Porträt

laut.de-Biographie

Jean Grae

Besonders im Hip Hop will man des öfteren meinen, jeder halbwegs talentierte Rapper kann sich schon zum Frühstück eine Flasche Champagner leisten. Doch die Realität zeichnet natürlich ein ganz anderes Bild. Denn die Industrie ignoriert unverständlicherweise oft die, die mit dem größten Talent gesegnet sind. Fragt mal die Rapperin Jean Grae.

Sie wird als Tsidi Ibrahim in Südafrika geboren, zieht aber schon im zarten Alter von drei Monaten mit ihren Eltern nach Amerika in die Metropole New York. Ihre beide Eltern, African Jazz-Pianist Abdullah Ibrahim und Sängerin Sathima Bea Benjamin sind freischaffende Musiker, die sich der Musik, besonders dem Jazz verschrieben haben. Ihren Eltern nacheifernd mausert sich auch für Tsidi die Musik zur allerliebsten Beschäftigung. Ihre Hingabe geht sogar so weit, dass sich für die Fiorello H. LaGuardia High School of Music & Art in Manhattan einschreibt. Dort paukt sie ihr Hauptfach Gesang und wechselt schließlich auf die New York University mit dem Spezialgebiet Music Business. An der Universität hält sie es jedoch nicht lange aus und schmeißt schon nach wenigen Monaten das Studium. In der Zeit umgibt sie sich mit Freigeistern verschiedenster Kunstrichtungen und trifft bei ihren Streifzügen durch die Kreativszene New Yorks auch auf Talib Kweli und Mos Def, die Tsidis Interessen Poesie und Musik teilen.

Entgegen ihrer mehr klassischen Musikausbildung sympathisiert sie immer mehr mit der Hip Hop-Szene und beginnt bald auch, selber Texte zu schreiben und zu rappen. Unter dem Namen What?What? schließt sie sich mit dem Rapper Ocean zusammen und formt Mitte der Neunziger Jahre die Crew Natural Resource. Über ihr eigenes Label Makin' Records veröffentlichen sie 1997 die Single "Negro League Baseball", die der Underground freudig überrascht aufnimmt. Auf den folgenden 12''s - "I Love This World", "They Lied" und "Bum Deal" - perfektioniert die Rapperin ihre Skills und erntet dafür in der Szene großen Respekt. Doch nicht nur ihr Raptalent kann entzücken, auch produziert sie für einige Makin' Records Artist und schafft so etliche Beats für Pumpkin Head, Don Scavone oder The Bad Seed.

1999 trennen sich jedoch Natural Resources aufgrund musikalischer Differenzen. Daraufhin ändert Tsidi ihren Künstlernamen von What?What? in Jean Grae, der auf die Superheldin Jean Grey aus dem bekannten Marvel-Comic "X-Men" zurück geht, und stürzt sich in die Arbeit. Es folgen Auftritte mit den Ninja Tune-Künstlern Herbaliser und weitaus bekannteren Namen, wie High & Mighty, Mr. Len (Company Flow), Da Beatminerz und Masta Ace. Gerade in Masta Ace findet sie eine tatkräftige Unterstützung. In einem Club in New York steckt Jean dem zu dieser Zeit weitaus bekannteren Rapper ein Tape zu. Nur kurze Zeit später ruft Masta Ace bei Jean an und eröffnet ihr, er wolle mit ihr zusammen arbeiten.

Wichtig in der Karriere der Rapperin ist auch die Begegnung mit dem Chef des kleine Labels Third Earth, Kimani Rogers. Über eine Single-Kontaktbörse im Internet lernen sich die beiden kennen und entdecken ihre Gemeinsamkeiten. Daraufhin arbeiten sie zusammen an Jeans Solo-Debüt, das dank des immensen musikalischen Talents Jeans, der Unterstützung oben genannter Künstler und der Frische einer Newcomerin zu einem wahren Juwel heranreift. "Attack Of The Attacking Things" überzeugt im August 2002 so sehr, dass die Zeitschrift The Source Jean in ihrer Kolumne "Unsigned Hype" würdigt. Eine Ehre, die Jean zwar noch nicht von der Musik leben lässt, aber trotzdem den vermeintlich richtigen Weg zeigt. Bald darauf wechselt Jean zu dem Label Babygrande und Orchestral Entertainment.

Ende 2003 folgt ein weiteres Meisterwerk. Die EP "The Bootleg Of The Bootleg" ist ein überzeugender Einstand bei Babygrande und reißt die Heads rund um den Globus von den Hockern. Auch die Musikzeitschrift Rolling Stone erkennt ihr Talent und betitelt Jean Grae als "the best kept secret on New Yorks indie Hip Hop scene". Die EP ist voll von meisterhaften neuen Stücken der Rapperin, bietet jedoch auch einen Einblick in die Vergangenheit der Künstlerin. Außerdem beinhaltet der Silberling neben Tracks aus Natural Resource Zeiten, auch einige Freestyles über Instrumentals von Jay-Z, Nas und Mobb Deep.

Mit einer solchen Veröffentlichung sollten Respekt und Kaufbereitschaft eigentlich gesichert sein. Dass das aber nicht der Fall ist, muss man schließlich im Januar 2004 in einem Artikel auf der amerikanischen Hip Hop-Seite allhiphop.com erkennen. In drastischen Worten verflucht Jean die Musikindustrie und ihre Drahtzieher und beschwert sich über deren Ignoranz gegenüber ihrem Talent und ihren musikalischen Leistungen: "Fuck everyone at all these labels who even know me and won't even give me a damn chance to step in the door." Trotz der vielen schmutzigen Wörter, die Jean in dem Artikel benutzt, scheint ihr Wehleiden von höheren Mächten erhört zu werden.

Zur gleichen Zeit intensiviert sich der Kontakt zu The Roots, was einmal mehr ihre Karriere in eine andere Richtung lenkt. Im Frühjahr 2004 geht es auf große Tour mit dem Okayplayer-Umfeld, das schließlich auch zu ihrem musikalischen Zuhause wird. Endlich hat sie Mitstreiter gefunden, die ihr Talent erkannt haben, und die auch in der Industrie das ein oder andere Wort mitzureden haben. So bekommt Jean gleich in der ersten Okayplayer-Compilation "True Notes Vol. 1" einen Auftritt, bei dem sie wie gewohnt brilliert.

Auf "This Week" verzichtet Jean zwar auf namhafte Gast-Rapper, zieht aber mit 9th Wonder und Midi Mafia zwei Produzenten an Land, die in der obersten Liga mitspielen. Mit 9th Wonder klappt die Zusammenarbeit sogar so gut, dass er sich fast im Gesamten um das neu angekündigte Album "Jeanius" kümmert. Mit der Unterstützung der hochrangigsten Künstler, die die Szene zu bieten hat, ist Jean Grae auf dem Weg, auch die Industrie auf ihre Seite zu bringen. Leider messen die Damen und Herren der Plattenfirmen besonders den Verkaufszahlen große Bedeutung bei. Im Jahr 2005 unterschreibt Jean bei Talib Kwelis Blacksmith Records und im Sommer 2007 tritt die Rapperin gemeinsam mit ihm beim Splash!-Festival auf.

Alben

Jean Grae - This Week: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2004 This Week

Kritik von Alexander Engelen

Rap-Skills jenseits von Gut und Böse. (0 Kommentare)

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