laut.de-Kritik

Ja, sind wir hier bei Papa Roach?

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Die gute Nachricht zuerst: "Battles" verkauft sich insgesamt deutlich metallischer als "Siren Charms" und hat außerdem die besseren Songs. Die schlechte: Immer noch knapp die Hälfte der Nummern dümpelt trotzdem weiterhin im Egalen herum. Außerdem klingen die heavy Parts beinahe durchgehend, als habe man das alles schon einmal besser gehört. Die poppigen wirken zwar modern und durchaus ungewöhnlich, anders – aber deshalb noch lange nicht so zwingend, dass man davon unbedingt mehr bräuchte.

Ein wenig drängt sich der Vergleich zu Bring Me The Horizon auf: Die ehemaligen Metal-/Deathcore-Fahnenträger machen mittlerweile gerne bieberesken Schlabberpop. In Flames servieren klinisch polierten Castingshow-Modern Metal, der allerdings noch nicht ganz die Göteborger Wurzeln abgestoßen hat.

"The End" etwa frönt bis zum Refrain herrlich vertrautem Melo-Death. Dann kommt zwar ein Frauenchor ins Spiel und das Instrumentalbett dient einzig dazu, die Vocal-Hook nicht a-capella dastehen zu lassen. Aber: Der Track bleibt hängen, auch wenn man den C-Teil lieber hinter Mülltonnen versteckt. Fürs Überstehen belohnt dafür Björn mit einem wirklich on fleeken Solo. Beinahe wie früher.

Wie früher klingt zum Beispiel "Like Sands" nur oberflächlich, dessen Main-Pattern doch sehr an "All For Me" von "Sounds Of A Playground Fading" erinnert. Schade, dass der Song in absoluter Austauschbarkeit versinkt und ungleich seinem großen Bruder statt Headbang- vor allem Brechreiz ob der platten Lyrics in Kombination mit Dudelmelodien auslöst.

"I've got the whole world in my hands"? War das nicht mal ein Spiritual? "What can't kill you makes you stronger, so I heard": Ja, hab' ich auch schon gehört und zwar definitiv zu oft. Passend zum ausgelaugten Rest, mogeln sich ein paar dieser hippen Synthie/Scratch-Verzögerungen dazwischen. Sind wir hier bei Papa Roach?

Nö, sowas wie "The Truth" würden nicht einmal die sich trauen. "We are"-Chants eignen sich vielleicht super für das Kinderchorerlebniswochenende, und wenn Anders Fridén gerne Topfschlagen spielt, soll er das tun, gut finden muss man das deshalb noch lange nicht. Die Damen, die das Piep-Piep-Piep-wir-ham-uns-alle-lieb-Mittel zum Zweck spielten, dürfen auch in "Here Until Forever" noch einmal ran, wenn auch nur im Hintergrund. Den Kitschpart übernimmt Anders diesmal selbst: "Du bist mein Leuchtturm in der Dunkelheit" Nena? Helene? Forster/Bourani/Silbermond? Alles drin.

Ehrlich: Ich finds super, dass In Flames nicht wieder und wieder dasselbe Album aufnehmen wollen und selbst davor nicht zurückschrecken, dem Metal als Rahmen den Rücken zu kehren. Etwa bei "The End" oder auch dem ultraeingängigen "Battles" zeigt sich, dass das "Siren Charms"-Konzept inzwischen gereift ist und Gelotte und Co. ihr Songwriting deutlich entwickelt haben. Trotzdem wirken In Flames auf "Battles" am stärksten, wenn sie in Richtung ihrer Herkunft schielen. Der Opener "Drained" walzt mit schönem Riffbrett daher, Anders shoutet, die Gitarrenleads sitzen, Instrumente und Vocals ergänzen sich gegenseitig.

"Drained", "The End" und vor allem das siebenminütige "Wallflower" zeigen ganz schön, was das eigentliche Problem der Scheibe ist: Sie machen es anders, als ihre Trackkollegen. Zu oft fokussieren sich In Flames auf Anders' Vocals. Björn Gelotte passt seine Riffs den Pop-Hooks seines Sängers an, darauf bedacht, ja nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Aber siehe da: In den ersten zweieinhalb "Wallflower"-Minuten schweigt Anders, die Band besinnt sich auf ihr Gespür für guten Songaufbau und haut den besten Teil des Albums raus. In diesen Songaufbau passt dann auch hervorragend die genau zur richtigen Zeit einsetzende Strophe. Mag sein, dass Anders während des Erzählens seiner Mauerblümchenstory ein bisschen zu viel seufzt, doch das ist dann wirklich nur noch Erbsenklauberei. Davon möchte ich mehr hören.

Statt sich auf eine Abrissbirne zu hocken und unkoordiniert, mit rausgestreckter Zunge und Fjällraven-Rucksack im alten Haus herumzuschwingen, täte es In Flames vielleicht ganz gut, ihren angestrebten Stilwandel mit den Werkzeugen zu vollziehen, die sie beherrschen. Ein Song wie "Wallflower" integriert moderne Klänge, übertreibt es damit aber nicht. Gleichzeitig atmet er traditionelle Struktur und Herangehensweise, und er lässt die Instrumentalsektion zu Wort kommen. In Flames können es noch, zweifellos. Nur müssen sie das selbst noch realisieren.

Trackliste

  1. 1. Drained
  2. 2. The End
  3. 3. Like Sand
  4. 4. The Truth
  5. 5. In My Room
  6. 6. Before I Fall
  7. 7. Through My Eyes
  8. 8. Battles
  9. 9. Here Until Forever
  10. 10. Underneath My Skin
  11. 11. Wallflower
  12. 12. Save Me

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11 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    schon bissl lächerlich dass nen album das zurecht total verrissen wird, trotzdem 3 sterne bekommt während koRn aus unerfindlichen gründen auf 2 sterne reduziert werden

    Während Siren Charms noch seinen Charme (lol) hatte, ist der shit hier einfach nur noch poppiger müll

    wer in in flames reinhören will, meine anspieltipps: come clarity und clayman. ansonsten wer sehen will wie die flames sich bei koRn bedienen soundtrack to your escape

  • Vor 11 Monaten

    "clarity und clayman"? Bitch please, jeder weiß, das Jester Race und Reroute to Remain die interessantesten und somit besten In Flames-Alben sind.

    • Vor 11 Monaten

      ja die sind qualitativ alle gut, clarity wollte ich nur nennen weil ich finde dass das album das beste werk der späteren zeit ist und clayman hat halt only for the weak

      aber stimmst du mir wenigstens zu dass dieses album nie im leben 3 sterne wert ist??

      Gruß
      Jerrywise

  • Vor 11 Monaten

    Die Review klingt definitiv negativer als 3 Sterne. Ich habe schon lange nichts mehr von der Band gehört, Urteil nicht möglich, aber 3 Sterne riecht hier nach faulem Kompromiss wenn man die Review liest