26. Februar 2010

"Lennons 'Imagine' wollte mein Vater nicht singen"

Interview geführt von

Es ist Winter in Tennessee, die Temperaturen kreisen um den Gefrierpunkt. Kein Szenario, bei dem man unbedingt das eigene Haus verlassen möchte. John Carter Cash tut es trotzdem. Die Interviews mit deutschen Medien absolviert der 39-jährige Sohn von Johnny und June Carter Cash am Handy.

Er hat in diesen Tagen schließlich viel zu tun. Nachdem "American Recordings"-Produzent Rick Rubin sämtliche Interview-Anfragen ablehnte, kümmert sich John nun allein um die Promotion für das wohl letzte Album seines Vaters. Pünktlich zum 78. Geburtstag der Country-Lichtgestalt erscheint heute "American VI: Ain't No Grave".

"American VI" soll das finale Johnny Cash-Album sein. Dürfen wir daraus schließen, dass es nun keine interessanten Songs Ihres Vaters mehr gibt, die es wert sind, veröffentlicht zu werden?

John Carter Cash: Nein, überhaupt nicht. Es gibt noch eine Menge Musik, die man veröffentlichen könnte, schätzungsweise rund 40 Lieder. Wir haben nur das Beste zusammen getragen. Es könnte also durchaus einen zweiten Teil der "Unearthed"-Box geben. Die "American"-Reihe ist mit dem sechsten Teil aber definitiv abgeschlossen.

Mich hat die neuerliche Veröffentlichung ziemlich überrascht, da es zumindest in Deutschland schon bei der "Unearthed"-Box und später bei "American V: A Hundred Highways" hieß, dies seien definitiv die letzten 'neuen' Aufnahmen von Johnny Cash.

Aha. Das kann ich nicht nachvollziehen. Es war schon damals klar, dass wir hier ein Gesamtkunstwerk vor uns haben, das bis zu einem "American VI"-Album reicht.

Wer hat entschieden, diesen sechsten Teil zu veröffentlichen?

Rick Rubin.

Sind auf dem Album Songs vertreten, die Ihr Vater persönlich für eine Veröffentlichung auswählte?

Ja. Grundsätzlich kann man sagen: Alle Songs, die mein Vater aufnahm, wollte er auch veröffentlichen, einfach weil er an sie glaubte. Es interessierte ihn weniger, welche Songs letztlich auf ein Album kamen. Aber er wählte die einzelnen Songs sehr behutsam aus und wägte dann ab, ob sie gut genug für eine Veröffentlichung sind. Er hatte zu allen ausgewählten Songs eine tiefe Verbindung.

Sind unter den neuen Songs nun auch Outtakes aus früheren "American Recordings"-Sessions?

Nein. "American VI" ist ein zehn Song starkes Album mit einem klaren roten Faden. Es ist mit "American V" thematisch verknüpft. Der Großteil dieser Stücke entstand, nachdem meine Mutter gestorben war. Also in den letzten Monaten meines Vaters' Lebens.

Zu welchem der zehn Songs hätte Ihr Vater wohl die stärkste Verbindung gehabt?

Wahrscheinlich zu "I Corinthians 15:55". Die Komposition des Stücks hatte für ihn etwas Heilendes. Es gab ihm noch einmal viel Kraft.

Es ist das einzige selbst komponierte Stück auf "American VI". Ist es auch der letzte Song, den Ihr Vater geschrieben hat?

Nein. Der letzte Song, an dem er gearbeitet hat, war "Like The 309" auf "American V".

Warum haben Sie und Rubin "I Corinthians 15:55" nicht schon aufs letzte Album gepackt?

Es gab damals Pläne, beide Alben zusammen zu veröffentlichen, was letztlich aber verworfen wurde. Es war von vornherein klar, dass wir so einen schönen Song noch veröffentlichen. Rick hatte ziemlich schnell zwei Alben für diese Songs vor Augen.

"Rick Rubin ist ein ganz normaler Typ"


Sie haben mit Ihrem Vater als Associate Producer auf vielen "American Recordings" gemeinsam aufgenommen. War es nicht manchmal schwer, dem eigenen Vater, der diesen Legendenstatus besitzt, im Studio Ratschläge zu erteilen?

Mein Vater und ich hatten ein sehr offenes Verhältnis. Wir teilten all unsere Gedanken. Er war für mich nicht diese übermenschliche, angsteinflößende Person, wie viele Menschen gerne glauben. Er war ein sehr feinfühliger, liebevoller Mensch.

Wenn es doch mal Auseinandersetzungen gab: Wer von Ihnen behielt die Oberhand?

(lacht) Das ist eine sehr direkte Frage. Ich würde sagen, das hing ganz davon ab, worum es in der Auseinandersetzung ging.

Produzent Rick Rubin wird oft als in sich ruhender, der Zen-Meditation zugetaner Mensch beschrieben. Können Sie das Geheimnis der einzigartigen Zusammenarbeit zwischen ihm und Ihrem Vater beschreiben?

Es war ganz offensichtlich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Rick ist ein ganz normaler Typ. Und wie mein Vater ist er als Person beileibe nicht so angsteinflößend wie oft geschrieben wird.

Lehnte Ihr Vater viele Songs ab, die Rubin ihm vorspielte?

Es waren einige, zum Beispiel John Lennons "Imagine". Obwohl es ein wunderschönes Lied ist, wollte mein Vater es nicht singen, weil ihm die Textzeile "Imagine there's no heaven" nicht zusagte. Immer wenn er das Gefühl hatte, den jeweiligen Song nicht zu seinem eigenen machen zu können, dann ließ er ihn liegen. Egal wie großartig das Original war. Er musste darin immer eine Verbindung zu seinem Herzen, seinem Geist und seiner Moral spüren. Was ihn auszeichnete, war diese besondere Fähigkeit, schon nach einmaligem Hören zu spüren, ob er an einem Song weiter arbeiten würde oder nicht.

Welches war die schwierigste Coverversionen von allen, die es je auf eine "American Recordings"-Platte geschafft haben?

Puh. Da gibt es keinen einzelnen Song, der mit Abstand in diese Kategorie fallen würde. Ich war zwar nicht in die Produktion des "Unchained"-Albums (1996) involviert, aber ich weiß, dass es ewig gedauert hat, meinen Vater mit dem Song "Rusty Cage" anzufreunden. Aber als er seine Zweifel überwunden hatte, war er sehr zufrieden damit und natürlich mit dem Ergebnis. Insgesamt gab es aber nicht viele Songs, mit denen mein Vater nichts anfangen konnte.

Es muss ein großes Vertrauensverhältnis zu Rick Rubin gegeben haben, dass sich Ihr Vater einen Heavy Metal-Song vorspielen ließ, oder?

Mein Vater war ein sehr aufgeschlossener Mensch. Gute Musik konnte für ihn aus allen Richtungen kommen, ob Country oder Rock'n'Roll.

"Gunter Gabriel kam schon früh zu Shows meines Vaters"


Es heißt, dass Ihr Vater seine letzten Aufnahmen im Homestudio in Hendersonville 2003 immer dann einspielte, wenn er sich gesundheitlich fit genug fühlte. Auch Rick Rubin sei in diesen letzten Monaten immer wieder extra aus Los Angeles eingeflogen. Wie sehr waren Rubin und Sie in diese Aufnahmen involviert?

Rick kam ein paar Tage zu uns, nachdem meine Mutter starb. Mein Vater machte unablässig Gesangsaufnahmen. Die Musik, die auf dieser Platte zu hören ist, wurde nach dem Tod meines Vaters in Kalifornien in Sessions aufgenommen. Mein Vater hat die Musik auf dieser letzten Platte also nie gehört. Meine Aufgabe bestand darin, als Produzent bei seinen Gesangsaufnahmen dabei zu sein. Das begann mit dem "American III"-Album. Ab diesem Zeitpunkt wollte mein Vater regelmäßig neue Songs einspielen und ich stand ihm dabei in den Cash Cabin Studios zur Seite. Die Sessions fanden dann bei Rick statt.

Sie sagten in einem Interview, Ihr Vater hätte das Traditional "Aint No Grave" sein ganzes Leben lang gesungen. Erinnern Sie sich an den Moment, als er beschloss, den Song aufzunehmen?

Ja, es war ein Song von Ricks Liste. Vor jeder Albumaufnahme gab es immer seine Liste und die von meinem Vater und mir. Als Rick ihn vorschlug, war mein Vater sofort Feuer und Flamme. Ich erinnere mich genau an diesen Tag.

Gunter Gabriel veröffentlichte vor kurzem ein Cover-Album namens "German Recordings". Wussten Sie das?

Nein, aber es überrascht mich auch nicht (lacht).

Sie kennen Gunter persönlich sehr gut, oder?

Ja, wir haben zusammen eine Platte aufgenommen vor einigen Jahren. Wir hatten viel Spaß damals hier in Tennessee. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung.

Gunter Gabriel nahm 2002 im Studio Ihres Vaters das Album "Das Tennessee-Projekt: Gabriel singt Cash" auf. Hat sich Ihr Vater für die deutschen Übersetzungen der Texte interessiert?

Ich glaube nicht, dass mein Vater die Songs gehört hat. Aber ich habe ein paar von ihnen gehört.

Und wie gefiel ihnen der neuartige Klang dieser bekannten Songs?

Nun, es sind Gunters übrigens ziemlich einzigartige Interpretationen bekannter Songs, die deutsche Hörer ansprechen könnten. Wir waren alle sehr glücklich zu sehen, wie sehr er die Musik meines Vaters liebte und dass er sie neu interpretieren wollte.

War es Gunter, der sich urspünglich bei Ihrem Vater meldete oder entdeckte Ihr Vater ihn bei seinen Deutschland-Reisen?

Oh, das weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass Gunter schon in meiner frühesten Kindheit regelmäßig zu Shows meines Vaters kam. Wahrscheinlich kam er nach irgend einer Show mal zu ihm hinter die Bühne.

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