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Jetzt kann wirklich niemand mehr behaupten, er hätte es nicht kommen sehen. Im Sommer erschien die EP "Letur-Lefr", die uns alle eine aktuelle Definition dessen nahebrachte, was John Frusciante unter künstlerischer Freiheit versteht. Es war sein Entschluss und sein gutes Recht, die von ihm kreierte Welt der oft somnambulen, in jedem Fall unvergleichlichen Schwermut für einen schwer nachvollziehbaren Ego-Trip zu verlassen, in dessen Mittelpunkt krude Electronica mit eigenwilligen Rhythmik-Texturen stand.
"PBX Funicular Intaglio Zone" würde völlig anders klingen, ließ der Meister getreu seiner "Been there, done that"-Lebenseinstellung damals noch wissen. Er liegt falsch. "Letur-Lefr" lieferte vielmehr den perfekten Vorboten für vorliegendes Werk. "Intro/Sabam" beginnt mit rückwärts gelooptem Gesang und mündet in eine spacige Keyboardfolge, die nach und nach schräger und disharmonischer dahinfließt und schließlich, man hatte ihn gar nicht vermisst, einen Drumcomputer zur Seite gestellt bekommt.
Während man noch bemüht ist, sich dem schlängelnden Fluss des Beatgerüsts hinzugeben, geht wieder der Spieltrieb mit Frusciante durch und er lässt die Melodie lustlos ausfransen, um elektronisch verzerrte Gitarrensounds aufblitzen zu lassen, bevor er völlig abrupt den Regler nach unten dreht. Song vorbei, weiter gehts.
In "Hear Say", einem der besseren Songs, erhebt Frusciante erstmals seine Stimme, gesellt sich hinunter auf einen getragenen Synthieteppich, klingt aber trotzdem so fern, als habe er den Gesang im Nebenraum aufgenommen. Im Vordergrund bleepen und knattern dafür die Effekte wie vor 18 Jahren auf "Music For The Jilted Generation". Wobei der Titel irgendwie ja auch zu Frusciantes neuem Sound-Universum passt.
"Bike" lebt wieder von den seit "Letur-Lefr" gängigen Monster-Tempowechseln, diesmal garniert mit hochgepitchten Vocals. Hat man Frusciante wirklich erst jetzt das besagte Prodigy-Album geschenkt? Und natürlich sind da auch wieder diese seltsam unsinnigen Drum'n'Bass-Einschübe, selbstverständlich nie länger als fünf Sekunden am Stück, der Hörer könnte sich ja dran gewöhnen und womöglich noch Gefallen daran finden.
Es wird Leute geben, die sagen, man habe es hier mit genialem Songwriting eines unangepassten Künstlers zu tun, dem strukturierten Brechen immergleicher Strophe-Refrain-Muster, einem völlig neuen Improvisationsansatz. Ich sage: Diese Musik klingt ziellos, unentschlossen und zuweilen fahrlässig undurchdacht zusammengerührt.
Damit wir uns richtig verstehen: Die Kompromisslosigkeit, mit der Frusciante zu Werke geht, ist zunächst mal großartig. Er scheint sich aber so sehr in seinen neuen Ansatz und die liebgewonnenen Stilmittel verrannt zu haben, dass seine große Gabe auf der Strecke geblieben ist: Das Gefühl für die Mitte eines Songs, für eine austarierte Balance und eine knisternde Atmosphäre, die er auf vielen Soloalben auf wundersam vielseitige Weise immer wieder erreichte.
Als 2004 sein Album "Shadows Collide With People" erschien, fragte ich ihn im Interview, wann er eigentlich weiß, wann ein Song zu Ende ist. Von seiner Antwort versprach ich mir aus irgendeinem Grund einen geheimen Code für wenigstens eine seiner zahlreichen Wahrnehmungspforten. Frusciantes Antwort: Wenn er zu Ende ist. Keine Mystik, kein Geheimnis. Einfach nur so lange daran arbeiten und rumschrauben, wie es eben notwendig ist. Diese Gabe scheint er nun verloren zu haben.
All zu oft plätschert "PBX Funicular Intaglio Zone" trotz nicht enden wollender Aufmerksamkeitsreize einfach nur so vorbei. "Guitar" ist wieder so ein seltsames Rave-Instrumental mit ein bisschen Gniedelgitarre, bestenfalls lieblos, für eine B-Seite gerade noch zulässig, was es in Frusciantes Welt schließlich noch gibt. "Uprane" verzettelt sich in zahllosen Ansätzen und beginnt eigentlich erst nach 3.40 Minuten, wenn er zu singen beginnt und Melodie zulässt. Doch auch nur für etwa 30 Sekunden, danach lässt er fünf Beats gleichzeitig los. Willenlos.
Dagegen ist "Mistakes" ein waschechter Single-Kandidat, in seiner porentiefen Synthiepop-Reinheit dem Sound des ersten Erasure-Albums nicht unähnlich. Der Song lebt von gewagten Gesangsharmonien, die Frusciante mit Rasputin-Bariton und Kopfstimmenchor bis in die Extreme ausreizt. Wunderbar, wie er am Ende ein Gitarrensolo mit verzwirbelten Synthie-Soundspiralen vermählt. Er kann, wenn er will. Aber meistens will er eben nicht.
"Ratiug" ist einer der wenigen Songs, für den sich Frusciante eine überfrachtete Instrumentierung und seine neue Vorliebe für experimentelle Nötigung verkneift. Heraus kommt ein goldenes Stück Songwritingkunst, in das auch der Beitrag des Rappers Kinetic 9 feinsinnig eingewebt wurde. Dennoch ist es offensichtlich der gleiche Frusciante, der in "Sam" mit seinem kläglichen Versuch zufrieden ist, einen Skrillex-Beat selbst zu programmieren.
Bleibt die Frage: Quo vadis, John? Wir folgen dir ja sowieso. In guten wie in schlechten Zeiten. Hauptsache einer sieht das Licht am Ende des Tunnels.
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War schon klar, daß das Album sehr spalten wird. Mich hat es auf der absoluten Habenseite und bis jetzt habe ich es auch noch niemandem vorgespielt, der nicht fasziniert und neugierig gewesen wäre. Nach drei Durchgängen ist auch der eigenartigste Break in Fleisch und Blut übergegangen und höchstens unter den letzten drei Tracks gibt es einen kleinen Hänger, trotzdem wird die Platte mit der schönsten Ballade abgeschlossen, die Frusciante je geschrieben hat.
"Es wird Leute geben, die sagen, man habe es hier mit genialem Songwriting eines unangepassten Künstlers zu tun, dem strukturierten Brechen immergleicher Strophe-Refrain-Muster, einem völlig neuen Improvisationsansatz." Genau das sage ich. Gerade für elektronische Musik ist Frusciante eine enorme Bereicherung, da er mit seinen schnellen Wechseln die monotone Langeweile minutenlanger Loopingexzesse umgeht, die mich schon viel zu oft bei E-Mucke verschiedenster Genres ergriffen hat. Hier gibt es immer wieder etwas neues zu entdecken.
Nun gut, von mir gibt es selbstverständlich 5/5 Punkten und die hat das Album auch verdient.
Ich weiß, es gehört sich nicht, fremde Reviews auf einer Rezensionsseite zu posten. Wer aber interessiert ist, bekommt hier nicht nur eine Wertung nach meinem Geschmack (*g*), sondern auch eine sehr viel gründlichere Beschreibung des Werks: http://www.sputnikmusic.com/review/51949/John-Frusciante-PBX-Funicular-Intaglio-Zone/
Also ich find das Album super. Allein Bike, Ratiug, Mistakes und Uprane sind schon geniale Stücke. Nur der Anfang gefällt mir noch nicht so. Es stört ein bisschen, dass Intro/Sabam so aprupt endet und Hear Say kommt irgendwie nicht in fahrt und führt ins nichts. Ab Bike ist das Album aber durchgehend super mit einigen Höhepunkten, mit ein paar Momenten, die sogar in John Frusciantes Discografie herausstechen, wie z.B. das Ende von Mistakes ("Do you feel this my sad emotion..."), der Riff von Ratiug, die jazzigen Elemente in Bike und vor allem dessen Ende. Was auch noch speziell bei der Vinylversion gut gemacht wurde ist die ungewöhnliche aber schon fast konzeptionelle verteilung der Songs auf insgesamt 4 Seiten (für etwas mehr als 30 Minuten). Da ist auf jeder Plattenseite wirklich zusammen was zusammen gehört. Aber ich kann die Meinung des Rezensenten schon verstehen. Ich hatte den selben Eindruck nach den ersten paar Hördurchläufen und muss auch sagen, dass mir Frusciantes alte Musik doch besser gefällt. Was mich dann aber bei der Stange gehalten hat waren eben diese Momente, in denen seine Genialität hinter den Soundteppichen hervorscheint - und nach mehrmaligem hören gefallen mir auch die Sound- und DrumBass-Teppiche immer besser und machen das Album wahnsinnig interessant. Deswegen gibts von mir 5/5
ganz ehrlich, leute. ich hab ein bisschen das gefühl, es gilt heute als besonders chic, auf Johns Kram zu stehen... Nach dem Motto: "Wem's nich gefällt, der versteht's wahrscheinlich nicht." N bisschen albern, diese Idolisierung. Ich hör's mir jetzt erstma in Ruhe an und geb dann meine Meinung ab.
Johns Musik zu kritisieren ist absolut gerechtfertigt, gerade weil er sein Stil so abrupt geändert hat. Wer solch eine Diskografie in der Hinterhand hat, braucht sich darum aber nun wirklich nicht scheren. John ist einfach ein wahrer Künstler Einer der verückt nach Musik ist und dabei immer ohne finanzielen Anspruch. Der Mensch Frusciante ist daher ein großes Vorbild welches gewürdigt aber auch kritisiert werden darf.
Ich kann dem Ganzen nicht viel abgewinnen. Oft klingt es so, als ob jemand über einen Autechre/Squarepusher Track drüber klampft. Sum ist als einziges Lied hängen geblieben. Natürlich bietet jeder Song Material genug um ganze Abhandlungen zu verfassen. Wer will kann sich das Ganze auch schön hören und als weiteres Juwel im künstlerischen Werdegangs Frusciantes lobpreisen. Jeder Chai Latte trinkender Herbalist wird im zustimmen wollen.
Von mir erhält das Album auf jeden Fall die "entrückte Lulu" in Gold, aber keinen weiteren Sendeplatz.


@Ragism: Genau so isses - die Songs auf diesem Album sind eben nicht unbedingt leichte Kost (ähnlich wie bei Lulu
), was sie dadurch aber doch nicht schlecht oder irgendwie elitär macht.
Ich finds hier schon grad ein starkes Stück, dass man sich hier regelrecht dafür verteidigen muss, dass einem die Musik gefällt. Und von allen Seiten kommen hier die Unterstellungen, man wolle nur seinen Außergewöhnlichen Musikgeschmack und seine Kunstkenntniss beweisen, wenn man behauptet, dass einem diese Art von Out-of-the-Box-Musik gefällt. Seid doch mal ein bisschen offener für neues.
[quote="Rhyme!"]Sehr anstrengend zu hören ist das Teil ja schon.[/quote]
So gehts mir auch. Bin ziemlich enttäuscht. Habe mir extra die HiRes 1.6GB Variante rausgelassen, nur um nach dem ersten Hördurchgang Kopfweh zu schieben. Das kann's nicht sein. Die Lust auf den zweiten Durchgang ist mir - zumindest für den Moment - vergangen.
John wird noch so viel verschiedenes machen, alles durchgängig gut zu finden wird bei den musikalischen Stimmungsschwankungen eh nicht möglich sein, das muss man bei ihm einfach wissen und seine Erwartungen runterschrauben.
Tja, Mut wird leider nur allzu oft bestraft. Gottseidank entscheiden die Künstler, was sie auf die Welt loslassen, und nicht die Hörer. Letztere sind immer zuerst mal vor den Kopf gestoßen und mögen lieber das, was sie schon seit 10 Jahren hören. Ist der erste WTF-Moment vorbei, werden sie sich aber daran gewöhnen, dann den Zugang finden und schließlich vergöttern oder vollkommen ablehnen.
Im Vorteil sind wie immer diejenigen, welche schon von Anfang an offen für Neues sind und den Zugang so früh wie möglich suchen. Gerade weil Frusciante ein unbestreitbares Genie ist, sollte man ein fünffaches Anhören zumindest einmal in Erwägung ziehen. Nicht nur, weil kaum jemand ein zehntes "The Will to Death" ernsthaft wollen kann, sondern wegen einer Portion Vertrauen, die sich der gute Mann verdient haben sollte.
Für mich war es ab dem zweiten Durchgang bis zum jetzt 10+. ein sehr angenehm zu hörendes, eher poppiges, Album.
Am Anfang war ich noch völlig verstört, weil ich nichts von einer Gitarre mitbekommen habe, aber als ich realisiert habe, dass sie da ist, war es viel leichter das Album so zu akzeptieren. Eine 4/5 hat es mMn verdient, so wie fast jedes seiner Alben, nicht perfekt, aber eben großartig.
2 Punkte gehen schon in Ordnung, die müssen ja gar nicht so negativ ausgelegt werden. Der gute John hat einfach seit der letzten EP neue Einflüsse (die an sich weder neu noch revolutionär sind) in seinen Stil eingebaut, das muss sich vielleicht erst noch entwickeln. Das Album erscheint mir nämlich noch etwas willkürlich, Elektropop wie bei Mistakes neben Breakcore-Attacken wären an sich ok, aber es kommt auf Albumlänge keine Atmosphäre auf. Genau wie im Ganzen finde ich gilt dasselbe für die einzelnen Tracks, es fehlt bei den meisten die Verbindung bzw. Übergänge zwischen den einzelnen Elementen.
Wenn man sich zum Vergleich mal alte Hasen in dem Genre wie Venetian Snares anhört wird das deutlich, dass einfach die Atmosphäre viel dichter ist weil Elemente nicht nebeneinander stehen, sondern ineinander verwebt sind, und Tracks einen roten Faden haben. Grandios z.B. der hier: http://www.youtube.com/watch?v=BernWaWNYcs
Wir wollen mal nicht verheimlichen, dass der Herr F. hier und da allzu häufig in Richtung der Elektrofrickelpioniere Aphex und Squarepusher schaute...
Das sind zumindest Assoziationen, die mir stellenweise bei Tracks wie 'Bike' oder 'Guitar' kommen.
zwischewn neubauten artiger dekonstruktion und neu!
....völlig egal, welche sounds er als handwerkszeug nimmt und von wann die elemente sind.
entscheiden ist doch bei frusciante das bild und nicht so sehr seine einzelnen teile. finde seine hinwendung zu freieren strukturen gut...nächste platte dann mit mike patton john zorn....rockt!
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