimmt sie sich die Musikindustrie vor. "Das, was mir fehlte, war Wärme / Doch sie waren wie Eis / Ich wollte das Herz und / bekam einen Stein / Ich bat sie um etwas Hoffnung / Sie sprachen vom Preis / Ich hab' angeklopft / Doch man ließ mich nicht rein." Sie sucht nicht mehr nur, wie auf "Ohne Angst", sie findet ihre Freiheit. Entsprechend endet der Text mit einem eindringlich wiederholten Loop: "Ich bleib' in dem Land, wo ich bin / In dem Land in mir drin."

Auch im bekanntesten Titel "Stimmen Im Wind" nimmt sie den Zuhörer mit ans Meer. "Schwarze Vögel, roter Himmel, Frau am Meer. Riecht an Blumen, aber ihre Hand ist leer." Der Song rotiert mit Synthie-Sound aus der Hüfte in Hecks Hitparade die Spulen wund, doch jede Zeile straft den massenkompatiblen Mitwipp-Mainstream Lügen.

"Sieht ein Schiff im Sturm versinken, hört Menschen schreien. Sie ist nicht verlassen, nur allein." Juliane erzählt von Toten und Geistern. Von Susann, die höchstwahrscheinlich gerade gestorben ("Lächeln in erschreckten Augen, blind vom Licht") und nun auf der Suche ist. Wonach? Eine der wundervollsten Zeilen der deutschen Pop-Geschichte prescht vor: "Pärchen auf vergilbten Fotos der Fantasie, Menschen die sich lieben sterben nie." Nach dem Tod ist vor der Liebe und dem Leben. "Sei nicht traurig, Susann / Es fängt alles erst an." Juliane zeigt dir den Weg.

Über 30 Jahre später funktionieren die Lieder immer noch ohne Fremdscham. Wenn in "Weich Und Warm" der Schneebesen swingt, kreisen träumerisch die Hüften, und Julianes warme Stimme, die so charismatisch raumfüllend und zart zugleich durch das Album führt, entfaltet ihre ganze erotische Anziehungskraft. Mit wenigen Mitteln hat sie ihren eigenen Stil kreiert, den sie in den folgenden Jahren mit Alben wie "Jenseits Der Nacht", "Tarot" und "Zeit Für Engel" weiter erfolgreich interpretiert. In den 90ern verschwindet deutschsprachiger Chanson-Pop zwar aus Zeitgeist und Charts, trotzdem veröffentlicht Juliane Werding noch zehn weitere Alben.

2009 beendet sie ihre Karriere und widmet sich vollständig als Heilpraktikerin den Menschen. Geblieben sind ein musikalisches Vermächtnis, das vor allem in den Texten und Stimme seinesgleichen sucht und immer noch zu wenig gewürdigt wird, und die Sehnsüchte, natürlich:

"Sehnsüchte verändern sich mit dem Alter, mit der Ausnahme von Kindheitsträumen. Aber ich finde, dass sich die meisten Sehnsüchte gar nicht erfüllen sollen. Eine gestillte Sehnsucht stellt sich meistens als gar nicht so befriedigend heraus wie man sich das immer vorgestellt hat. Wahrscheinlich ist es dieser Zustand der Sehnsucht, der so schön ist", so Juliane im Interview 2006. Sehnsucht bleibt halt unheilbar.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Sehnsucht Ist Unheilbar
  2. 2. Takt Der Zeit
  3. 3. Stimmen Im Wind
  4. 4. Der Brief
  5. 5. Nachtexpress
  6. 6. Das Würfelspiel
  7. 7. Weich Und Warm
  8. 8. Land Überm Meer
  9. 9. Alle Macht

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17 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ein bisschen Frieden ist natürlich ein Klassiker, der Rest war dann nicht mehr so gut.

  • Vor 2 Monaten

    Eines der besten deutschen Alben aller Zeiten. Produktion, Melodien, Texte, Stimme und Interpretin sind hier untrennbar eine Einheit. Selten. Tatsächlich.

  • Vor 2 Monaten

    Hach, da kommt Melancholie auf. "Stimmen im Wind" gehört zu den ersten Liedern überhaupt, an die ich mich erinnern kann. Gehörte Ende der 80er, anfang der 90er zur Stammplaylist, wenn meine Familie nach Schweden fuhr. Ich glaube sogar, dass das das allererstes Lieblingslied meines Lebens ist. Hach.
    Habe "Stimmen im Wind" seitdem vielleicht alle 10 Jahre einmal gehört, aber son bisschen Gänsehaut kommt da immernoch.
    Und überhaupt, viele, viele Jahre später ist mir aufgefallen, dass mich die Produktion, der Sound, erschreckend an Jeff Lynne erinnert. Also sehr hochwertiger Pop, das muss ich schon sagen.

    Darüber hinaus kenne ich quasi kaum ein anderes Lied von ihr und ich glaube, das bleibt auch erstmal so. Talent hat sie aber definitiv!