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Gefängnisse werden in der Kunst gerne romantisiert. Recht und Unrecht kommen hier auf engstem Raum zusammen. Die verwegenen Helden des Innenhofes, die Ausbrecher aus unrechtmäßiger Verurteilung, die Gegenentwürfe zur sozialen Gesellschaft. Sie üben auch in der Musikgeschichte eine ständige Faszination und Anziehungskraft auf Musikschaffende aus, die eigentlich ihre Kunst dazu verwenden, dem zu entfliehen, was wir Alltag nennen. Und niemand verstand es besser, diese Welten zu vereinen als Johnny Cash.
Im Grunde genommen baut Cashs gesamte Karriere auf dem Image des Bad Boys auf, des wilden Hundes, der aus eigener Erfahrung sprach, wenn er seine Countrysongs vortrug. Dass nicht jedes Wort ein wahres war und dabei auch manchmal viel Showbusiness steckte, entdeckt man erst viel später. Traut man seinen Ohren bei "At Folsom Prison", Cashs Auftritt vor 2.000 Häftlingen im Gefängnis in Folsom, California, so steht hier ein Typ auf der Bühne, der nicht lügt, wenn er singt "I shot a man in Reno / just to watch him die".
Wir schreiben den 13. Januar 1968, 9:40 Uhr. Im Speisesaal Nr. 2 im Folsom-Gefängnis versammeln sich die von einigen Wachen in Schach gehaltenen Insassen. Die Statler Brothers und Carl Perkins spielen gerade ihre Mini-Sets als Aufwärmprogramm, bevor Johnny Cash mitsamt seiner Backingband The Tennessee Three die Bühne betritt. Es folgt der legendäre Satz "Hello, I'm Johny Cash", und das Gefängnis explodiert mit Jubelschreien. Selbst Lemmy braucht mehr Wörter. Von Sekunde eins dieses Konzertes ist klar, wer hier der Chef ist.
Es war ein frisch von seiner Drogensucht befreiter Cash, der seit der Veröffentlichung seines "Folsom Prison Blues" 1955 zahlreiche Anfragen und Briefe von Häftlingen bekam, die nur einen Wunsch beinhalteten: ein Auftritt in ihrem Gefängnis. Tatsächlich spielte er schon in mehreren Besserungsanstalten und spürte dort auch schon die besondere Atmosphäre und die Reaktion des exklusiven Publikums, das sich wirklich von regulären Konzerten unterschied. Als Cash dann mit Bob Johnston einen neuen Ansprechpartner bei Columbia Records vorfand, hatte er seinen idealen Partner für dieses Projekt gefunden - das Live-Album im Folsom Prison konnte beginnen.
Das Ergebnis ist ein wahrlich grandioses Zeitdokument eines der atmosphärischsten Konzerte aller Zeiten. Johnny Cash schneiderte die Setlist messerscharf auf die Gelegenheit zu, spielte Songs über Häftlinge, Hinrichtungen, Abschiede, Todesfälle, Aussichtslosigkeit und natürlich Liebe. Bei aller Gitterstäbe-Romantik stammten von den 19 gespielten Songs schließlich nur sechs aus seiner eigenen Feder, was der Stimmung allerdings überhaupt keinen Abbruch tat. Cash wusste, für wen er spielte.
Seine größte Gabe war es, sich in das Leben der Häftlinge hineinzufühlen. Sei es bei der Songauswahl oder den meist mit kernigem Humor verbundenen Ansagen zwischen den Stücken. Das Publikum akzeptierte ihn als einen Gleichgesinnten, obwohl Cashs Bekanntschaften mit dem Gesetz kaum für längere Zellenaufenthalte ausreichten. Aber das ist egal, er schnitzt durch Songs wie "Cocaine Blues", "Busted" oder "I Got Stripes" an einer überlebensgroßen Bühnenpersona, mit der sich die Häftlinge hörbar identifizieren konnten (siehe den Szenenapplaus bei besonders ruchlosen Textpassagen).
Cash inspirierte diese Reaktion zu einem fanatischen und fantastischen Auftritt eines perfekten Showmans, der Emotionen sehr befreit in seine Stimmbänder fließen ließ. Bei ruhigen Stücken vibriert sein sonores Organ sanft, im "Cocaine Blues" überschlägt er sich mit vollem Karacho. Da die Instrumentierung größtenteils sparsam und repetitiv sein musste, transportiert die Stimme hier ungemein viel an Bedeutung und Stimmung in den Songs. Als Trademark zieht sich eine ehrliche Traurigkeit durch seine Stimme, die Songs wie "Green, Green Gras Of Home" in Mark und Bein fahren lassen.
Aber er wäre nicht Johnny Cash, wenn er nicht sprichwörtlichen Galgenhumor erwirken würde. Bei "Dark As A Dungeon" bringt ihn etwas zum Lachen, ausgerechnet bei einem der bittersten Songs des Sets. Mit einem Schmunzeln mahnt er "No laughing in this song please, it's been recorded", kann aber selbst die Stimme nicht mehr wirklich gerade halten. Solch kleine Patzer, sein Mut zu Fehlern, sorgen für Lebendigkeit. Etwas, dass heutige Releases schmerzlich vermissen lassen.
Ohne es wirklich nötig zu haben, sammelt er noch mehr Sympathiepunkte. "This show is been recorded for an album release, so you can't say hell or shit or anything like that, haha", lässt er sein Gefängnis-Publikum wissen. Später verlangt er nach einem Glass Wasser und beschwert sich, zur großen Freude der Insassen, über die Wasserqualität. Cashs Dialog mit den Häftlingen ist eine Begegnung auf Augenhöhe, das allein zollt schon von dem gewaltigen gegenseitigen Respekt, den beide Seiten einander zugestehen.
Natürlich geht es auch etwas heiterer. "Dirty Old Egg-Sucking Dog" und "Flushed From The Bathroom Of Your Heart" reihen die Pointen fast wie Comedysongs aneinander, die Stimmung kippt von glücklich-andächtig hin zu mitreißend-losgelöst. Dafür sorgt auch zum Teil der Auftritt von June Carter, die mit ihrem breiten Südstaaten-Akzent die Herzen der Horde verurteilter Gesetzesbrecher zum Schmelzen brachte und in einer rasanten Version von "Jackson" wunderbar mit Cash harmonierte.
Nach den vielen Auf und Abs erklärt Johnny zum Schluss auch noch, dass der Verfasser des nächsten Songs aus dem Gefängnis stamme. Glen Sherley, verurteilt wegen bewaffneten Raubüberfalls, schrieb den Song "Greystone Chapel". Eine Aufnahme davon gelangte über den Gefängnispastor in die Hände von Cash, der den Song prompt am Vorabend mit der Band einprobte. "I hope we do your song justice" sprach er in Shirleys Richtung, der sein Glück kaum fassen konnte.
Die Zukunft sollte zeigen, dass Cash sich für Shirley verbürgte, ihn mit auf Tour nahm und schließlich auch sein Begräbnis bezahlte. Das klingt alles viel zu sehr nach Hollywood, sagt ihr? Kein Wunder, dass sich das Johnny Cash-Biopic "Walk The Line" rund um dieses epische Konzerterlebnis in Folsom drehte.
Als ob das Ganze nicht mehr zu toppen wäre, beraumte man zur Absicherung für 12:40 Uhr noch ein zweites Set an, das Cash mit ähnlichem Grandeur bewältigte. Bis heute sahen viele verschiedene Versionen des Albums das Tageslicht, manche nur mit dem ersten Konzert, manche mit einer Mischung aus beiden, sogar eine mit beiden ungeschnittenen Sets inklusive den Vorgruppen. Die gängige 19-Track-Version speist sich aus dem ersten, besonders angetriebenen Auftritt.
Das Live-Album stellt eines von vielen Comebacks in der langen und volatilen Karriere des Johnny Cash dar. Sein Ruf als mitreißender Performer war durch "At Folsom Prison" allerdings gefestigt, sein Bad Boy-Image durch die noch folgenden Gefängnisauftritte (u.a. "San Quentin") stets aufrecht. Die beeindruckende Verbindung zum Publikum machen diesen außergewöhnlichen und atmosphärischen Moment, den "At Folsom Prison" festhält, zu einem definierenden Werk für Johnny Cash, was dieser sicher selbst wusste. Oder wie er nach einem bewusst ausgestoßenen Fluch auf der Platte verschmitzt fragt: "How does that grab you, Bob?"
In der Rubrik "Meilenstein" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.
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Dieser Mann selbst ist eine Art Meilenstein der Musikgeschichte. Unhatebar.
ohne worte. empfinde nichts als liebe und verehrung für dieses album.
Ich kann Johnny Cash und vor allem seine moderne Aufnahme als Konsensmucke absolut nicht leiden. Mir scheints, daß nur der Spielfilm mit Joaquin Pheonix sowie die Coveralben zum Zeitpunkt seines Todes dafür gesorgt haben, daß er allgemein als bedeutende Legende anerkannt wird. Warum eigentlich und wofür, kann auf der anderen Seite niemand beantworten. Ohne diese Promo wäre er nur einer von vielen Country-Opas gewesen, deren Namen man zwar gekannt, die man aber nicht ernsthaft in seine Playlist getan hätte.
Tut mir leid, ich kann ihn höchstens wohlwollend zur Kenntnis nehmen, "unhatebar" ist er aber sowohl in musikalischer als auch in persönlich-politischer Hinsicht absolut nicht.
Unhatebar ist er (gerade politisch) tatsächlich nicht, aber ebensowenig ist er nur durch seine American Recordings zur Legende geworden. Ob man nun auf die Musik steht oder nicht: Zu leugnen, dass der Mann seinen Legendenstatus zurecht hat, ist gerade auch im Angesicht dieses Albums recht seltsam.
Na komm, Santiago, ohne die American Recordings und den Film "Walk the Line" hätten doch 90% der heutigen Hörer nur in etwa Folgendes gesagt, als sie den Namen "Johnny Cash" hörten: War das nicht der Typ, der "Ring of Fire" gesungen hat?
Unter Kennern der Musikrichtung Country hat er sicherlich ein hohes Ansehen (wobei das auch nicht unumstritten ist), den popkulturellen oder musikalischen Legendenstatus würde ich ihm aber nicht anerkennen. Ist aber auch egal, scheinbar gefällts vielen und wenn ich andere Musiker betrachte, die maßlos gehypt werden und viel weniger können, ist das ja auch kein so schlechter Treffer.
Die American Recordings sind doch aber trotz allem top und wurden von Rick Rubin sichelich nicht produziert, um nen Hype loszutreten oder um Johnny Cash möglichst massenkompatibel zu machen. Kann Cash doch nix für, dass Walk the Line rauskam und dann sogar noch halbwegs gut war.
Ich für meinen Teil hör ihn seit 10-15 Jahren und natürlich hats auch mich ab und an auch gestört, dass den jetzt so viele hören und er in den Massenmedien auftaucht.
Aber Keule, jetzt mal Butter bei die Fische, hör doch mal At Folsom Prison! Hör doch mal genau hin! Wer da keine Gänsehaut bekommt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Das ist Musikgeschichte und nebenbei auch musikalisch eine Ohrenweide.
Hab bei dir das Gefühl, dass du in der Sache einfach ne unreflektierte Anti-Haltung hast, die auf der zeitweiligen Omnipräsenz von Johnny Cash beruht.
Muss Ragism und meinem Bruder im Geiste, Liam, zustimmen, die AR und der Film haben Cash in den Fokus der Masse gerückt. Ich habe ihn schon als Kind lieben gelernt, Gott sei Dank hatte mein Dad damals schon eine formidable Plattensammlung.
Ich konnte mit Johnny Cash nie was anfange, einfach nciht meine Musik, was aber nciht heißt das ich nicht weiß und repektier was der Gute Mann geschafft hat.
Ich kann die Argumentation von Ragism nicht ganz nachvollziehen.
Wenn Iron Maiden nicht "The Number of the Beast" herausgebracht hätten, dann wären sie immer eine Metalband unter vielen gewesen, und nicht Flaggschiff einer globalen Musikbewegung. Wenn sie "Brave New World" nicht rausgebracht hätten, dann wäre ihre öffentlicher Rezeption auch deutlich geringer.
Wenn Judas Priest nicht "Painkiller" rausgebracht hätten und danach auch nichts mehr veröffentlicht hätten, dann wären sie schon damals als irgendwelche Metalopas abgetan worden, die niemand mehr braucht (was ja heutzutage bei vielen ganz schlauen der Fall ist).
Was ist schlimm daran, dass der Film Johnny Cash einem neuen Publikum geöffnet hat? Was ist schlimm daran, dass seine Spätwerke seinen Legendenstatus zementiert haben? Alle hypen immer noch Elvis Presley wegen seines Frühwerks, der hat in späten Jahren nurnoch weichgespülte Kacke gemacht und sich mit Drogen endgültig vom Planeten geschossen. Oder der Hype um Kurt Cobain. Hat sich mit 27 ne Ladung Schrot durch die Birne geschoben, hat vorher ein paar Schrottalben für misanthropische Teenager rausgehauen und alle finden den klasse.
Warum sollte so ein Legendenstatus nicht noch viel eher einem Mann zustehen, der sich immer wieder aufgerafft hat und bis in die Augenblicke seines Lebens noch großartige Musik gemacht hat? Es gibt sicher nen Riesenhaufen Leute, die technisch besser mit ihren Instrumenten sind oder mehr Wissen über Musiktheorie haben, als Johnny Cash. Macht einen das zu einem besseren Musiker/schmälert das Johnny Cash Status?
Beast hat nicht Unrecht, ABER: das Satz zu Cobain ist mir zu subjektiv geprägt von persönlicher Ablehnung, unglaubwürdig und eine absolute Nischenmeinung.
Abgesehen davon ist das Posting aber schlüssig, man könnte auch Jim Morrisson und the Doors anführen die auch erst durch den Film (wieder) einem breiteren und jüngeren Publikum geöffnet wurden.
nee, das täuscht....der zugewinn an nachkommen durch den film ändert nix an der ausganlgslage. der war schon sehr gut. auch wenn er in finsteren phasen dazu gefühlte 30 gruselscheiben gemacht hat.... besonders auch in der charakterlichen widersprüchlichkeit spannend...würde ich gern mal bei gelegenheit mir dir diskutieren....
meine persönlichen meilenstein:
- rammstein-sehnsucht
- the velvet underground-nico
- tom waits-rain dogs
- eminem-the eminem show
- nirvana-nevermind
- deftones-white pony
fromage
Du stellst Deine persönliche Abneigung gegenüber diesem künstlichen Wort über das Bedürfnis der User die das gerne verwenden? Findest Du diese Forderung (dann noch in diesem Tonfall forumliert) nicht ein wenig herrisch?
@TheBeast666: Ich habe weniger damit ein Problem, daß er überall gehört wird. Wie gesagt, es wird riesiger Müll von der breiten Masse gehört und damit habe ich auch kein Problem. Insofern freue ich mich ja, daß die breite Masse hier mal mit einen brauchbaren Musiker einen Treffer gelandet hat.
Ich frage mich nur, WARUM er den Status inne hat. Bisher konnte mir niemand erklären, warum Cashs Musik oder seine Texte "besser" sein sollen als die von Willie Nelson oder Alan Jackson - und die hört schließlich auch keine Sau. Klar, es ist schwer, musikalische Qualität in Worte zu fassen. Bislang konnte ich allerdings nichts Stichhaltiges dazu finden, ganz im Gegensatz zu wichtigen Bands wie den Beatles, Led Zep, den Talking Heads und anderen, welche die Musikrichtungen enorm bereichert und erweitert hatten, aus denen sie kamen. Ich weiß also nicht, was Cash nicht einfach zu einem von vielen Country-Opas unter hunderten gemacht haben soll, die Tonnen von mittelmäßigen Tracks in die Welt gekippt haben und darunter mal drei-vier schnieke Nummern waren.
Tut mir leid, bei mir regt sich da zu seiner Musik absolut nichts, ich kann ihn noch nicht mal ordentlich hassen 
Ragism
Du hast Deine Frage selbst beantwortet. Die Musik ist nicht besser, die Person Cash hat evtl. nur mehr polarisiert durch seinen Lebenswandel und der Stoff bot sich dann natürlich auch für einen Film an der dann auch noch gut geworden ist. Zusätzlich hat er sich zum Lebensende hin nochmal in alle Öffentlichkeit gespielt, auch das haben Nelson oder Jackson nicht getan.
Ragi
Glaube kaum, dass Cash da einen Promotionplan verfolgt hat als er die ganzen Pillen geschluckt hat. Es ist die Summe aus allem, seiner Persönlichkeit, seiner Musik, seiner Lebensgeschichte, seines Auflebens Mitte der 90er und dem Film.
Auch wenn ich das nicht unbedingt als "einfach" ansehen würde, ja, das ist der ganze "Deal".
nein, nein...schrecklich...wer erzählt denn sowas?
....
musikhistorisch hat der schon was gerissen.
ein bindeglied zwischen schwarzem rhythm blues und weißem rocknroll...besonders in der zeit als er mit jerry lee lewis getourt ist,
dazu: mit seinem damals ungewöhnlichen stampfbeat der zeit weit voraus....
dann zum schluss noch die "american recordings" als endlich auch spirituell klingendes spätwerk...
"besser als w.nelson" o.ä. wäre natürlich schon im ansatz quatsch....und der personenkult um ihn ist ebenso irrelevant.
aber,
wenn man so ein talent hat, zu den allerersten überhaupt zu gehören, die shortstory-texte in 3min singles pressten (noch vor dylan, wenn man es genau nimmt), dann darf man sich schon auf die pionierschulter klopfen lassen. finde ich.

Mit Rhythm'n'Blues oder Rock'n'Roll hatte der gute Cash nun wirklich nichts zu schaffen. Bloß weil er mit wichtigen Ikonen beider Musikrichtungen getourt hat und angebliche Aufnahmen gemacht haben will, macht ihn das noch lange nicht zu einem Mann, den man mit diesen Genres in Verbindung bringen würde. Man kann ja auch leicht sagen, daß einer von Cashs Freunden in den 90er-Jahren gerne Techno gehört hat und seinen Einfluss auch in jene Musikrichtung hineininterpretieren.
Nun, wie ist er denn mit seinem Stampfbeat seiner Zeit weit voraus gewesen? Bis auf ein paar Millionen von der Welt vollkommen isolierten Hillbillies im mittleren Westen der USA hat doch kein Schwein jemals Johnny Cash gehört - bis kurz vor seinem Tod. Ist er denen um Jahre voraus gewesen? Einen großen Einfluss auf die Musikwelt im Großen kann ich jedenfalls nicht feststellen.
Ich wollte eigentlich weniger in meinen subjektiven Geschmack verfallen, aber ein "Meisterwerk" sind auch die American Recordings nicht. Sie sind ein Haufen von schlechten Coverversionen eines krächzenden alten Mannes. Natürlich freut das die Feuilletons der Welt, weil sich jeder denkt: "Oooooch, der alte Mann hat das mit letzter Kraft noch ins Mikro gehustet, bevor er das Zeitliche gesegnet hat". Für mich ist die Begeisterung für jene Aufnahmen in erster Linie in dem Mitleidsbonus und der Promo durch den Spielfilm begründet. Natürlich gewinnt er manchen Songs neue Facetten ab, aber zieht man den Sympathiebonus mal ab, bleiben nur noch ein paar kaum hörbare, aber hübsch produzierte Tracks, die sich bestmöglich verkaufen sollen.
Da Du Bob Dylan erwähnst: Sein großes Vorbild Woody Guthrie hat bereits mehrere Jahrzehnte vor Cash Kurzgeschichten in kurze Folk-Country-Tracks gepresst.
Für mich ist Johnny Cash (unter Anderem..) deshalb so außergewöhnlich, weil seine Musik so einzigartig düster ist. Da haut er Songs raus, die auf den ersten Blick locker flocker sind, die in den Lyrics aber so düster, verzweifelt und voller galgenhumorigem Sarkasmus sind, dass das schon irgendwo einzigartig ist. Zumal zu einer Zeit, wo das definitiv nicht typisch für das Genre war.
Ist doch auch klar, dass Cash nie von Abermillionen Leuten gehört wurde. Eben WEIL seine Musik so speziell war. Wer Johnny Cash wirklich hört und nicht nur 5-6 Lieder, dem unterstelle ich, irgendwo auch ne gepeinigte Seele zu haben, denn anders klappt das einfach nicht. Genau dieser Aspekt verbindet einen dann auch so sehr mit ihm, weil man sich mit ihm, seiner Leidensgeschichte und all den Qualen des Lebens identifizieren kann und das absolut authentisch ist.
Bin selbst begeisterter Alternative-Country Hörer und muss daher klar sagen, dass er einer der Mitbegründer dieses Subgenres war. Cash hat mit diesem ganzen glattgebügelten Scheiß aus Nashville aufgeräumt und alleine schon deshalb hat er seinen Platz in der Geschichte sicher. Uncle Tupelo oder auch ein Ryan Adams (den ich anbete) würden ohne einen Cash wohl anders klingen.
Und wenn man jetzt ohnehin keine Unterschiede zwischen Nelson und Cash heraus hört und das alles 'irgendwie so derselbe Country' ist, dann disqalifiziert man sich von vornherein schon für eine solche Diskussion.
Der Anwalt hat auch recht mit dem stampfenden Beat. Der ist schon irgendwo echt einzigartig (gewesen) und klingt mit den scharfen Gitarren schlicht brilliant.
Und zur Americana, da möchte man dir, Ragism, gerne mal 'The Man Comes Around' um die Ohren schleudern. Alleine dieser Track erklärt schon die Daseinsberechtigung und Relevanz der Americana Recordings.
Hm, klingt schon etwas nachvollziehbarer, auch wenn ich das mit der "gepeinigten Seele" ebenso seiner Vermarktung zuschreiben würde. In wie weit er gepeinigter als 80% aller anderen Musiker sein soll, wird sich mir nie erschließen. Ich kann nur sehen, daß er über die Schiene den Großteil seiner Scheiben verkauft hat, auch wenn er musikalisch ähnlich langweilig wie deutscher Schlager war. Und auch den Punkt muss ich einräumen, daß er "dreckigen" Country salonfähig gemacht hat und für dessen Bildung ein wichtiger Faktor war.
Den Erfolg und Legendenstatus schiebe ich nach wie vor zu 99% auf Sentimentalität, die durch den üblichen Pop- und Vermarktungszirkus gegen Ende seines Lebens geschaffen wurde. Ohne diesen würde er eine Randnotiz in der Musikgeschichte bleiben, da er inhaltlich und qualitativ bestenfalls gleichwertig mit anderen Vertretern eines Genres blieb, für das sich aus gutem Grund kaum eine Sau interessierte. Ich gebe offen zu, daß ich ihn persönlich in jeder Hinsicht verachte, daß das aber auch zu einem guten Teil an seiner verlogenen Legendenbildung durch seine angeblich verhasste Mainstreamindustrie liegt. Versuche ich, diesen Zirkus mal außen vor zu lassen, kann ich ihn noch auf wohlwollende Weise ignorieren, was definitiv für ihn spricht.

Verstehe deinen Standpunkt ja auch, so ists nicht.
Wenn man aber mit Country im Allgemeinen und mit Cash im Speziellen absolut nichts anfangen kann, wie will man dann 'objektiv' über die Musik urteilen?
Ich werd nie ein Metalhörer werden, weil das in meinen Ohren im Endeffekt irgendwo alles gleich klingt. Aber deswegen sag ich doch nicht, dass Iron Maiden oder Opeth nüscht drauf haben und ihre Mukke nur übers harte Rockerimage verkaufen. Ich kann doch gar nicht einschätzen, wie man in diesem Genre die Perlen raushört und das dann auch anhand von Argumenten belegen kann.
Jepp, da ist was dran, argemongo. Ich kann Cash absolut nicht ausstehen, mir zieht sich alles zusammen, wenn ich ihn mal wieder im Radio laufen höre. Trotzdem verstehe ich aber auch mit gutem Willen nicht, was Menschen inhaltlich an ihm finden. Bei anderen Meilenstein-Rezensionen wurden immerhin gültige Punkte genannt, die diese Werke musikwissenschaftlich sowie musikkulturell zu etwas ganz Besonderem machen.
EDIT: Mist, habe meine letzte Antwort an Liam verloren. Egal. Ich kann Johnny Cash nicht ausstehen, jede Sekunde seiner Musik lässt mich innerlich zusammenzucken. Das schaffen selbst die schlimmsten Auswüchse der Pupulärkultur nicht und selbst im Country-Bereich finde ich viele Künstler, die Songwriting sehr viel besser beherrschen als dieser Knilch. Seis drum.
EDIT 2: Hier isse ja: Oh, Liam, ich halte Country im Allgemeinen für nicht sonderlich interessant, das stimmt schon. Trotzdem empfinde ich Willie Nelson oder Dolly Parton als weitaus bessere Songwriter, auch wenn diese aus vollkommen anderen Richtungen kommen. Mein Steckenpferd ist eben Songwriting, und diesem Bereich versagt Cash in meinen Augen ganz klar. Deswegen ist es auch so bezeichnend, daß auf seiner hier rezensierten Meilensteinplatte so wenige Tracks von ihm stammen.
Ich hatte ja bereits ein paar Künstler genannt, die ich im Bereich Country für weitaus erwähnenswerter halte. Daß sich für Country kein Schwein interessiert hat, nutzte ich vielmehr als Argument gegen die verlogene Erhebung Cashs zum Idol, wurde er doch mangels brauchbarer Veröffentlichungen Zeit seines Lebens vom Mainstream ignoriert.
Fuer Country hat sich kaum eine Sau interessiert? Reden wir hier nur wieder von Deutschland? Generell ist das eine ziemlich deutsche oder mitteleuropaeische Sicht auf das Genre und Johnny Cash. Nicht, dass ich ihn hier jetzt gross verteidigen will, ich koennte 10 Country-Saenger und bestimmt 5 -Saengerinnen nennen, die mir allesamt besser gefallen und emotional mehr geben. Ihn nicht zu moegen, eine Sache, seine Bedeutung zu leugnen dagegen schon fast Ignoranz.
Cash ist für mich auch ein zweischneidiges Schwert. Seine frühen Aufnahmen (vor allem die mit June Carter Cash sind herzzereißend schön) mag ich durchaus und mit Folsom Prison und San Quentin führte er Country auf den harten Boden der Realität zurück, ohne Verklärtheit und falschen Pathos. Mit seinen "American-Recordings" kann ich aber auch nichts anfangen, da mir diese schlichtweg zu bieder sind. Klar hatte der Mann noch was zu sagen, aber so zahnlos und voraussehbar, dass jede neue Bob Dylan dagegen ein Erlebnis ist. Das war wie geschaffen für die Sensibilitäts- und Befindlichkeitsschiene, wie wir sie eigentlich noch bis heute haben. Und er war schon in der Vergangenheit ja durchaus ein Künstler, der seine Musik auf gängige Marktmechanismen getrimmt hat.
@ragism: was auch immer man von j. cash halten mag; für mich ist eines klar: jede sekunde auf jedem track der a.recordings ist relevanter als dein pseudo-musikwissenschaftliches geschwurbel, das du hier auf gefühlten 763 postings vom stapel lässt. eigentlich ist es mir ja egal, was so oberauskenner wie du von irgendwas halten, aber diese pentranz, mit der hier eine zutiefst subjektive meinung in hundert varianten aufs forum losgelassen wird, geht mir ehrlich auf den sack. und aussagen wie "... mit letzter Kraft noch ins Mikro gehustet..." disqualifizieren sich ohnehin von selbst.
@ragism: was auch immer man von j. cash halten mag; für mich ist eines klar: jede sekunde auf jedem track der a.recordings ist relevanter als dein pseudo-musikwissenschaftliches geschwurbel, das du hier auf gefühlten 763 postings vom stapel lässt. eigentlich ist es mir ja egal, was so oberauskenner wie du von irgendwas halten, aber diese pentranz, mit der hier eine zutiefst subjektive meinung in hundert varianten aufs forum losgelassen wird, geht mir ehrlich auf den sack. und aussagen wie "... mit letzter Kraft noch ins Mikro gehustet..." disqualifizieren sich ohnehin von selbst.
fok
Ja, aber so kennt man den Ragi - das ziehen die alten Stammuser hier bei seinen Argumentationen eh immer ab. Genau wie bei mir oder InNo. 
Ich habe ebenso wenig objektiv gute Gründe ihn zu hassen wie ihr welche habt, ihn zu mögen. Ich habe schon oft versucht, etwas mit ihm anfangen zu können, aber mir persönlich kommt es einfach vor, als ob sein erst äußerst später Erfolg als "Musiklegende" nur auf seine Vermarktung zurückzuführen ist und auf das, was sie die Leute in seine Musik hineininterpretieren lässt.
Und hör mir bloß auf mit "disqualifizieren sich von selbst". Wer meint hier, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben?
@Ragism:
Nun ja, den "Musiklegenden"-Status besitzt er in den USA bereits seit den späten 70ern. Der Mann hat in die Richtung Konzeptalben vorgedacht, als noch Singles in der Musikbranche tonangebend waren, hat öffentlich Stellung bezogen zu sozialen und politischen Themen, war ein Rebell gegen das gelackte "Country"-Image, eben ein glaubwürdiger Künstler mit Ecken und Kanten, ... alles Sachen, die in dieser Form nicht unbedingt typisch waren. *Das* sind seine Krone und sein Zepter, nicht die "American Recordings". Das sind vielleicht die Kronjuwelen, nicht mehr. Die seien ihm auch von Herzen gegönnt, aber um seinen "Legenden"-Status zu legitimieren, reichen sie nicht aus.
Gruß
Skywise
Vorgedacht in Sachen Konzeptalben hat viel eher Frank Sinatra, seine öffentlichen Positionen in Sachen Politik sind heute mehr als zweifelhaft und ob er ein glaubwürdiger Künstler geblieben ist bei seinem steten Blick auf die Vermarktbarkeit seines ach so furchtbaren Lebens, ist auch nicht gerade sicher. Was ich ihm allerdings einräumen muss und wo ich Dich bestätige, ist der von ihm begründete Wandel des zu jener Zeit blankgeleckten Country.
Bis zu den American Recording allerdings war er nur Country-Fans ein Begriff - oder eben Menschen, die ihn mit "Ring of Fire" im Radio gehört hatten. Erst mit dem Spielfilm und den "American Recordings" voller schlechter Coverversionen (IMO) wurde er plötzlich "eine Legende", ein allseits beliebter Mainstreamkünstler, den schon immer geschätzt zu haben alle für sich beanspruchen wollten. Tut mir leid - daß ich all den verkaufsfördernden Schund von Plattenfirmen zuletzt geglaubt habe, ist für mich schon viel zu lange her. Ich verlasse mich da dann doch lieber auf meine Ohren und darauf, was die Musikgeschichte vorher von ihm gehalten hatte.
@Ragism:
Sinatra - ja gut, "Wee Small Hours" etc., aber Cash geht ein paar Schritte weiter, indem er beispielsweise auf "Ride This Train" (1960) eine Geschichte über eine imaginäre Eisenbahn-Fahrt erzählt und über diese die Lieder miteinander verbindet, wobei der Weg der Eisenbahn gleichzeitig die Geschichte der Ausbreitung des "Feuerrosses" widerspiegelt. Also - nicht ganz runterspielen, Cash hat schon mitgedacht.
Wie gesagt - er war schon vorher eine Legende, aber eben eine, von der man fuffzehn Jahre nix wirklich Interessantes mehr gehört hatte. Das war vor der Zeit von MTV und praktisch mehrere musikinteressierte Generationen zuvor - der war in der Versenkung verschwunden, aber trotzdem kannte jeder seinen Namen. Letzten Endes kochte da nur wieder etwas hoch und rundete eine Karriere ab, mehr waren die "American Recordings" nüchtern betrachtet nicht (ausgenommen vielleicht die erste, die ich als äußerst mutigen Neuanfang ansehe, da sie auf liebgewonnene Markenzeichen wie den "Boom-Chicka-Boom"-Sound verzichtete und Cash mit Material präsentierte, das viele nie von ihm erwartet hätten ... über die "Unearthed" lasse ich mit mir auch gerne nochmal reden, der Rest war Ausschlachtung eines Konzepts auf gehobenem Niveau).
Nur, weil er später mit Nachdruck ins öffentliche Gedächtnis zurückgekehrt ist, heißt das noch lange nicht, daß er seinen Legendenstatus zu Unrecht trägt.
Das ist so ungefähr wie mit dem "Herrn der Ringe". Der war auch schon ein halbes Jahrhundert vor den Verfilmungen gut, da hat's die breitärschige Masse aber nicht interessiert, weil man dazu Seiten umblättern muß, und plötzlich, seit man sich die oberflächliche Quintessenz der drei Bücher im Kinositz aneignen kann, ist jeder Dritte ein Mittelerde-Experte, auch solche, die ihr Lebtag nicht über die ersten zwei Kapitel der drei Tamben hinaus gekommen sind. Fürsprecher, und deren nicht wenige, gab's aber bereits lange Zeit *vor* den Filmen (gilt sowohl für Tolkien als auch für Cash).
Gruß
Skywise
Format
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