laut.de-Kritik

Mucke für mitwippende Mittvierziger.

Review von

Die ersten Takte des Openers "I Don't Know Why" markieren die wohl eindrucksvollste Sequenz des kompletten neuen Albums der Indie-Superstars von Imagine Dragons. Die schießen uns nervöses, Strobo-artiges Science Fiction-Gefrickel entgegen, das sich wunderbar mit wahllos zusammengesuchten 80er-Jahre-Popkultur-Bildermatsch assoziieren lässt. Dazu jault Sänger Dan Reynolds ein wenig abwesend: "We could be strangers in the night / we could be passing in the shadows."

40 Sekunden lang bin ich voll drin und voller Vorfreude auf das, was noch kommen mag, auf dieses Album, das sicherlich den ein oder anderen Rekord brechen wird. Verkaufstechnisch, weil Imagine Dragons längst in brutalste Mainstream-Gefilde eingedrungen sind, wo sie ab ihrem Debüt ja auch hingehörten. Schließlich hatten wir es damals schon mit durchgestyltestem Indiepop zu tun.

Wie gesagt: 40 Sekunden. Dann passiert folgendes: Reynolds schaltet in die Kopfstimme, jenem unsäglichen Dämon, der uns seit Jahrzehnten verfolgt und der schon unzähligen potenziell grandiosen Popsongs die Kehle durchschnitt. "I Don't Know Why" fällt auseinander.

So richtig ist es kaum zu erklären, warum Imagine Dragons in den vergangenen Jahren zu einer der größten Bands des Planeten reiften. Wahrscheinlich gibt es immer noch diese Sehnsucht nach dem riesigen Drama in Popsongform, nach Hymnen von Stadionformat und nach dem beschwingten Mitgrölen in der Masse. All das bediente die Truppe aus Las Vegas (woher auch sonst?) im Handumdrehen und mit Querverknüpfungen zu Queen oder U2.

Darüber hinaus definiert sich die Band aber auch als transzendentes Gebilde, das sich innerhalb der digitalen Spinnennetze unserer Realität bestens fortbewegt. Imagine Dragons scheinen wie gemacht für den gegenwärtigen Mainstream, weil sich ihr Sound in alle Richtungen anpasst wie ein Chamäleon.

Reynolds und seine Mannen funktionieren zwar einerseits als euphorischer Festivalheadliner, andererseits aber auch als Pop-Ding, das sich problemlos mit ähnlich konstruierten Künstlern wie The Weeknd, Drake oder Justin Bieber vermischt. Bestes Beispiel hierfür liefert der Song "Sucker For Pain" mit Lil Wayne, Wiz Khalifa und zig weiteren Rappern, der für den "Suicide Squad"-Soundtrack entstand. Zeitgemäßer geht es nicht, Imagine Dragons sind die ultimative Indieband der 2010er Jahre. Das macht sie im Umkehrschluss halt auch ziemlich langweilig.

Die beiden "Evolve"-Vorabsingles untermauern das: "Thunder", längst zum Superhit deklariert, besitzt einen Sound, der einerseits ziemlich einzigartig, andererseits aber auch extrem austauschbar klingt: ein klassisches Paradox. Vielleicht hilft folgendes Bild: Wenn sich zum Festival plötzlich alle Mann denkbar außergewöhnlich, fresh und hippiesk kleiden (das Coachella-Syndrom), verkommt der vermeintlich einzigartige Look zur generischen Oberfläche. "Thunder" hätte problemlos auch von Lorde oder Sia stammen können. Ein merkwürdiges Gefühl macht sich breit.

Über "Believer", das bereits beim 100.000.000 Klicks-Club anklopft, lässt sich im Prinzip das Identische sagen. Hier sticht aber ins Ohr, mit welcher Perfektion diese beiden Bestseller-Vollgranaten produziert wurden. Die im Prinzip recht zurückgenommen Produktionen erklingen bis ins allerletzte Detail absolut durchgeschliffen. Es gibt keine Makel, kein Kratzen, keine Fehler. Besser gehts nicht – zumindest technisch. Nur so schafft man es in die Superbowl-Werbung für die Nintendo Switch.

Überhaupt lässt sich "Evolve" erschreckend gut wegkonsumieren. Es gibt keine offenen Stellen, über die man als Hörer stolpert, keine Umwege. Gemeinsam mit dem schwedischen Produzenten-Duo Mattmann & Robin (die sich normalerweise um die Alben von Lorde kümmern) haben Imagine Dragons hier ein verhältnismäßig reduziertes Klangbild kreiert, das einem wie Öl den Hals beziehungsweise den Hörkanal runterrutscht.

Faktisch jedes einzelne Stück hat das Potenzial zum Radiohit, diese Dichte erscheint wirklich bemerkenswert. Gerade deshalb ist "Evolve" eine der harmlosesten Veröffentlichungen des Jahres. Immer wenn auf eine Phil Collins-mäßige Turbotrommel-Sequenz ein Reynolds-Kopfstimmen-Refrain folgt (was gefühlt auf jedem einzelnen Song der Fall ist, stellvertretend seien hier die wirklich außergewöhnlich vorhersehbaren "Mouth Of The River" und "I'll Make It Up To You" genannt), stellt es mir alle Nackenhaare auf und ein gewaltiger Gähner schiebt sich an den ohnehin schon unmotiviert herumhängenden Mundwinkeln vorbei.

"Generisch" lautet das Stichwort, das sich hier an allen Ecken aufdrängt. Es tut mir leid: Imagine Dragons sind, Stand jetzt, eine schwächere, weil von hinten bis vorne durchgeplante und berechnete Version der Killers. Wo es einen bei Letzteren im Angesicht triefenden Pathos' von Zeit zu Zeit eine Guilty-Pleasure-Gänsehaut auf die Arme zeichnete, denkt man beim Hören von "Evolve" an gelangweilt mitwippende Mittvierziger an Supermarkt-Kassen. Ehrlich: "Start Over" oder "Walking The Wire" wären wohl die fast idealen Lieder, um eine solche Szene passend zu untermalen.

Schlussendlich gleicht "Evolve" in der Gesamtheit seines Ablaufs in erschreckender Art und Weise seinem Opener. Jegliche Form von guten Ideen, spannenden Ansätzen, Intros und Outros übermalt immerzu immer gleich schmeckender Mainstreamtreibsand, der sich, meist in den Refrains, in alle Ritzen schiebt und alle Kreativität und Emotionen in fadenscheiniger Epik erstickt.

Trackliste

  1. 1. I Don't Know Why
  2. 2. Whatever It Takes
  3. 3. Believer
  4. 4. Walking The Wire
  5. 5. Rise Up
  6. 6. I'll Make It Up To You
  7. 7. Yesterday
  8. 8. Mouth Of River
  9. 9. Thunder
  10. 10. Start Over
  11. 11. Dancing In The Dark
  12. 12. Levitate
  13. 13. Not Today
  14. 14. Believer (Kaskade Remix)

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8 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    "Überhaupt lässt sich "Evolve" erschreckend gut wegkonsumieren." - Ja echt mal, das geht gar nicht! Dass es dafür überhaupt noch 2 Sterne gibt.... Musik muss man interpretiere, sie muss kompliziert sein und verwirren, zum Nachdenken und Philosophieren anregen. Musik ist doch kein Konsumgut!

    • Vor 5 Monaten

      Das muss ja nicht sein. Aber ein Song sollte zumindest nach dem zweiten durchhören noch interessant sein.

    • Vor 5 Monaten

      Kein Konsumgut? In welchem Jahrzehnt, bzw. Jahrhundert bist du denn hängengeblieben?

    • Vor 5 Monaten

      Wohl dem, der Ironie versteht, Alice.

    • Vor 5 Monaten

      Also musik an sich ist in erster stelle 'kunst' und an zweiter stelle sollte das 'konsumgut' an sich stehen. Wenn man also merkt, dass es sich bei diesem album aber in erster linie nur darum geht, möglichst leicht konsumierbare kost für den durchschnitts-idioten zu produzieren, was anscheinend der fall ist, dann sind 2/5 aber sowas gerechtfärtigt. Danke fürs lesen

    • Vor 4 Monaten

      Du bist dann wohl so einer wie von siren beschrieben..... Natürlich muss man ein idiot sein wenn man auch mal an seichterer Musik gefallen hat....

      Scheiße, solche pseudo elitäres pack versteh ich einfach net, wenn mir gefällt was da dröhnt isses latte ob Nick cave oder britney spears.... Klar gibt's einige die schon aufgrund der lyrics net gehn, aber ich kann auch stupiden partypunk oder 08/15 popmucke feiern wenns mir gut rein geht....
      im richtigen Moment kann auch der kommerziellste plastikpop perfekt passen, wenn man aber so verbohrt alles gleich als scheiße abzuhandeln.... Naja, do your thing, muss man net verstehen....

    • Vor 4 Monaten

      Das sehe ich ähnlich. Menschen wegen ihres Musikgeschmacks abzuwerten (im Sinne moralischer Überhöhung), ist einfach sinnlos. Musik die künstlerisch 'interessant' ist, sich aber scheiße anhört, hat für mich im Alltag keinen Platz. Aber ich bin auch kein Musiker oder Musikexperte. Bei dieser Gruppe besteht vermutlich ein größeres Interesse an Aspekten wie Innovation und Finesse (quasi als 'Berufsinteresse').

    • Vor 4 Monaten

      stimme dir zu. Es ist doch immer das gleiche hier. Die ganzen Musikinsider kommen aus ihren Löchern und meinen, jede Band, die bekannt ist/wird, die muss schlecht sein!

  • Vor 5 Monaten

    Interessant wird es eigentlich nur wenn sich der Sänger nicht so penetrant in den Vordergrund spielt. Ich bin sowieso der Meinung, dass man bis auf wenige Ausnahmen - Pop den Frauen überlassen sollte.

    • Vor 4 Monaten

      Pop den Frauen überlassen - was soll das denn heißen? Musikgeschmack ist meiner Ansicht nach nichts, das in irgendeiner Weise vom Geschlecht abhängig sein sollte. Bei guter Musik (und dazu zählt auch guter Pop) ist es doch egal wer die hört. Nach diesem Review glaube ich aber auch weniger, dass sich eine Beschäftigung mit dem Album lohnt, denn das klingt im Text verdächtig nach Dutzendware.

    • Vor 4 Monaten

      Ich meinte damit die Musiker (vor allem Sänger) und nicht die Hörer. ;-)

  • Vor 4 Monaten

    Was soll dieser Mittvierziger-Scheiss? Nicht alle Leute die +40 sind, hören nur noch langweilige Kackmusik.