28. Mai 2013

"Jazz-Nerds sind festgefahren"

Interview geführt von

Die elitäre Jazz-Brüderschaft schüttelt den Kopf, Pop-Verehrer stoßen an ihre Grenzen: Englands Vorzeige-Pianist Jamie Cullum veröffentlicht sein fünftes Album "Momentum".Jamie Cullum sitzt zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite ist da der hochtalentierte Jazzpianist, der bereits als Kleinkind Klavierabläufe im Schlaf spielen konnte, für die andere ein Leben lang üben müssen. Auf der anderen Seite ist da aber auch dieser empfängliche Pop-Liebhaber, der es sich zu Hause gerne zu den Klängen von Q-Tip, Beyonce, Radiohead oder den Chili Peppers gemütlich macht. Und so versucht der Brite nun schon seit mehreren Jahren künstlerische Brücken zu schlagen, zwischen zwei Branchen, die unterschiedlicher kaum sein können.

Die Folge: viele verschränkte Arme und rümpfende Nasen in den heiligen Jazz-Hallen und tausende Fragezeichen bei Freunden populärer Kurzzeitklänge. Doch es funktioniert irgendwie trotzdem – die Hallen sind voll, die Alben charten und auf dem heimischen Kaminsims türmen sich Awards und Auszeichnungen aus aller Welt. Wir treffen den Musiker in Berlin und sprechen über Vaterglück, neue Freiheiten und spontane Ausrutscher.

Hi Jamie, zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Du bist vor kurzum zum zweiten Mal Vater geworden. Alle Beteiligten gesund und munter?

Jamie: Oh, vielen Dank. Ja, es geht uns allen prächtig. Die kleine Margot hält uns alle gerade ganz schön auf Trab.

Wie schwer ist es, sich auf die Promo für ein neues Album zu konzentrieren, während zu Hause ein neugeborenes Kind wartet?

Das ist nicht so einfach, keine Frage. Ich würde momentan natürlich lieber Zeit mit meiner Familie verbringen, aber das gehört nun mal zum Job dazu. Zum Glück steh ich ja aber auch nicht irgendwo am Fließband, sondern fliege in der Welt rum und lerne spannende Orte und Menschen kennen. Das macht es erträglicher (lacht).

Wie oft hast du heute schon zu Hause angerufen?

Oft (grinst). Ich bin eigentlich ständig in Kontakt mit Sophie (Sophie Dahl, Ehefrau). Das bringt manchmal auch ziemlich viel in meinem Kopf durcheinander.

Inwiefern?

Nun, als ich den ersten Promo-Termin für das neue Album hatte, stellte mir der Journalist gleich zu Beginn eine Frage zur neuen Platte. Da musste ich erst einmal kurz überlegen und den Schalter umlegen. Album? Welches Album? (lacht). In meinem Kopf sind noch Windeln, Babycremes und Fläschchen Achterbahn gefahren. Das hat dann ein bisschen gedauert. Aber zum Glück habe ich noch die Kurve gekriegt.

"Diese Platte hätte ich vor fünf Jahren so nicht aufnehmen können"

Dein letztes Album "The Pursuit" kam 2009 raus. Inwieweit hat dich der familiäre Zuwachs in den letzten beiden Jahren als Mensch und als Musiker verändert?

Das sind natürlich einschneidende Erlebnisse im Leben eines Menschen. Ich denke, dass man als Vater viele Dinge relaxter angeht. Automatismen, die vorher den kompletten Alltag bestimmt haben, rücken plötzlich in den Hintergrund. Es hat eine Weile gedauert, ehe ich einen Weg gefunden habe, den Job und die neue Familiensituation zu vereinen. Aber als es dann soweit war, fiel mir vieles einfacher.

Dieser zusätzliche Schub an Liebe, den man mit der Geburt eines Kindes bekommt, ist einfach unglaublich. Ich wollte das dann auch alles teilen, mit Freunden und der Familie; aber natürlich auch mit den Leuten, mit denen ich gearbeitet habe und meinem Publikum.

Als Musiker empfinde ich mich seit der Geburt meiner Kinder befreiter. Mich kümmert weniger, was die Leute von mir denken, oder was sie von mir erwarten. Dieser ganze Druck, den ich während der ersten beiden Alben verspürt habe, ist wie weggeblasen. Wie viel Jazz muss auf die Platte? Wie poppig darf es werden? Diese Fragen habe ich mir beim neuen Album nicht gestellt. Stattdessen habe ich die Dinge einfach laufen lassen.

Würdest du demnach sagen, dass "Momentum" bisher das einfachste Album für dich war?

Das ist vielleicht übertrieben. Ein Album zu produzieren ist eigentlich immer ein "fucking hard job". Es war nicht einfacher, sondern angenehmer. Diese Platte hätte ich vor fünf Jahren so nicht aufnehmen können.

Ich habe von interessanten Hilfsmitteln gelesen, die du dir während der Aufnahmen zu Nutze gemacht haben sollst. Stichwort: Baby-Keyboards, Handy ...

Ja, diesmal habe ich einfach alles ausprobiert, was mir gerade in die Hände fiel. Ich habe mir in unserem Haus ein kleines Zimmer eingerichtet, in dem ich alles geparkt habe, was auch nur annähernd Hilfe versprach. Da kamen viele lustige Dinge zusammen – unter anderem halt auch ein Keyboard meiner zweijährigen Tochter, diverse Handys und alte Tape-Recorder. Eigentlich wollte ich ein kleines Studio einrichten, aber irgendwie entstand ziemlich viel Chaos (grinst).

Funktioniert hat es aber trotzdem wunderbar. Ich habe auf dem Keyboard herumgeklimpert und die Sachen auf dem Handy aufgenommen. Manchmal habe ich mich auch ans Schlagzeug gesetzt, was eigentlich nicht mein Paradeinstrument ist und simple Beats eingespielt. Dann gab es noch eine Ukulele und viele andere Utensilien, die mir bei dem Aufnahmeprozess geholfen haben.

Ich bin oft morgens mit einer neuen Idee aufgewacht, ins Zimmer gerannt und habe noch im Schlafanzug mit dem Aufnehmen begonnen. Beat, Bass, Keyboard, Gesang, und fertig! Danach bin ich gleich ins Auto gesprungen und habe mir die Sachen angehört. Das war fantastisch. Das waren für mich die wichtigsten und schönsten Momente des ganzen Prozesses. Es war einfach unheimlich spannend, zwischen Kinderzimmer, eigenem Reich und Auto hin und herzuspringen und zu gucken, was passiert.

"Ich rutschte aus und Peng!"

Wie hat sich denn Sophie, deine Frau, dabei gefühlt?

Sophie hat mich dabei super unterstützt. Sie hat immer gesagt: "Wenn du Zeit hast, dann verkriech dich in deinen eigenen vier Wänden und genieße es. Mach dir keinen Druck." Dieser Rückhalt war enorm wichtig für mich. Ich fühlte mich einfach frei. Ich denke, dass das auch der Grund ist, warum das Album letztlich klingt, wie es klingt.

Eine Mischung aus traditionellen Jazz-Vibes und modernen Pop-Sounds?

Ja, wobei ich das Album in erster Linie als ein reines Songwriter-Album definieren würde.

Ein Album, das in erlauchten Kreisen abermals für Gesprächsstoff sorgen wird.

Du meinst die Jazz-Nerds?

Ja.

Das ist nichts Neues für mich. Nur diesmal ist es einfach so, dass es mich noch weniger interessiert als früher. Ich liebe Jazz, und ich bezeichne mich auch immer noch als Jazzmusiker. Aber es gibt kaum ein Genre, in der die Hörerschaft teilweise so dermaßen festgefahren ist, wie im Jazz. Das ist wirklich schade, denn ich finde, dass man gerade beim Jazz unheimlich viele Möglichkeiten des freien Ausdrucks hat.

Es gibt tausende Abzweigungen, verstehst du? Aber sobald man sich zu weit von der Basis entfernt, werden die Knüppel ausgepackt. Das ist wirklich traurig. Mir war es diesmal wichtig, nur auf meine innere Stimme zu hören.

Was hat sie gesagt?

Mach was du willst, egal ob irgendwas klingt wie Elton John, Beyonce oder Ben Folds. Just do it! (grinst)

Fühlst du dich selbstbewusster denn je?

Absolut. Vor allem fühle ich mich freier denn je. Ich kann dir sagen, das sah vor fünf Jahren noch anders aus.

Ältere Videos von dir vermitteln da aber ein anderes Bild.

Wie alt? (lacht)

Vier, fünf Jahre.

Naja, da war ich ja schon eine Weile unterwegs. Je öfter ich aufgetreten bin, desto eingespielter wurde natürlich auch alles. Dennoch war und bin ich heute noch sehr aufgeregt vor jedem Konzert. Aber jetzt habe ich halt noch dieses unbeschwerte Gefühl dazu bekommen. Das hatte ich früher nicht.

Du spielst deine Konzerte immer ohne Setlist. Wie wichtig ist dir Spontaneität?

Sehr wichtig. Ich finde es langweilig, wenn ich zu Beginn des Konzerts schon weiß, welchen Song ich eine halbe Stunde später spiele. Musik sollte immer irgendwie eine Bauchsache sein. Das ist für die Band viel spannender. So ist jeder Abend anders, auch für die Leute, die sich vielleicht zwei oder drei Shows angucken. Ich bin einfach ein spontaner Mensch und lasse mir gerne Dinge einfallen, auch auf die Gefahr hin, dass etwas schief gehen könnte.

Ich sitze ja auch nicht immer nur ruhig am Piano rum und spiele die Songs runter. Manchmal springe ich auf und rutsche während des Songs über das Klavier. Da kommt es auch mal vor, dass Sachen aus dem Ruder laufen. Ich kann mich beispielsweise an eine Show für MTV erinnern, wo ich mir den Kopf am Piano aufgeschlagen und ziemlich geblutet habe. Vorher hatte ich mir aus Texas Cowboy-Boots besorgt, wollte aber auch unbedingt über das Klavier laufen. Also habe ich die Schuhe ausgezogen, krabbelte in Socken aufs Piano, rutschte aus und es machte Peng! Das gehört einfach dazu.

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