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Auch mehr als 30 Jahre nach dem tragischen Freitod von Joy Division-Sänger Ian Curtis steht das letzte Album der Band da, wie ein Monolith gewordenes Zeugnis der Musikgeschichte. Eine seltsame Ausstrahlung geht von "Closer" aus, seit das Album mit der Auslieferung an die Plattenläden, am 9. Juli 1980 der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht wurde. Manche der Texte gewähren tiefe Einblicke in den Gemütszustand ihres Verfassers, kommen einem als Poesie und Musik verpackten künstlerischen Exhibitionismus nahe.
Doch bei aller Seelenschau bleiben sie im Kern stets würdevoll verschlossen, verweigern sich der Vereinnahmung von außen und halten die Zuhörer auf Distanz, wie das gesamte Album auch. Allzu passend erscheint da die auf dem skulpturenbevölkerten Cimitero Monumentale di Staglieno in der italienischen Hafenstadt Genua aufgenommene Fotografie, die das Cover von "Closer" ziert. Stille Anteilnahme und entrückte Unnahbarkeit kulminieren auf bildlicher Ebene. Die einprägsame Fotografie gibt damit die Richtung für die Rezeption des Albums vor.
Wie schwer erarbeitet der Schritt von der punkrotzig aufspielenden Band, hin zur sich in dunkler Emotionalität beinahe verzehrenden Stilikone war, lässt sich erahnen, wenn man den Mitschnitt des Auftritts von Joy Division beim britischen Fernsehsender BBC vom 1. September 1979 betrachtet. In den angestrengten Gesichtern von Drummer Stephen Morris, der verbissen den Takt hält und Gitarrist Bernard Sumner, der stoisch-konzentriert seine Melodie- und Akkordfolgen anschlägt, ist deutlich abzulesen, dass die Band hier hart am Limit ihrer musikalischen Möglichkeiten spielt. Einzig Bassist Peter Hook macht einen den Umständen entsprechenden sicheren Eindruck an seinem Instrument. Die wenigste Mühe mit diesem Entwicklungssprung scheint Ian Curtis zu haben. Er absolviert den größten Teil des Auftritts mit geschlossenen Augen und ist dem Anschein nach ganz bei sich selbst.
"Transmission" und "She's Lost Control" sind als Bilddokument enthalten. Die beiden Songs zeigen einen Auftritt, der einer Gratwanderung gleichkommt. Diese findet ihre Fortsetzung als Joy Division wenige Monate darauf in die Londoner Britannia Row Studios gehen, um nach "Unknown Pleasures" aus dem Jahr 1977 ihr zweites Album "Closer" einzuspielen. Dass aus der zweiwöchigen Recording-Session ein Meisterwerk hervorgehen würde, konnte wohl keiner der Beteiligten ahnen. Auch wenn das Bemühen ein weithin respektiertes Bewerbungsschreiben für die Oberliga des musikalischen Underground abzugeben, aus jeder Note deutlich herausklingt.
Das sperrige "Atrocity Exhibition" eröffnet das lediglich neun Songs umfassende Album. Seinen Titel hat es von einem Buch des amerikanischen Science-Fiction-Autors J.G. Ballard entliehen. Weiterreichende Interpretationen eröffnen sich hier nicht, da Ian Curtis das Buch zwar gelesen und für sehr gut befunden hat, allerdings zu einen Zeitpunkt, als bereits ein Großteil der Lyrics für "Atrocity Exhibition" zu Papier gebracht war. Musikalisch schlägt der Song eine Brücke in die Vergangenheit, zu den von allen Joy Divison-Mitglieder hoch geschätzten Veröffentlichungen von Velvet Underground.
Mit dem nächsten Song "Isolation" lassen Joy Divivson dann aber die Vergangenheit hinter sich und die Katze aus dem Sack. Dissonante Gitarrenakkorde sind zwar hin und wieder auf "Closer" zu hören, wirkliche Bedeutung fällt ihnen aber vor allen Dingen als künstlerische Reibungsfläche zu, von der sich der neue Joy Division-Sound umso deutlicher abhebt. Der erhebt den Synthesizer zum prägenden Stilmittel und macht die Abkehr von der punkigen Vergangenheit deutlich hörbar. Treibende Kraft hinter dieser Weiterentwicklung ist Factory Records-Toningenieur Martin Hannett. Ihn in den Rang eines fünften Bandmitglieds zu erheben, dürfte seiner Bedeutung für "Closer" gerecht werden.
Doch alle Instrumentierung tritt in den Hintergrund, wenn Ian Curtis ins Mikrofon singt und mit seiner einzigartigen Stimme und den vielfach um Tod und Verderben kreisenden Lyriks die Aufmerksamkeit auf sich zieht. "Colony" verweist einmal mehr auf ein literarisches Werk als Grundlage. Dieses Mal ist es Franz Kafkas verstörende Erzählung "In Der Strafkolonie", in deren Zentrum eine Hinrichtungsmaschine steht, die dem Verurteilten sein Vergehen ins Fleisch schneidet, so dass dieser kurz vor seinem Tod seine Verfehlungen erkennt: "God in his wisdom took you by the hand, God in his wisdom made you understand."
Schuld, Tod und Erlösung bilden auch die Fixpunkte, um die Curtis Lyrics für "A Means To An End" kreisen. Minimalistisch in der Instrumentierung, treibend im Groove, bewegend in den Lyrics und leidenschaftlich im Gesang gelingt Joy Divison mit "A Means To An End" einer ihrer größten Songs. Schade nur, dass sich in der Retrospektive viele Exegeten allein mit dem Titel zufrieden gaben und diesen als Vorwegnahme von Ian Curtis' Selbstmord am 18. Mai in seiner Wohnung in Macclesfield bei Manchester deuteten.
Bei "Heart And Soul" zeigt Martin Hennett einmal mehr, was er kann. Effekte verfremden Curtis' Stimme ohne ihr die Eigenheiten zu nehmen. Ein kluger Griff in die Studio-Trickkiste, die den Sound von Joy Division in bislang nicht gekannter Weise nuanciert. Mit dem nervösen "Twenty Four Hours" folgt noch einmal ein Rückgriff auf die Punk-Vergangenheit der vier Jungs aus Manchester, bevor sie mit "The Eternal" und "Decades" zum großen und durchaus etwas schmalzigen Finale ansetzen.
Der Schmalz ist vor allen Dingen den Synthie-Klavierakkorden von "The Eternal" geschuldet, die gleich zu Beginn des Songs ein wenig zu dick auftragen und den einzigen stilistischen Fehlgriff des ganzen Albums darstellen. Anders herum gewendet, könnte die Interpretationslinie von diesem vorsichtigen Pop-Element aber auch direkt zu den Charts-Hits von New Order verlaufen: Ein zartes Pflänzchen, das sich einige Jahre später zur vollen Blüte entwickeln sollte. Kommt eben ganz darauf an, ob man sicher eher als Gruftie oder Synthie-Popper sieht.
In welche Richtung sich Joy Division auch hätten entwickeln können, klingt bei "Decades" mehr als deutlich an. Der Song ist Schluss- und Höhepunkt des Albums zugleich. Ian Curtis Bass-Bariton steht hier so klar und gleichzeitig trauriger Resignation erfülllt im Raum, wie bei keinem anderen Song des Albums. Die schwebenden Synthesizer-Melodien fangen die Intensität, mit der sich Curtis Melancholie hier ihren Weg bahnt, nur im Ansatz auf. In solchen Momenten scheint der Selbstmord als ultimatives künstlerisches Statement nur zu konsequent.
Eine solche Interpretation dient der ikonenhaften Verehrung von Ian Curtis, wie sie bis weit in den 90er Jahren hinein in der Gothic-Szene zum guten Ton gehörte. Sie wird dessen widersprüchlicher Persönlichkeit aber nicht im Ansatz gerecht. Diese hat sich erst in den vergangenen Jahren Gehör verschaffen können: Einmal in Buchform von Ian Curtis Ehefrau Deborah und das andere Mal als Film des Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn. Es ist diesen beiden Menschen zu danken, dass die Musik von Joy Division eine menschliche Dimension bekommen hat ohne an der Qualität eines Albums wie "Closer" zu kratzen. Der Monolith bricht vorsichtig auf und zeigt erst jetzt seine ganz Größe. Die letzte Distanz bleibt dennoch.
In der Rubrik "Meilenstein" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.
| Shop | Titel | Preis | Porto | Gesamt |
|---|---|---|---|---|
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Closer | €6,97 | €3,95 | €10,92 |
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Closer | €8,99 | €2,99 | €11,98 |
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Closer (Remastered Reissue) | €9,99 | €2,99 | €12,98 |
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Closer (Collector's Edition) | €9,99 | €3,95 | €13,94 |
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Closer/Unknown Pleasures | €13,99 | €3,95 | €17,94 |
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Closer (Collectors Edition) | €20,99 | €0,00 | €20,99 |
das untote klavier als schmalz zu bezeichnen, ist ja echt gewagt...
schöner Meilensteintext! Nur "der Selbstmord als ultimatives künstlerisches Statement" läuft in eine typische Journalisten-Rezeptionsschiene. Texte und Auftritte sind nicht unbedingt prophetische Anzeichen für den Freitod. Nicht bei Jim Morrison und nicht bei Kurt Cobain, ebenso hier nicht.
neben "miami" von the gun club und "the taller you are, the shorter you get" von my dad is dead imho die beste post-punk-scheibe überhaupt. allein schon die texte (existence well what does it matter? i exist on the best terms i can). alteralteralter. und "stroszek" sollte man halt auch mal gesehen haben.
hail caesar....wenn du noch die unnknown pleasures, virgin prunes und das hier mit ins boot holst, bin zumindest ich ganz bei deiner these.
http://www.laut.de/Bauhaus/In-The-Flat-Field-(Album)
was die virgin prunes angeht: the moon looked down and laughed. mein persönlicher favorit. wobei die ja im grunde genommen einfach keine schlechten alben rausgebracht haben. ansonsten hast du vollkommen recht. was hältst du eigentlich von den alten death in june sachen (the guilty have no pride, nada!) und crisis? finde letztere wirklich hochgradig unterbewertet.
Ich verzichte mal kurz auf meinen obligatorischen Hipsterkommentar und bau erstmal einen Altar auf. Korrektur: Und "Unknown Pleasures" war erst 1979 dran statt 1977.
Von JD find ich aber die "Substance-Compilation" am besten. So gut ihre Alben auch waren, um so besser waren sie als reine Single-Band. "Transmission", "Glass", "Autosuggestion", "Atmosphere", "Novelty" oder "Dead Souls" sind zeitlose Klassiker gewesen, die ich manchen "Closer"- Tracks bevorzugen würde.
@tonitasten: ne. dann aber bitte schon "still". wegen "ice age", "walked in line" und "the kill". und (!) wegen "the sound of music". wobei ich mit dieser meinung wahrscheinlich relativ alleine stehe.
"Ice Age" und "Walked In Line" sind schon klasse. Übrigens wären The Gun Club eine gute Wahl für die nächste Rezi. Wollte mich schon länger mal mit denen beschäftigen. Und wenn schon dunkle Bands/Alben am Rande, wären The Legendary Pink Dots und And Also The Trees auch mal eine Besprechung wert.
@caesar
die if I die v d prunes. ist sperriger. macht aber auch spaß. gavin friday solo halte ich für ein genie.
death in june?
...ach der douglas...da war ich nie so sehr ein freund der ganz frühen sachen.
kompositorisch gibt dij mir eigentlich fast nur mit der rose clouds und but what ends... was her. little black angel ist doch ein juwel.
...david tibets current 93 halte ich als bruderprojekt aber für 1000 mal relevanter und brillianter...in gänze....
pink dots...kann man ja jedes album nehmen, so weltklasse sind die....eines haben wir:
http://www.laut.de/The-Legendary-Pink-Dots/Seconds-Late-For-The-Brighton-Lane-(Album)
Ihr von Laut.de habt aber schon alle ne leichte Gothic Vorliebe, waren ja bisher ordentlich viele Meilensteine für ein Subgenre und der Indie wurde bisher recht brav aussen vorgelassen. Leider sind die meisten Alben wie Bauhaus, Sisters of Mercy oder einfach Joy Division ziemlich geil
Egal! DAYDREAM NATION!
klar pink dots, dij oder c93 hätten alle mal einen meilenstein verdient. von dij ist nada sicher ne gute wahl, wenn man was aus der frühphase wählen will. coil sind aus der ecke mein persönlicher favorit. crisis, gute punk-band...aber ob das für einen meilenstein reicht? und daydream nation kommt bestimmt noch irgendwann...
Ich wär dann für "All The Pretty Little Horses". Unglaubliches Album. Death in June.. kenne ich ausschliesslich "But, what ends...". Was wäre da sonst noch zu empfehlen?
rose clouds und but what ends sind beides top alben und musikalisch ja auch ähnlich. die nada ist synthetischer und nicht so akustisch. das wären schon die drei, die von dij in frage kämen. c93...da kann man sich echt viele alben rauspicken, je nach vorliebe.
Endlich, Endlich, Endlich... Endlich Joy Division. Auch ich würde die UP bevorzugen, aber das ist ganz einerlei, da JD. Nebenbei, welche sinistre Inkarnation der tiefsten Abgründe hat es gewagt, diesem musikalischen Meisterwerke (veraltete Dativ-Bildung bedingt sich aus Euphorie-Taumel!) nur vier Sterne zu geben? Ein wirklich geniales Album. Achja, ist das bei mir nur ein Anzeigefehler, oder gibt es hier einen Anonymous-Nutzer, dessen Posts immer schon gelöscht sind? Ich würde gerne noch ein Album der "The Residents" vorschlagen, vorzugsweise "Duck Stab/Buster Glen".
Vielen Dank für die Vorschläge euch beiden! c93 hat sicherlich Unmengen interessanter Alben, trotzdem erreicht für mich keines die Atmosphäre von "atplh". Aber eben, sicherlich auch Geschmackssache, zumal "Thunder Perfect Mind" musikalisch recht ähnlich ist. Ein schauriges Vergnügen finde ich ja auch "Nature Unveiled" aus der Frühphase.
Bin gerade etwas verwirrt, dass mein längerer Kommentar zu JD nicht geposted wurde, stattdessen aber genau zu meiner Absendezeit ein weiterer "Anonymous"-Geistkommentar zu sehen ist... kackt der Killercode eurer Seite jetzt endgültig ab?
@anwalt: joa. ich mag seine (douglas p.) stimme halt lieber. ich simpel. wenn ich mich allerdings auch nur für einen moment zu (fragwürdiger) objektivität zwinge, muss ich doch zugeben, dass current 93 die interessantere diskografie vorzuweisen haben. qualitativ konstanter, vielfältiger etc. und: der mann hat wirklich ein talent dafür, die richtigen leute zusammenzubringen.
@tscheioheneies: die "kapo!" ist imho das beste dij-album. richtig großes tennis. keine ahnung, weshalb die immer so ignoriert wird. http://www.youtube.com/watch?v=LG6UmlWnDa4
peter und trent haben ne ganze reihe jd songs gecovert. bauhaus meets nin....finde ich als variation hoch gelungen.
kennt ihr das? mögt ihr das?
http://www.youtube.com/watch?v=GqqsZNAAjQc
Schon mal erwaehnt dass love will tear us apart der beste song der musikgeschichte ist ?
PS: DAYDREAM NATION
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